Gebührenfinanzierter Hass? ZDF Heute lässt Gewaltfantasien unmoderiert

Hallo, liebes ZDF heute,

ich bekomme jedes Quartal eine Rechnung über ca. 53,00 Euro.

Zahlungsempfänger sind die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten. Ich vermute, das Geld dient dazu, eine unabhängige und hochwertige Berichterstattung zu gewährleisten.

Gerade auf Facebook erkennen wir eine zunehmende Enthemmung der Kommentare. Das ist nun wirklich nichts Neues. Der rechtsextreme Terrorist in Christchurch nutzte Facebook zumindest dafür, seiner Tat eine globale Reichweite zu ermöglichen. Wer weiß aber schon, ob er sich da nicht auch in geheimen oder geschlossenen Gruppen zum Teil radikalisiert hat.



Und nun lese ich folgende Kommentare unter einem eurer Artikel

Screenshots facebook.com/zdfheute

Der Artikel handelt davon (Hier), dass Irak anbietet, IS-Anhänger*innen aus Europa (darunter 56 Deutsche), die in Syrien gefangen genommen wurden, den Prozess zu machen:

„Bei vielen Irakern stößt die Idee, IS-Angehörige zurückzuholen und anzuklagen, auf Unterstützung. Deutschland sei viel zu liberal, sagen die Betroffenen des IS-Terrors. In der einst von IS-Kämpfern terrorisierten Provinz Ramadi erwarten viele Menschen die Höchststrafe für angeklagte Dschihadisten. „Die haben sich hier nicht wie Menschen aufgeführt“, sagt etwa Ahmed El Djiburi. „Die einzige Lösung für die kann nur der Tod sein.“

Etwa 800 IS-Angehörige aus Europa sollen derzeit in Syrien gefangen sein, darunter mindestens 56 Deutsche. Der Irak will sie übernehmen und verurteilen, erwartet dafür aber Hilfen.

Gepostet von ZDF heute am Samstag, 30. März 2019

Ich bin sehr für freie Meinungsäußerung.

Ich möchte aber bitte nicht Gewaltphantasien mit meinen Gebühren mitfinanzieren.

Danke.

Artikelbild: pixabay.com, CC0

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Kramp-Karrenbauers „Witz“ ist kein Witz, sondern Diskriminierung

Das ist einfach nicht lustig

Eines vorab: Ich liebe schwarzen Humor. Ich bin begeistert von Monty Python. Von Loriot. Ich liebe auch die Eskapaden eines Frank Drebin, Spezialeinheit.

Mir ist auch klar, dass Humor Geschmacksache ist. Was die einen witzig finden, langweilt die anderen. Was die einen als tiefgründig erachten, verstehen die anderen schulterzuckend nicht.

Ich hatte mit Karneval oder Fasching nie was am Hut. Ok, im Kindergarten war ich ein Cowboy oder ein „Indianer“, keine Ahnung. Spaß auf Knopfdruck kann ich nicht so richtig einordnen, aber das muss ich auch nicht. Wenn andere ihren Spaß daran haben und das dabei eine ganze Region lahm legt, dann ist es so. Solange sie sich nicht über Schüler und Schülerinnen aufregen, die für das Klima streiken.



Humor, der nach unten tritt

Aus meiner Beobachtung ging es beim Karneval immer auch darum, den Mächtigen mächtig eins auszuwischen. Über sie zu lachen. Und weil es Karneval ist, lachen die Mächtigen verkniffen mit.

Die, möglicherweise zukünftige Kanzlerkandidatin Annegret Kramp-Karrenbauer dreht den Spieß nun einfach um. Zitat:

„Guckt euch doch mal die Männer von heute an. Wer war denn von euch vor kurzem mal in Berlin, da seht ihr doch die Latte-Macchiato-Fraktion, die die Toiletten für das dritte Geschlecht einführen. Das ist für die Männer, die noch nicht wissen, ob sie noch stehen dürfen beim Pinkeln oder schon sitzen müssen. Dafür – dazwischen – ist diese Toilette.“

Das ist schon gelesen nicht lustig. Aber das Video dazu ist tatsächlich noch schlimmer.

Halten wir kurz fest: Eine möglicherweise zukünftige Bundeskanzlerin macht einen Witz über Menschen, die in anderen Staaten verfolgt werden. Wie um alles in der Welt sollen nun Betroffene Vertrauen in die Politik gewinnen, wenn sie so vergackeiert werden? Wenn sie ganz offensichtlich nicht ernst genommen oder verstanden werden?

Verstehen wir einfach keinen Spaß?

In den Kommentarspalten liest man nun, dass es Karneval oder Fasching sei und man sich „nicht so haben“ soll. Mh ja, ok. Kann man so sehen. Wenn man nicht drüber nachdenkt, was da passiert ist.

Man kann sich aber auch vor Augen führen, wer sich da über wen lustig macht. Mit welcher Intention überhaupt? Annegret Kramp-Karrenbauer und ihre Partei können sich nicht „unschuldig“ über eine Minderheit lustig machen, die sie im besten Fall durch Nichtbeachtung diskriminieren und allein lassen. Wenn sich Kramp-Karrenbauer – Miss Homophobia 2018 wohlgemerkt (Quelle) – über Trans*personen lustig macht, dann ist das kein harmloser Scherz, sondern kommt von Verachtung und Missverständnis. Das ist nicht lustig.

Mir wurde heute oft gesagt, ich verstehe keinen Spaß. Hallo? Ich lache mich über das „Ministry of silly walks“ scheckig. Über die „Silly Olympics“. „Mein Name ist Lohse, ich kaufe hier ein!“ „Tell Tod, äh, toll Ted“. Ich verstehe sehr wohl Spaß, aber das war kein Spaß. Das ist ein Beispiel für tägliche, reale Diskriminierung für zehntausende Menschen. Also bitte.

