Fake-Bild, Fake-Behauptung: Neue Lügen über Greta Thunberg

Neue Fakes über Greta

Die junge Klimaaktivistin Greta Thunberg ist ein geradezu irrationales Hassobjekt für die Rechten und Klimawandelleugner geworden. Die bloße Erwähnung ihres Namens triggert die Hetzer schon zu Mord- und Gewaltdrohungen, die nichts und auch rein gar nichts mit ihrem Aktivismus oder ihrer Botschaft zu tun haben. Deutlich zu sehen jüngst bei den Medienberichten zu ihrer Konferenz in Lausanne:

Lausanne: So geheuchelt & widerlich reagieren Rechtsextreme auf Greta

Gefüttert wird dieser wahnwitzige Hass durch unzählige Fake News und mit Fake-Accounts, wie wir berichteten. Eine Reihe von Fake News und Falschbehauptungen über Greta Thunberg haben wir hier, hier und hier gesammelt. Dieser Hass wird auch jetzt mit immer neuen Lügen am Leben gehalten. Derzeit werden wieder neue Fälschungen in Umlauf gebracht, die wir hier aufklären.



Fotomontage

Dass dieses zehntausendfach geteilte (!) Bild Fake ist, sollte man auf den ersten Blick erkennen. Eine Nutzerin hatte ein manipuliertes Bild geteilt, worauf Greta angeblich ein Schild hochhält, auf welchem „Ich verdiene mich an Eurer Blödheit dumm & dämlich“ steht.

Das Original hat Greta Thunberg im Mai auf Twitter hochgeladen:

Das Bild ist also natürlich eine Fälschung – und die Aussage ohnehin gelogen. Sie verdient am Aktivismus keinen Cent und macht das ehrenamtlich. Kaum zu glauben, aber manche Leute wollen das Klima retten, auch wenn sie kein Geld daran verdienen. Faktencheck zu finden bei Correctiv.

Nein, das ist nicht Gretas Urgroßvater

Ein weitere Screenshot verbreitet ebenfalls Propaganda. Dort heißt es:

Klimaschwindel
Das ist ein Skandal pur. Jetzt kommt heraus, dass der Urgroßvater von Greta Thunberg der Erfinder des Klimawandels ist. Familie will mit den Werken des Urgroßvaters wahrscheinlich wieder Geld verdienen. Klein-Greta wurde dafür instrumentalisiert und propagandamäßig eingesetzt.“

 

Das ist natürlich alles auf mehreren Ebenen falsch und gelogen.

1. Svante Arrhenius ist nicht ihr urgroßvater

Svante Arrhenius ist allerdings eine reale Person und schwedischer Physiker gewesen. Er hat den Klimawandel nicht „erfunden“, sondern 1896 als einer der ersten Wissenschaftler den Treibhauseffekt beschrieben und mit der CO2-Konzentration in der Atmosphäre in Verbindung gebracht (Quelle). Er ist allerdings tatsächlich entfernt mit Greta Thunberg verwandt, und zwar ist er der Cousin ihrer Ur-Ur-Urgroßmutter, wie Mimikama aufgedröselt hat (Quelle). Der von ihm erforschte Treibhauseffekt ist allerdings sehr real.

2. Greta hat ihre eltern überzeugt, nicht umgekehrt

Greta stellt fest, dass sie allein hinter ihrem Aktivismus steht, ihre Eltern waren zuvor alles andere als KlimaaktivistInnen. Erst durch ihren Aktivismus setzten sie sich mit der Thematik auseinander und begannen, sie dabei zu unterstützen. Dass sie sie dazu angestiftet haben, ist frei erfunden. Das Ziel dieser Behauptungen ist natürlich, ihr eine selbstsüchtige Motivation zu unterstellen und die Realität der Klimakrise in Zweifel zu ziehen. Dabei sind es die Klimawandelleugner, die Geld damit verdienen.

3. Der Klimawandel ist real und nicht „erfunden“

Klimawandelleugner versuchen mit diesen Lügen und Fakes nicht nur Gretas Motivation, sondern damit auch ihre Mission zu diskreditieren, indem sie unterstellen, dahinter stecke eine große Verschwörung. Dabei ist die Klimakrise sehr real und von hunderten Wissenschaftlern belegt. Mehr dazu haben wir hier:

Diese 3 Grafiken entlarven die Argumente von Klimaschutz-Verweigerern

Weitere Lügen über den Klimawandel findet ihr hier:

Mit diesen 4 Fake News über die Klimakrise wollen dich AfD & Co verarschen

Dabei gibt es hingegen eine reale Klimawandelleugner-Lobby, hinter der mächtige Konzerne stehen, die ein Interesse daran haben, den Stand der Wissenschaft zu leugnen, um weiter mit ihren klimaschädlichen Industrien Geld zu verdienen. Wer sich an wessen „Blödheit dumm und dämlich verdient“, ist vielleicht anders, als so einige denken.

Artikelbild: Screenshot facebook.com

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So rechtsextrem sind die AfD-Spitzen in Sachsen, Brandenburg & Thüringen

Warnung an protestwähler

Nicht alle, die planen, bei den kommenden Landtagswahlen in Sachsen, Brandenburg und Thüringen ihre Stimme der AfD zu geben, sind rechtsradikal. Den Rassisten, Neonazis und Faschisten, die das tun, ist dieser Artikel nicht gewidmet, denn diese wird nicht abschrecken, was sie hier über die AfD lesen werden. Aber alle anderen, die durchaus wütend und enttäuscht sein mögen, oder ernste Sorgen haben, und deswegen aus Protest die AfD wählen möchten, denen sei diese Warnung ans Herz gelegt.

Ihr mögt nicht rechtsextrem sein und nichts mit Neonazis zu tun haben wollen. Doch wenn ihr eure Stimme für die AfD abgebt, und damit für die jeweiligen Spitzenkandidaten Jörg Urban, Andreas Kalbitz und Björn Höcke und ihre Vertrauten, dann gebt ihr aber genau solchen Rechtsextremen eure Stimme. Und das kommt dann doch auf das Gleiche hinaus, oder? Den Rechtsextremen, die eure dank euch die Macht ergreifen möchten, ist egal, dass sie auch von Nicht-Nazis gewählt werden. Und bevor ihr ihnen eure Stimme gebt, solltet ihr wissen, wer diese wirklich sind.



