Querdenker-Terror: Pandemie-Leugner feiern & relativieren widerwärtig Mord

| Bericht | 21. September 2021

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Update 22.09.21: Twitter Account des Täters entdeckt

Laut Spiegel Recherche (Quelle), ist der Täter schon vor der Pandemie mit Gewaltphantasien auf Twitter aufgefallen. Ebenso ist aus seinem Twitter Account herauszulesen, dass er Anhänger der AfD, rechtspopulistischer Medien und Akteuren wie Hans-Georg Maaßen gewesen ist. Auszüge aus der Spiegel Recherche:

Aus Ermittlerkreisen ist zu vernehmen, dass der Mann in den Theorien der Coronaleugner »bewandert« gewesen sei. Mehr Klarheit erhoffen sich die Strafverfolger vor allem von der Auswertung der sichergestellten elektronischen Geräte. Für eine weitere Radikalisierung spricht, dass N. nicht nur den einen Revolver, sondern noch weitere Waffen und Munition bei sich lagerte.

Der Antisemitismusbeauftragte der Baden-Württembergischen Landesregierung Michael Blume, wertet den Mord mittlerweile als Terroranschlag.

Querdenker-Terror: Verschwörungsgläubiger ermordet Student

Man kann diese Geschichte kaum glauben, sie ist kaum zu fassen, doch sie ist leider Realität: Ein offensichtlich an Verschwörungsmythen glaubender Maskenverweigerer hat einen eiskalten Mord begangen, weil er dazu aufgefordert wurde eine Maske zu tragen.

„Am Samstagabend tötete ein 49-Jähriger in Rheinland-Pfalz einen 20-jährigen Studenten mit einem gezielten Kopfschuss, der als Kassierer in einer Aral-Tankstelle arbeitete. In einer Pressekonferenz veröffentlichte die Polizei nun erstmals das Motiv des Täters: die Maskenpflicht.

Demnach wurde dem späteren Täter am selben Abend zunächst der Bierkauf verwehrt, weil er keinen Mund-Nasen-Schutz trug. Aus Wut darüber entschloss er sich zurückzukehren und den Kassierer zu erschießen.

Laut Polizei gab der Täter an, dass ihn die Corona-Situation „sehr belaste“ und er keinen anderen Ausweg gesehen habe, „als jetzt ein Zeichen zu setzen“. Das berichtet der Focus (Quelle).

Kommt nicht aus dem Nichts

Seit anderthalb Jahren warnen viele Kollegen und Kolleginnen, die sich mit den Thema beschäftigen, vor einer radikalisierten & gewaltbereiten Corona-Bewegung. Eine solche Tat, war bei der fortlaufenden und zunehmenden Radikalisierung der Szene leider nur eine Frage der Zeit. Nun sind wir alle Zeuge des ersten erschreckenden Mordes aus den Reihen der verschwörungsideologischen Szene geworden. Der Schaden ist angerichtet.

Überspitzt formuliert, aber leider zutreffend, wird sich nun jede Service-Mitarbeiter:in fragen müssen: Werde ich als Nächstes erschossen oder angegriffen, wenn ich auf die Maskenpflicht hinweise?

Widerwärtige Reaktionen aus der Querdenker-Szene

Doch nicht nur die Tat erschreckt. Sondern auch die vielen Reaktionen aus der Szene die einfach nur widerwärtig und entlarvend sind. Es wird relativiert, schön geredet, teils sogar gefeiert. Auch wenn es nur schwer zu ertragen ist: Wir sollten nicht die Augen davor verschließen was in den Abgründen der sozialen Medien für Gedanken gestreut werden. Ein Beispiel aus einem Telegram-Chat:

Verständnis für einen Mörder, „absolute Tyrannei“, Fahrer in öffentlichen Verkehrsmitteln mit Schusswaffen gefügig machen. Wegen der Maskenpflicht. Diese Menschen leben in einer völlig abgekapselten Parallelwelt und sind durch monatelanges konsumieren von Fake News und Verschwörungsmythen derart radikalisiert, dass sie tatsächlich glauben, das Tragen einer Corona-Schutzmaske, sei irgendeine Form einer diktatorischen Unterdrückung.

Generell wird von verschwörungsideologischen Influencern immer wieder von einem ‚Dritten Weltkrieg‘, in dem man sich aktuell befinde, gesprochen (Quelle). Während die Mobilisierung zu Demonstrationen zunehmend immer schlechter läuft, wird rhetorisch aufgerüstet und die Anhängerschaft aufgepeitscht. Auf diese Weise wird die Gefahr der Relativierung eigener Straf- und Gewalttaten immer wahrscheinlicher.

„Man hätte sich doch verteidigen müssen.“ Man ist im Recht, weil Krieg, weil alles gelogen, weil Verschwörung.