Nee, nee. Wenn das vollkommen in Ordnung ist und als legitimer Humor durchgeht, was Frau AKK da gemacht hat, dann machen wir keine Gesellschaft besser. Das war nix.

Artikelbild: Foto-berlin.net, shutterstock.com

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#ichbinhier: Online-Redaktionen sind Werkzeug von populistischer Propaganda

Offener Brief von #ichbinhier

Der Verein #ichbinhier hat sich in einem offenen Brief an die Online-Redakteure der reichweitenstärksten Facebookseiten gewandt:

„Eure Kommentarspalten werden mit Desinformationen, Aufrufen zu Gewalt, aufhetzenden Kommentaren, Lügen und Verdrehungen geflutet. Es fehlen Klarstellungen! Vor allem aber fehlen Aufforderungen zur Unterlassung und das Sanktionieren von Beleidigungen und Beschimpfungen. Was soll denn das?“

Seit Jahren beobachtet die Anti-Hatespeech-Gruppe, dass nur wenige Personen durch mehrfache Accounts in den Kommentarspalten den Eindruck einer Mehrheit erzeugen wollen. Große Facebookseiten, die schlecht oder gar nicht moderiert sind, sind gefundenes Fressen für sie. Online-Wahlkampfhelfer verabreden sich auf genau solchen Medien-Seiten, auf denen sie ungestört schreiben, was sie wollen und ihre Botschaften verbreiten können.

Durch Einschüchterung, Trollen, Lügen, Verdrehungen und (Mord-)Drohungen mobben sie so lange die Kommentarspalten, bis ihre Propaganda unwidersprochen an prominentester Stelle platziert ist. Und ein unbedachter Leser findet unter gewöhnlichen Berichten plötzlich verschiedenste Verschwörungstheorien, Fake News oder Verdrehungen der Tatsachen.

Ein besonderes Beispiel ist die Facebook-Seite von ZDF heute: Wir alle bezahlen die Rundfunkgebühr und damit auch den Facebook-Auftritt, die Redakteure und die Aufbereitung des Social-Media-Contents. Und ich sehe es wirklich nicht ein, dass mich Trolle, Fake-Profile und Sockenpuppen von den Seiten einer durch die Allgemeinheit finanzierten Medienanstalt verjagen.



6 Dinge, die man dagegen tun kann

Alex Urban von #Ichbinhier stellt im Brief fest: „Natürlich möchte ich nicht, dass die Meinungsfreiheit eingeschränkt wird. Probleme müssen selbstverständlich aufgezeigt werden, aber bitte mit Augenmaß. Es geht nicht um „Meinungsdiktatur“. Schon das Wort ist Unfug. Die Meinungsfreiheit wird vielmehr von denen gefährdet, die mit ihren Kampagnen Eure Kommentarspalten dominieren. Ihr überlasst ihnen willig das Feld.“ Deshalb wünscht sich der Verein von den Redaktionen:

1. Weniger Triggerthemen!

Stellt Euch bei der Themenauswahl breiter auf und bedient nicht die Erregungsspirale, die von einer kleinen, lauten Minderheit stetig in Gang gehalten wird, indem Ihr weit überproportional über Zuwanderung, „Ausländerkriminalität“ pp. schreibt.

2. Fakten statt Spekulation!

Berichtet, wenn Fakten da sind, ansonsten beruft Euch auf die Veröffentlichungen der Polizei. Wer über ein aktuelles Ereignis wenig Informationen hat, sollte zurückhaltend berichten und nicht wenige Teilinformationen zu einer großen Geschichte aufblasen. Wir alle müssen uns darum bemühen, Ungewissheit auszuhalten. Das gilt für die Journalisten wie für die Leser gleichermaßen.

3. Verzichtet auf Clickbaiting. Seriöser Journalismus kommt ohne aus.

Bitte kein Clickbaiting durch reißerische und teils irreführende Überschriften und das Provozieren heftiger Emotionen!

4. Geht verantwortungsbewusst mit Eurer Reichweite um!

Und so oder so: Wer die sozialen Medien für Reichweite nutzt, ist auch dafür verantwortlich, was unter den Beiträgen in der Kommentarspalte los ist. Die ersten Kommentare beeinflussen den Deutungsrahmen zu den Inhalten. Eine aufmerksame Moderation ist unerlässlich!

5. Macht Eure Kommentarspalten zum Wohlfühlort für Demokraten!

Eure Leser sollen sich auch in den Kommentarspalten wohlfühlen. Setzt daher Eure Netiquette durch! Macht die Kommentarspalten zu einem Ort, an dem Menschen sich austauschen können, ohne Angst haben zu müssen, beleidigt und angegangen zu werden. Wenn Ihr gut moderiert, schafft ihr Euch eine Community auf, die aus echten Menschen besteht und Euch langfristig unterstützt. Profile, die andere
Nutzer persönlich angreifen, und solche, die sich menschenfeindlich äußern, gehören gesperrt.

6. Steht für journalistische Qualität ein!

Erklärt Eure Standards, immer und immer wieder. Nicht nur, weil wir für gute Debatten auch eine gute Faktenbasis brauchen, sondern damit wir und die Mitglieder Eurer Communities in der Fülle an Informationen die guten von den schlechten trennen können und diesen Maßstab woanders einfordern können.

