Liebe Erwachsene, fangt endlich an, FridaysForFuture ernst zu nehmen!

Gefährlicher Nonsens

Es gibt diverse Ressentiments gegenüber dem #FridaysForFuture-Movement. Schüler*innen würden nur an den Demos teilnehmen, um nicht in die Schule zu müssen, mächtige Organisationen zögen die Strippen & eigentlich haben die ja alle gar keine Ahnung. Gefährlicher Nonsens.

Viele dieser Einlassungen sind so blöd, dass es nicht lohnt, sich damit näher zu befassen (siehe die Verunglimpfung als „Langstreckenluisa“ in Bezug auf Luisa Neubauer, eine der Initiator*innen aus Deutschland). Bei anderen ist ein detaillierter Blick durchaus gewinnbringend.



Die Greta-Verschwörung?

Dunkle Mächte würden ‚Fridays for Future‘ steuern, hinter Greta Thunberg stecke ein mächtiger Mentor, der ihr die Reden schreibe & die Inhalte einflüstere. Hierbei handelt es sich klassisch um verschwörungsideologisches Denken, das einhergeht mit einem generellen Ressentiment gegenüber jungen Menschen in der Erwachsenengesellschaft. Aufgrund ihres Alters seien sie nicht in der Lage, komplexe Zusammenhänge zu verstehen. Weswegen nicht sein könne, was ist.

Nämlich dass sich junge Menschen gerade massiv selbstorganisieren, um ihre Stimme zu erheben. Und weil die Bewegung eben selbst nicht in der Lage sei, diese Form von Organisiertheit, die tatsächlich beeindruckend ist, sowie die inhaltliche Substanz an den Tag zu legen, die ihre Sprachrohre verkörpern, müsse dahinter eine wie auch immer geartete dritte Macht stecken.

Mit dem „Argument“, junge Menschen seien „noch nicht in der Lage, komplexe Zusammenhänge zu verstehen“, werden zahlreiche Diskriminierungen begründet, wie z.B. der kollektive Ausschluss einer ganzen Generation vom Wahlrecht. Wobei dieses Argument für Erwachsene nicht gilt, die nachweislich nicht in der Lage sind, komplexe Zusammenhänge zu verstehen.

Ageismus

Axel Voss, Erika Steinbach, niemand käme auf die Idee, ihnen das Wahlrecht abzuerkennen, und das ist gut so. Dennoch wiegt dieses Schein-Argument schwer. In Deutschland leben 2,4 Millionen 15-17-Jährige. Zum Vergleich: Mit 2,87 Mio. Stimmen holte die CSU bei der letzten Bundestagswahl knapp 6,2%. Wären die 15-17-Jährigen, die derzeit von vielen Wahlen ausgeschlossen sind, eine eigene Partei, sie zögen in den Bundestag ein. Es geht hier also nicht um Popanz, sondern um Viele.

Es gibt sogar einen eigenen Begriff für die Diskriminierung allein aufgrund des Alters: ageism. Im Zusammenhang mit der Debatte um ‚fridays for future‘ lassen sich, auf der Seite der Kritiker*innen, Positionen zwischen Paternalismus („Schön, dass ihr euch engagiert, ganz fein aber lasst das bitte mal die Profis machen, wir erklären euch jetzt mal, wie und wann ihr zu demonstrieren habt“) und ageism attestieren. Auf die Idee, dass junge Menschen über ein Selbstbewusstsein, Wissen und eine eigene Stimme verfügen, kommen viele Kritiker*innen nicht.

#DieseJungenLeute

In Magdeburg schaue ich mir von Anbeginn solidarisch und unterstützend an, was die Bewegung hier macht, helfe ab und zu mal als Ordner bei den Demonstrationen aus. Was #diesejungenleute eigeninitiativ auf die Beine stellen, ist vom Organisationsgrad auf sehr hohem Niveau. Es gibt im Wochentakt Treffen, mindestens alle zwei Wochen wird eine Demonstration mit mehreren hundert Teilnehmer*innen durchgeführt. Es gibt für normale Verhältnisse sehr viele Redebeiträge, die zum Teil unheimlich scharfsinnig, tiefgründig sind, fast alle von Jugendlichen.

Die Öffentlichkeitsarbeit ist intuitiv-professionell, alle relevanten Plattformen werden bespielt. Die Akteur*innen der lokalen Gruppe schlagen sich auf Augenhöhe beim MDR-Live-Format ‚Fakt ist!‘, besuchen Stadtrats-Sitzungen, um dort mit dem Oberbürgermeister zu diskutieren. Jede*r, der*die schon mal eine Demonstration organisieren wollte, weiß, wie verdammt anstrengend und aufwändig das ist. Die Schüler*innen vor Ort machen das alles in ihrer Freizeit. Ohne „dunkle Mächte“ oder Strippenzieher*innen im Hintergrund und ohne finanzielle Mittel.

Liebe Erwachsenenwelt, du musst vielleicht einfach damit klar kommen, dass diese jungen Leute, von denen du in Sonntagsreden immer palaverst „dass sie zu kritischen Wesen erzogen werden sollen“, genau das eben sind. Kritische Wesen, die nicht zufrieden sind mit deiner Arbeit.

Hier zum Originalbeitrag

Es gibt diverse Ressentiments gegenüber dem #FridaysForFuture-Movement. Schüler*innen würden nur an den Demos…

Gepostet von Robert Fietzke am Sonntag, 31. März 2019

Text: Robert Fietzke. Artikelbild: Verena Vogt, Volksverpetzer

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Väter von Unterhaltszahlungen zu befreien, die meistens nicht geleistet werden, ist Schwachsinn

Der Vater meiner Tochter weiß nicht ,was sie in der Schule lernt.

Oder wer ihre Freunde sind und dass sie unbedingt Harry Potter lesen möchte. Er weiß nicht, dass wir morgens auf dem Schulweg nach niedlichen Hunden Ausschau halten müssen. Dass sie das Hörspiel vom kleinen Wassermann abends zu gruselig, aber tagsüber schön findet, und dass gekrempelte Hosenbeine die uncoolste Elternerfindung der Welt sind.

Das Alles und viel mehr weiß er nicht, weil er nach der Trennung, wie tausende andere Väter auch, keine Verantwortung übernommen hat. Ich habe versucht, ihn in das Leben und die Erziehung meiner Tochter mit einzubeziehen. Das Jugendamt und zwei weitere Beratungsstellen, Freunde, Verwandte – keiner konnte ihn dazu bringen, ein verlässlicher Vater zu sein. Ich habe argumentiert, gebeten, gedroht, gebettelt, Nichts hat geholfen.



Leben ohne Vater

Ich bin seit 6 Jahren alleinerziehend und mein Problem war nie mein Status, wirklich nie. Was problematisch ist, sind meine finanzielle Situation (denn der Vater zahlt keinen Unterhalt), mein Tageszeitlimit von 24 Stunden (denn ich bin berufstätig und studiere) und, am allerschlimmsten, der Schmerz meiner Tochter über den abwesenden Vater. Ich kann ihr diesen Schmerz nicht nehmen. Und das ist wohl das frustrierendste, was ich jemals erlebt habe.

Wie viele Stunden ich schon mit aufgelöstem Kind im Arm verbracht habe, kann ich gar nicht mehr zählen. Wahrscheinlich genauso oft, wie meine Tochter als fast einziges Kind immer noch mal zurückschaut und winkt, bevor sie in die Schule läuft. Damit sie weiß, dass ich noch da bin. Versteht mich nicht falsch, ich will nicht bemitleidet werden. Unser Leben ist gut, wir sind glücklich, die Tochter lebt mit dem sporadischen Vater mittlerweile meistens ganz gut. Bei uns ist es ruhig und wir geben uns ein Zuhause.

Der Giffey-Vorschlag ist ein Schlag ins Gesicht

Dafür habe ich aber hart gearbeitet und diese Situation haben meine Tochter und ich uns erlitten, um es mal so drastisch auszudrücken, wie es ein paar Jahre war. Und genau deshalb bin ich fassungslos, wenn ich höre, dass Franziska Giffey Väter entlasten will. Es gibt da einfach Nichts zu entlasten. Christine Finke und Mia e.V. haben eine Stellungnahme veröffentlicht (Hier), aus der deutlich wird, dass 75% der Kinder von getrennt lebenden Eltern gar keinen oder zu wenig Unterhalt erhalten.

In Anbetracht dieser (bekannten) Zahlen ist das Statement Giffeys einfach nur ein Schlag ins Gesicht jeder Alleinerziehenden*. Wir haben andere, echte Probleme, wie Kinderarmut und Diskriminierung von Frauen und Müttern, siehe Gender-Paygap etc. Vätern jetzt auch noch von Unterhaltszahlungen zu befreien DIE MEISTENS NICHTMAL GELEISTET WERDEN ist also kompletter politischer Schwachsinn, der nur dazu gedacht ist, Wählerstimmen zu kriegen und dabei Kinder und Mütter als Kollateralschaden einfach verbrennt!

Text: Lena (), hier ihr Original-Thread auf Twitter. Artikelbild: Screenshot twitter.com

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Bye bye Trump-Fans, Brexiteers & AfDler: Warum ich nicht mehr mit euch diskutiere

Adieu, AfD. Tschüss, Trump. Bye bye, Brexiteers

Ich verabschiede mich nun aus dem Diskurs in Twitter. Das fällt mir nicht leicht, immerhin habe ich mich mit Euch über zwei Jahre hinweg auseinandergesetzt. Manchmal witzig, manchmal ernsthaft, manchmal geistreich, und selten, wenn Ihr mich zu sehr ärgertet, auch einmal ärgerlich oder polemisch.

Ich ließ es mir nicht nehmen, Eure Anliegen, Eure Missverständlichkeiten, Eure Frechheiten, Eure Lügen, ebenso aber auch die Punkte, an denen ich Euch durchaus verstehe, zu kommentieren.

Anfang der Woche habe ich nun etwas für mich spannendes gemacht: ich habe die gesamten Tweets der letzten zwei Jahre an Euch gelöscht. Ratzeputz. Alles weg. Ich fühlte mich dabei zwiegespalten.