Der faschistische flügel im osten

Vor wenigen Tagen hat Hajo Funke, Professor für Politische Wissenschaft aus Berlin, auf seinem Blog ausführlich über die drei Parteispitzen geschrieben, ich empfehle diese fundierte Lektüre ebenfalls. Dort bezeichnete er die AfD als „gefährlicher als die NPD“ und als „neonationalsozialistische Bewegungspartei“. „Alle drei Spitzenkandidaten – Andreas Kalbitz, Jörg Urban und Björn Höcke – sind rechtsextrem, teils neo-nationalsozialistisch und wollen eine Zerstörung des Ganzen, des „Systems“ wie sie sagen. Ihre Politik ist nicht konstruktiv“, schreibt Professor Funke.

In diesem Artikel soll ein Überblick geliefert werden, was diese drei Spitzen des rechtsextremen Flügels der AfD geplant haben, wie sie Politik betreiben und was für Aussagen sie so von sich geben. Wie sie erbarmungslos gegen alle ethnischen und religiösen Minderheiten hetzen, die Bundesrepublik Deutschland stürzen wollen und sogar Millionen Menschen aus Deutschland deportieren. Wer nichts mit so etwas zu tun haben will, darf diese Partei auf keinen Fall wählen.

1. Der „Führer“ Björn Höcke in Thüringen

Über Höcke gibt es viel zu sagen. Höcke fordert ein riesiges Remigrationsprojekt, in welchem bis zu zehn Millionen Menschen aus Deutschland deportiert werden sollen, die er als „kulturfremd“ bezeichnet. Wen das an die dunkelsten Stunden der deutschen Geschichte erinnert, liegt nicht falsch. Höcke bildet einen Führerkult um sich herum, wenn er mit wehenden Fahnen und Marschmusik, „Höcke! Höcke!“-Rufen, manchmal auch dunklen Limousinen und Ordnertruppe in öffentlichen Auftritten feiern lässt. Längst kontrolliert er nicht nur seinen Landesverband, auch ist die AfD-Spitze machtlos gegen ihn. An ihm scheiterten Lucke 2015, Petry 2017 und aktuell Meuthen, der Rest muss sich ihm unterordnen.

Höcke hat ebenso wie die anderen beiden Kontakte in die gewalttätige und terroristische Neonazi-Szene. Er ist mit dem terroraffinen Neonazi Thorsten Heise befreundet. Die Verbindung in die rechtsextreme Szene war auch beim buchstäblichen Schulterschluss 2018 in Chemnitz deutlich. Höcke baut einen Führerkult auf, verteilt Flügelabzeichen für treue Anhänger, er verkörpert das nationalsozialistische, anti-demokratische und „völkisch“ orientierte Verständnis des gewaltsamen Umsturzes durch einen Führer, dessen Meinung die des „Volkes“ repräsentieren soll.

Das längst nicht mehr existierende marktliberale und rechtspopulistische Profil von Lucke, das man ansatzweise mit Weidel findet und dem national-konservativen Anstrich der AfD, den Männer wie Gauland und Meuthen verkörpern, ist nur noch eine Fassade. Längst hat Höcke mit seinem Flügel im Hintergrund seine Anhänger in die Position gebracht, die Partei vollends zu übernehmen. Wer die AfD wählt, weil er eine konservativere CDU wünscht, wacht mit einer Stimme für eine gefährlicheren NPD auf.

Zitate von Höcke

Höcke hat in Dresden eine „erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“ gefordert, was ebenfalls heißt, die Zeit des Nationalsozialismus positiv zu betrachten, was man aus seiner Rede auch einfach herauslesen kann. Es ist eine Verherrlichung von Nazis.

 

Die absichtliche Doppeldeutigkeit, mit der Höcke das Holocaust-Denkmal in Berlin bezeichnet hat, wird ihm als antisemitisch ausgelegt. Er behauptet, er habe den Holocaust mit der „Schande“ gemeint, der Kontext seiner Rede lässt das jedoch nicht vermuten.

Eine direkte Kopie nationalsozialistischer Sprache durch Höcke: „Ich will, dass Magdeburg und dass Deutschland nicht nur eine tausendjährige Vergangenheit haben. Ich will, dass sie noch eine tausendjährige Zukunft haben, und ich weiß, ihr wollt das auch“.

 

2016 wählte er ein Gedicht des Hitler-Jugend-Dichters Herbert Napiersky aus dem Jahr 1940 zu Weihnachten aus und veröffentlichte dieses auf seinem Facebook-Account. Zufall wird das nicht gewesen sein. Er ist Geschichtslehrer gewesen.

2. Andreas Kalbitz in Brandenburg

Erst vor kurzem wurde bekannt, dass Kalbitz an höchst fragwürdigen Filmen über die NS-Zeit mitgearbeitet hatte, in welchen Hitler verherrlicht wurde (Quelle). In seiner Vergangenheit war er in vielen rechtsextremen, vom Verfassungsschutz beobachteten und sogar später verbotenen Gruppen wie der „Heimattreuen Deutschen Jugend“ (HDJ), dem rechtsextremen Verein „Kultur- und Zeitgeschichte, Archiv der Zeit“, gegründet von einem Ex-SS-Hauptsturmführer und NPD-Funktionär, der rechtsextremen Partei „Die Republikaner“ oder dem Witiko-Bund.

Offensichtlich hat er eine weitreichende rechtsextremistische Vergangenheit und Verbindungen zu Neonazis und Holocaustleugnern. Er schrieb ebenfalls unter anderem für die neurechte Wochenzeitung Junge Freiheit und der rechtsextremen Jungen Landsmannschaft Ostdeutschland (JLO). Seine Fraktion beschäftigt regelmäßig rechtsextreme Identitäre und ehemalige NPD-Mitglieder. Kalbitz leugnete lange diese Verbindungen, und versuchte später, diese ganzen Verknüpfungen als „Jugendsünden“ zu verharmlosen. Doch seine Rhetorik zeigt eine andere Seite.