Das Schlusswort:

Denkt bitte darüber nach, ob Ihr Euch zum Werkzeug von Leuten machen lassen wollt, die unseren Staat kaputt machen wollen. Mit dem immer fortwährenden Schüren von Ängsten und dem Anzweifeln des Rechtsstaats. Und ob Ihr populistische Propaganda bis hin zu Verschwörungstheorien, massiven Desinformationen und Verharmlosungen der Nazizeit auf Euren Seiten haben möchtet.

Artikelbild: Aaron Amat, shutterstock.com

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Robert Habeck, lassen Sie uns nicht mit der Account-Armee im Internet alleine!

Lieber Robert Habeck,

ich kann Ihren Rückzug aus den sozialen Medien Twitter und Facebook total nachvollziehen. Wenn ich mich nicht täglich dort gegen die Vergiftung unserer Gesellschaft einsetzen würde, hätte ich meinen Account schon längst gelöscht. Facebook verkommt immer mehr zu einer Propagandamaschine, deren Plattform die Facebook-Seiten der reichweitenstarken Medien wie BILD oder sogar das ZDF ist.

Desinformationen, Aufrufe zu Gewalt, aufhetzende Kommentare. All das steht dort in großen Teilen unreguliert. Damit meine ich nicht die Einschränkung der freien Meinung, um Gottes Willen. Mir persönlich fehlen aber die Klarstellungen der Lügen und der Verdrehungen. Das Rückführen zum Thema, die Aufforderung zur Unterlassung und das Sanktionieren von Beleidigungen und Beschimpfungen. Das sollte eine Aufgabe der Social-Media Redaktionen sein. Eigentlich.



Uns fehlt der Widerstand gegen Rechts in Social Media

Aber auch das Gegengewicht fehlt mir immer öfter. Kommentatoren ziehen sich zurück, weil sie keine Lust mehr haben, sich von Mehrfach- und Fake-Profilen auslachen oder beschimpfen lassen zu müssen. Der Holocaust wird immer öfter relativiert, die Pogrome klein geredet. Die Sprache ändert sich in einer Form, die ich nie für möglich gehalten hätte. All das wird mitten in die Gesellschaft getragen.
Der Kampf gegen diese Windmühlen scheint angesichts der Account-Armeen aussichtslos zu sein.

Eine Politik, die Haltung zeigt, ist selten geworden. Ich glaube, ein Erfolgsfaktor, der Sie zu einem neuen Hoffnungsträger in allen Teilen der Gesellschaft macht und gleichzeitig den Rechtspopulisten den Schweiß auf die Stirn treibt, ist Ihre Bodenhaftung. Und dass Sie sich nicht von Parolen und dem Ausloten der sprachlichen Grenzen treiben lassen. Außer zweimal. Da ist es mit Ihnen durchgegangen.

Es ist daher einerseits nur konsequent, dass sie Facebook und Twitter verlassen.

Sie begingen Fehler, aus denen Sie Ihre Schlussfolgerungen ableiten.

Anderseits: Sie werden nun nicht mehr miterleben, wogegen es in den nächsten Monaten anzutreten gilt, wenn die Landtagswahlen näher rücken. Die Narrative und Desinformationen stehen bereit. Und das haben Sie eventuell schon bei den angewandten Frames von Amberg und Bottrop registriert.

Was aber viel schlimmer ist: Sie lassen diejenigen alleine, die sich tagtäglich gegen die Vergiftung der Gesellschaft engagieren und die sich an Menschen wie Ihnen orientieren. Ich finde, Haltung wahren heißt auch, für Fehler einzustehen, sich zu entschuldigen, dem Gegenüber die Hand reichen und weiterzumachen.

Sie sind großer Handball-Fan. Das weiß ich. Handball, so schrieb Sophie Passmann, mache charakterstark, ist „maximalbrutale Direktdemokratie, fordert dafür aber von den Schwachen Fleiß und von den Starken Bescheidenheit. Das, was Handball einem beibringen kann, ist also heute so wichtig wie nie. […] die Einsicht, dass jeder in jeder Sekunde unerlässlich für das Funktionieren des großen Ganzen ist.“ (Quelle)

Wenn Sie nun das Spielfeld verlassen, wird das große Facebook-Ganze ein wenig aus den Fugen geraten. Schade.

Herzliche Grüße, Alex Urban.

Artikelbild: Raimond SpekkingCC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons)

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SOHO Minden, Amberg, Bottrop: So extrem sind rechte Verdrehungen & Verharmlosungen

Das Facebook-Jahr hörte auf, wie das neue nun beginnt: Mit Verdrehungen und breit angelegter Verharmlosung.

Drei Beispiele innerhalb von einer Woche.

1. Beispiel: Das SOHO Minden postet am 24.12. ein Foto. Auf dem Foto ist eine Tafel zu sehen, auf der steht: „Wenn Sie AfD wählen, dann trinken Sie Ihr Bier bitte woanders. Sie fühlen sich diskriminiert? Dann wissen Sie endlich mal wie das ist.“

Das SOHO Minden erlebt daraufhin einen Shitstorm, der mittlerweile fast 3.000 Hass-Kommentare enthält. Der Post wurde über 3.300 Mal geteilt. Darunter in sehr vielen rechten Facebook-Gruppen.

Natürlich kann man darüber diskutieren, ob die Idee gut ist, Menschen auf Grund Ihrer politischen Einstellung, die man rein äußerlich eh nicht überprüfen kann, auszuschließen. Meiner Meinung nach wollte der Wirt ein Zeichen gegen die häufig diskriminierenden und rassistischen Kommentare einiger AfD-Politiker oder ihrer Facebook-Anhänger setzen. Wie gesagt, kann man diskutieren.

