Weidel kennt rechtsradikale Zeitung nicht, der sie schon Interviews gegeben hat?

| AfD | 22. Juni 2022

Volksverpetzer ist nur durch eure Spenden für alle Menschen kostenlos.
Nur eine*r von 250 Leser*innen unterstützt uns langfristig.
Du kannst eine*r davon sein!

Jetzt Spenden

Später lesen:
11.310

Alice Weidel kennt rechtsradikale Zeitung nicht, der sie schon mehrfach Interviews gegeben hat

Alice Weidel weiß mal wieder von nichts. Schon gar nicht davon, wie rechtsextrem die Partei, die sie gerade zur neuen Vorsitzenden gewählt hat, tatsächlich ist. Überhaupt, was rechtsextrem eigentlich heißen soll. Oder davon, dass eine ihrer neuen Kolleginnen im Parteivorsitz abgründig rassistischen Müll auf Social Media verbreitet. Oder davon, dass ein Verlag, der mit einem Stand beim AfD Parteitag vertreten ist, sich positiv auf die Zeit des Nationalsozialismus bezieht und Bücher von Autor:innen verlegt, die den Holocaust leugnen. Woran selbstverständlich auch die Tatsache nichts ändert, dass Weidel einer der ausgelegten Zeitschriften mehrfach Interviews gegeben hat.

Aber der Reihe nach. Man würde meinen, als Fraktions- und nun auch Parteivorsitzende müsste Alice Weidel wissen, was in ihrer Partei so vor sich geht und eindeutig rechtsextreme, rassistische und antidemokratische Positionen unterbinden. Doch Weidel ist gut darin, Unschuld und Nichtwissen zu schauspielern. Wenn Journalist:innen sie auf rassistische und rechtsextreme Äußerungen ihrer Parteikolleg:innen aufmerksam machen, ist sie in der Regel sehr überrascht. So zum Beispiel, nachdem Journalist:innen die Protokolle von Telegram-Gruppen von AfD-Fraktionsmitgliedern veröffentlicht hatten. Zwar haben die Inhalte, die durch diesen Leak ans Licht kamen, außer Weidel wohl niemanden verwundert – sie dafür aber umso mehr. Hätte sie davon Kenntnis gehabt, sie wäre dagegen vorgegangen, erklärte sie damals (mehr dazu).

AfD-Parteitag oder Höcke-Festspiele?

Ähnlich verhält es sich auch mit Äußerungen von einer Vorstandskollegin und einem auf dem Parteitag vertretenen Buchverlag. Der AfD-Parteitag, der am Wochenende stattfand, kann wieder einmal als Sieg der Noch-mehr-Rechtsaußen Fraktion um den Faschisten Björn Höcke betrachtet werden. Gemäßigte(re) Stimmen schaffen es nicht in den Vorstand, das Spitzenduos aus Tino Chrupalla und Alice Weidel wird als Vorsitz „von Höckes Gnaden“ bezeichnet. Wie stark der Einfluss Höckes ist, zeigt sich am Ringen um den rechtsradikalen Verein Zentrum Automobil. Der Verein inszeniert sich als Opposition zu den Gewerkschaften im Automobil- und Gesundheitssektor. Er pflegt enge Kontakte zur NPD, in die radikale Rechte und die Neue Rechte (hier gibt es einen ausführlichen Thread zum Zentrum Automobile von Andreas Kemper und Gegen die AfD)

Als Landesvorsitzende in Baden-Württemberg hatte sich Weidel dafür eingesetzt, den Verein auf die sogenannte Unvereinbarkeitsliste zu setzen. Das hätte bedeutet, dass Mitglieder des Vereins nicht zugleich Mitglieder der AfD sein könne. Höcke war dagegen – und gewann die Abstimmung beim Parteitag. In einer faschistoid anmutenden Rede erklärte er: „Deswegen bestimmen wir qua unserer eigenen Kraft, unseres eigenen Selbstbewusstseins, unseres eigenen Willens, wer Extremist ist und von wem wir uns abgrenzen.“ Die sprachliche Figur, bei der eine moralische Einschätzung, also ob etwas gut oder schlecht ist, als begründbar allein durch eine Setzung durch die eigene Kraft und nach den eigenen Maßstäben verstanden wird, kann typisch für faschistische Sprache gesehen werden.