Framing der Medien „Wegen der Maskenpflicht“

Das es bei der Tat nicht allein um die Ablehnung der Maskenpflicht ging, erklärt Expertin Natascha Strobl in einem Thread auf Twitter:

Es ging bei der Tat nicht alleine um die Maskenpflicht, sondern letztendlich um die Bekämpfung einer herbeiphantasierten Corona-Diktatur. „Die Maske“ ist ideologisch aufgeladen, ein Symbol der Unterdrückung, der Kampf dagegen, eine Kriegsideologie.

Was in geschlossenen Facebook Gruppen gesprochen wird

„Noch ein Ergebnis der Corona Diktatur!!!!!“

Die Aktivist:innen von „Die Insider“ sitzen in geschlossenen Facebook Gruppen und lesen mit.

Hier Screenshots mit Kommentaren aus geschlossenen Facebook Gruppen, die Tat wird mit Notwehr legitimiert und die Schuld der Politik gegeben:


Auf Telegram geht das Ganze in verschärfter Form weiter: Verharmlosung und mehr noch, Verschwörungstheorien zur Tat werden gesponnen. Keine Ironie.

Wie im Telegram Untergrund über die Tat gesprochen wird

Fangen wir hier bei einem Querdenker-Kanal an:

Die Rede ist von einer „False Flag Attack“ also einer durch den Staat inszenierten Operation zur Täuschung der Bevölkerung. Diese Gedankengänge verbreiten sich auf Telegram: Hildmann spricht von „FAKE“

Es wird verharmlost, dass der Täter ein eindeutiges politisches Motiv für seine Tat hatte, welches klar dem Querdenker-Lager zugerechnet werden kann:

Und es wird weiter relativiert, Gewalt und Mord gerechtfertigt und weiter an Theorien gesponnen:

Sogar der Antifa will man wieder die Schuld für alles geben:

Andere titeln: Jetzt gehts los!

Soviel dazu, wie über die Tat in der Verschwörungsszene im Telegram-Untergrund gesprochen wird.

BILD und AfD peitschen Querdenker auf

Nun kann man die Verantwortung für das Geschehene nicht im Pandemie-Leugner alleine festmachen, sondern muss auch die BILD-„Zeitung“ und die AfD dafür anprangern, die die ganze Pandemie über ein Corona-Maßnahmen feindliches Klima geschürt und den Wahnvorstellungen von Verschwörungsideologen Munition geliefert haben.

Wir dokumentierten bereits, dass sich BILD-Chefredakteur offensichtlich immer weiter radikalisierte und Querdenker-Positionen offensiv vertrat:

BILD-Chef gibt „Querdenkern“ Interview – Wie sehr hat sich Reichelt radikalisiert?

Nun wäscht die BILD ihre Hände in Unschuld, obwohl sie selbst die letzten Monate ein Klima erzeugte, welches mitverantwortlich für die begangene Tat ist.

Ein paar Beispiele für das Framing der BILD:

Die Headlines der BILD kommen beim Querdenker-Publikum an. Chefredakteur Reichelt wird von der Szene gefeiert und auf Telegram geteilt (Quelle).

Im Telegram Untergrund werden die Vorlagen der BILD scharf gestellt:

Soviel zum Axel-Springer Medium BILD. Und die AfD?

Der parlamentarische Arm des Rechtsextremismus und der Querdenker-Bewegung, AfD, muss sich ebenfalls den Vorwurf gefallen lassen, während der Pandemie ein Klima von Hass und Angst mit erzeugt zu haben:

Sie liefern Gründe und Rechtfertigungen für potentielle Gewaltaten aus der Querdenker-Szene:

Der Berliner Landtagsabgeordnete der AfD erdreistet sich, die Tat zu kommentieren und – ebenfalls Querdenker typisch – der Regierung die Schuld für den Mord zu geben:

Fazit: Desinformation und Verschwörungsmythen töten

Weil man ein politisches Zeichen setzen wollte, ermordete ein Maskenverweigerer einen 20-Jährigen Studenten.

Im ganzen Land sind Morddrohungen und gewalttätige Auseinandersetzungen mit Pandemie-Leugnern leider fast schon Alltag geworden.

Jetzt hat der erste Mord, angetrieben aus dem Wahn der verschwörungsideologischen Szene in Deutschland stattgefunden. Aus Worten, aus irgendwelchen Chats, wurden Taten.

Wir haben es hier mit  stochastischem Terrorismus zu tun: Aufgepeitscht durch die Lügen und dem Applaus der Blase, von „Vielen“, wird eine Bedrohung geschaffen („Diktatur“, „Impfzwang“). Da der Glaube nicht auf der Realität basiert, kann es keine Lösung geben = Wahrscheinlichkeit steigt, dass jemand zu Gewalt greifen wird.

Man kann nur hoffen, dass diese entsetzliche Tat ein Weckruf für alle politischen Verantwortlichen und Behörden war, endlich entschlossen gegen die organisierte verschwörungsideologische Szene vorzugehen.

Artikelbild: Screenshot Telegram

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