Zitate von Kalbitz

„Die AfD ist die letzte evolutionäre Chance für dieses Land. Danach kommt nur noch ‚Helm auf’“ sagte Kalbitz auf dem Kyffhäusertreffen 2018.

 

2001 warnte Kalbitz von einem „Ethnozid am deutschen Volk“. Er bezeichnete es später als „unüberlegte Sprachwahl, die sicher meinem Alter geschuldet war.“ Er war damals aber 29 Jahre alt.

 

„Wir sind nicht bereit, dabei zuzusehen, wie sich unser Land auflöst“; „durch die Multikultipropaganda der Deutschlandhasser bis hin zu Selbstvernichtung verblendet“ dokumentiert der Verfassungsschutz als Aussage von Kalbitz.

 

Im Mai 2018 plädierte er im sogenannten Institut für Staatspolitik für einen „nationalen Sozialismus“. Da war er 46. Von „Jugendsünden“ kann bei so einer Einstellung keine Rede sein.

3. Jörg Urban & Maximilian Krah

Das Spitzenduo Jörg Urban und sein Stellvertreter Maximilian Krah sind die Spitzen des Landesverbandes Sachsen, der wegen eigener Schlampereien nur mit gekürzter Liste zu Wahl antreten darf (Quelle). Es ist der Verband, der mehrere verfassungswidrige Pläne nach der Wahl umsetzen möchte (Quelle) und folgende Dinge für Kinder in Sachsen vorhat:

Die 12 unglaublichsten Dinge, die die AfD Sachsen für Kinder & Jugendliche plant

Maximilian Krah, der immer wieder mit blanken Lügen erwischt wurde (Quelle), hat praktischerweise seine verfassungsfeindliche Ideologie hier selbst erklärt:

AfDler erklärt offen, warum sie vom Verfassungsschutz beobachtet werden müssen

Urban besteht auf „weitgehender Homogenität“ Deutschlands, womit er natürlich eine rassische meint, wie der Verfassungsschutz feststellt. Bei seiner Rede, in welcher er Grünen-Politiker Özdemir erwähnte, skandierte sein Publikum „Abschieben, Abschieben“. Er war ebenfalls beim Schulterschluss mit den rechtsextremistischen Gruppen in Chemnitz dabei.

Krah, der kürzlich ins Europaparlament gewählt wurde, stellte einen französischen Antisemiten und Rechtsextremisten ein, der selbst der französischen Rassemblement National zu rechts war (Quelle). Im Fall Lübcke besonders prekär: Am Tag nach dem Mord an Walter Lübcke wird Max Krah mit den Worten zitiert: „Wir schießen den Weg frei. Es gibt nur uns – ansonsten geht alles den Bach runter“ (Quelle).

Fazit

Ich möchte hier noch einmal auf den exzellenten Artikel von Professor Funke hinweisen, der all dies und mehr zusammengetragen und analysiert hat. Die AfD und insbesonderes ihr rechtsextremer Flügel mit Höcke, Urban und Kalbitz versuchen eine gewalttätige Mobilmachung zu erreichen. Und haben in Methoden, Rhetorik und Plänen große Ähnlichkeiten zum Nationalsozialismus, die sie teilweise verherrlichten oder verharmlosen. Das ist keine rechte CDU, sondern eine rechte NPD.

Wer Wut und Enttäuschung, gerade in Sachsen, Brandenburg und Thüringen an der Wahlurne äußern will, sollte es sich dreimal überlegen, ob er das tun will, indem er Faschisten an die Macht wählt. Wohin das unser Land das letzte Mal geführt hat, ist allgemein bekannt. Und nein, das soll keine plumpe Nazi-Keule sein. Wenn die AfD sich von diesem rechtsextremen Personal und Ideologien trennen sollte und eine „normale“, demokratische Partei werden sollte, kann sie schließlich eine Daseinsberechtigung haben (Mehr dazu). Nicht umsonst wird dieser Flügel bereits teilweise vom Verfassungsschutz beobachtet und ist ein „Verdachtsfall“.

Demokraten können AfD nicht wählen

Wer konservative Einstellungen hat und nicht die CDU möchte und deshalb gerne die AfD als „konservative Alternative“ wählen möchte, sollte sich aber bei den kommenden Landtagswahlen nicht der Illusion hingeben, dass diese Partei mit diesen Landesverbänden das wäre. Wer eine konservative Alternative möchte, darf mit seiner Stimme nicht Rechtsextreme stärken. Wenn du kein Neonazi bist, solltest du auch keine wählen. Deswegen kann man die AfD weder in Sachsen, Brandenburg oder Thüringen wählen.

P.S.: Wer echte „Alternativen“ sucht, kann ja mal den Wahl-O-Mat ausprobieren.

Artikelbild: Professusductus, CC BY-SA 4.0 (Kalbitz) knipsdesign, shutterstock.com (Höcke), AfD-Grafik: Hooligans Gegen Satzbau

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Stimmungsmache für die AfD: Der Erfolg im Osten, den es nicht gibt

Der Erfolg im Osten, den es nicht gibt

Gestern verbreiteten viele Medien diese Schlagzeilen, die sich auf eine aktuelle Emnid-Umfrage stützen (Mehr dazu), die der AfD im Osten einen Stimmenanteil von 24% bescheinigt. Die CDU kommt auf 22%, die Linke auf 16%. Doch ich erlebe ein déjà vu. Wurde die AfD nicht schon letzte Woche immer stärker im Osten? War sie nicht schon im April die stärkste Partei in den neuen Bundesländern? War sie das nicht schon im September 2018? Ein ununterbrochener Höhenflug etwa, könnte man meinen.

Falsch. Denn dass die AfD bei 24% steht ist keine Sensation. Sie wird zwar in dem Sinne „stärker“, dass sie sich im Vergleich zur letzten Woche um einen Prozentpunkt verbessert hat, aber „weiter“ zu legen ist Quatsch. Selbst einen Prozentpunkt Gewinn ist aufgrund der Fehlertoleranz faktisch nichtssagend, aber auch 24% sind doch kein Zuwachs für die AfD. Auffällig auch, dass die 23% bei Emnid letzte Woche diese Schlagzeilen produzierte, anstatt z.B. „AfD stagniert weiter im Osten“.



