Fakes über Stuttgart: AfDler verbreiten Bilder von Polizisten aus Australien!

| Analyse | 23. Juni 2020

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Fakes zu Stuttgart

Nach den Randalen in Stuttgart ist bisher klar: Es war keine politisch motivierte Krawalle, wie der Innenminister in Stuttgart erklärt. Die Angreifer*innen stammen aus der sogenannten Party- und Eventszene mit mehreren Hundert jungen Menschen, sagt der Stuttgarter Polizeipräsident Frank Lutz. Die überwiegend jungen, männlichen und alkoholisierten Partygänger*innen betrinken sich seit Wochen öffentlich, inszenieren sich für Social Media und beleidigen auch aggressiv Beamt*innen.

Eine Drogenkontrolle bei einem 17-jährigen Deutschen war der Auslöser für die jetzige Eskalation. Dass wegen Corona viele Etablissements geschlossen sind und die Feierenden angespannt, sei ein Grund. Ein anderer sei toxische Männlichkeit, Geltungsbewusstsein vor der Gruppe und in Social Media – und natürlich Alkohol. Unter den 24 Personen, die verhaftet wurden, waren genau 12 Deutsche. Ein Sozialpsychologe sieht in der Drogenkontrolle einen Auslöser für den psychologischen Mechanismus, die die Polizei in jener Nacht als Feind ausmachte (mehr dazu).

Rechtsextreme teilen jetzt Fake-Bilder zu Stuttgart

Warum teilen Rechtsextreme in Gruppen wie “Freunde und Verbündete der AfD” und anderen, aber auch einige AfD-Politiker, Bilder von verletzten Polizeibeamt*innen aus Australien, die bis zu 14 Jahre alt sind? Weil es für diese Menschen die Realität keine Rolle spielt, wie man jeden Tag sehen kann. Weil sie einfach nur wirkungsvolle Bilder brauchen, die ihr rassistisches und totalitäres Weltbild bestätigt. Sie denken, sie haben ohnehin Recht. Was spielt es da für eine Rolle, dass die Bilder, die sie empört teilen, um ihren Standpunkt zu untermauern, Fake sind?

Wie die Recherchegruppe DieInsider dokumentiert, teilen AfD-Anhänger*innen massiv dieses Fake-Bild, das verletzte Polizist*innen zeigt. Es wird behauptet, das seien die verletzten Beamt*innen nach den Vorfällen in Stuttgart. Ziel ist es, durch das Skandalisieren und Übertreiben der Vorfälle, zusammen mit rassistischen Vorurteilen, die Bilder zu produzieren, die ihnen von Hetzer*innen seit Jahren versprochen wird. Und das, obwohl Deutschland zum dritten Jahr in Folge (!) so sicher ist wie seit der Wiedervereinigung nicht (Quelle). Und auch die Gewaltkriminalität gegen die Polizei ist zurückgegangen (mehr dazu).

Patrioten, die australische Polizist*innen teilen?

Was sind das für Patrioten, die nicht einmal deutsche Polizeibeamt*innen erkennen können? Alle vier Personen sind Australier*innen. Das Foto oben links ist aus dem Jahr 2012 (Quelle), oben rechts 2019 (Quelle), unten rechts 2009 (Quelle) und links unten 2006 (Quelle). Diese Bilder werden massiv in den rechtsextremen Gruppen geteilt, wie DieInsider zeigen. Denn die Wahrheit spielt dort keine Rolle, solange sie sich nur “wahr” anfühlt.

Ein Polizist war nach #Stuttgart dienstunfähig.Das hier auf den Bildern sind vier! Und es sind nicht mal deutsche…

Gepostet von DieInsider am Dienstag, 23. Juni 2020

Dort sieht man auch bereits, wie Personen geantwortet wird, die feststellen, dass das keine deutschen Polizist*innen sind: Es ist den Rechtsextremen herzlich egal. “Unsere Bullen liegen genau so da ! Es reichen doch die Bilder !” [sic], schreibt einer. Und hier ist das zentrale Problem mit diesen rechten Fake News: Es ist ihnen egal, dass sie Fakes teilen, weil sie vorher bereits überzeugt sind, dass sie die Realität zeigen – weil sie ständig mit anderen Fake News gefüttert werden, die ihr Weltbild bestätigen. Es ist ein Teufelskreis aus Lügen, der nötig ist, um diese Weltanschauung aufrecht zu erhalten.

Denn, nein, “unsere Bullen” liegen nicht “genau so da”. Es stimmt zwar, bei den Krawallen wurden 19 Polizist*innen verletzt, allerdings nur einer davon “dienstunfähig” (Quelle). Und diese Verletzung soll nur eine leichte an der Hand sein (Quelle). Schwerer verletzt wurde hingegen ein Student, der am Kopf getreten wurde. Die Polizei ermittelt wegen versuchten Totschlags (Quelle). Diese Fake-Bilder dienen also gezielt nur dazu, aus den unpolitischen Randalen einen “Bürgerkrieg” zu machen, so zu tun, als würde man die Polizei unterstützen (und applaudiert versehentlich Australier*innen) und eine Rechtfertigung für die rassistische und überzogene Rhetorik der AfD zu liefern.

Der Kampf der Bilder & Meinungshoheit

Wie wir schon hier beschrieben haben, braucht die rechtsextreme Szene (und auch Teile der CSU und CDU, die dazu rassistische Zusammenhänge spinnen, mehr dazu) nach den inneren Streitereien, nach ihrem Totalversagen während der Pandemie und den immer größeren Stimmenverlusten wieder eine Rückkehr zu Instrumentalisierung und Skandalisierung von derartigen Vorfällen. Doch wie die Polizei selbst feststellt, war dafür eine alkoholisierte und männliche Partyszene verantwortlich. Nicht die typischen Feindbilder der Rassisten.

Unabhängig von der Realität wollen diese jedoch die Randalen völlig übertreiben, um darüber hinwegzutäuschen, dass Deutschland so sicher ist wie nie. Und natürlich, wie immer, um “Ausländern” die Schuld zu geben. Da sie weder die Fakten, noch wirkmächtige Bilder haben, müssen sie anscheinend welche erfinden. Und es stört sie nicht einmal. Und genau aus diesem Grund braucht man ihre Argumente auch nicht ernst nehmen. Wer bewusst lügen muss, um seinen Standpunkt zu belegen, der hat keinen Standpunkt.

Artikelbild: Screenshots via DieInsider

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