In Friedenszeiten einen Krieg gegen eine friedvolle Gesellschaft

Auf der einen Seite halte ich es für sehr wichtig, dem Quatsch, den Ihr so produziert, zu widersprechen. Aufzuzeigen, wie emotional, wirtschaftlich, politisch ungesund und – ja – seelenverletzend Eure Äußerungen sind. Ihr führt in Friedenszeiten einen Krieg gegen eine offene und friedvolle Gesellschaft. Und so müssen wir uns alle – jeder, dem Freiheit und Respekt vor den Menschen ein Anliegen ist – zur Wehr setzen, und unsere durch Euch in Frage gestellten Werte verteidigen.

Auf der anderen Seite ist es nur konsequent, zu gehen. Zum einen erhöhe ich – durch Widerspruch – euren Traffic in den Sozialen Medien. Mit jedem Tweet bringe ich Euch ins Gespräch. Es ist so, als würde ich die Bild-Zeitung für gefährlich halten, und jeden Morgen die neue Ausgabe kaufen, um mich darüber zu ärgern. Das Blatt selbst würde mich dann buchhalterisch als treuen Kunden schätzen.

Es gibt aber noch einen zweiten Grund. Es tut mir gut. Über die Jahre gewann ich einen umfassenden Eindruck von Euch – ja, Ihr habt mich mit Euren Themen, Euren Problemen und Eurer Emotionalität wirklich berührt.

Meine Idee war ein Stück weit, Euch ebenso im Herzen oder im Intellekt anzusprechen. Leider scheine ich niemanden von Euch so recht erreicht zu haben. Woran mag das liegen?

Vielleicht leben wir, so meine Wahrnehmung, in völlig verschiedenen Welten?

Meine Welt ist offen für Unbekanntes und Fremdes. Die größte Freude ist es in meiner Welt, Neues zu entdecken, andere Menschen kennen zulernen, andere Gedanken und Einstellungen zu verstehen, sie nachvollziehen zu können und auch für sich zu bewerten. (Deshalb fand ich auch die Konversation mit Euch ausgesprochen interessant.)

In Eurer Welt macht alles Fremde Angst. Gut ist, was ihr kennt, böse ist, was Euch fremd ist. Die Frage, ob Jedi oder Sith, beantwortet Ihr anhand der Haar- und Hautfarbe, nicht anhand der Gesinnung der Herzen. Mexikaner, Nordafrikaner und die EU bedrohen Euch.

In meiner Welt gibt es viele Probleme. Wir erkennen sie als Herausforderung und wachsen daran, ihnen zu begegnen und Lösungen zu finden. Das gelingt nicht in jedem Fall, aber doch oft genug. Unser Weltbild ist immer ein hoffnungsvoll-optimistisches, und dem verdankt sich letztendlich unser aller Wohlergehen und Wohlstand.

In Eurer Welt gibt es ebenso viele Probleme. Ihr gebt jedoch anderen, zum Beispiel Mexikanern, Muslimen oder EU-Europäern, die Schuld an allem, und beklagt Euch. Und Ihr geht daran, Mauern zu bauen, Staatengemeinschaften aufzukündigen oder Menschen abzuschieben. So wird zwar kein einziges Problem gelöst, Ihr seid aber aus der persönlichen Verantwortung heraus, Euch selber für Euch selbst anstrengen zu müssen.

Das „Gesunde Misstrauen“

In unserer Welt ist es eine der wichtigsten Aufgaben, Freunde und Partner zu finden, um sich gegenseitig Unterstützung, Hilfe und Zusammenarbeit zuzusagen. So suchen wir, im Kleinen wie im Großen, Größeres zu bewältigen – bis hin zur Lösung globaler Herausforderungen und Konflikte. Grundwert im gemeinsamen Miteinander ist bei uns gegenseitiges Vertrauen.

In Eurer Welt ist es eine Tugend, sich abzuschotten, gegen Gefahren abzusichern, in nationalen Kategorien akute Themen zu bearbeiten, und im klein-klein das eigene Wohlständle abzusichern. My home is my castle. Eure Grundtugend nanntet Ihr in einer Antwort an mich „gesundes Misstrauen“, das nötig sei.

Wir sind Patrioten – wir lieben unser Heimatland, wir engagieren uns haupt- und ehrenamtlich für ein gutes Zusammenleben, wir halten unsere Straßen sauber, unsere Parks und Gärten gepflegt. Weil wir unsere Heimat lieben, schätzen wir auch die Welt. Wir reisen, um zu lernen und zu erleben. Wir reisen, um zu arbeiten, wir sind gleichsam Patrioten und Weltbürger.

Ihr seid Patrioten – ihr liebt unser Heimatland, Ihr engagiert Euch haupt- und ehrenamtlich, Ihr haltet unsere Straßen sauber, unsere Parks und Gärten gepflegt. Weil Ihr unsere Heimat liebt, schützt Ihr sie vor der Welt. Ihr reist als Touristen, lasst Euch in Hotels bedienen und kommt zurück nach Hause als Fremde der Fremde.

Die Lüge als Mittel zum Zweck

In unserer Welt wird manchmal gelogen. Wer lügt, tut alles dafür, die Lüge zu verbergen. Denn unser achtes Gebot verbietet es, zu lügen. Unser Anspruch ist Aufrichtigkeit. Lüge und Täuschung sind Sünde. Wer nicht lügt, wird ernst genommen. Wer lügt, wird mit Argwohn bedacht.

In Eurer Welt wird gelogen. Bei Euch ist die Lüge Mittel zum Zweck. Ihr versprecht Euren Wählern den Himmel auf Erden und spaltet böse Eure Nation. Menschen, die Euren Lügen glauben, stehen denen unversöhnlich gegenüber, die die Welt differenzierter sehen wollen. Werdet Ihr auf Eure Lügen angesprochen, lenkt Ihr mit weiteren Ungeheuerlichkeiten vom Thema ab.

Jeder, der den Lügen nicht glaubt, wird als Remoaner, The Swamp oder linksgrünversifft verhöhnt. Und wer Euch die Lüge nachweist, mit Schlachtrufen wie „Lügenpresse!“ selbst der Lüge bezichtigt. Und so fügt Ihr Euren Lügen noch weitere Verleumdung hinzu. Und so kommen wir zum wohl tragischsten Unterschied unserer Welten.

Immer dieselben Phantasien und Phrasen

In unserer Welt beziehen wir Stellung gegenüber Meinungen, die wir nicht teilen. Dabei achten wir diejenigen, die diese Meinungen vertreten. Und gehen offen, aber fair mit ihnen um. Zumindest ist das unser Anspruch, dem wir zugegeben auch nicht immer gerecht werden.

In Eurer Welt gibt es keinerlei Respekt gegenüber dem als ‚Gegner‘ identifizierten Gegenüber. Ihr wähnt Euch in einem Krieg. Ihr seid Täter, und richtet Euch gleichsam in der Opferrolle häuslich ein.

Ich habe vieles von Euch gelernt, aber nach zwei Jahren lerne ich nichts neues mehr von Euch. Immer dieselben Phantasien und Phrasen. Monoton nunmehr für mich Eure Themen, Eure Argumente, Eure Sorgen, die Ihr immer noch nicht gelöst habt. Euer Gejammer, das zum Beispiel jeden Investor davon abhält, sich in Eurer Nachbarschaft niederzulassen, um Arbeits- und Ausbildungsplätze zu schaffen. (Zu groß für ihn die Gefahr, selbst Opfer Eurer Sprüche und Ablehnung zu werden.) Ihr wirkt auf die Dauer leider einfach nur langweilig. Die Aufreger von gestern haben sich heute abgenutzt.

Versteht mich bitte nicht falsch: ich unterstelle niemandem persönlich, in dieses Raster zu fallen. Tatsächlich glaube ich auch nicht, dass es so trennscharf beide Welten überhaupt gibt. Jeder mag sich selbst einmal hier und einmal dort einordnen, ich nehme mich selbst da nicht aus. Was ich skizzierte, sind Muster, die sich so in meiner Wahrnehmung über die Jahre, in denen ich mich mit Euch auseinandersetzte, spiegelten.

So hatte ich mit Trump-Fans, Brexiteers und AfDlern oft auch sehr gute Gespräche, für die ich Euch wirklich danke.

Warum ich mich verabschiede

Jetzt aber ist es für mich an der Zeit und nur konsequent, mich zu verabschieden. Ihr werdet mir ein wenig fehlen: Eure manchmal sachlichen, häufiger aber bösen Rückmeldungen, Eure Beleidigungen, die animierten Gifs, in denen irgendwelche Serientussies und -typen ihre Augen verdrehen, die Aufnahme meines Profils in Listen die da heißen „Linksgrünversiffte Spackos“, Eure Bedrohungen und Geschmacklosigkeiten und all die Tweets unter falschen Namen, hinter deren Anonymität Ihr Euch versteckt. Ihr habt mir Einblick in einen zweifelsohne nur partiellen Teil Eures Seelenlebens gewährt, neben dem – davon bin ich überzeugt – die fürsorgliche, freundliche und ehrliche Seite Eurer Persönlichkeit nur darauf wartet, entdeckt zu werden.

Und damit komme ich zum eigentlichen Grund des Abschlusses meiner Konversation mit Euch. Das Eintauchen in Eure Welt ist ein Eintauchen in Eure Welt. Eine Welt voller Häme, Abwertung, Bosheit. Das lasse ich jetzt hinter mir. Böse Gedanken färben ab. Böses gebiert nur Böses. Und deshalb verabschiede ich mich nun.

Viel Spaß beim „Gewinnen“

Ich schaue dabei zu, wie Ihr Brexiteers ‚gewinnt‘ und Euer großes Britannien in die Provinzialität führt. Ich werde zusehen, wie alles Übel, das Ihr Trump-Fans über Euer Land bringt, alle Häme und alle Bosheit Eures Präsidenten, auf die lange Sicht auf ihn und Euch selbst zurückfallen.  Euch Hetzer der AfD lasse ich nun hetzen: Ihr verletzt Euch selbst am meisten, und ich kann Euch da nicht vor bewahren.