Was man nicht diskutieren kann, sind die Kommentare unter dem Post. Häufigster Tenor: Der AfDler ist der neue Jude. Es wird ernsthaft gefragt, wie lange es noch dauert, bis Menschen in Anlehnung an den Judenstern einen blauen Stern tragen sollen. Das ist nicht nur ein hanebüchener Vergleich, er ist auch an Widerwärtigkeit nicht zu übertreffen. Die Juden wurden auf Grund ihrer Religion enteignet, gejagt und systematisch und zudem staatlich gefördert industriell ermordet. Allein die Gleichsetzung des einen mit dem anderen ist eine nicht zu akzeptierende Verharmlosung der Novemberpogrome und des Holocausts.



Warum machen Menschen so etwas?

Sehen die „Verteidiger der christlichen Werte“ nicht die Ironie, wenn sie ausgerechnet an Weihnachten Heinrich Bedford-Strohm für seine Kritik an den Kommentaren auf AfD-Facebook-Seiten, auf denen „ein Ausmaß von Menschenverachtung und sozialer, aber auch menschlicher Kälte zum Ausdruck [kommt], das schon Sorgen macht.“  Bedford-Strohm und auch der Papst warben für Nächstenliebe und Barmherzigkeit, für Frieden und Brüderlichkeit. Dafür werden sie angegangen?

Das zweite und das dritte Beispiel können wir zusammenfassend darstellen, weil sich beide Ereignisse zeitlich überschneiden.

Am 29.12. verprügeln vier junge angetrunkene Asylbewerber aus Afghanistan, Syrien und dem Iran im Amberg wahllos Passanten. Die 17- bis 19-jährigen verletzten dabei 12 Menschen. Während man in den Facebook-Kommentaren zu Chemnitz tagelang stritt, ob nun „Hetzjagden“ stattfanden, beurteilen sowohl Herr Wendt und als auch viele Accounts die Situation in Amberg recht zügig und sind sich sicher, dass sich nun wirklich um eine „Hetzjagd“ handelte. Rainer Wendt kannte auch schon die Motivation der vier: „Es ist eine tiefe Verachtung für unseren Staat und für die Menschen, die bei uns leben.“ Bitte was?

Am 31.12. fuhr ein 50-jähriger Deutscher mit seinem Auto in Bottrop eine Menschengruppe, offenbar mit dem Ziel, Ausländer zu töten. Menschen aus Syrien und Afghanistan wurden zum Teil schwer verletzt. Eine Frau schwebte in Lebensgefahr. Er agierte ohne Netzwerk, sei psychisch krank. Laut NRW-Innenminister Herbert Reul mache der Mann „Ausländer für alles verantwortlich“. Man stelle sich nur die Reaktionen in den sozialen Medien vor, wenn das ein islamistischer Anschlag gewesen wäre.

Stattdessen: „Aber Amberg…“

Oder gar: „Wird auch mal Zeit, dass der Spieß umgedreht wird.“ (Gesehen bei der Bild, die das unkommentiert stehen lässt.)

Screenshot facebook.com

Es ist nur zu vermuten, dass sich der Mann aus seiner Echokammer dazu berufen fühlte, zu handeln. Irgendwo muss er ja die Erkenntnis gewonnen haben, dass „Ausländer für alles verantwortlich“ seien. Am „interessantesten“ äußert sich Herr Meuthen dazu: Im Grunde konnte der Mann aus Bottrop gar nicht anders handeln, da die Bundesregierung Täter wie die aus Amberg ins Land gelassen hat.

So redet man einen Anschlag klein. Vermutlich aus Gründen.

Die Süddeutsche schreibt dazu: „Diese Entpolitisierung rechter Gewalt – und die Amokfahrt des Mannes aus Bottrop war eine politisch motivierte Tat – ist aber alles andere als ein Einzelfall. Die Bundesregierung selber teilte im Juni mit, seit dem 3. Oktober 1990 seien 76 Menschen durch rechte Gewalttäter ums Leben gekommen, andere Berechnungen gehen von mehr als 150 aus.“

Und weiter: „Und selbst, wenn die rechtsextremen Motive der Gewalt offenbar sind, erscheint sie in der Öffentlichkeit in eigentümlicher Weise in ihrer Unausrottbarkeit vertraut. Die Gewalt der Fremden dagegen bricht brutal ins Vertraute ein; sie besetzt die Angsträume des Landes. Es hätte sich ja auch die Amberger Tat entpolitisieren lassen: Junge Männer im Suff benehmen sich am Neujahrstag krass daneben. Zu Recht ist das nicht passiert. Zu Recht verbindet sich mit den Prügelattacken die Frage, wie der Staat, die Gemeinschaft mit Asylsuchenden umzugehen hat, die gewalttätig werden – wobei die Abschieberegelungen mittlerweile scharf sind wie nie und sich kaum ein Gewalttäter von ihnen abschrecken lässt.“ (Quelle)

Man darf gespannt sein, wie die rechte Blase reagiert, wenn vier deutsche angetrunkene Jugendliche wahllos Menschen verprügeln, während ein Islamist ein Auto in eine Menschengruppe steuert.

Artikelbild: Master1305, Shutterstock.com

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Fake-Terror-Karte: So übernehmen die Rechten die Angstmache für Islamisten

Fake-Karte

Nach dem abscheulichen, mutmaßlich terroristischen Anschlag in Strasbourg drehen die sozialen Netzwerke wieder hohl. Wir lesen das übliche Geblubber: „Die Willkommensklatscher sind schuld!“, „Bedankt euch bei der Regierung!“, „Er soll doch in Deutschland Asyl beantragen!“, „Vor 2015 gab es sowas nicht!“, „Die Terroristen tragen in naher Zukunft ein Schild, wo drauf steht #wirsindmehr!“, „Importierte Gewalt!“, und es wird sowieso immer schlimmer werden. Der UN-Migrationspakt und so. Angeblich kommen über 190.000.000 Menschen nach Deutschland. Alles horrender Unsinn.