Interview der Sprach- und Ahnungslosigkeit

Im Interview mit der ARD hatte die Parteivorsitzende Weidel dieser Sprache nichts entgegenzusetzen. Und überhaupt, sie weiß von nix. Die Frage, ob es in der Partei ein Problem mit Rechtsextremisten gebe, verneint sie. Böse Zungen interpretieren das so, dass die Partei kein Problem damit habe, weil sie den Rechtsextremismus schließlich genau so wolle. Als Weidel auf den Stand eines Verlags beim Parteitag angesprochen wird, der Bücher von Holocaustleugner:innen verlegt und sich positiv auf den Nationalsozialismus bezieht (unter anderem wird ein Kalender von Männern der Waffen-SS „unter Hervorhebung ihrer Waffentaten“ verkauft).

Und versucht sie sich damit aus der Affäre zu ziehen, dass sie davon nichts mitbekommen habe. Sie erweckt dabei den Anschein, eine zur kostenlosen Mitnahme ausgelegte Zeitschrift des Verlags nicht zu kennen („Was haben wir mit dieser Zeitung zu tun? Das verstehe ich jetzt nicht“, „das muss ich mir genauer angucken“ oder „Sie konfrontieren mich hier mit Dingen, die hier irgendjemand austeilt“).

Tatsächlich hat Weidel der Zeitschrift seit 2017 mehrfach Interviews gegeben, zuletzt im Februar 2022 (wie Andreas Kemper zuerst recherchiert hat):

Screenshot des Archivs der Zeitschrift, Suche: Alice Weidel Interview

der ehemalige Chefredakteur war übrigens mal AfD-Mitarbeiter in Weidels Team

Und auch nach persönlichen Verknüpfungen muss man nicht lange suchen. Weidels Pressesprecher Markus Frohnmaier beschäftigte zwischenzeitlich den Chefredakteur ebenjenen Magazins, Manuel Ochsenreiter, als Bundestags-Mitarbeiter (bevor Ochsenreiter einen pro-russischen Brandanschlag in der Ukraine in Auftrag gegeben, nach dem Öffentlichwerden außer Landes geflohen und nun in Russland oder den russisch kontrollierten Gebieten in der Ukraine gestorben sein soll. Aber das ist eine andere Geschichte, hier und hier nachzulesen. Ochsenreiter ist/war Teil radikaler pro-russischer Netzwerke und Mitstreiter des faschistischen Ideologen Alexander Dugin, über den wir hier schon einmal ausführlich berichtet haben).

Ähnlich nichtsahnend wie zu der Zeitschrift äußert sie Weidel auch, als sie in dem Interview auf zutiefst rassistische Social Media Posts ihrer gerade ebenfalls in den Vorstand gewählten Kollegin Christina Baum angesprochen wird. Man würde meinen, Alice Weidel weiß sehr wohl, wie rechtsextrem ihre Partei ist, will sich aber lieber mit gespieltem Unwissen und Tatenlosigkeit aus der Affäre ziehen, statt Grenzen aufzuzeigen. Denn damit könnte man ja schließlich rechtsextremistische Wähler:innengruppen vertreiben. Angesichts ihrer Abhängigkeit von Höckes Gnaden tut sie wohl nicht schlecht daran, nicht zu gemäßigt aufzutreten und das Höckelager nicht zu sehr zu provozieren. Entsprechend undurchsichtig bleibt sie auch, als sie gefragt wird, was denn ihrer Meinung nach rechtsextrem sei: „Das kann ich ihnen nicht beantworten, was rechtsextrem ist“.

Zum Interview in voller Länge:

Sorry, Alice!

Tja, was bleibt da zu sagen? An dieser Stelle müssen wir nun wirklich auch mal selbstkritisch sein. Wie können wir von jemandem, der nicht weiß, was rechtsextrem ist, erwarten, Rassismus, Antisemitismus, Holocaustleugnung, Geschichtsrevisionismus, Homophobie und faschistische Sprache zu erkennen und in der Partei, deren Vorsitzende man ist, unter Kontrolle zu bekommen? Also das wäre doch nun wirklich zu viel verlangt! Sorry Alice, wir müssen uns entschuldigen. Du hast offenbar wirklich von nichts eine Ahnung. Aber das dürfte letztlich dann irgendwie doch zu deiner Partei passen!

Spendiere uns doch einen Kaffee für unsere gemeinnützige Arbeit:
Unterstütze uns auf Paypal Unsere Autor:innen nutzen die Corona-Warn App des RKI.