Ich verabschiede mich aus Eurer Welt. Es ist befreiend, Euch zurückzulassen. Es tut mir gut, mit Euch nichts mehr zu tun zu haben. Und macht mein Leben reicher.

Es erleichtert mich, in einem letzten Schritt nun noch Euch alle, die ich geblockt habe, noch abschließend zu entblocken. Für mich tretet Ihr damit aus meiner Welt. Und ich bin davon überzeugt, dass Ihr Euch in der Welt meiner Nachbarschaft eben sowenig auf Dauer werdet halten können. Denn:

Ich glaube an die Selbstheilungskräfte der Menschlichkeit.

Ich glaube daran, dass es ein Geschenk ist, die Begriffe ‚gut‘ und ‚Mensch‘ gemeinsam zu denken.

An das Seiende, das Wahre, das Gute, das Eine und das Schöne.

Ich glaube an die Klugheit, die Weisheit, die Gerechtigkeit und die Mäßigung,

Ich glaube an Glaube, Hoffnung und Liebe.

Adieu, AfD. Tschüss, Trump. Bye bye Brexiteers.

Autor: Jörg P. Belden, Theologe. Blogger. Bildungsreferent. Hier seine Website. Artikelbild: file404, shutterstock.com

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Sorgenboy: Diese herzliche Anleitung fürs Leben wird tausende Mal geteilt

An eigentlich alle:

0 – 7:

Lernt laufen. Lernt sprechen, klettert auf Bäume. Und hört nicht immer auf die Erwachsenen.
Rettet Regenwürmer und lernt, nett und offen zu sein.

Dann ist das Leben auch nett zu euch – und euch stehen viele Türen offen. Ach ja: Zähne putzen nicht vergessen. Und steckt euch bitte keine Erbsen in die Nase.

7 – 14:

Werdet groß, geht viel raus. Wälzt euch im Matsch und lernt, Menschen zu unterscheiden.
Nicht in „fremd“ und „von hier“, sondern in dumm (schlecht, bescheuert, fies) und schlau (nett, witzig, herzlich).

Legt ab und zu auch mal das Smartphone zur Seite und lest Bücher. (Die Dinger mit den Papierseiten.)
In ein ganz paar Jahren seid ihr die wichtigsten Leute, die wir haben, die Erwachsenen kriegen es nämlich nicht mehr so richtig hin. Da ist es wichtig, dass ihr schlau seid.



15 – 21:

Hormone sind cool. Knutschen ist cool. Faul rumliegen ist supercool. Erwachsene labern nur Schrott und nerven. Stimmt, oder? Macht es doch einfach besser.

Schmiedet Pläne, probiert aus (Ausnahme: harte Drogen, Banküberfälle, Castingshows). Guckt nicht so viel YouTube, macht nicht so viele Selfies (wie die ganzen Erwachsenen, die das eigentlich nur machen, um sich jung zu fühlen.)

Färbt euch die Haare lila, lasst euch tätowieren.
Macht, was ihr wollt: Geht studieren oder geht auf den Bau zum Arbeiten. Versucht aber, möglichst viel Wissen mitzunehmen.

Seid kritisch, gern auch oberkritisch.

Aber geht auf jeden Fall wählen, wenn Wahlen anstehen.
Egal, ob CDU, SPD, Grüne, DIE PARTEI, FDP oder die Eichhörnchenpartei. Aber auf keinen Fall die AfD, die NPD oder irgendeinen anderen rechtspopulistischen Schrott. (Die CSU also auch nicht.) Wenn ihr denkt, dass es besonders lustig und rebellisch ist, die AfD oder die NPD oder etwas in der Art zu wählen, gebt beiden euer Kreuz.

Und besucht auf jeden Fall mal eine KZ-Gedenkstätte. Das hilft zu verstehen.

22 – 30:

Wenn ihr nicht schon längst bei euren Eltern ausgezogen seid, zieht endlich aus. Macht euer eigenes Ding.

Lebt doch vielleicht mal ein paar Monate in einem anderen Land, egal ob Dänemark, Simbabwe oder Großbritannien.

Bekommt mal einen anderen Blick auf Deutschland – lernt zu schätzen, wie gut es uns allen hier geht. (Nämlich verdammt gut.)

Wenn ihr Karriere machen wollt, macht Karriere. Seid aber trotzdem so nett, den Leuten hinter euch die Türen aufzuhalten.

Werdet keine miesen Arschlöcher.

Und geht auf jeden Fall wählen, macht euer Kreuz aber auf keinen Fall bei der AfD oder der NPD. Auch wenn das in der Gegend, in der ihr lebt, gerade sehr angesagt ist.

31 – 44:

Lust auf eine eigene Familie? Dann macht Kinder – am besten ganz viele.
Keine Lust auf Familie? Dann eben keine Kinder.

Ob mit oder ohne: Gebt euer Wissen weiter. Alles. Engagiert euch.
Seid nett zu anderen Menschen auch wenn ihr eigentlich knurrige Misanthropen seid.
Seid tolerant auch wenn ihr Spießer seid. Seid offen. Und empathisch.

Und lernt zu schätzen, dass es euch, denen es eigentlich an nichts fehlt, auch ohne einen klatschneuen MINI Clubman, eine top-Bikinifigur oder ein VIP-Event mit Schnittchen und Prosecco ganz schön gut geht.

Zum Beispiel, weil ihr eine Stimme habt, mit der ihr etwas bewegen könnt. Geht also bitte wählen. Und denkt vielleicht mal über einen Organspendeausweis nach.

45 – 50:

Verzichtet auf Botox und Silikon. Verzichtet aber nicht auf Denken und Handeln.
Mischt euch ins Leben ein, helft anderen Menschen. (Z.B. einkaufen gehen für die Omi aus dem 4. Stock oder einer Flüchtlingsfamilie Deutsch beibringen). Helfen ist superwichtig – irgendwann braucht ihr auch mal Hilfe.

Guckt euch mal im Spiegel an – wenn aus Falten Schrammen werden, ist es nicht mehr weit bis zum künstlichen Hüftgelenk.

Macht Sport, habt Freunde, habt eine Leidenschaft. Ihr seid extrem wichtig, denn ihr seid genau in der Mitte des Lebens – und in der Mitte der Gesellschaft.

Informiert euch, redet mit Leuten, die jünger sind als ihr und mit welchen, die älter sind. Bewegt was. Hört den Kinder zu. Und redet bitte nicht von „früher war alles besser“. Dafür seid ihr viel zu jung.
Sorgt lieber dafür, dass auch in Zukunft alles besser sein kann. Geht also wählen.

51 – 65:

Herbst des Lebens. Na gut, Spätsommer.

Die Sonne geht aber jetzt schon deutlich früher unter als noch vor ein paar Jahren. Und der Rücken schmerzt.

Egal, ihr seid noch voll dabei.

Genießt es. Geht überteuert essen, macht Urlaub auf dem Schiff. Freut euch auf die Rente.

Geht mindestens einmal im Monat mit euren Freunden los und lasst es krachen. Aber so richtig. Wie früher. Am besten, ihr lasst euch von euren Kindern von Parties abholen. (Sanfte Rache: kotzt euren Kindern das Auto voll.)

Ihr könnt machen, was ihr wollt – aber engagiert euch bitte und geht wählen. Ihr seid wichtig – und das Kreuz an der richtigen Stelle ebenfalls.

66+:

Zeit. Endlich. Genießt es. Wenn ihr Großeltern seid, seid es zu 100 Prozent. Legt euch zu euren Enkeln auf den Fußboden und spielt stundenlang Lego.

Und erklärt euren Enkeln, wie Leben geht. (Eure Kinder haben dafür wahrscheinlich keine Nerven).
Erklärt euren Enkeln auch, was im Leben wichtig ist. Nämlich nett zu Menschen sein, den Leuten, die hinter einem sind, die Türen aufzuhalten und Regenwürmer retten.

Ach ja: Und bitte auf jeden Fall wählen gehen.

Und wenn ihr richtig gut drauf seid, steckt ihr euch ab und zu mal eine Erbse in die Nase.

Geschrieben habe ich das exakt vor drei Jahren. Ich wurde gerade freundlicherweise auf diesen Text aufmerksam gemacht. Und teile ihn einfach nochmal – denn irgendwie ist er immer noch aktuell.

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Originalbeitrag hier, Artikelbild: WAYHOME studio, shutterstock.com

Sorgenboy, Gastbeitrag „Sorgenboy ist das Liegerad der deutschen Unterhaltungsindustrie: Ein hässliches Nischenprodukt, das niemand haben will. Kennt Gegenwind und fährt auch bei schlechtem Wetter.“ Hier auf Facebook.

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Die Zahl der Neonazis reduzieren – Strategien & Probleme von Aussteigern

Perspektive oder Spießroutenlauf – was folgt auf den Ausstieg?

Gibt ein über Jahre aktiver Neonazi seinen Ausstieg öffentlich bekannt, beginnen die immer selben Debatten: Manche lesen und glauben die resultierenden Geschichten gerne, geben sie doch Mut, die inhaltliche Auseinandersetzung mit Rechtsradikalismus weiter zu vertiefen. Ein Erfolgserlebnis in einer schwierigen gesellschaftlichen Entwicklung. Andere mahnen und warnen: Wer quasi „gestern noch ein Nazi“ gewesen sei, könne nicht schon heute als positives Beispiel gelten – auch, wenn es nur um den Ausstieg an sich geht.

Unter den ehemaligen Kameraden mischen sich unterdessen Wut und Enttäuschung, bei Einzelnen löst der Verlust des Aktivisten oder Freundes aber auch eine erste weltanschauliche Verunsicherung aus. Ein kritisches Hinterfragen des Ganzen müssen die Protagonisten dabei aushalten und es ist auch erwünscht, dieses sensible Thema in jedem Falle kritisch zu prüfen – solange dabei nicht in Vergessenheit gerät, was ein Ausstieg eigentlich ist und nicht zugelassen wird, dass Rückwege verbaut werden.