Man könnte meinen, die Menschen wissen nicht, wohin mit ihrer Wut und brauchen das alles als Ventil. Kann ich verstehen. Ich befürchte aber, das ist zu einfach. Denn viele glauben tatsächlich, dass die Bundesregierung oder Angela Merkel oder George Soros oder alle zusammen den Untergang von Deutschland bzw. Europa planen. „Alles so gewollt“, liest man dann oft.



Angebliche „Terror-Karte des IS“ ist Quatsch

Die Recherchegruppe #dieinsider stieß in den letzten Tagen immer wieder auf eine angebliche „Terror-Karte des IS“ aus dem Jahr 2009 (!), die schon 2015 von Mimikama als „Altpapier des Kopp-Verlages“ enttarnt wurde.

Die Terror-Karte des IS für Deutschland – Altpapier des Kopp-Verlages

Allerdings wird sie immer noch in verschiedenen Facebook-Gruppen mit der Behauptung geteilt, der US-Geheimdienst CIA warne vor einem bevorstehenden Bürgerkrieg. Laut den Recherchen von CORRECTIV liegen jedenfalls keine Warnungen der CIA vor. Stand August 2018. Wer weiß schon, ob das heute noch gilt. Wir leben in einer schnelllebigen Zeit. Ironie off.

Deutschen Sicherheitsbehörden ist keine CIA-Warnung vor Bürgerkrieg bekannt

Eine Frage, die mir irgendwie noch niemand beantworten konnte, der von einem gewollten Bürgerkrieg schwadronierte, lautet:

Wozu einen „Bürgerkrieg“ überhaupt?

Nur, weil Frau Merkel keine Kinder hat und nach Südamerika abhaut, wird sie doch nicht wollen, dass Europa in Flammen steht? Da würde ihr und dem ganzen Rest der Elite auch keine Villa Schutz bieten. Liest man ja auch immer wieder. Aber im Ernst: Bei all dem, was sich zur Zeit abspielt, dürfen wir aber eines nicht vergessen, und das teile ich bei jeder Gelegenheit:

„Die sechste Phase, beginnend 2016, sieht die „totale Konfrontation“ vor, schließt Hussein aus dem, was ihm zugetragen wurde. Unmittelbar nach Ausrufung des Kalifats werde die „islamische Armee“ die von Osama Bin Laden oft vorhergesagte „Schlacht zwischen Glauben und Unglauben“ anzetteln.“

Ich zitiere da aus einem Spiegel-Artikel über den jordanischen Journalisten Fuad Hussein, der Vordenker und Strategen der Islamisten nach ihrer langfristigen Planung befragt hat. (Hier)

Rechte helfen fleißig bei der Radikalisierungs-Spirale

Der Artikel ist aus 2005! Und ich erinnere mich, als ich den damals las, schüttelte ich lächelnd den Kopf und dachte: „Ts, Spinner!“

Ich habe mich geirrt. Nadelstichartige und gezielte Terroranschläge (Nizza, Brüssel, Paris, Berlin, London, mutmaßlich Strasbourg) säen Zwietracht und Misstrauen. Rechtspopulisten, -radikale und -extreme und Neo-Nazis springen dankbar auf den Zug auf, verstärken Zwietracht und Misstrauen. Die folgende Ausgrenzung hilft den extremistisch motivierten Rattenfängern. Und junge Menschen radikalisieren sich. Ein Teufelskreis, den die Brüder im Geiste wechselseitig befeuern. Das Dramatische ist, dass mittlerweile selbst einige Teile aus der Mitte unserer Gesellschaft dazu beitragen.

Wie kommen wir da raus? Any ideas?

Artikelbild: Alex E. Proimos, Flickr,  (CC BY 2.0), changes were made, Screenshot facebook.com

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„Mitten ins Gesicht schlagen“: Offener Brief von #ichbinhier an Anabel Schunke

Sehr geehrte Frau Schunke,

ich antworte Ihnen mal auf diesem Wege, da ich auf Ihrer Facebook-Seite seit Monaten blockiert bin, obwohl ich dort noch nie kommentiert oder irgendetwas gelikt habe.

Screenshot

Das muss man sich mal vorstellen: Sie wollen „irgendwann […] so einem aus der #ichbinhier-Fraktion mitten ins Gesicht“ schlagen und beklagen einen kurzen Absatz später, dass „die Priorität dieser Leute“ sei, „den Hass nicht gewinnen“ zu lassen. Und entlassen Ihre Follower damit in den Abend, ihnen mitzuteilen, wie wütend Sie seien. Das greifen Ihre Follower auf, die dann auch wütend sind.

Von Ihnen unkommentiert träumen dann einige davon, wieder züchtigen zu dürfen, konsequenter zu werden (was immer das auch heißt) oder im Wilden Westen zu leben (was immer daraus nun wieder folgen soll). Andere wünschen einen Emoji mit „durchgeladener Pumpgun“ oder bescheinigen den fast 46.000 Mitgliedern von #ichbinhier „krank zu sein“.

„Ich hasse [sic!] jede Art von Gewalt, dennoch [sic!] wünsche [sic!] ich mir immer öfters [sic!], dass diese Leute die Nächsten sind!“



Frau Schunke, mal ehrlich: Was sollen denn solche Kommentare?