Déjà vu

Aber das haben wir alles doch schon gelesen, oder? Gefühlt jede Woche ist die AfD „im Osten die stärkste Partei“ oder „legt weiter zu“. Im April habe ich bereits einmal darüber geschrieben, dass einschlägige Medien darüber geschrieben haben, dass die AfD „jetzt die stärkste Partei im Osten“ sei. Ebenfalls laut Emnid kam die AfD im Osten bereits im April auf… 23 Prozent (Mehr dazu). Was ist da los? Aber lasst uns noch weiter zurückgehen. „AfD im Osten die Nummer eins“:

Klingt irgendwie bekannt, oder? Der Artikel ist vom 16. September 2018 beim MDR. In dieser Emnid-Umfrage hatte die AfD übrigens bereits 25% im Osten. Wenn wir statt Emnid mal Infratest dimap heranziehen, hatte die AfD am 6.9.2018 sogar 27% (!) im Osten. Zum Vergleich: Am 1. August aber nur 22% (Quelle). Alle Schlagzeilen sprechen seit einem ganzen Jahr wahlweise davon, dass die AfD „zulegt“ oder „die stärkste Partei“ sei. Aber letzteres ist sie konstant seit einem Jahr, vor allem wegen der Schwäche der CDU. Um im Vergleich zum Vorjahr hat sie sogar Wählerstimmen verloren, wenn man die Umfragen völlig ernst nimmt.

Warum keiner den Linksruck im Osten bemerkt hat – und den Niedergang der AfD

Woher kommt die Stimmungsmache für die AfD?

Ich will auf gar keinen Fall absichtliche Stimmungsmache für die AfD unterstellen, aber das ist definitiv der Effekt. Wahlumfragen beeinflussen nachweislich das Wahlverhalten. Solche Schlagzeilen hinterlassen bei mir zunächst immer den Eindruck, dass die Zustimmung zur AfD im Osten Deutschlands zunehme und sie Wähler*innen hinzugewinnen würde. Dass sie in einem Aufwärtstrend steckt. Dabei ist eher das Gegenteil der Fall. In allen Bundesländern, und auch im Osten, verliert die AfD Stimmen, oder zumindest stagniert sie. Jedes Mal, wenn ich das lese, muss ich mir die genaue Zahl anschauen, um zu erkennen, dass kein wirklicher Gewinn vorliegt.

Dafür gibt es verschiedene Gründe, die ich hier näher erklärt habe. Aber „die Medien“ haben nicht zwangsläufig eine rechte Agenda. Vom Erfolg der AfD zu berichten ist eben das „aufregendere“ Framing. Die Zeitungen werden mit Likes und Klicks aus der teilungsfreudigen rechten Blase belohnt, die die Schlagzeilen feiert – Obwohl es nicht wirklich Grund dazu gibt.

Und „die andere Seite“ teilt, um sich darüber zu ärgern. Dahinter weniger eine geheime rechte Agenda, sondern Wirtschaftlichkeit. Aber letztlich profitiert die AfD von so einer Darstellung. Sie ist technisch nicht falsch, denn am 4. August war die AfD im Osten wirklich mit 23% stärkste Kraft und am 11. hat sie einen Prozentpunkt hinzu gewonnen. Aber das ständige Bombardement mit diesen Schlagzeilen vermittelt einen völlig irreführenden Eindruck.

Der irreführende EIndruck

Solche Schlagzeilen verdecken aber die gravierenden Probleme, die die AfD hat. Sie stagniert seit einem Jahr in ganz Deutschland, ist von Flügelkämpfen und (Spenden-)Affären zerrissen. Sie ist dabei, von ihrem stärksten, faschistischen Flügel übernommen zu werden. Und sie kann mit ihren rechtsextremen Positionen und ununterbrochenen Lügen nicht mehr Menschen überzeugen. Wenn die CDU der Versuchung einer Koalition widersteht, kann dies sogar zu einer Überwachung durch den Verfassungsschutz und dem Ende der AfD führen.

So kann die CDU im Herbst den Untergang der AfD herbeiführen

Bleiben wir mal bei Infratest dimap. Wir sprechen bei der AfD von weiterer Zunahme, während sie von 27% auf 22% gefallen ist, aber die Grünen, die sich mehr als verdoppelt haben (!) werden nicht erwähnt?

Auch bei Emnid vom 16. September 2018 hatten die Grünen im Osten 7%, die AfD 25%. Am 29.09 sogar ebenfalls 27%. In der aktuellsten Umfrage jeweils 11% und 24%. So eine Berichterstattung erzählt eine Erfolgsgeschichte, die es gar nicht gibt und verschweigt hingegen eine andere. Natürlich sind Umfragen mit Vorsicht zu genießen. Aber das wird bei dieser Berichterstattung nicht gemacht. Und dann soll noch einmal jemand sagen, die „Mainstreammedien“ würden nur die Grünen bevorzugen.

Der Mythos der „grünen Mainstream-Medien“: AfD häufiger erwähnt als die Grünen

Artikelbild: Andrei Korzhyts, shutterstock.com

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Kriminalstatistik: Messer-Martin dreimal so kriminell wie Chorknabe Chalid?

Malen nach Zahlen mit der Kriminalstatistik

Seit Jahren beliebt bei Populisten, Rechtsaußen und der nicht unerheblichen Schnittmenge: eine Zahl aus der Kriminalstatistik wird verglichen mit einer anderen aus der Bevölkerungsstatistik und schon hat man den scheinbar unerschütterlichen Beweis dafür, dass Ausländer viel krimineller sind als Deutsche. Leider haben auch so genannte Leitmedien Gefallen daran gefunden und geben somit ihr Gütesiegel für Fake News – denn diese gefährliche Zahlenspielerei ist grober Unfug.

Screenshot Tagesspiegel

Von Tobias Wilke



Nichtdeutsche bei Straftaten überdurchschnittlich vertreten?

