Sorry, Kevin! Doch der SPD kann ich derzeit leider nicht meine Stimme geben

Kolumne Schwer verpetzt

image_print

Eine entschuldigung an kevin kühnert

Ich habe lange überlegt, ob ich diesen Artikel, ja, offenen Brief, überhaupt schreiben soll. Denn zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust. Denn auf der einen Seite habe ich für großartige Politiker*innen wie dich, aber auch wie Tiemo Wölken viel Lob übrig. Ich habe dir auf der Anti-AfD-Demo in Augsburg letztes Jahr gesagt, dass du meine letzte Hoffnung für die SPD bist. Ich mag das meiste dessen, was du sagst. Und nicht, wenn sich Teile der Presse aufmachen, dich zu dämonisieren, indem sie dir deine Worte im Mund herumdrehen.

Faktencheck: Nein, Kühnert hat nichts „gefordert“, auch keine „Verstaatlichung“ von BMW

Mit dem, was die SPD sagt, ist sie mir auch sehr sympathisch. Wahlprogramme, Gesetzesentwürfe, Statements: Das finde ich alles super. Wenn Rezo medienwirksam die derzeitige Bundesregierung kritisiert und die CDU das zuerst als „Fake News“ abtut und später mit Dialogangeboten einknickt, dann kann sich Tiemo Wölken souverän hinstellen und die Kritik ernst nehmen. Chapeau.

So geht das, CDU! So fair reagiert die SPD auf das Rezo-Video



Souveräne reaktionen auf kritik

Auch für eure neue Reaktion auf das nächste Video von Rezo (Hier), in welchem er dazu aufruft, weder euch noch die Union und AfD bei der Europawahl zu wählen, möchte ich euch loben. Ihr sagt, ihr hört die Kritik und ihr wollt etwas dagegen machen. Und ich glaube euch das auch.

Doch jetzt kommt das lang erwartete Aber. Aber wenn ich mein Kreuz bei der SPD mache, wähle ich leider nicht dich, Kevin. Ja klar, ich wähle Tiemo. Aber auch der sitzt derzeit nicht in der Bundesregierung. Ihr seid eine Stimme für Gerechtigkeit und Klima, aber wenn man sich das Abstimmungsverhalten in Europa und insbesondere die Bundesregierung ansieht machen andere Parteien nunmal eine bessere Figur.

Ihr erklärt, dass die Widerstände von der Union kommen. Und das weiß ich. Besser als die Union zu sein ist da auch echt nicht schwer. Doch was bringt es mir, die SPD zu wählen, wenn sie sich sowieso nicht gegen die Union durchsetzen kann? Die SPD ist derzeit an der Regierung. Seit 2013 schon. Große Worte und Versprechen bringen mir gar nichts, wenn sie nicht eingehalten werden. Die SPD war angeblich gegen die EU-Urheberrechtsreform, Katharina Barley hat aber letzten Endes dafür gestimmt. Gegen den eigenen Koalitionsvertag. Die SPD möchte mehr für das Klima machen, doch wir haben bisher alle unsere Klimaziele verfehlt.

Ihr argumentiert, dass ihr mit einer starken SPD über EU-Regeln die Bundesregierung zwingen könnt, sich an ihre Klimaziele zu halten. Aber dafür kann ich auch genauso gut auch eine andere Partei ins Europaparlament wählen, die zuverlässiger für das Klima abstimmt als ihr. Und wozu ist die SPD dann in der Bundesregierung? Entweder sie will nicht wirklich etwas ändern, oder sie kann es nicht. In beiden Fällen ist meine Stimme verschwendet.

Es ist nicht deine schuld!