Sie meinen, dass ein #ichbinhier-Kommentar, wie der oben zitierte, „Jaja, […] den Familien, die um ihre Angehörigen trauern, sicher helfen“ wird. Sie implizieren damit, zu wissen, was Angehörige fühlen oder wie deren Haltung ist. Was sagen Sie dann dazu:

 

Screenshot sz.de

oder zu diesem Statement:

Screenshot www.badische-zeitung.de

Sie haben nicht das alleinige Recht darauf gepachtet, berechtigt Kritik zu üben

Ich möchte einmal höflich darauf hinweisen: Sie haben nicht das alleinige Recht darauf gepachtet, berechtigt Kritik zu üben. Auch viele Mitglieder von #ichbinhier kritisieren. Und alle Mitglieder trauern um die Opfer, verabscheuen solche Taten und sind schockiert. Berechtigte Kritik ist aber differenziert und nicht einseitig.

Nicht „der Islam“ ist Schuld an den Verbrechen, sondern die Typen, die solche Verbrechen begehen. Ich bin mir nicht sicher, ob Ihnen bewusst ist, was eine Vorverurteilung und Pauschalisierung für Folgen haben kann. Ich sehe aber Tag für Tag diese Folgen in den Facebook-Kommentarspalten. Stereotype, Sippenhaft und rassistische Bewertungen. Und ich sehe auch, was solche Posts wie Ihrer bewirken. Einige Beispiele habe ich ja oben angeführt.

Wenn ich Ihren Post mal im Umkehrschluss betrachte:

Hass soll also gewinnen können. Was folgt daraus?

Und wie hilft das den Familien?

Wir können echt über Vieles reden und diskutieren: Asylrecht, Strafrecht, die Integration, politische Strömungen innerhalb des Islam, Religionen im Allgemeinen, kulturelle Identität. Aber erstens müsste ich dann nicht mehr blockiert sein, zweitens müssten Sie Ihren Followern den Schaum vom Mund wischen und drittens auch mal einen anderen Standpunkt zulassen. Wozu führt denn der Hass gegen und die Ausgrenzung von z.B. Muslimen?

Vermutlich zu einer gesteigerten Gefahr der Radikalisierung. Wie kann man dem vorbeugen? Nicht ausgrenzen. Zumindest kann man das Risiko minimieren. Mir ist klar, dass Sie die Meinung vertreten, dass diese Menschen aus dem anderen Kulturbereich nicht willig seien, sich zu integrieren. Millionen Gegenbeispiele. Allein in Deutschland.

Aber um auf das Thema zurückzukommen: Nein, #ichbinhier wird nicht von Frau Merkel zum Essen eingeladen, nicht von der Regierung unterstützt (das bestätigt sogar eine kleine Anfrage der AfD).

Es werden intern auch keinerlei inhaltliche Vorgaben gemacht. Wenn das so wäre, gäbe es längst entlarvende Screenshots unserer Maulwürfe.

Alle Menschen haben Angst vor Terror

Eventuell sollten Sie mal ein Schritt zurücktreten, mal eine andere Perspektive einnehmen, um zu erkennen, dass ALLE Menschen Angst vor Terror haben, dass alle Menschen Täter verabscheuen und der Opfer gedenken.

Sie sind doch immer auf der Suche nach der Wahrheit bzw. Sie und Ihre Follower werfen anderen vor, die Realität nicht zu kennen. Ich weiß jetzt nicht, was Sie so von Gandhi halten, aber:

„Bei der Anwendung von Gewaltfreiheit entdeckte ich schon sehr früh, dass die Wahrheitssuche es nicht erlaubt, dem Gegner Gewalt anzutun. Er muss vielmehr durch Geduld und Mitgefühl von seinem Irrtum abgebracht werden.“

In diesem Sinne, beste Grüße,

Alex Urban von #ichbinhier

Artikelbild: Screenshot facebook.com

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„Ja zu weißen Männern“: So genial wird der AfD-Adventskalender parodiert

Es ist Weihnachtszeit

…und damit niemand das Fest der Liebe verpasst, wurde der Adventskalender eingeführt. Die AfD nutzt die Gelegenheit und weist auf eine „grassierende Diskriminierung“ hin. Das Opfer: Der weiße Mann. Der Berliner AfD-Funktionär Georg Pazderski erkennt „Forderungen, die auf eine bewusste Benachteiligung von weißen Männern im Wettbewerb um Arbeitsplätze, Karrierechancen, öffentliche Auftritte oder staatliche Zuwendungen hinauslaufen“.

Der Hashtag „JaZuWeißenMännern“ begleitet nun also die Vorstellung von 24 weißen Männern. Die „unser Land, unsere Zivilisation und die Entwicklung der Welt entscheidend geprägt haben“. Dass da ein Mann mit einem syrischen Vater (Steve Jobs) zu den „weißen Männern“ gezählt wird, war sicher nur ein Recherchefehler. Ob Bertolt Brecht und die vielen anderen in dem Kalender hofierten Männer diese Initiative unterstützen würden, bleibt fraglich. Leider können sie sich nicht mehr wehren. Einzig Sarrazin dürfte dem Anliegen bedingungslos zustimmen.

Antifaschist & Migrantensohn: Den peinlichsten Adventskalender hat die AfD



Die andere Seite der weißen Männer

Nun gibt es aber noch andere weiße Männer, und da hat die Stay behind Foundation mal 24 Süßigkeiten hinter die Türchen gesetzt. Darunter Politiker der AfD, Rechtsextreme und (Neo-)Nazis.

JA ZU WEISSEN MÄNNERN!So schallt es aus der besinnlichen Weihnachtsstube der AfD-Fraktion Abgeordnetenhaus Berlin. "…

Gepostet von Stay Behind Foundation am Sonntag, 9. Dezember 2018

Die 24 Herren stehen nicht in der Gefahr, diskriminiert zu werden. Wenn man sich ihre kurzen Biografien bzw. Beschreibungen mal durchliest, könnte durchaus der Eindruck entstehen, dass sie selbst ganz gerne andere Menschen und/oder Menschengruppen auf Grund von Hautfarbe, Religion oder Herkunft diskriminieren würden.

