Olaf Scholz vs Omicron: “Das hat niemand kommen sehen” wird nicht helfen

| Aktuelles | 20. Dezember 2021

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Olaf Scholz vs Omicron: Wird das sein Ende?

Spoiler: “Das hat niemand kommen sehen” wird nicht helfen

Noch wissen wir bei weitem nicht alles über die neue Corona-Variante Omicron. Glücklicherweise scheinen die Verläufe bei Personen mit 2G (Geimpft, Genesen) nicht schwer, die T-Zellen Antwort scheint weiterhin ziemlich stark (Quelle). Leider fällt der Infektionsschutz bei schon seit längerem doppelt Geimpften praktisch komplett aus (Quelle), selbst bei dreifach Geimpften ist ein etwas verminderter Übertragungsschutz vorhanden (Quelle). Da wir aktuell Delta nur mit Mühe kontrollieren, dürfte sich Omicron bei uns extrem schnell ausbreiten und in Kürze massiv Einfluss auf die Fallzahlen nehmen. Wie es aktuell in London passiert:

In UK sind übrigens schon mehr Menschen geboostert als hierzulande.

Selbst bei doppelt Geimpften kann man Symptome von Fieber ja nicht als “mild” bezeichnen. Dadurch wird es auch ein Problem für kritische Infrastruktur und Versorgung des Landes, würden Millionen doppelt Geimpfte erkranken:

Der Expertenrat der Bundesregierung empfiehlt bereits zeitnahe Kontaktbeschränkungen – für alle (Quelle).

Wir wissen bereits mehr als genug, um zu handeln

Die größte Sorge sind weiterhin die immunologisch naiven Ungeimpften. Davon gibt es im Gegensatz zu England oder Südafrika (Quelle) in Deutschland noch eine ganze Menge. Aktuell dürfte Deutschland dank der Impfgegner:innen mit die Älteste immunologisch naive Bevölkerung der Welt haben. Und je älter die Bevölkerung, desto mehr Menschen sterben oder benötigen ein Intensivbett. Die Durchseuchung unserer ungeimpften Bevölkerung würde (mit Delta) noch über 100.000 Todesopfer fordern und mehrere hunderttausend Krankenhauseinweisungen (Quelle). Selbst ein Bruchteil davon würde unser Gesundheitssystem überlasten. Die Frage ist also vor allem, über welchen Zeitraum diese Menschen sich anstecken. Verhindern ließe sich das nur über eine Impfpflicht.

Impfpflicht bedeutet die größte Freiheit – auch für Impfverweigerer

Wir wissen noch nicht genau, wie gefährlich Omicron für Ungeimpfte oder Un-Genesene sein wird, da es in den besonders betroffenen Ländern kaum noch welche davon gibt. Expert:innen aus England sind skeptisch, ob Omicron milder ist (Quelle). Aber selbst wenn es milder wäre: Es müsste extrem viel milder sein, um den extremen Zuwachs an Fallzahlen auszugleichen (Quelle).

Kleines Rechenbeispiel: Gehen wir davon aus, dass Omicron nur halb so schwer ist wie Delta aktuell (das ist es vermutlich nicht). Omicron verdoppelt sich in vielen Ländern alle 2-3 Tage. Durch diese enorme Geschwindigkeit kämen dann nach 2-3 Tagen trotzdem so viele Menschen ins Krankenhaus wie bei Delta. Und 2-3 Tage später dann doppelt so viele. Eine Woche später viermal bis achtmal so viele. Und zwei Wochen später …

Selbst wenn wir das alles nicht wüssten: Man kann das man mittlerweile mantraartig wiederholen: “Have no regrets (…) If you need to be right before you move, you will never win.”

Wir müssen dem Virus einen Schritt voraus sein, oder wir werden nie gewinnen.

Warum halten manche Menschen Omicron für harmloser?

Ein (falscher) Grund ist paradoxerweise die enorme Geschwindigkeit von Omicron: Das Virus ist viel schneller als Delta. Krankenhauseinweisungen kommen aber grundsätzlich immer mehrere Tage verzögert. Teilt man die aktuellen Hospitalisierungen durch die aktuellen Fälle macht man einen schweren Fehler. Denn man vergleicht die Hospitalisierungen, die von den Fallzahlen vor einer Woche ausgelöst wurden mit den heutigen Fallzahlen, die – wie gesagt – um ein Vielfaches höher liegen. Man muss die Fälle zu den Hospitalisierungen matchen können und dazu gibt es noch nicht genug Daten. Die vorläufigen Daten, die es gibt aus Großbritannien, zeigen hingegen keinen signifikanten Unterschied in Hospitalisierungsrisiko (Quelle). Das Sterberisiko ist weiter unklar.

Ein weiterer schwerer Fehler ist es, die aktuelle Omicron Welle zum Beispiel mit der Delta-Welle in Südafrika zu vergleichen. Diese letzte Welle dort sorgte ja erst für die Immunität, die jetzt viele Menschen vor Omicron schützt. Anders gesagt: Damals waren noch nicht so viele Menschen immun wie jetzt. Das sagt also wenig darüber aus, wie schwer Omicron im Vergleich zu Delta bei Ungeimpften ist. Das werden wir erst sehen, wenn sich bei uns viele Menschen anstecken, da wir eines der wenigen Länder mit so vielen immunologisch naiven älteren Menschen sind.