Dieser Artikel soll eine Innenperspektive zeichnen, unser Verständnis von Ausstieg vermitteln, sowie auf Probleme und Kritik im Zusammenhang mit Bildungsveranstaltungen aufmerksam machen. Wir, die Verfasserinnen und Verfasser, sind Teil des AKTIONSKREISEXIT-Deutschland (AK), überwiegend also ehemalige Neonazis.

Immer wieder werden Ausgestiegene mit teils abstrusen Erwartungshaltungen konfrontiert. Häufig sind diese orientiert an Parametern, die selbst mit Ressentiments bzw. streng-ideologischen Grundsätzen behaftet sind. Wer diese Normen aber festlegt und ob diese wirklich maßgeblich für einen glaubhaften Ausstieg sein müssen, ist nur selten klar. Den einzig richtigen und wahrhaften Weg zum Ausstieg gibt es nicht. Was es hingegen gibt, ist die Evaluation von Initiativen oder Institutionen, die mittels nachvollziehbarer und bewährter Methoden bewerten können, ob und wie weit Ausstiegsprozesse geeignet erscheinen, mit einer Ideologie und einer Weltanschauung zu brechen. Die einzelnen Fälle sind dabei individuell so komplex, wie es die Diversität der betreffenden ausstiegswilligen Menschen eben erfordert.



„Aussteigervortrag“: Selbstdarstellerische Freakshow oder authentische Zeitzeugengespräche mit nachhaltiger Wirkung?

Besonders hitzig wird die sogenannte authentische Präventions- und Distanzierungsarbeit von Aussteigern an Schulen und anderen pädagogischen Einrichtungen diskutiert – also autobiografisch geprägte Vorträge. Während die einen gar von „Freakshows“ mit emotional übersteigerten „Inventing Stories“ reden, also Glaubwürdigkeit und Nutzen vorab absolut verneinen, verbindet die überwiegende Mehrheit derer, die z.B. als Pädagogen, Multiplikatoren der Jugendarbeit oder zivilgesellschaftliche Akteure real betroffen sind, die nachhaltige Sensibilisierung mit anwendbaren Handlungskompetenzen durch die Erfahrungen und transparenten biografischen Ausführungen.

Zunächst müssen sich alle Beteiligten – der/die Vortragende, aber auch die jeweiligen Organisatoren – darüber im Klaren sein, dass es sich bei den autobiografischen Aspekten eines solchen Vortrages lediglich um ein subjektives Fallbeispiel handeln kann. Diese haben durchaus ihre Daseinsberechtigung und können richtungsweisend sein, unter Umständen sogar essentiell: Etwa in der Frage nach der Einstiegsmotivation erleben Ausstiegsbegleitende durchaus gewisse Muster, die sie als typisch für eine Mehrheit der Ausstiegswilligen beschreiben würden. Eckdaten, wie z.B. junges bzw. jugendliches Alter, Wut auf das System oder die Berührung mit subkultureller Propaganda in Form von sogenanntem Rechtsrock ebneten häufig den Weg zur späteren, umfassenden Radikalisierung.

Niemals wird dieser eine Ausstieg als passende Schablone für andere Fälle funktionieren können, hierfür sind einzelne Strukturen – sowohl in der Ansprache der meist jugendlichen Einsteiger, als auch im Verhältnis zu offensiver Gewalt und „Bestrafung“ von Ausstiegen – zu unterschiedlich. Die frühe Sozialisation in der Szene ist oftmals für die spätere Entwicklung von Bedeutung, was auch unmittelbare Folgen auf den Ausstieg haben kann. Will heißen: Jemand, der sich schon beim Einstieg vor allem für möglichst brutale Gewalt und eine furchteinflößende Drohkulisse interessierte, wird sich wohl auch zum Zeitpunkt der Ausstiegsplanung am ehesten in einem entsprechend militanten Umfeld wiederfinden, indem das Verhältnis zur Gewalt zwar der Ideologie nach dasselbe wie in anderen Gruppen ist, es aber erheblich offener gelebt wird.

die offene Verfolgung von „Verrätern“

In diesen Gruppierungen macht man sich keine Mühen, durch möglichst wenig radikale/militante Aktionen aufzufallen und auch die offene Verfolgung von „Verrätern“ ist hier in der Regel weniger subtil, als in anderen Strömungen. Jemand, der sich hingegen etwa gerade über klassische Fangthemen wie „soziale Gerechtigkeit“, „Antikapitalismus von Rechts“ etc. durch eher demonstrations- und diskursorientierte Kreise angesprochen fühlte und / oder der beliebten Hypothese folgte, nach der man als Nationalsozialist zu den „einzig friedlichen“ in einer gewalttätigen Gesellschaft gehöre, wird typischerweise eher in hochgradig ideologisierten Kreisen landen und vielleicht missionarisch wirken. All dies ist auch in die Bewertung der Einschätzungen der / des Vortragenden einzubeziehen. Der Vortrag ist also nicht als alleinstehende Maßnahme der politischen Bildung zu verstehen – vielmehr werden bei dieser Aufgabe beispielsweise Lehrkräfte mit der ethisch-politischen Botschaft eines Zeitzeugen unterstützt.

Nicht kontextlos umsetzen

Im Idealfall wird die Darbietung sinnvoll in den Lehrplan eingebaut und entsprechend vor- und (vor allem!) nachbereitet. In jedem Fall darf sie nicht völlig kontextlos, quasi als nette anekdotenhafte Erheiterung oder Belehrung verstanden und umgesetzt werden. Dafür ist das Thema zu brisant und die Zeit aller Beteiligten zu schade. Schlimmer noch: In einem solchen Fall kann gar ein Faszinosum für einzelne, meist junge, Zuhörerinnen und Zuhörer entstehen, womit jedes ursprünglich positive Ziel ins Gegenteil transferiert wäre. Was allen bewusst sein sollte: Es ist und bleibt eine verantwortungsvolle Aufgabe- für alle Beteiligten.

Die Aussteigerinnen und Aussteiger, die bei EXIT-Deutschland in den letzten Jahren Unterstützung für ihre eigene Deradikalisierung fanden, kommen aus unterschiedlichen Strömungen der rechtsradikalen Szene. Klar dominieren aktivistisch orientierte und bundesweit relevante Gruppen. Doch auch parlamentarisch strategische sowie regionalspezifische Phänomenbereiche gehören dazu. Niemand kann für alle möglichen Szenarien im Innenleben der extremistischen und radikalen Lebenswelten sprechen. Es handelt sich immer nur um die (authentische) Betrachtung aus der Sicht dieser Person. Um nicht mehr, aber eben auch nicht weniger. Mehr zum Thema sowie Dos and don’ts of involving formers in PVE/CVE work.

„Der macht sich nur wichtig“ – Ausgestiegene in der Öffentlichkeit.

„Der Berufsaussteiger, der vom Saulus zum Paulus wurde, will uns nun die Welt erklären? Hätte er doch besser mal in der Schule aufgepasst – Dann müsste er sich nun nicht in den Mittelpunkt drängen und sein Leben mit Buchverkäufen oder Talkshowauftritten finanzieren.“

Viele dieser Vorwürfe sind Ausgestiegenen alles andere als fremd. Aus der Außenperspektive mag dies manchmal so erscheinen, für Einzelfälle auch unter Umständen teilweise zutreffend sein – Der Antrieb des AKTIONSKREIS und vieler anderer Menschen, die Versuchen, mit biografisch untermauerten Ansätzen auf die Gefahren von Radikalisierung hinzuweisen, ist ein völlig anderer.

So sind gesamtheitlich betrachtet nur relativ wenige Ausgestiegene mit ihrer Geschichte tatsächlich in der Öffentlichkeit – was sowohl mit der persönlichen Entwicklung im Prozess, als auch mit der Einschätzung der jeweiligen Fallbetreuer zu tun hat. Insbesondere die Gefährdungslage lässt dies bei Weitem nicht in jedem Fall zu. Bei denjenigen, die sich für diesen – durchaus zukunftsweisenden – Schritt der öffentlichkeitswirksamen Distanzierung entschieden haben, wird zudem nicht selten von allen Seiten eine potentiell ehrbare Motivation mit den sich stets wiederholenden Vorwürfen einer „Profilierungssucht“ von der Hand gewiesen. Auch hier mag es Fälle geben, die diesen Anschein wecken.

die „Flucht nach Vorne“

Dennoch erlauben wir uns an dieser Stelle die Frage, ob mit dieser temporären und zielgruppenorientierten Bekanntheit, die sich in jedem Falle auf das Scheitern eines Lebensentwurfes, auf Fehler und Irrtümer, man könne gar sagen auf ein Totalversagen reduziert, wirklich eine erstrebenswerte Wahrnehmung erreicht wäre? Die an diesem Artikel mitwirkenden Autorinnen und Autoren beschreiben die Folgen der öffentlichen Wahrnehmung als mindestens „langfristig belastend“. Für viele ist die „Flucht nach Vorne“ einer der Hauptkatalysatoren für den Schritt in die Öffentlichkeit gewesen – die Bekanntheit „als Neonazi“ war und ist zu diesem Zeitpunkt zu groß gewesen und nur durch nachvollziehbare Statements und Engagement ist dem etwas entgegenzusetzen. Zudem wird in einem ideal verlaufenden Ausstiegsprozess auch die Verantwortungsübernahme immer präziser. Man hetzte in einer Art und Weise andere auf, dass man sich vielleicht verantwortlich fühlt, argumentative Schadensbegrenzung zu betreiben.

Der Vorwurf des „Berufsaussteigers“

Zudem sind auch wir als Verfasserinnen und Verfasser dieses Artikels nie unpolitisch gewesen. Dies gilt für eine nicht unerhebliche Zahl anderer Ausgestiegener ebenso. Auch wenn wir elementar menschenverachtende, freiheitseinschränkende und historisch grundlegend falsche, diskreditierte Ideologien und Denkmuster vertreten haben. Selbstredend sind wir auch nach unserem Ausstieg politik- und gesellschaftskritische Menschen, die vielleicht gerade aufgrund ihrer biografischen Polarisierung auf Probleme einwirken möchte, respektive verweisen können. Aus dem einstigen Drang zu missionieren entwickelte sich die aktive Übernahme von Verantwortung mit den wirksamen „Waffen“ der gemachten Erfahrung und in ihrer Konsequenz der notwendigen Reflektion.