Auch, wenn ihre Anhänger es bestreiten oder als „Ethnopluralismus“ oder ähnliche Umschreibungen abtun: Es ist Rassismus. Und ganz offen wird auch der Bürgerkrieg nicht unbedingt als Mittel der Wahl ausgeschlossen. Im Gegenteil. Fraglich bleibt, wer den Zündlern zuerst auf den Leim geht und aus „Notwehr“ irgendeine Initiative ergreift.

Die meisten dieser weißen Männer haben tausende Follower. Ob das nun alles echte Menschen oder Mehrfach-Accounts sind, lässt sich nicht sagen. Es ist aber eine Tatsache, dass sich Menschen gruppendynamisch nicht immer kontrollieren lassen. Dieses Aufhetzen geht irgendwann schief. Gründlich. Viel „Spaß“ mit dem Kalender.

Artikelbild: Screenshot hogesatzbau.de

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AfDler beschwerte sich echt wegen „Afrikaner“ in Rügenwalder-Spot: Rücktritt!

Blanker Rassismus

Nun sitzt da also ein „Afrikaner“ in „fröhlicher Genießerrunde“ und isst unsere Wurst. Was der sich erlaubt. Und so gut integriert. Was sich die Rügenwalder Mühle erlaubt. Das stößt dem Pressesprecher des AfD-Kreisverbandes Landkreis Leipzig Horst Juhlemann bitter auf. Er schreibt dem Unternehmen eine Mail.

Und fragt darin: „Produzieren Sie bereits ausreichend HALAL-Produkte für unsere Muslime?“ Er fragt weiterhin, ob die Bundesregierung den Werbespot in Auftrag gegeben hat. Und ob George Soros, ein amerikanischer Milliardär jüdischer Herkunft und modernes Ziel antisemitischer Verschwörungen, seine finanziellen Finger im Spiel hatte.



Halbherzige Entschuldigung der AfD

Der Verband in Leipzig zeigt sich halbherzig entsetzt: Kreisverbandschef Edgar Naujok wusste von der Mail, „habe sie aber nicht gelesen. Meine Priorität liegt auf dem Parteitag am Wochenende und den Wahlen im nächsten Jahr. Nicht unbedingt darauf, was Herr Juhlemann verzapft.“ Herr Juhlemann lehnt übrigens den Austritt aus der Partei ab.

Ein Mann mittleren Alters. Ich frage mich dann immer, wie kommen solche Menschen zu solchen Posten? Sind es Opportunisten, die immer schon etwas gegen „den Afrikaner“ hatten? Und nun in einer noch recht jungen, rechtsdrehenden Partei schnell an Einfluss gewinnen, einfach, weil zu wenig Personal da war? Oder ist das Gedankengut sozusagen system- bzw. parteiimmanent?

Der Bundestagsabgeordnete Lars Herrmann kritisiert allerdings scharf: „Es ist höchst unprofessionell und untragbar. Für den Kreisverband und die AfD insgesamt ist es sehr unangenehm, wie die Partei durch derartige und andere öffentliche Entgleisungen auffällt.“ Inzwischen zog der Verband auch Konsequenzen, Juhlemann musste von seinem Posten zurücktreten. Also, warum denn nun diese Distanzierung von Juhlemann?

AfD hat Angst, vom Verfassungsschutz beobachtet zu werden

Hat es unter Umständen etwas damit zu tun, dass man jede Auffälligkeit vermeiden möchte, die dazu führen könnte vom Verfassungsschutz beobachtet zu werden? In letzter Zeit treten viele AfD-Politiker aus der Partei aus. Zuviel Rechtsruck. Man könnte nun dagegenhalten, dass dieser Rechtsruck über Monate zu beobachten ist. Aber immerhin ziehen nun manche die Konsequenzen daraus und legen den Kern der Partei weiter frei.

Etliche (ehemalige) Neonazis arbeiten immer noch für Bundestagsabgeordnete, interne Chats von Politikern, Kommentare in Facebook-Gruppen belegen, dass das Gedankengut Juhlemanns kein Einzelfall sind. Die Rügenwalder Mühle reagiert großartig auf all das:

Moin zusammen,vielleicht habt ihr es bereits auf unseren Social-Media-Kanälen gesehen oder in den Medien verfolgt, dass…

Gepostet von Rügenwalder Mühle am Freitag, 7. Dezember 2018

„Diese Mail hat uns zutiefst empört. Wir, die Rügenwalder Mühle, sind seit 184 Jahren ein Familienunternehmen und wir werben seit mehreren Jahren mit unseren Mitarbeitern. Da bei uns Menschen mit knapp 20 verschiedenen Nationalitäten arbeiten, ist es für uns eine Selbstverständlichkeit, dass wir dies auch in unserer Werbung genauso darstellen.“

Der „Afrikaner“ ist übrigens Deutscher.

Artikelbild: Screenshot Youtube

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Freiburg: So versuchen Rechte Andersdenkende mit Lügen mundtot zu machen

Fake & Hetze nach Freiburg

In der letzten Woche berichteten wir über den Freiburger Stadtrat Sebastian Müller, der zu einer Kundgebung „gegen sexualisierte Gewalt gegen Frauen und gegen die Instrumentalisierung des Opfers“ aufrief. Es folgte ein Shitstorm, dem er nicht mit Herr wurde bzw. alleine nicht Herr werden konnte.
In seinem Blog (Hier) bereitet er die Ereignisse noch einmal chronologisch auf:

Es wird deutlich, dass Facebook eben nicht nur eine Ansammlung von Menschen ist, die einfach ihre Meinung schreiben. Aber der Reihe nach.



