Sheepworld drohte Cartoonist juristisch wegen Laschet-Karikatur – die neue Urheberrechtsreform

| Bundestagswahl | 29. September 2021

Wir stellen unsere Artikel und Faktenchecks kostenlos für alle zur Verfügung.
Spende uns bitte etwas für unsere Arbeit oder Kauf in unserem Shop ein


24.860

Keine linken Schafe

Gastbeitrag von Katja Spigiel

Ofenhandschuhe, Torten, Hundehalsbänder: Auf alle erdenklichen Gegenstände, die potenziell als Geschenkartikel gelten könnten, druckt Sheepworld sein schwarz-weißes, etwas verdattert schauendes Comic-Schaf. Wer älter als 20 Jahre ist, Verwandte Ü40 hat oder mal in einer Nanu-Nana Filiale war – das “Ohne dich ist alles doof”-Motiv hat sich eingebrannt. Das Unternehmen selbst wählt die Adjektive „frech“, „witzig“ und „unglaublich lieb“. Unglaublich lieb. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem Personen im Netz sich an dem Motiv bedienen, mag das vielleicht stimmen.

Cartoonist Maxim Seehagen erstellte eine an das bekannte “Ohne dich ist alles doof”-Motiv angelehnte Karikatur und veröffentlichte sie am Samstag. Drei Tage später zählt der Beitrag über 11.000 Likes und mehr als 2.000 Retweets. Hochgeladen hat er den Post mit dem Kommentar: „exklusive Einblicke in die neuen CDU-Plakate für die finale Wahlkampfphase!“ Zu sehen ist statt dem bekannten, niedlichen Schaf ein grimmig anmutender Armin Laschet, um ihn herum ist nicht etwa „alles doof“, sondern „alles links“. So sind die „Blümchen: links“, „Baum: links“, „Olaf: links“, „Sonne: links“, aber „ich: nicht links!“ (Quelle).

Die Sheepworld AG meldet sich daraufhin aus dem Firmensitz vom Schafhügel aus. In einer E-Mail bittet das Unternehmen Seehagen darum, den Beitrag von seinen Kanälen zu entfernen. Andernfalls müssten sich Markenanwälte um die Angelegenheit kümmern.  Immerhin seien alle Motive und Figuren Eigentum der Firma und damit markenrechtlich geschützt. Moment. Stichwort Kunstfreiheit, Stichwort Satire (Quelle).

“Ich wollte nur Armin Laschet ärgern”

Bis vor knapp zwei Monaten konnte es einer Odyssee gleichkommen, sowas problemlos ins Netz zu stellen. Künstler*innen mussten  bedenken, dass sie sich weit genug vom ursprünglichen Werk entfernen. Nur noch Anklänge und Assoziationen des Ausgangswerkes durften erkennbar bleiben. “Damit war man im Bereich Parodie und Karikatur immer schon mit einem Bein im Knast”, so erklärt es der Medienanwalt Jörg Nabert. Am 01. August dieses Jahres ist allerdings eine neue Urheberrechtsreform in Kraft getreten. Sie rückt das Ganze nun in ein neues Licht. Nabert erklärt, dass die rechtliche Grundlage jetzt noch komplexer sei und es bislang keine vergleichbaren Präzedenzfälle für solche Angelegenheiten gäbe. Seehagen kommentiert: “Ich wollte keine juristische Grundsatzdebatte lostreten. Eigentlich wollte ich nur Armin Laschet ärgern.”

Es handelt sich um jene viel gefürchtete Urheberrechtsreform, die auch die Einführung von Upload-Filtern mit sich bringt. In eben jene Reform fügte der Gesetzgeber auch den Paragraphen 51a ein. Dieser bringt eine Neuerung für Karikaturen, Parodien und Pastichen (Werke, in denen Stile und Ideen eines*einer Schöpfer*in nachgeahmt werden) mit sich.

Aus dem Jurist*innendeutsch übersetzt und nach Auffassung des Experten Nabert bedeutet das, dass es sich bei den genannten Kunstformen um Ausnahmen handle: “Wenn man ein fremdes Werk für ein eigenes, Neues verwenden will, dann muss man die ursprünglichen Urheber nicht fragen. So klar war das im Gesetz bisher nicht geregelt.” Nabert sieht den Cartoonisten und seine Darstellung im Recht, er meint: “Das ist ein klassischer Fall, den der Gesetzgeber mit dieser Reform freistellen wollte.” Im Fall der Laschet-Darstellung handle es sich um eine Parodie des ursprünglichen Cartoons und deswegen, so schätzt Nabert, sei sie erlaubt (Quelle, Quelle, Quelle, Quelle).

“Weder links, rechts, oben oder unten”

Doch wenn die Verbreitung von Karikaturen seit August so viel unkomplizierter sein soll und die Urheber*innen gar nicht um Einwilligung gebeten werden müssen, wieso wird Seehagen dann von dem “Ohne dich ist alles doof”-Schaf angeblökt?

Auf Nachfrage heißt es von Seiten des Unternehmens Sheepworld, dass “die Schafe weder links, rechts, oben oder unten” seien. Sie blieben unpolitisch. Anscheinend gehe es nun nicht mehr nur um den Schutz der eigenen Motive, sondern um Politisches. Weiter heißt es:  “Für viele Leute ist nicht ersichtlich, dass sowas nicht von uns kommt.” Das Unternehmen mit dem Schaf fordert dazu auf, “sich doch bitte etwas anderes und gerne selbst auszudenken.”

Die AfD-Nähe des Sheepworld-gründers

Prinzipiell hat jede*r Schöpfer*in das Recht dazu, sich von bestimmten Aussagen zu distanzieren. Der Geschäftsführer des Unternehmens, Tobias Hiltl, hat selbst offenbar kein Problem damit, sich politisch zu positionieren. 2019 fiel er mit fremdenfeindlichen Äußerungen auf. Er teilte AfD-Posts auf Facebook, hetzte gegen Flüchtlinge und sprach in dem Zusammenhang von der “Einwanderung asozialer Kulturen”. Über die Festnahme der Sea-Watch Kapitänin Carola Rackete, die trotz eines Verbots am Hafen Lampedusa eingefahren ist, schrieb Hiltl, dass sie eine “Schlepperin und Menschenhändlerin” sei. Schon damals distanzierte sich Sheepworld allerdings von den “privaten Meinungsäußerungen” Hiltls (Quelle, Quelle).

Trotz alledem und mit Blick auf die hohen Prozesskosten, mit denen Seehagen hätte rechnen müssen, entschied er sich dazu, seine Karikatur zu löschen. Letztlich meint er:  “Die Zeit und Nerven stecke ich lieber in neue Cartoons. Das alles war mir Armin Laschet dann doch nicht wert.”

Autorin: Gastbeitrag von Katja Spigiel. Artikelbild: Screenshot

Hey, möchtest du mehr Recherchen und Analysen zu den Hintergründen von politischen Mythen und Fake News? Oder auch Kommentare zu politischen Forderungen und aktuellen Ereignissen? Dann unterstütze unsere Arbeit mit einer kleinen Spende für einen Kaffee, dazu kannst du einfach hier entlangschauen. Komm in unseren Telegram Kanal und verpasse keine News von uns mehr (Link). Oder besuche unseren Shop und unterstütze uns mit dem Kauf von T-Shirts, Tassen, Taschen und Masken, hier entlang.

Unsere Autor:innen nutzen die Corona-Warn App des RKI.