„Nichtdeutsche bei Straftaten überdurchschnittlich vertreten!“ überschrieb der Tagesspiegel Ende Juni einen Artikel und garnierte ihn mit einem Symbolfoto: ein aufgeklapptes Butterfly-Messer. Wer gelegentlich AfD-Pressemitteilungen liest, kennt das Prinzip. Im Folgenden gibt sich der Tagesspiegel redlich Mühe, diese steile These mit Zahlen, Daten, Fakten zu untermauern:

„Ohne sie (Anm. d. Red.: ausländerrechtliche Verstöße) sinkt der Anteil der nicht deutschen Tatverdächtigen auf 30,5 Prozent. Das ist immer noch mehr als der Anteil von Ausländern an der Gesamtbevölkerung. Das Statistische Bundesamt spricht zuletzt von 9,4 Millionen Ausländern in Deutschland im Jahr 2017, das sind 11,5 Prozent der hier lebenden Menschen.“

Die „11,5%“ sind dabei durchaus interessant und werden später im Artikel noch eine Rolle spielen. Diesen vermeintlichen Ausländeranteil hat der Tagesspiegel aus einem eigenen, älteren Artikel übernommen. Dabei sind aktuelle Zahlen leicht verfügbar: das Ausländerzentralregister bezifferte die in Deutschland gemeldeten Ausländer inklusive Schutzsuchenden für den Stichtag 31.12.2018 auf exakt 10.915.455, das wären 13,1%.

Der Haken: selbst das Bundeskriminalamt hält diese Zahl für viel zu ungenau, um damit zu rechnen. Zum einen beruht sie auf einer Bevölkerungsfortschreibung auf Basis des Zensus 2011, zum anderen -und das ist der springende Punkt- müssen „Nichtdeutsche“ keineswegs offiziell in Deutschland gemeldet sein, um sich hier regelmäßig oder gelegentlich, dauerhaft oder auf der Durchreise aufzuhalten. Im „PKS Jahrbuch 2018 Band 3“ heißt es dazu auf S. 101:

Quelle: Bundeskriminalamt

 

Falsche Zahlenspielerei

Das Bundeskriminalamt weist also deutlich darauf hin, dass die Zahlenspielerei des Tagesspiegel falsch sein muss, weil für einen Vergleich von nichtdeutschen Tatverdächtigen mit Nichtdeutschen insgesamt eine der beiden Zahlen schlichtweg fehlt: die der Nichtdeutschen insgesamt. Die „Tatverdächtigenbelastungszahl“ erklären wir später.

Peinlich: die somit falsche Rechnung des Tagesspiegel inkl, der „11,5% hier lebenden Ausländer“ hatte der AfD-Vorsitzende Jörg Meuthen dankbar im „Sommerinterview“ des ZDF aufgegriffen. Der Leiter des ZDF Hauptstadtstudios Theo Koll war offenbar derart überzeugt davon, dass er den Unfug danach auf Twitter verbreitet hat. Auf unsere Einwände und die einiger weiterer Nutzer haben er oder das ZDF bislang übrigens genauso wenig reagiert wie der Tagesspiegel.

Wer nicht gezählt wird, mit dem kann man nicht rechnen

Bei Tatverdächtigen kann die Polizei durchaus Angaben zu dessen Meldeadresse machen –schließlich konnte ein konkreter, mutmaßlicher Täter einer oder mehreren Straftaten zugeordnet werden. Bei der Gesamtheit der Nichtdeutschen ist das aus genannten Gründen unmöglich. Deutschland liegt mitten in Europa, um uns herum haben wir neun Nachbarländer, aus denen „Nichtdeutsche“ bequem zu Fuß oder mit dem Fahrrad nach Deutschland einreisen können, ohne irgendwie gezählt oder erfasst zu werden.

Bereits eine ca. fünfstündige Autofahrt macht Deutschland für mehr 100 Millionen nichtdeutsche Europäer leicht erreichbar. Das macht jenen Vergleich aller tatverdächtigen Ausländer allein mit den in Deutschland gemeldeten Nichtdeutschen vollkommen sinnlos. Diese Rechnung funktioniert vielleicht in Nordkorea, wo die wenigen „Nicht-Nordkoreaner“, die sich im Land aufhalten, dem Regime durchaus bekannt sein dürften. Keinesfalls aber mitten in Europa.

Aus den nichtdeutschen Tatverdächtigen in der Kriminalstatistik ließen sich aber durchaus diejenigen subtrahieren, die überhaupt nicht zur offiziell in Deutschland gemeldeten „Wohnbevölkerung“ gehören: jene mit bekanntem Wohnsitz im Ausland, mit unbekanntem oder ohne Wohnsitz.

Quelle: Bundeskriminalamt

 

Demnach hat bei den Straftaten (ohne ausländerrechtliche Verstöße) fast jeder vierte (23,7%) nichtdeutsche Tatverdächtige in der PKS gar keinen Wohnsitz in Deutschland! Bei den Deutschen sind das lediglich 4,9%.

Ein Vergleich, der nur die Tatverdächtigen (Deutsche/Nichtdeutsche) mit Wohnsitz in Deutschland berücksichtigt, verbietet sich dennoch – zum einen sind gem. BKA auch die „13,1%“ nicht so genau, wie sie vielleicht aussehen, zum anderen unterscheiden sich Deutsche und Nichtdeutsche noch in weiteren Punkten, die kriminalstatistisch relevant sind – „Religion“ gehört allerdings nicht dazu. Darauf kommen wir später zurück.

Was bitte ist eine „Tatverdächtigenbelastungszahl“?

Eine „Tatverdächtigenbelastungszahl“ gibt darüber Aufschluss, wie groß der Anteil Tatverdächtiger einer bestimmten Gruppe ist. Sie bezeichnet die Zahl der durch die Polizei ermittelten Tatverdächtigen, normiert auf 100.000 Einwohner der entsprechenden Bevölkerungsgruppe, ohne Kinder unter acht Jahren.

Besonders relevant ist diese „Tatverdächtigenbelastungszahl“ beim Vergleich von Alterskohorten. Die PKS listet seitenweise Tabellen auf, die Aufschluss darüber geben, welche Altersgruppen besonders „kriminalitätsbelastet“ sind. Diese Tabellen gibt es allerdings nur für Deutsche – aus bis hierher hoffentlich ausreichend erläuterten Gründen.