Chronologie der Ereignisse

Am Sonntag, den 14.10.2018, wird ein Mädchen in Freiburg das Opfer einer scheußlichen Gruppenvergewaltigung. Am Mittwoch (17.10.2018) veröffentlicht die Polizei eine Pressemitteilung (PM). Die zweite PM vom 26.10.2018 (15:04 Uhr) enthält dann Angaben zu den Nationalitäten der Tatverdächtigen: Sieben Syrer, ein Deutscher. Bereits um 17:33 Uhr und dann um 20:42 Uhr ruft die AfD zu einer Demonstration auf.

Tenor: „Es kann nicht sein, dass Menschen in unser Land kommen und dieses Land, seine gutmütige Gastfreundschaft und seine Mädchen missbrauchen. Wir müssen uns wehren!“ Der AfD-Politiker Stefan Räpple spricht in seinem Aufruf von „sieben polizeibekannten Syrern“. Und: „Wir haben euch gewarnt! Nazis habt ihr geschrien! Am Bahnhof habt ihr geklatscht!“ Den deutschen Tatverdächtigen verschweigt er. Und mal unter uns: Diese Häme ist einfach nervig!

Fokus nur auf die (nicht-deutschen) Täter

Die Wortwahl und die auf die Nationalität abzielende Empörung sollen die Wut letztlich gezielt in eine Richtung lenken. Das Opfer tritt dabei schon in den Hintergrund. Sebastian Müller hat da schlicht keine Lust und formuliert um 22:07 Uhr einen Aufruf, der sich explizit gegen sexualisierte Gewalt gegenüber Frauen richtet. Sicher, es war eine Reaktion auf die Instrumentalisierung der Tat, allerdings ist nicht zu erkennen, dass die Demonstration gegen die AfD oder gegen Rechts gerichtet ist.

Freiburg: Rechte lügen über Demo-Aufruf eines Grünen-Politikers

Im Grunde wäre es sogar möglich gewesen, dass Anhänger und Politiker der Partei diesem Aufruf folgen. Machen sie aber nicht. Warum? Weil sie dann eines ihrer Feindbilder aufgeben müssten: Den „bösen Ausländer!“

Folgerichtig reagiert der Chefredakteur der Jungen Freiheit sowie der Blog philosophia-perennis am darauffolgenden Samstagvormittag (27.10.2018) und verdrehen den Aufruf derart: „Nach Gruppenvergewaltigung von Freiburg: Grünenpolitiker ruft zu Demo gegen Rechts auf!“, und erläutern: „Bei den Tätern handelt es sich allerdings nicht um Rechte oder AfD-Politiker, wie man aufgrund der Aktion Müllers annehmen sollte, sondern um größtenteils polizeibekannte Asylbewerber, v.a. aus Syrien.“

Weiterhin wird dort unterstellt, Müller sei „weniger über die Tat [entsetzt], sondern darüber, dass die Menschen nun endlich Konsequenzen in der Flüchtlingspolitik fordern, um weitere solcher Fälle zu verhindern.“ Damit nicht genug, auch der Austragungsort „Platz der Alten Synagoge“ sei unsensibel gewählt, „gehören doch die Juden – neben Homo- und Transsexuellen, Frauen und Ex- Muslimen – zu den Opfergruppen, die unter der mit der Immigration untrennbar verbundenen Islamisierung unseres Landes am meisten leiden.“

Nun wird es zynisch

Die Redaktion des Blogs merkt an, „Müller kommt derzeit mit dem Löschen unliebsamer Kommentare auf Facebook nicht mehr hinterher. Wir haben hier seinen Aufruf verlinkt, um unseren Text nachprüfbar zu gestalten u. bitten beim Kommentieren höflich zu bleiben!“

Man muss wissen, dass der genannte Blog eine beachtliche Reichweite hat und häufig in entsprechenden Gruppen geteilt wird. Die Verlinkung auf die Seite von Sebastian Müller, verbunden mit der indirekten Aufforderung zu kommentieren, hat dann zu dem geführt, was kommen musste: Shitstorm. Und die üblichen Gewaltphantasien ließen auch nicht lange auf sich warten. Einige Beispiele finden sich im verlinkten Blog von Müller.

Lügen säen, Hass ernten

Es ist erschreckend zu sehen, was für eine Eigendynamik aus solchen geteilten, verdrehten Beiträgen entsteht. Es ist erschreckend, wie sich hunderte Kommentare auf einen Menschen stürzen. Ihn verdrängen, beschimpfen und letztlich zur Aufgabe zwingen wollen. Sawsan Chebli kann davon auch ein Lied singen.

Rechte „empört“, weil Chebli eine Rolex trägt, das Netz schlägt zurück

Jeder, der diese Dynamik immer noch als ein Online-Problem abtut, unterschätzt die möglichen Auswirkungen. Feindbilder dienen dazu, „Notwehr“ zu legitimieren. Das Land vor „Invasionen“, „unsere Frauen und Kinder“ vor dem „bösen triebgesteuerten Araber“ (sic) zu schützen.

Wenn sie konsequent gewesen wären, dann hätten sich die Kommentatoren, Blogger und Politiker dem Aufruf von Sebastian Müller angeschlossen, anstatt heuchlerisch und grinsend, mit Daumen nach oben, zur eigenen Demonstration zu fahren:

So feiern Rechte die Gruppenvergewaltigung in Freiburg – Euer Ernst?

Artikelbild: Screenshot facebook.com

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