Der Vorwurf des „Berufsaussteigers“ ist insofern ebenfalls schwer zu verifizieren: Teilweise ist die Vortragsarbeit mit einer beruflichen Orientierung, etwa in der sozialen Arbeit, verbunden und teilweise wird dies auch so kommuniziert. Die Vortragenden stellen jedoch zumeist nur einen konzentrierten Bereich ihres Lebens öffentlich zur Schau, nämlich den, der unmittelbar mit Radikalisierung und Deradikalisierung – also Einstieg, Rolle/ Aktivität und Ausstieg – in Verbindung steht. Was jenseits dieses Teilbereiches geschieht, darüber werden Externe Personen – meist aus Sicherheitsgründen, aber auch aus Respekt vor der Privatsphäre der Protagonisten – häufig im Unklaren gelassen.

„Der ist immer noch Nazi – fight back!“

„Einmal Nazi – Immer Nazi!“ Diesen Satz dürfte nahezu jede Aussteigerin und jeder Aussteiger schon das eine oder andere Mal gehört haben. Bei dieser Phrase, die dem in fundamentalistischen Kreisen üblichen „Gut / Böse- Schema“ folgt, handelt es sich für die Betroffenen um ein Urteil mit weitreichenden Konsequenzen: Eine Umkehr sei nach diesem Leitsatz nicht möglich. Verzeihen? Ausgeschlossen. Das Recht auf Teilhabe an der Gesellschaft für den Einzelnen nach seinem Ausstieg? Verwirkt.

Nun kann man das als Meinung fanatisierter Menschen verstehen, die sich weniger mit der Person an sich, als mit ihnen bekannten Weltbildern und Erklärungen beschäftigen wollen. Andere fragen sich, ob es vielleicht so etwas wie eine „genetische Disposition“ gibt, ein Neonazi zu sein – und wie es sich mit dieser dann nach dem Ausstieg verhält. Kann man denen trauen?

Um dies nochmals hervorzuheben: Das kritische Hinterfragen solcher Biografien ist und bleibt ein wichtiger und vor allem absolut nachvollziehbarer Aspekt. Jedoch sollte dies ohne Vorurteil oder einer vorgefertigten Meinung geschehen, vor allem aber dürfen Denunziationen und wahllos erstellte, öffentliche „Warnungen“ vor der Person unter keinen Umständen Teil der Debatte sein.

„Outing-Aktion“ und „Plan B“

In der Fallbetreuung muss beispielsweise mit einer „Outing-Aktion“ zu einem sensiblen Zeitpunkt umgehend ein „Plan B“ erstellt und umgesetzt werden.

In der Regel muss mit der Ausstiegsplanung auch gleich ein ganzer Lebensentwurf über Bord geworfen werden. Zum Beispiel dann, wenn ein möglichst leiser Loslösungsprozess, der ohne medialer Beachtung, aber für die Fallbegleitung nachvollziehbar praktiziert werden sollte, über Nacht durchkreuzt wird. Oft ist es bis hierhin gelungen, den ehemaligen Kameraden möglichst wenig Angriffsfläche zu geben. Was für die Ausstiegsbegleitung und die Person selbst ein langfristiger Ausstieg mit allen damit verbundenen Pflichten ist, soll aus Sicht der (Neonazi-)Szene zunächst wie ein Rückzug aussehen und in erster Linie Stabilität & Sicherheit des hilfesuchenden Menschen gewährleisten. Für manche Kreise allerdings kann ein Rückzug kein Weg zum Ausstieg sein – entweder man ist ein Freund, oder bleibt eben ein Feind.

Spätestens hier muss klar sein, dass leider nicht selten ein enormer Interessenkonflikt besteht: Zwischen Teilen des Antifa-Spektrums und den Neonazis auf der Einen – man möchte gleichermaßen Rache an den angehenden Aussteigerinnen und Aussteigern nehmen, wenn auch aus unterschiedlichen Motivationen – und der begleitenden Ausstiegsorganisation auf der anderen Seite, wo man akribisch versucht, die körperliche Unversehrtheit zwischen Parolen wie „Verräter an die Wand“ und „Kein Vergeben – Fight Back!“ irgendwie gewährleisten zu können. Von außen betrachtet könnte bei dieser Gemengelage schnell vergessen werden, dass auch noch die individuellen Planungen und Bedürfnisse der ratsuchenden Person bei allen Vorgehensweisen bestmöglich berücksichtigt werden.

EXIT-Deutschland setzt auf Vertrauen, Erfahrung & Weitblick – durch langfristige Deradikalisierungsarbeit

Wie ist man überhaupt auf diese unterschiedlichen Gefährdungslagen und Charaktere vorbereitet? Die Lösungsansätze für dieses komplexe Problem klingen bei EXIT überraschend einfach.

Zunächst setzt man voraus, dass sich bei jeder neuen Kontaktaufnahme ein mündiger Mensch meldet, dessen Wünsche und Bedürfnisse zu prüfen, zu rationalisieren und zu respektieren sind. Grundsätzlich ist ein erster Schritt aus Sicht der Berliner Initiative getan, wenn die jeweilige Person klar äußert, an seinen bisherigen Denk- und Verhaltensweisen arbeiten zu wollen. Dies sind quasi die Konditionen, denn hiermit wird der Intervention die Berechtigung erteilt. Es müssen nun umgehend Fragen von Sicherheit und Schutz geklärt werden. In dieser sensiblen Phase des Ausstieges ist schnelles und umsichtiges Handeln gleichermaßen gefragt. Zu diesem Zeitpunkt stehen viele derer, die sich melden, buchstäblich zwischen den Stühlen.

Die nächsten Aktionen stehen an, die Homepage der Gruppe muss aktualisiert werden, oder die „Kameraden“ drängen und werden unruhig, weil man sich nicht meldet. Vielleicht ist es aber auch schon komplizierter: Die Meldung kommt, während die Gruppe die Person bereits zu einem „Verräter“ erklärt hat, erste Bedrohungen oder vielleicht sogar Übergriffe haben bereits stattgefunden. Hinzu kommt, dass man das, woran man Jahre glaubte und sein Leben aufbaute, von heute auf morgen verwerfen muss. Dass Menschen die man als Freunde erachtete, schlagartig zu Feinden werden. „Die Wahrheit“, für die man sich einsetzte, entpuppt sich als falsch. Probleme, die man lange verdrängt hatte, wollen nun – da die ideologische Brille verschwindet – mit Vehemenz gelöst werden.

jeder Ausstieg ist ein Wendepunkt

Grundsätzlich markiert jeder Ausstieg einen Wendepunkt im Leben derer, die sich dazu entschließen – verbunden mit dem Wunsch nach persönlicher Sicherheit, Bildung und Arbeit, sozialer Einbindung, sowie der Suche nach einem neuen Weltbild, nach Sinn und Orientierung.

Für EXIT-Deutschland ist ein Ausstieg dann erfolgt, wenn es ein erfolgreiches Infragestellen, eine kritische Reflexion und eine reflektierte Aufarbeitung der bisherigen Ideologie gegeben hat. Ausstieg ist somit mehr als das Verlassen einer Partei oder Gruppe, auch mehr als ein Wechsel der ästhetischen Ausdrucksformen oder der Verzicht auf die Anwendung von Gewalt. Ein Ausstieg ist dann erfolgt, wenn die den bisherigen Handlungen zugrundeliegende, richtungsweisende Ideologie überwunden ist. Dies bedingt auch, dass Verantwortungen für Taten übernommen werden müssen und Rollenmuster sowie Rollenverständnisse kritisch hinterfragt werden. Eine bloße Distanzierung von der ehemaligen Bezugsgruppe oder die Herauslösung aus dem Umfeld – die grundsätzlich und in jedem Fall zwingend notwendig ist – sind ausschließlich auf die Verhaltensebene abzielende Veränderungen und damit nur ein Teilelement der Deradikalisierung im Ausstiegsprozess.

Von einem Menschen in einer absoluten Ausnahmesituation zu erwarten, dass er mit seinem Ausstieg sofort ein nach Maßstäben anderer „perfektes“ – etwa antifaschistisches, von Toleranz und Demokratie geprägtes – Leben führt, wäre fatal lebensunwirklich: Sollte es nicht vielmehr um ein Bekenntnis zur vollumfänglichen Anerkennung der Freiheit und Würde aller Menschen sowie die Bereitschaft gehen, das Weltbild von Menschen- und Freiheitsfeindlichkeit zu befreien und somit einer grundsätzlichen kritischen Prüfung zu unterziehen? Der Ausstieg aus dem Extremismus bedeutet, kritisch zu hinterfragen, Ambiguitäten, Unsicherheiten und Konflikte auszuhalten, sowie Grautöne zu akzeptieren. Für den Ausstieg aus einer extremistischen Gruppe ist es dann auch unerheblich, ob sich der/die Einzelne danach als konservativ, progressiv oder liberal beschreibt. Entscheidend ist die Akzeptanz des Gegenübers und die Bereitschaft, sich und seine Perspektive immer wieder zu hinterfragen.

Ex-Rechtsextremisten gegen Rechtsextremismus: Der Aktionskreis EXIT-Deutschland (AK)

Ehemalige Rechtsextremisten setzen sich unter dem Dach des AK offen oder im Hintergrund dafür ein, dass sich rechtsextreme Ideologie und Organisation nicht weiter ausbreiten.

Menschen sollen lernen, souverän und kritisch mit rechtsextremer Ideologie und denjenigen, die sie vertreten, umzugehen. Es werden Orientierungen jenseits rechtsextremen Denkens aufgezeigt, persönliche Irrtümer und deren Folgen werden zur Debatte gestellt. Ideologiekritische Artikel werden publiziert, Vorträge in Schulen und der Öffentlichkeit gehalten. Bei tiefergehenden Fragen und Problem wird nach Möglichkeiten beraten.