Diese Normierung auf 100.000 ist wichtig, um die Zahlen vergleichbar machen zu können. Die Alterskohorten sind verschieden groß, wegen der ungünstigen Demografie der Deutschen dominieren die älteren Jahrgänge.

Wir haben ein paar Altersgruppen aus der PKS zusammengefasst und mit diesen Zahlen ein wenig gerechnet. Demnach werden Deutsche in der Altersgruppe der unter 30-Jährigen exakt (!) dreimal so häufig als Tatverdächtige ermittelt wie die Generation 30 plus.

Quelle: Bundeskriminalamt / eigene Berechnungen

Da die Nichtdeutschen in Deutschland eine etwas günstigere Demographie aufweisen -der Anteil „unverdächtiger Rentner“ also kleiner ist, der Anteil der Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen hingegen etwas größer- ist also ein nicht unerheblicher Anteil ggf. unterschiedlicher Kriminalitätsbelastung schon auf die unterschiedlichen Altersstrukturen bei Deutschen und Nichtdeutschen zurück zu führen. Das verschiebt den ohnehin fehlerhaften Vergleich zwischen Deutschen und Nichtdeutschen statistisch noch weiter zu Ungunsten der Nichtdeutschen.

AfD und BILD-Würstchenzähler scheitern am Dreisatz, Schröder an ihren Vorurteilen

Quelle: Welt / Kristina Schröder

In der Welt hatte Ex-Familienministerin Kristina Schröder am Donnerstag einen „Meinungsartikel“ veröffentlicht, der tief blicken lässt. In ihrem Einleitungstext heißt es: „Es ist statistisch erwiesen, dass unter jungen, muslimischen Migranten die Gewaltbereitschaft höher ist als die der einheimischen Bevölkerung. Christentum und Islam sind eben nicht gleich.“

Nach diesen zwei Sätzen ist eigentlich alles gesagt, was man über Kristina Schröders „Fachwissen“ zum Thema Kriminalstatistiken wissen muss: sie hat keines. Null.

das merkmal Religion

Das Merkmal „Religion“ wird bei Tatverdächtigen nicht erfasst, sofern es nicht um die Sonderstatistik „Politisch Motivierte Kriminalität“ geht und das ist auch gut so: als sich die Exekutive in Deutschland zuletzt für das Attribut „Glauben“ interessierte, begann der systematische Massenmord an Juden in Europa  – ganz ohne jeden Tatverdacht.

2014 hatte ein Ratsmitglied der rechtsextremen Kleinpartei „Die Rechte“ eine Anfrage zu Anzahl und Wohnorten von Juden in der Stadt Dortmund gestellt, was bundesweit für Entsetzen sorgte.

Nun glaubt Kristina Schröder also, über Geheimwissen (aus der Kriminalstatistik kann sie es ja nicht haben!) über die Gewaltneigung junger Männer islamischen Glaubens zu verfügen und schreibt weiterhin:

„Es sind nicht alle Migrantengruppen, die eine höhere Gewaltneigung aufweisen. Sondern es sind vor allem die, die aus einem islamisch geprägten Kulturkreis stammen.“

(Quelle: Kristina Schröder in der Welt vom 8.8.2019)

Wir haben daraufhin aus einem Wikipedia- Artikel die Tabelle der Länder mit den weltweit höchsten Tötungsraten ergänzt um eine weitere Kategorie: Religion.

Demnach gehören in den Ländern mit den meisten Tötungsdelikten -normiert auf jeweils 100.000 Einwohner- jeweils mindestens 67% der Bevölkerung einer christlichen Glaubensgemeinschaft an: Katholiken, Protestanten, Freikirchen etc.

Trauriger Spitzenreiter: Venezuela mit einer Tötungsrate von 62 auf 100.000 Einwohner, insgesamt fast 18.000 Tötungsdelikte in einem Land mit rund 32 Mio. Einwohnern, dicht gefolgt von El Salvador und Honduras.

Diese Grafik hängten wir an ihren Thread bei Twitter und wiesen darauf hin, dass auch in diesen, christlich geprägten Ländern kein Zusammenhang besteht zwischen „Glauben“ und „Gewaltneigung“.

Eine andere Nutzerin postete einen Tag später einen Ausschnitt derselben Wikipedia-Tabelle, was den Leiter des Berliner Parlamentsbüros der BILD-Zeitung offensichtlich auf die Palme brachte. In dem Fall vielleicht eher auf die Nordmanntanne.

BILD vs Fakten

Ralf Schuler hatte erst kürzlich mit einem BILD-Artikel dafür gesorgt, dass der Leiter einer Leipziger Kita nach massiven Bedrohungen eine Änderung des Speiseplans wieder rückgängig machte und Populisten somit aufatmen können – die Kleinen dürfen auch künftig damit rechnen, Eisbein und Blutwurst aufgetischt zu bekommen, Volksverpetzer hatte darüber berichtet.

Kein Verbot, Kein Polizeischutz: 8 Fakten zur Schweinefleisch-Debatte

Ralf Schuler also blaffte die Twitter-Nutzerin an: „Ihnen ist auch nichts zu blöd, oder? Es hat zwar niemand über Tötungsraten gesprochen, aber kann man ja mal bringen. Je kleiner ein Land, desto größer ist logischerweise die Rate (…).“

Wir konnten uns einen entsprechenden Hinweis auf die Dämlichkeit dieses Einwands nicht verkneifen, doch Schuler hielt noch einige weitere Tweets lang fest an seinem eklatanten Logikfehler – zum Entsetzen und zur Belustigung eines stetig wachsenden Kreises von Twitternutzern.

Seine andere Aussage ist natürlich ähnlich absurd: Warum sollten Tötungsdelikte nichts mit Gewaltkriminalität zu tun haben…?

Schuler hatte übrigens kürzlich erst sein Buch „Lasst uns Populisten sein!“ veröffentlicht. Populismus scheint vor allem dann zu funktionieren, wenn man sich nicht um Logik scheren muss.

