Faktencheck: Das Märchen von der Superspreaderin aus Garmisch-Partenkirchen

| Aktuelles | 19. September 2020

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Das Märchen von der Superspreaderin aus Garmisch

Letztes Wochenende überschlugen sich die Schlagzeilen der seriösen und der weniger seriös arbeitenden Presse. Eine „Superspreaderin“ soll mindestens 33 Menschen (alternativ: „mindestens 22 Amerikaner“) in Garmisch-Partenkirchen bei einer “Partytour” angesteckt haben. Doch eigentlich ist die Realität ein paar Tage danach ganz anders: Letztlich ist keine einzige Infektion definitiv nachweisbar auf sie zurückzuführen, eine “Kneipentour” gab es auch nicht und ob ihr eine Quarantäne nur empfohlen wurde, statt verordnet ist auch unklar. Doch der Reihe nach:

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„So legte eine infizierte Amerikanerin (26) ganz Garmisch-Partenkirchen (Bayern) lahm!

„Ich bin verärgert über die junge Frau. Sie hat sich trotz Symptomen und Quarantäne ins Nachtleben gestürzt“, so Landrat Anton Speer (62) zu BILD. „Sie hat mindestens 22 Amerikaner angesteckt. …“

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Was war passiert?

Konzentrieren wir uns auf reine Fakten sind dies nicht viele: Eine zivile Beschäftige der US-Streitkräfte (US-Amerikanerin, 26 Jahre alt) war in Griechenland im Urlaub und kam danach nach Garmisch-Partenkirchen an ihren Arbeitsplatz zurück.

Nicht nur an ihrem Arbeitsplatz, einem Urlaubsresort für Angehörige der US-Streitkräfte, stiegen letzte Woche die Covid 19-Neuansteckungen massiv an. Im Urlaubsresort waren es alleine mindestens 24 positive Tests. Am 07.09. machte die angebliche “Superspreaderin” einen Corona-Test, ging dann am 08.09. in ein Restaurant und das vermeintliche Nachtleben, bevor sie am 09.09. das positive Ergebnis bekam (Quelle).

Was parallel und danach geschah

Im Landkreis Garmisch-Partenkirchen wurde durch Neuinfektionen nun der Grenzwert von 50 Corona-Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner binnen sieben Tagen überschritten, wie das Landratsamt mitteilte. Dies löst automatisch weitere Anti-Corona-Maßnahmen aus. Nun ging der Landrat der Region (Anton Speer) mit seinem Pressesprecher des Landratsamtes (Stephan Scharf) in die Offensive.

Schnell wurde die positiv Getestete von den lokalen Behörden als Schuldige ausgemacht und als Superspreaderin betitelt. „Informationen“ über eine ausschweifende Partynacht und mindestens 22 Ansteckungen durch die „Superspreaderin“ werden per Interview gestreut (Quelle).

Diskussionen über das Strafmaß für die „Potentielle Killerin“ werden daraufhin durch die Bild und den Express in verschiedener Detailtiefe weitergesponnen (Quelle). Auch der bayerische Innenminister Herrmann mischte sich, wie Ministerpräsident Söder auch, nun öffentlich in die Debatte ein, forderte harte Strafen für die “Superspreaderin” und ließ Ermittlungen verlauten (Quelle).

Nur 3 positive Ergebnisse

Landrat Speer appellierte an alle Bürger, die in den letzten Tagen „im Nachtleben“ der Marktgemeinde unterwegs waren, sich beim Gesundheitsamt in Garmisch-Partenkirchen zu melden und sich freiwillig und kostenlos testen zu lassen. Am vergangenen Wochenende kamen dieser Bitte prompt über 1000 Bürgerinnen und Bürger nach (Quelle). Glücklicherweise gab es allerdings nur noch 3 weitere positive Ergebnisse.

Positive Ergebnisse, die alle aus heutiger Sicht nur theoretisch mit der „Superspreaderin“ in Verbindung zu bringen sind. Es ist völlig unklar, wer hier wen angesteckt hat. Es ist also weder klar, ob durch die „Superspreaderin“ weitere Menschen angesteckt wurden, geschweige denn, ob sie eventuell selbst nur ein Ansteckungsopfer ist.

Nach aktueller Informationslage ist längt unsicher, ob ihr nach dem Test eine Quarantäne auferlegt wurde oder nur ein guter Ratschlag erteilt wurde, zuhause zu bleiben. Juristisch würde dies eine Rolle spielen, falls hier doch noch Ansteckungen direkt zugeordnet werden sollten. Juristisch relevant dürfte auch sein, dass es hier keine „Kneipentour“ gab, sondern einen Restaurantbesuch vor dem Test und einen danach.

Reine Clubs und Bars sind aktuell in der Region gar nicht geöffnet, sodass auch diese „Information“ mindestens missinterpretiert wurde (Quelle).

Die falsch zur “Superspreaderin” erklärte wurde aber von “BILD” natürlich identifizierbar bereits an den Pranger gestellt

Eins ist jedoch klar, die „Superspreaderin“ wird in Garmisch-Partenkirchen durch die Liste der Vorverurteilungen und ihren gekürzten Namen, den die “Bild” wieder einmal als Speerspitze des Boulevards für dringend berichtenswert hielt, in nächster Zeit kein leichtes Leben mehr haben.

Wir kennen das Thema aus der Historie, auch aus der sehr jungen Historie: Journalistischer Kodex, Ethik und Moral sind im Hause Springer kein Hindernis, wenn die Schlagzeile nur heiß genug trendet. Zum Thema hatten wir uns ja im anderen Kontext noch einmal ausführlich geäußert.

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Was wir alle daraus lernen müssen

Hier wurde ein Riesenkandal konstruiert, der eventuell viele Nummern kleiner ist. Skandalös ist jedoch definitiv die Informationskette, die eher etwas mit Stille Post 2.0 zu tun hat, denn Journalismus. Eine junge Frau wird durch den lokalen Landrat aufgrund lückenhafter Informationen vorschnell an den Pranger gestellt, regionale Politik und der Boulevard nehmen dies gerne so auf und die Geschichte verselbstständigt sich.

Von moralischer Verantwortung der Medien habe ich eben gesprochen, wir alle sollten hier noch besser aufpassen, welche Informationen wir aufsaugen und wie wir Informationen zukünftig aufnehmen und verarbeiten. Ich wünsche allen Erkrankten gute Besserung, allen anderen einen Lerneffekt. Bitte nehmt Corona immer ernst, wir sind noch nicht über den Berg.

Artikelbild: pixabay.com, CC0 / Screenshots

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