Der Aktionskreis will die für viele unerreichbare Zielgruppe der ehemaligen Kameraden konzentriert ansprechen, aber auch in der Öffentlichkeit darüber aufklären, welche Theorien oder Umstände Nährboden und Hintergrund für rechtsextremistische Ideologien und Aktivitäten bilden.

Die ehemaligen Extremisten – zumeist mit nationalsozialistischer Vergangenheit -, die im Aktionskreis mitarbeiten, beobachten dabei sehr gründlich, was sich im Land abspielt, was ihre ehemaligen „Kampfgefährten“ tun und wie sich die Szenen entwickeln.

Am Ende eines Ausstieges, der mit dem glaubhaften Bruch aller vorhandenen extrem-radikalen Grund- und Wesenshaltungen einhergeht muss es in einer prozessualen Wechselwirkung zwischen Individuum und Gesellschaft möglich sein, einen repressionsfreien und somit nachhaltigen Neuanfang in der Mitte der Gesellschaft zu schaffen. Diejenigen, die nicht aktiv daran mitarbeiten wollen, die Zahl der Neonazis durch die Unterstützung neuer Aussteiger zu reduzieren, können trotzdem ohne viel Aufwand etwas dazu beitragen: Indem sie ihren Kampf gegen Aussteiger einfach einstellen.

Text: Aktionskreis ehemaliger Extremisten | EXIT-Deutschland, Artikelbild: Alexandros Michailidis, shutterstock.com, Originaltext erschient auf exit-deutschland.de

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Französische Gelbe Westen: Was soll die Gewalt?

Die Gelben Westen

Die Forderungen der Gelben Westen in Frankreich gehen für mich absolut in Ordnung. Eine höhere Mindestrente und ein höherer Mindestlohn. Bezahlbarer Wohnraum. Förderung von kleinen Unternehmen und eine höhere Besteuerung von großen Konzernen. Eine schnelle Rückführung von abgelehnten Asylbewerbern und Besteuerung von Kerosin und Schiffsdiesel. (Hier) Also alles, was sowieso in der Umsetzung war, was mit gutem Willen leicht umzusetzen wäre oder wo man einen Kompromiss finden könnte.



Weder links, noch rechts, noch extrem

Das ist weder links, noch rechts oder irgendwie extrem. Das sind Dinge, die in jedem Land selbstverständlich sein sollten und das Ziel jeder Demokratie.

Nur, was soll diese Gewalt von beiden Seiten? Was sollen die Angriffe mit Molotov-Cocktails auf Polizisten und die Prügelorgien der Polizisten auf Demonstranten? Statt miteinander zu reden, tausende Verletzte und Festnahmen. Statt an einem Tisch nach gemeinsamen Lösungen zu suchen, brennende Autos und verwüstete Geschäfte.

Zeit, sich zu fragen, was man möchte. Chaos und Gewalt oder friedliche Zusammenarbeit, um die Lebensumstände von allen zu verbessern? Die französischen Gelben Westen sind keine terroristische Vereinigung und Frankreich keine Diktatur. Aber beide Seiten benehmen sich so und damit macht man alles kaputt.

Die deutschen Gelben Westen:

So sehr sind die „Gelb-Westen“ von Rechten & Neonazis unterwandert

Text: Sahin Karanlik, Originaltext hier, Artikelbild: pixabay.com, CC0

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Dieser syrische Flüchtling hat eine Botschaft für die AfD

Liebe AfD-Wähler,

Mein Name ist Aras Bacho, ich komme aus Syrien. Und ich habe eine Nachricht für euch. Warum denkt ihr so schlecht über uns Flüchtlinge? Ihr seid doch diejenigen, die intolerant sind. Ihr greift uns an und langsam nervt ihr und eure Wähler. Sie beleidigen Migranten und können Fakten zu ihrer Partei und Abgeordneten nicht ausstehen.

21 Aussagen, die zeigen, wie rechtsradikal die AfD wirklich ist

Ihr denkt, eure Arbeitsplätze werden von uns bedroht. Seit wann? In Deutschland gibt es genug Arbeitsplätze und nein, niemand von uns hat eure Arbeitsplätze weggenommen. (Anm. d. R.: Die Arbeitslosenquote ist so niedrig wie seit der Wiedervereinigung nicht)



Helft uns lieber bei der Integration, damit wir es euch danken können

Die Steuergelder gehen über das Jobcenter an Flüchtlinge? Ja, das tun sie. Gerade neu angekommene Flüchtlinge brauchen Geld und Zeit, um sich ein neues Leben aufzubauen. Das Geld fließt dann später über die Arbeit, die die Flüchtlinge leisten zurück in die Kassen. (Mehr als 320.000 Geflüchtete haben derzeit eine Arbeit) Nein, wir sind nicht stolz darauf, dass wir am Anfang Hilfe brauchen. Und doch bekommen wir deshalb Beleidigungen von rechts.

Wenn ihr für eine Demokratie seid, dann überlegt euch besser, wie ihr mit Flüchtlingen arbeiten könnt. Demokratie bedeutet Freiheit und Akzeptanz. Deshalb solltet ihr uns Flüchtlingen eher beim Integrieren und bei der Sprache helfen, damit wir euch das eher zurückgeben können.

Hass bringt keinen von uns weiter und ihr solltet das lassen

Wir alle sind Fremde auf der Erde. Ihr fordert: „Ausländer raus“. Hier bisschen Nachhilfe: Wenn ihr für den in ein anderes Land fliegt, seid ihr automatisch Ausländer. Einige eurer Wähler kommen von der NPD und sind rechtsradikal. Und die sind brandgefährlich. Ihr seid selbst Schuld, wenn ihr in die Partei aufnimmt.

Bitte mischt euch nicht mehr in unsere Angelegenheiten ein. Wir Flüchtlinge besitzen auch einen Mund und können für uns selbst sprechen. Warum sollten wir nicht nach Deutschland passen? Deutschland ist sehr schön. Demokratie hat uns in diesem schönen Land ganz weit gebracht und es freut mich, dass andere Geflüchtete sich hier auch wohlfühlen und nach Deutschland kommen wollen.

Ihr könnt auf eure Gastfreundschaft stolz sein

An eurer Stelle würde ich stolz darauf sein, viele Migranten und Flüchtlinge im Land zu haben, die sich zum Teil bestens integriert haben, eine Schule besuchen oder arbeiten. Geht auf die Straßen zum Demonstrieren, wenn ihr wollt, aber nicht gegen Flüchtlinge. Sagt: „Wir wollen mehr Flüchtlinge aufnehmen und wir sind hilfsbereit und stolz darauf.“

Die meisten von uns Flüchtlingen haben nichts gegen euch Deutsche. Wenn manche von euch Flüchtlinge verletzen wollen, dann tut mir das leid. Das ist nicht normal, sucht euch eine Selbsthilfegruppe. Oder ähnliches. Das rate ich auch den Flüchtlinge, die sich wiederum hier nicht benehmen.

Danke für eure Aufmerksamkeit und über eine Rückmeldung würde ich mich sehr freuen.

Mit freundlichen Grüßen,

Aras Bacho

Artikelbild: Aras Bacho

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So habe ich erreicht, dass ich die AfD offiziell rechtsextrem nennen darf – Video

Die Rechtsextreme AfD will in den Hessischen Landtag

„Nach meiner Rede vor der Bundestagswahl 2017 versuchte die AfD im Landkreis Gießen mich einzuschüchtern mittels Abmahnungen und Klagen. Darüber berichte ich.
Auch berichte ich über Aktivitäten der im Bundestag sitzenden Mitglieder des AfD Kreisverbandes Gießen. Und über deren Kandidaten für die hessische Landtagswahl Nikolaus Pethö, der mich ebenfalls verklagt und angezeigt hatte.“

Tim van Slobbe Rede über die AfD im Landkreis Gießen bei der Plenarsitzung der Ausländerbeiräte von Stadt und Landkreis Gießen. Im Rahmen der landesweiten Veranstaltungsreihe der agah „Rechtspopulismus – Herausforderungen in/für Hessen und Europa“, unterstützt von der Landeszentrale für politische Bildung, am 25 September 2018.



„Rechtspopulismus – Herausforderungen in/für Hessen und Europa“:

Video meiner neuen Rede über die AfD im Landkreis Gießen bei der Plenarsitzung der Ausländerbeiräte von Stadt und Landkreis Gießen im Rahmen der landesweiten Veranstaltungsreihe der agah "Rechtspopulismus – Herausforderungen in/für Hessen und Europa", unterstützt von der Landeszentrale für politische Bildung, am 25 September 2018.Nach meiner Rede vor der Bundestagswahl 2017 versuchte die AfD im Landkreis Gießen mich einzuschüchtern mittels Abmahnungen und Klagen. Darüber berichte ich.Auch berichte ich über Aktivitäten der im Bundestag sitzenden Mitglieder des AfD Kreisverbandes Gießen und über deren Kandidaten für die hessische Landtagswahl Nikolaus Pethö, der mich ebenfalls verklagt und angezeigt hatte.Herzlichen Dank an meine Mitredner Enis Gülegen und Stephan Anpalagan, und an HessenCam / Joachim Schaefer. #NoAfD

Gepostet von Tim van Slobbe am Samstag, 20. Oktober 2018

Ein anderer Vortrag der gleichen Veranstaltung:

Dieser Vortrag beweist, dass die AfD als Nazis bezeichnet werden müssen

Artikelbild: Screenshot facebook.com/tim.van.slobbe

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12 Merkmale des Faschismus, die man auch bei AfD & Co. findet

Ähnlichkeiten zum Faschismus

Ich habe bei Twitter (hier) zusammengetragen, welche Ähnlichkeiten zwischen “neuen” Rechten und den Faschisten des 20. Jahrhunderts bestehen. Ich werde Beispiele und Belege dafür im Laufe des Threads angeben.