Das ist nicht deine Schuld Kevin, ich weiß. Aber deine Parteispitze macht eine andere Politik als du sie möchtest. Und ich weiß, dass du das von innen heraus zu ändern versuchst. Aber ich denke, ich helfe dir dabei besser, indem ich die SPD nicht wähle. Tiemo hat in seinem Video gesagt, er hat gegen die Groko gestimmt, du hast als JuSo-Chef massiv dagegen Kampagne gemacht, ich weiß. Aber die SPD in ihrer jetzigen Aufstellung in dieser Bundesregierung macht einfach viel zu wenig.

Und für Ansprüche, die sie immer und immer wieder nicht erfüllt kann und darf ich sie nicht mit meiner Stimme „belohnen“. Ich kann die SPD jetzt nicht wählen, weil du in 20 Jahren vielleicht Parteichef werden könntest. Dann wähle ich die SPD, wenn es soweit ist. Wenn ich die SPD jetzt wähle, ist das ein Signal an deine Parteiführung, dass sie weiter so machen kann. Dann halte ich diejenigen länger an der Macht, die den sozialeren und umweltfreundlicheren Kurs, den du führen willst, verhindern.

Natürlich brauchen wir die SPD in einer sozialen, umweltfreundlichen Koalition. Ich sehe die SPD immer noch als Verbündete und ich bin ein großer Fan von dir persönlich. Aber wenn ich zum Beispiel eine Grün-Rot-Rote Koalition möchte, dann kann ich es derzeit fast nicht mal riskieren, der SPD meiner Stimme zu geben, auf die Gefahr hin, dass sie dann doch wieder zu ihrer alten Liebe, der Union, zurückkehrt und ihre ganzen Ansprüche zum großen Teil nicht umsetzen kann.

Wenn man nur die Jusos wählen könnte…

Diese SPD hat mich viel zu oft enttäuscht und zeigt sich unfähig (oder unwillig) das umzusetzen, was ich und auch du möchten. Wenn ich nur dir meine Stimme geben könnte, würde ich das machen. Und ich weiß, du würdest sagen: Komm doch in die SPD und mach genau das! Aber der Ansatz funktioniert halt nicht für alle und auch nicht für mich. Ich möchte auch nicht erst in eine Partei eintreten und mich einsetzen, sie zu verändern, damit sie erst für mich wählbar wird. Also mache ich das einzig logische: Ich wähle eine andere Partei.

Ich habe mit diesem Text gerungen, weil ich diese Aussage ungern treffe. Weil ich deine Anstrengungen echt nicht schlecht reden möchte. Bevor jemand AfD oder CDU wählt, soll er auf jeden Fall seine Stimme der SPD geben, keine Frage. Aber andere Parteien haben die gleichen oder teilweise sogar bessere Ansprüche. Und selbst wenn diese in einer Regierung (mit der Union) genau so ineffektiv sein würden wie eure Parteispitze – Ich muss ein Signal setzen. Und damit ist die SPD derzeit leider für mich unwählbar.

Ich wünschte, die JuSos würden separat zur Wahl antreten, damit ich euer Engagement auch belohnen kann. Ich will dich unterstützen, damit du ein echtes #SPDErneuern umsetzen kannst. Vielleicht möchtest du auch mal mit uns ein Interview führen? Ich fände das klasse. Ich hoffe, du kannst mir verzeihen, dass ich das so sagen musste. Aber diese SPD kann ich derzeit leider nicht wählen.

Artikelbild: Screenshot youtube.com

Da du diesen Artikel zu Ende gelesen hast: Möchtest du mehr Recherchen und Analysen zu den Hintergründen von politischen Mythen und Fake News? Oder auch Kommentare zu politischen Forderungen und aktuellen Ereignissen? Dann unterstütze unsere Arbeit mit einer kleinen Spende für einen Kaffee, dazu kannst du einfach hier entlangschauen. Vielleicht hast du auch Fragen oder Artikelwünsche? Dann schreib uns auf redaktion@volksverpetzer oder auf Facebook oder Twitter

Kommentare sind geschlossen, abertrackbacks und Pingbacks sind offen.