Leipzig sicherer als Görlitz

Einem ähnlichen „Denkfehler“ wie Schuler und dessen abenteuerlicher Interpretation einer Kriminalitätsrate unterlag kürzlich auch der Görlitzer OB-Kandidat Sebastian Wippel – innenpolitischer Sprecher der AfD-Fraktion im Sächsischen Landtag und Polizeibeamter (!).

Quelle: AfD Landtagsfraktion Sachsen

 

In seiner Pressemitteilung vom 3. Juni schrieb dieser: „AfD-Antrag belegt hohe Ausländerkriminalität in Sachsen“. Leipzig mit einem (für ostdeutsche Verhältnisse) relativ hohen Anteil gemeldeter Ausländer gilt der AfD offenbar als Kriminalitätshochburg schlechthin. Als vermeintlichen Nachweis nutzt Wippel dafür die absoluten Zahlen aus zwei Antworten des Innenministeriums aus zwei seiner Anfragen.

Quelle: AfD Landtagsfraktion Sachsen

Dass Leipzig mit 332 Diebstählen unter erschwerenden Umständen im Abfragezeitraum deutlich vor Görlitz mit 35 Fällen liegt, sollte eigentlich verwundern – Leipzig hat mehr als 10x so viele Einwohner!

Berechnet man die Kriminalitätsraten für „Diebstahl unter erschwerenden Umständen“ ergeben sich folgende Zahlen (jew. bezogen auf 100.000 Einwohner):

Leipzig: 55,5
Görlitz: 61,3

Wenn Wippel also -explizit bezogen auf „Diebstahl unter erschwerenden Umständen“- schreibt „Mit mir als möglichen Oberbürgermeister in Görlitz wird es keine Leipziger Verhältnisse geben.“, ist das ein kapitales Eigentor – Leipzig ist bei diesem Delikt „sicherer“ als Görlitz. Die zweite Wahlrunde hat Wippel übrigens verloren.

Welche Eigenschaft macht Zuwanderer ggf. häufiger „tatverdächtig“?

Zunächst einmal machen natürlich Straftaten tatverdächtig. Das können Gewaltdelikte oder Beleidigungen sein, aber auch Schwarzfahren oder ein halbes Gramm Cannabis in der Hosentasche, wenn die Polizei gerade eine „Komplexkontrolle“ durchführt.

Für Nichtdeutsche lassen sich keine „Tatverdächtigenbelastungszahlen“ berechnen, bei der Untergruppe der Zuwanderer genauso wenig – unter anderem, weil es bei dieser Gruppe nicht nur um einen Fluchtkontext geht, sondern auch „unerlaubten Aufenthalt“. Wir hatten vor einer Woche darüber berichtet:

Bei Zuwanderern verzählt, bei Kriminalität verrechnet: Nicht nur Rechte stolpern über BKA-Statistik

Bei einer Teilmenge wäre das allerdings wohl durchaus möglich: bei den Geflüchteten, die mit anerkanntem Schutzstatus in Deutschland leben.

Gemäß Ausländerzentralregister waren das (Stichtag 31.12.2018) 1.283.225 Personen. Hauptherkunftsländer: Syrien, Afghanistan, Irak.

In Band 3 des PKS-Jahrbuchs werden auch die Tatverdächtigen nach Schutzstatus unterschieden, demnach wurden vergangenes Jahr 19.347 Personen mit dem Status „Schutz- und Asylberechtigte bzw. Kontingentflüchtlinge“ erfasst.

Die „Tatverdächtigenbelastungszahl“ dieser Gruppe: 1.508 Tatverdächtige (auf 100.000 Personen), das entspricht ziemlich genau dem Wert der Deutschen der Altersgruppe ab 30 Jahren (s.o.) und somit lediglich einem Drittel im Vergleich mit den jüngeren Deutschen!

Nicht berücksichtigt ist darin allerdings der Anteil der unter 8-Jährigen bei den anerkannten Geflüchteten, aber die ungefähre Größenordnung und die Konsequenz scheint klar: eine echte Zukunftsperspektive schützt vor Kriminalität. Das gilt auch für Muslime in Deutschland, Frau Schröder!

Macht der „Heimkoller“ krawallig?

Die Kriminalstatistik zeigt auch -und das wollen wir hier nicht verschweigen- dass Asylbewerber (abgelehnt oder im Verfahren) deutlich häufiger als Tatverdächtige registriert werden, wenn man sie mit der Gruppe der anerkannten Flüchtlinge vergleicht.

Das sollte allerdings nicht verwundern: schon aus Versicherungsgründen kommt in Massenunterkünften mit bis zu 1.500 Geflüchteten wie in Bayern wahrscheinlich jede Ohrfeige und jeder kaputte Klodeckel zur Anzeige. Bei möglicherweise rechtswidrigen Razzien in den Mehrbettzimmern werden auch kleinere Cannabisfunde polizeilich registriert – bei den laut offiziellen Schätzungen rund 4 Millionen Cannabis-Konsumenten in Deutschland sind solche Durchsuchungen der heimischen Wohnung nur mit richterlichem Beschluss möglich.

Hinzu kommt: wie sehr das Nichtstun in einer Massenunterkunft zu Spannungen und Übergriffen führen kann, dazu lohnt sich ein Blick in das Archiv des Spiegel.

Quelle: SPIEGEL vom 19.2.1990

 

Bei den Schlagworten „West-Berlin“ und „Übersiedler“ wird es bei den meisten wohl klingeln: in dem Artikel geht es um Ostdeutsche, die 1990 und somit nach dem Mauerfall ihr Glück im Westen suchten. Der Anteil der Muslime unter den übergriffigen Übersiedlern aus Ostdeutschland dürfte gegen 0% tendieren.

Artikelbild: pixabay.com, CC0

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Bei Zuwanderern verzählt, bei Kriminalität verrechnet: Nicht nur Rechte stolpern über BKA-Statistik

Faktencheck „Zuwandererkriminalität“ fällt bei Faktencheck durch.