0. Definition

Es gibt keine einheitliche Definition des Begriffs Faschismus. Dies liegt auch daran, dass der Begriff inhaltsleer ist. Er stammt aus dem Italienischen und bedeutet “Bund”.

Wer etwas zu den verschiedenen Definitionen lesen will kann dies z.B. hier tun.

Als Teil der “Neuen” Rechten betrachte ich Organisationen wie Pegida, die Identitäre Bewegung, die AfD und andere, die z.T. eigentlich alte rechtsextreme Positionen vertreten.

Wer etwas dazu lesen will:

Nun aber zu den Ähnlichkeiten zwischen der “neuen” Rechten und den faschistischen Bewegungen des 20. Jahrhunderts.



1. Pressefeindlichkeit

Die “neue” Rechte attackiert das Grundrecht auf Pressefreiheit an vielen Fronten. Über Parolen und Ausschluss von Veranstaltungen bis hin zu Übergriffen. Die AfD schließt als einzige Partei regelmäßig Journalisten von ihren Veranstaltungen aus. Dieses Verhalten ist ggf. sogar rechtswidrig. Und es könnte sein, dass das Ganze (nach Wiederholung) nun auch Konsequenzen hat.Anhänger wie Parteifunktionäre, benutzen gerne die Parole “Lügenpresse”, wenn Journalisten dann doch anwesend sind. Dieser Begriff hatte auch bei der NSDAP Tradition. Auf Veranstaltungen der “neuen” Rechten kommt es immer wieder zu Übergriffen auf Pressevertreter. So z.B. bei Pegida. Aber auch auf Veranstaltungen der AfD kommt dies vor. Auch nach dem Kyffhäuser Treffen 2018 kam es zu Übergriffen auf Journalisten (ab 5:00). Die Ausschreitungen (auch gegen Journalisten) in Chemnitz sind bekannt.

Der DJV (Deutscher Journalisten Verband) rät seit den Vorfällen zur Vorsicht in sächsischen Städten.Die Terrorgruppe “Revolution Chemnitz” hat anscheinend auch Anschläge auf Journalisten geplant. Insbesondere die Polizei Sachsen scheint die Pressefreiheit nicht garantieren zu können. Eine Vielzahl von Übergriffen bei Pegida, aber auch z.B. in Chemnitz machen das sehr deutlich. Man erinnere sich nur mal an den Vorfall mit dem „Hutbürger“.

https://www.volksverpetzer.de/bericht/pegida-poebler-polizei/

Ein härteres Durchgreifen wäre wünschenswert

Es handelt sich bei der Pressefreiheit um ein Grundrecht, ihre Einschränkung ist kein Kavaliersdelikt.

Interessantes Detail: Wie die Faschisten des 20. Jahrhunderts bedienen sich die “neuen” Rechten der neuen Medien (damals Radio/Fernsehen, heute soziale Netzwerke) um ihre Propaganda zu verbreiten. Etablierte Parteien haben sich damals schwer damit getan und tun es auch heute noch.

Insgesamt kann man sagen, dass der Umgang der “neuen” Rechten mit der Presse eine Ähnlichkeit mit der NS-Zeit aufweist. Auch Mussolinis Anhänger gingen so gegen Journalisten vor. Eine Gleichschaltung gibt es aber natürlich noch nicht. Auch wenn die Idee in den Köpfen der “neuen” Rechten nicht zu fehlen scheint. So droht die AfD Hochtaunus damit, dass Presseverlage zu Beginn einer Revolution gestürmt und Mitarbeiter auf die Straße gezerrt würden.

„Zu Beginn einer Revolution haben die Staatsberichterstatter noch die Chance sich vom System abzuwenden und die Wahrheit zu berichten!
Bei uns bekannten Revolutionen wurden irgendwann die Funkhäuser sowie die Presseverlage gestürmt und die Mitarbeiter auf die Straße gezerrt. Darüber sollten die Medienvertreter hierzulande einmal nachdenken, denn wenn die Stimmung endgültig kippt ist es zu spät!“

2. Spaltung der Gesellschaft

Die “neue” Rechte spaltet die Gesellschaft in “Die” und “Wir”. Ebenso die Nazis. Damals Juden gegen Deutsche, heute stachelt man gegen Muslime auf. Waren es früher „Kommunisten“, so sind es heute „Gutmenschen“ und „Linksfaschisten“ (sic).

3. Fremdenfeindlichkeit/Rassismus

Sowohl die Faschisten des 20. Jahrhunderts, als auch die “neue” Rechte teilen sich ihren Hass gegenüber dem Fremden. Auch, wenn Teile der “neuen” Rechten das Eigene gegenüber dem Fremden anders definieren.

So wird von „christlich/abendländischer“ oder „christlich/jüdischer“ Kultur gesprochen. Man sieht sich eher als europäisch/westlich als Deutsch. Das Fremde wird dann oft auf muslimische Menschen beschränkt (einfache Weltbilder sind toll).

4. Führerkult

Der Führerkult ist noch nicht sehr ausgeprägt. Der Wunsch nach einem starken Mann, aber wird offensichtlich, wenn man sich die Reaktionen von manchen Mitgliedern auf Höcke anschaut. Aber auch Gegner des Personenkultes um Höcke gibt es in der Partei. Zitat: „Die meisten Mitglieder trauen sich leider nicht, diesen Kult um die Person Höcke offen zu kritisieren.“

Aus dem gleichen Artikel: „Es gibt keinerlei inhaltliche Diskussion, sondern nur Beifallsbekundungen. Wer sich dem Jubel nicht anschließt, der kann etwas erleben.“ Auch der Tagesspiegel attestiert Höcke einen Kultstatus. Von einem Führerkult kann man auf jeden Fall noch nicht sprechen, aber sollte “Der Flügel” Höcke irgendwann zum Parteivorsitzenden machen, würde ihn das wohl zu einem Führer machen, um den ein Personenkult gepflegt wird.

5. Paramilitarismus

Eine militärische Aufrüstung im Sinne einer Wehrsportgruppe Hoffmann gibt es bisher nicht. Allerdings gibt es Bestrebungen innerhalb der “neuen” Rechten entsprechende Fähigkeiten aufzubauen. Die Junge Alternative hat vor kurzem an einem Schießtraining teilgenommen. Ein Bezug auf das Attentat auf die Kölner Bürgermeisterin Henriette Reker macht klar, dass es dabei nicht um Sport, sondern um politisch motivierte Gewalt geht.

Die IB trainiert in Hamburg mit dem Neonazi Thorsten Gardlo für den Straßenkampf. Gardlo war Mitglied in den inzwischen verbotenen Organisationen FAP und ANS. Beide Organisationen hatten eine klare rechtsextreme bzw. neonazistische Ausrichtung mit hohem Gewaltpotential. (Quellen hier und hier).

Auch in Frankreich fallen Identitäre durch Gewaltaffinität auf. So wurde ein identitärer Aktivist wegen Waffenhandels mit einem Islamisten verurteilt. Mit den gehandelten Waffen wurde ein Anschlag verübt. Eine Paramilitarisierung der “neuen” Rechten hat bisher nicht wirklich stattgefunden, wird von Teilen aber offensichtlich angestrebt.

6. Nationalismus

Der Nationalismus innerhalb der “neuen” Rechten ist nicht zu übersehen. Da soll „völkisch“ wieder positiv besetzt werden und das „Denkmal der Schande“ soll weg. Diese Überschneidung ist offensichtlich. Auch die wieder aufgewärmte Parole “Volksverräter” war ein Kennzeichen der NS-Zeit. So wurden Menschen unter dieser Parole zum Tod verurteilt. Nicht nur Anhänger, sondern auch Parteifunktionäre der AfD verwenden sie.

7. PATRIARCHAT

Die Frau gehört an den Herd und der Mann soll das Sagen haben. So die (zugegeben vereinfachte) Haltung der “neuen” Rechten. Das Wort Frauen kommen im Wahlprogramm der AfD nur zwei Mal vor. Die Unterstützung für alleinerziehende Mütter wird in Frage gestellt. Machen sich “neue” Rechte für Frauenrechte “stark”, so geschieht dies eigentlich nur, wenn eine Möglichkeit besteht, etwas gegen Muslime zu instrumentalisieren.

8. Niedergangs-Fantasien

Die „Bedrohung des Abendlandes“, des Vaterlandes oder der christlichen Kultur wird von den “neuen” Rechten und wurde auch damals von den Nazis herbeigeredet. Die eigentliche Bedrohung waren damals aber die Nazis selbst, wie sich herausstellte. Ob es heute die “neuen” Rechten sind? Einen eindrucksvollen Nachweis dieser Ähnlichkeit hat der WDR in einem vergleichenden Video, anhand von Höcke und Göbbels zusammengestellt:

Gauland spricht von einem Bevölkerungsaustausch und davon, dass

“wir [..] als Volk allmählich absterben”

sollen. Auch das erinnert an die Bedrohungsszenarien, die die Faschisten im 20. Jahrhundert aufgebaut haben. (Ab 2:15) Höcke beschwört ein Szenario, in dem die AfD die letzte Chance auf Frieden ist und ansonsten Bürgerkrieg droht. Dies ist gleichzeitig als Drohung zu verstehen. (Ab 11:15)

9. Opferrolle

Sowohl die Nazis, als auch Mussolini, stellten sich als Opfer dar, obwohl sie eigentlich Täter waren. Höcke stellt sich und die AfD als zu Unrecht vom Bundesamt für Verfassungschutz beobachtet dar, (obwohl eine vollständige Beobachtung derzeit noch aussteht) als Opfer der “Kartellparteien”. (Ab 13:00) Auch die Identitären begeben sich in die Opferrolle. Gleichzeitig versuchen sie ihren Rassismus zu tarnen. (ab 29:40)

10. Demokratiefeindlichkeit

Unter “neuen” Rechten wird offen von einen „Systemwechsel“ gesprochen. Das meint nicht, dass die AfD die Regierung stellen soll. Sie wollen, dass unser demokratisches System abgeschafft und durch etwas anderes ersetzt wird. Wie dieses “andere” aussehen könnte kann man sich ausmalen, wenn man sich anschaut, wie die AfD und die “neue” Rechte auftreten und mit welcher Bewegung sie Ähnlichkeiten aufweisen.