Es ist damit nicht ausgeschlossen, dass Omicron für eine Einzelperson harmloser ist. Beispielsweise repliziert es offenbar schlechter in Lungengewebe, was zu leichteren Verläufen führen könnte (Quelle). Andererseits werden die schweren Verläufe ja von einer Überreaktion des Immunsystems ausgelöst, die trotzdem vorliegen könnte. Das ist beides weiterhin im Rahmen des Möglichen. Es ist nur so, dass die aktuell vorliegenden Daten einen enormen Bias aufweisen, den man kennen muss. Und: Omicron ist unter keinen Umständen so harmlos, dass es die verstärkte Übertragbarkeit ausgleichen könnte.

Nochmal: Selbst wenn es harmloser wäre – es ist viel schlimmer, dass wir die Ausbreitung nicht mehr kontrollieren können. Dadurch, dass es so ansteckend ist, und auch durch Geimpfte verbreitet werden kann, steigt die Zahl der Fälle und die Krankheitslast so enorm schnell an, dass es die Krankenhäuser ohne Gegenhalten zweifelsohne überlasten wird. Die kritische Infrastruktur in Deutschland ist nicht daraus ausgelegt, dass sich hohe Prozentsätze ihrer Mitarbeiter:innen gleichzeitig krankmelden müssen.

Wir müssen Zeit überbrücken

Neue Medikamente gegen Covid helfen auch gegen Omicron: zum Beispiel das Pfizer Medikament Paxlovid. Es wird aber noch etwas dauern, bis das Medikament in ausreichender Zahl zur Verfügung steht. Genau wie monoklonale Antikörper wirkt das Medikament dann besonders gut, wenn es früh im Verlauf gegeben wird. Hier muss wirklich daran gearbeitet werden, dass mehr Menschen diese Medikamente dann auch frühzeitig bekommen.

Außerdem arbeiten die großen Impf-Hersteller bereits an angepassten Impfstoffen, die im März verfügbar sein dürften. Damit könnte man dann die Omikron Welle endgültig brechen.

Die Zeit bis dahin müssen wir aber überbrücken. Das Problem: Die Kliniken sind bereits voll. In Südafrika ist die Omikron Welle bei den Hospitalisierungen jetzt wieder ähnlich hoch, wie bei der “Beta”-Welle (wenn auch weniger Patient:innen Beatmung benötigen). Einen solchen Anstieg können wir uns hier nicht leisten, da es noch Wochen dauern wird, bis die aktuelle Welle in den Krankenhäusern abklingt.

Weihnachtsruhe

Kanzler Scholz hätte dann viele Mechanismen, um Omicron in der Zwischenzeit einzudämmen. Der Bundestag ist aktuell schon in Weihnachtsruhe, und müsste in einer Sondersitzung zurückberufen werden:

Am besten wäre wohl eine gesellschaftliche Weihnachtsruhe auch für Geimpfte geeignet. Über die Weihnachtsferien sind sowieso Kinder nicht in der Schule und viele Arbeitnehmer:innen im Urlaub. Man kann also verschiedene Synergieeffekte noch verstärken. Außerdem sind die Kosten geringer, wenn sowieso alle daheim sind. Diese Gelegenheit gibt es später erstmal nicht mehr.

Ministerpräsident Weil (auch SPD) will eine solche Weihnachtsruhe in seinem Bundesland Niedersachsen (Quelle). Aber auch der Ministerpräsident von NRW, Wüst (CDU), kritisiert die Beschlüsse der letzten MPK als unzureichend.

Besonders wichtig wären Kontaktbeschränkungen, sodass maximal kleine Gruppen von Menschen sich treffen. Das ist die wirksamste Methode, die wir kennen.

Es gäbe also durchaus in Regierung und Opposition Unterstützung für Maßnahmen, die Omikron eindämmen würden. Eine weitere wichtige Maßnahme wäre die Ausweitung der Testkapazität. PCR-Tests werden auch für zweifach Geimpfte wieder enorm wichtig, da sie sich genauso mit Omicron anstecken können wie Ungeimpfte – auch wenn sie nicht schwer erkranken.

Uns können mit Omicron so hohe tägliche Infektionszahlen erwarten, dass wir bei unserer aktuellen Testkapazität in kürzester Zeit den Überblick über das Infektionsgeschehen völlig verlieren würden (Quelle). Wir brauchen also deutlich mehr Tests.

Die Booster Impfungen können ebenfalls noch beschleunigt werden. Zwar gibt es aktuell eine hohe Impf-Geschwindigkeit, aber um wirklich so schnell wie möglich auf eine hohe Durchimpfungsrate zu kommen, müsste die Karenzzeit zwischen Zweit und Drittimpfung am besten auf maximal 4 Monate sinken. Wie hier in Berlin:

Hat Scholz das Zeug zum Corona-Kanzler?

Die Antwort auf diese Frage wird es schon in wenigen Wochen geben. Er hat alle Informationen, um sich eine Meinung zu bilden. Die Kliniken sind bereits so voll, dass es bei Nicht-Eindämmung von Omicron in kürzester Zeit zur Triage kommen würde. Kein Kanzler könnte lange durchhalten, wenn Triage der erste Eindruck wäre, den er im Amt hinterlässt.

Auf der anderen Seite könnte er sich jetzt in kürzester Zeit einen Ruf als Krisenmanager erarbeiten, für den andere erst Jahre im Amt sein müssen. Chancen gibt es also auch.

Bisher konnte er sich rausreden mit Hinweisen auf die gerade erst erfolgte Regierungsübernahme, oder die Bedürfnisse des Koalitionspartners nach rein symbolischen und von vornherein zum Scheitern verurteilten Versprechen wie: “keine Lockdowns”.

Die Schonfrist war kurz, aber sie ist abgelaufen. Jetzt sind Taten gefragt.

Artikelbild: shutterstock.com

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