Der AfD Bundestagsabgeordnete Jörg Schneider sagt z.B. “Wir brauchen dringend einen Systemwechsel”. Wie dieses System aussehen soll, will man (jetzt noch) nicht sagen. In der AfD wird Parlamentarismus und damit unsere Verfassung und die FDGO abgelehnt. Nicht nur von unbedeutenden Hinterbänklern, sondern von Leuten im Vorstand. (ab ca. 7:20)

Götz Kubitschek vom Verlag Antaios und Gründer des IfS:

“Unser Ziel ist nicht die Beteiligung am Diskurs, sondern sein Ende als Konsensform, nicht ein Mitreden, sondern eine andere Sprache, nicht der Stehplatz im Salon, sondern die Beendigung der Party.”

11. Antipluralismus

Nicht nur der Wunsch nach einer Gleichschaltung der Presse ist antipluralistisch, auch ansonsten finden sich immer wieder antipluralistische Aussagen. Die AfD präsentiert sich immer wieder als eine Hüterin der Wahrheit. Nur ihre Sicht ist richtig, andere Sicht- oder Denkweisen sind falsch.

12. Homophobie

Schwule, Lesben und deren Partnerschaften werden nicht als gleichberechtigt angesehen. Es wird von einer (nicht existierenden) „Schwulenlobby“ gesprochen oder Schwule werden als “Pädophile” und “Perverse” bezeichnet. Andere “neue” Rechte sehen maskuline Schwule nicht als Problem, wohl aber “verweiblichte” oder “verweichlichte” “Schwuchteln„.

13. Nachwort

Wer sich fragt, warum ich von “neuen” Rechten schreibe und nicht von „Neurechten“ oder „neuen Rechten“, kann sich ja einfach mal Fragen, wo der Unterschied zu den alten Rechten ist. Wer sich fragt, warum ich die “neuen” Rechten nicht als Nazis bezeichne: Sie sind keine Nazis, wohl aber sehr nahe an den Faschisten. Ich bin da lieber korrekt, als effekthascherisch.

Wer sich fragt, warum ich mir das antue: Die AfD wird meiner Einschätzung nach 2019 eine Regierungsbeteiligung in Sachsen erringen. Wie wird es danach weitergehen? Ich will kein zweites faschistisches Deutschland. Deswegen mache ich das hier.

https://www.volksverpetzer.de/analyse/nazis-in-afd/

Text:  auf Twitter. Der Beitrag erschien zuerst bei unpolitisch.org.  Artikelbild: photocosmos1, Shutterstock.com

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Muslim aus AfD Veranstaltung geworfen, weil er kein Bier trinken wollte

“Ich bin Muslim und wurde aus einer AfD Veranstaltung rausgeworfen, weil ich kein Bier trinken und kein Schweinefleisch essen wollte.“

Da sitze ich also zwischen AfD’lern. Ich, deutscher Muslim, schwarze Haare, Bart. Und ich habe ein T-Shirt an, was alle Blicke auf mich zieht: “Wir sind alle Deutschland” steht da drauf. Natürlich ist das Absicht, aber das macht diesen Satz nicht unwahr. Wir sind alle Deutschland, denn Deutschland besteht aus uns allen, die sich zu diesem Land, seiner freiheitlich demokratischen Grundordnung und dem Grundgesetz bekennen. In diesem Grundgesetz steht drin, wer die deutsche Staatsbürgerschaft hat, ist Deutscher. Punkt. Es gibt keine andere Definition, keine basierend auf einer bestimmte Kultur, Hautfarbe, Ethnie, Religion oder irgendeines anderen rassistischen Attributes.

Nun ja, vorne spricht Jörg Meuthen in seinem typisch populistisch völkisch nationalem Gerede von einer vermeintlichen Arterhaltung des vom Aussterben bedrohten Deutschen Volkes. “Wir schüren keine Ängste, wir greifen Ängste auf, die bereits da sind” und innerlich denke ich mir “Herr Meuthen, Sie haben Ihre Meute gut im Griff mit Ihren Lügen, äh, Entschuldigung, Populismus”.

Ich meine, wie kann man Menschen derart offensichtlich an der Nase herumführen? 15% +/- der Deutschen haben aus ihrer eigenen Geschichte offensichtlich nicht dazu gelernt. Faschismus, Propaganda, Täuschung und immer wieder Lügen, Lügen und noch Mal Lügen. Göbbels sagte “Eine Lüge muss nur oft genug wiederholt werden. Dann wird sie geglaubt.”



Ich wollte mit Mary Kahn diskutieren, kam aber nie dazu

Frau Mary Khan ist auch dabei, sie ist Ex-Muslima, aus dem Pakistan geflüchtet und hat eine Heimat bei der AfD gefunden. Ihr Vater, Zahid Khan, ist ein selbsternannter Prophet. Dieser sagt “Durch mich als Propheten erhielt der Prophet Mohammed die Möglichkeit, zu beichten, was im Islam und in seinem eigenen Leben falsch gelaufen ist“, und: „Im Islam manifestiert sich der Höhepunkt des Schaffens Satans.“ Man mag das gut oder schlecht finden, die Verbindung seiner Tochter zur AfD geht über den Hass ihres Vaters auf den Islam.

Sowohl dieser Hass, als auch die Angriffe auf Zahid Khan sind an dieser Stelle zu verurteilen. Jedenfalls profitiert die AfD ganz gut von solchen Menschen. Als Frau Khan gefragt wurde, was sie von meiner Gemeinde, also von der Ahmadiyya Muslim Gemeinde hält, sagte sie im gleichen Populismus, dass diese Gemeinde gefährlich sei, sie sei ein Nährboden für Extremismus und sie sei politisch. Ich wollte mit ihr über diesen unsäglichen Vorwurf später reden, doch dazu kam es nicht. “Wieso?” Fragen Sie sich. Gleich, lassen Sie mich noch eines erzählen.

Zurück nach Eschborn, in der Halle mit hunderten AfDlern und einem Muslim

Wir standen alle auf, um die Nationalhymne zu singen. Ich sang mit. Schließlich gehöre ich und meine Religion, Islam, auch zu Deutschland, wir sind alle Deutschland. Aber dann bemerkte ich, dass Leute mich von der Seite anschreien “Steh auf! Aufstehen! Aufstehen!”, ich stand ja, “Sing mit!!”, ich sang ja mit, “Das ist unser Land! Unser Land!”, meins auch.

Als es vorbei war, wollte ich aus der Sitzreihe aufstehen und gehen, doch eine Dame stellte sich vor mich hin und wollte mich nicht rauslassen. Ich bat in höflichen Worten, mir Platz zu machen und mich vorbei zu lassen. Doch sie blieb stur und schmunzelte mich an. Vielleicht dachte sie sich “Na du dummer Moslem, was machst du jetzt?”.

Mir wurde ein Bier angeboten

Ich ging zu Frau Khan um mit ihr zu reden, sie sagte mir ich solle 5 Minuten warten. In der Zwischenzeit kam ein AfD-Mitglied, “Hier ein Bier”. Ein Bier. Für mich. Als Muslim. “Nein Danke.” sagte ich und bekam dann als Antwort.

“Wer in Deutschland kein Bier trinkt und Schweinefleisch isst kann diese Veranstaltung verlassen. In Deutschland wird Bier getrunken und Schweinefleisch gegessen!”.

Das wiederholte er mit dem Nebensatz, dass er die Polizei rufen wird, wenn wir nicht gehen, denn er habe das Hausrecht. Tja, danach wurden wir, ich und mein Kollege, der nachgekommen war, aus der Veranstaltung geworfen. Weil wir kein Bier trinken und Schweinefleisch essen wollten.

Seit dem 11. September höre ich von überall “Wo sind die Muslime, wo sind die liberalen Muslime, wo sind die gemäßigten Muslime, die Terror ablehnen, die sich gegen Extremisten aussprechen. Wo sind diese Muslime, die den Dialog suchen?”.

Hier, ich bin ein toleranter Muslim, der mit euch redet!

Ich wünschte ich könnte in einer Posaune laut und deutlich hinein brüllen: “Hier sind wir. Hier, genau vor eurer Nase. Unser Oberhaupt, der Kalif des Islam, Seine Heiligkeit Mirza Masroor Ahmad sagte: ‘Wir sind die Menschen, die diese Welt heilen wollen. Wir sind die Menschen, die die Menschheit vereinen wollen. Wir sind die Menschen, die Hass und Feindschaften in Liebe und Zuneigung verwandeln wollen. Und sicherlich sind wir die Menschen, die alles Mögliche unternehmen werden um den Weltfrieden zu etablieren.’”

Ich wünschte jeder einzelne Mensch in Deutschland könnte diese Botschaft hören, verstehen und vor allem: nicht vergessen.

Hey, ich habe heute einen Dialog gesucht

Ich habe gekämpft. Für Frieden. Einheit. Und Brüderlichkeit. Denn “Danach lasst uns alle streben, brüderlich mit Herz und Hand!”, das ist die dritte und vierte Strophe aus der deutschen Nationalhymne. Ich werde nicht aufgeben, nicht heute, nicht jetzt und auch nicht morgen.

Liebes Deutschland, vergiss mich nicht. Ich bin ein Ahmadi Muslim und ich stehe hinter dem Grundgesetz. Auf meinem Herzen steht “Liebe für Alle, Hass für Keinen”. Meine Taten sind Zeuge dieses Spruches. Liebes Deutschland, die AfD möchte dir Angst machen, damit Kinder wieder singen können “Wer hat Angst vorm Muselmann?”. Liebes Deutschland, du hast mich aufgenommen, hast mir einen Dach über den Kopf gegeben, das werde ich nicht vergessen.

Text: Der Autor bat darum, anonym bleiben zu können. Artikelbild: pixabay.com, CC0

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