Die Faktenchecker von „Correctiv“ haben Postings unter die Lupe genommen, die eine geradezu explosionsartige Zunahme von Straftaten durch Schutzsuchende belegen sollen. Ihr Fazit: „Richtig, aber es fehlt der Kontext!“, nachdem sie jenen „Kontext“ ausführlich zu erläutern versuchten. Das Problem: sowohl Populisten als auch „Correctiv“ haben jene Statistiken zur „Zuwandererkriminalität“ wohl einfach nicht verstanden – kein Wunder! (Artikel von „Correctiv“)

von Tobias Wilke

-> Update 10.08.: Nach Hinweisen unseren hat Correctiv inzwischen seinen Text korrigiert und die Bewertung zu „Größtenteils falsch“ angepasst.



Verzerrte und falsche Grafik

Seit einigen Wochen teilen „besorgte Bürger“, hauptamtliche Populisten von Rechtsparteien, aber zu unserem Entsetzen auch der Deutsche Journalistenverband Berlin-Brandenburg absolute Zahlen zu Straftaten, für die vermeintlich Geflüchtete als Tatverdächtige ermittelt wurden und vergleichen dabei die Jahre 2014 (also vor der sogenannten „Flüchtlingskrise“) und 2018 – dem aktuellen Berichtsjahr.

Der AfD-Bundestagsabgeordnete Thorsten Weiß will das Ganze noch um prozentuale Steigerungen „aufpeppen“, sein Sharepic wird dementsprechend auch tausendfach geteilt, doch er scheitert dabei kläglich an der Prozentrechnung: ein Anstieg von 122 auf 430 Fälle („Mord und Totschlag“) bedeutet natürlich keine Steigerung um „+352%“, sondern um +252%.

Die Motivation von „Correctiv“, diese Zahlen einzuordnen, ist durchaus nachvollziehbar: mehr Menschen begehen selbstverständlich auch mehr Straftaten. 2018 gab es wohl deutlich mehr „Zuwanderer“ in Deutschland als noch 2014, die Zahl der Straftaten in Berlin oder Hamburg ist schließlich ebenfalls höher als die in Ottendorf-Okrilla oder Gleiszellen-Gleishorbach.

Der Vergleich: Äpfel mit Obstkörben, darunter Birnen.

Die Faktenchecker von „Correctiv“ versuchen also zu ermitteln, ob der Anstieg der Straftaten „Zuwanderer“ nicht schlichtweg dadurch zu erklären sein könnte, dass im gleichen Zeitraum auch die Zahl der Zuwanderer in ähnlichem oder sogar höherem Umfang gestiegen ist. Wenn in Berlin ungefähr doppelt so viele Tatverdächtige ermittelt werden wie in Hamburg, würde das wohl auch nicht verwundern – die Einwohnerzahl ist ca. doppelt so hoch. Pendler und Touristen verzerren die Zahlen allerdings.

Daher recherchiert „Correctiv“ die vermeintliche Gesamtzahl der Zuwanderer für das Jahr 2014, beziffert diese auf rund 750.000 und ignoriert dabei leider -trotz des Screenshots im eigenen Artikel- die Schätzung des Bundeskriminalamts für das gleiche Jahr: etwa 240.000 (gelbe Markierungen durch uns). Genaue Zahlen zu nennen, ist ohnehin komplett unmöglich. Dazu später.

Das Problem: „Correctiv“ hat die Zahl der „Zuwanderer“ für 2014 aktuell beim Statistischen Bundesamt recherchiert, das Bundeskriminalamt hingegen hatte damals noch eine deutlich enger gefasste Definition für „Zuwanderer“ als heute.

Anerkannte Flüchtlinge zählten bis 2017 nicht als „Zuwanderer“

Bis einschließlich 2016 hatte das Bundeskriminalamt Geflüchtete mit anerkanntem Aufenthaltstitel (nationaler/internationaler Schutz und Asylberechtigte) noch gar nicht als „Zuwanderer“ kategorisiert, sondern als „sonstiger, erlaubter Aufenthalt“ in der Kategorie „Nichtdeutsche“.

Daher wurden auch Straftaten und Tatverdächtige aus diesem Personenkreis nicht den „Zuwanderern“ zugeordnet.

Dementsprechend sind die Zahlen zu Straftaten durch Zuwanderer im Jahr 2014 aus den Postings der Populisten (und des DJV Berlin-Brandenburg!) sowie der Zuwanderer insgesamt gemäß Recherchen von „Correctiv“ überhaupt nicht vergleichbar mit denen aus 2018!

Dem letzten Absatz aus diesem eigentlich recht deutlich gekennzeichneten Warnhinweis des Bundeskriminalamts widmen wir uns später.

Und Nicht alle „Zuwanderer“ sind auch „Schutzsuchende“

„Correctiv“ verwendet in seinem (leider missglückten) Faktencheck den Begriff „Schutzsuchende“ synonym für „Zuwanderer“. Der Haken: in der Definition des BKA gehört auch „unerlaubter Aufenthalt“ dazu – Studenten, Touristen oder Arbeitnehmer und Geschäftsleute, aber auch professionelle Diebesbanden ohne gültige Visa. Kein Fluchtkontext also. Als polizeilich ermittelte Tatverdächtige tauchen diese zwar in der Kategorie „Zuwanderer“ auf, waren jedoch nie „Schutzsuchende“.

Die Gesamtzahl jener „unerlaubt Aufhältigen“ zu beziffern, die nicht als Tatverdächtige durch die Polizei ermittelt wurden oder sich überhaupt nichts zu Schulden kommen ließen, ist vollkommen unmöglich – wohl keiner von ihnen wird seinen unerlaubten Aufenthalt irgendeiner Behörde melden. Daher ist die ungefähre Linie des Bundeskriminalamts (Grafik 2) noch deutlich seriöser als die vermeintlich exakten Zahlen von „Correctiv“.

Ein „Zuwanderer“ ohne Fluchtkontext kann zwar als Tatverdächtiger ermittelt und somit den vermeintlich „kriminellen Schutzsuchenden“ zugeordnet werden – nicht aber der Gesamtzahl der Zuwanderer. Die Statistik zur Zuwandererkriminalität wird hier also zwangsläufig unseriös, jeder Versuch zu berechnen, „wie viel krimineller“ Zuwanderer sein könnten als Deutsche ist zum Scheitern verurteilt. Daher warnt das BKA auch explizit:

Quelle: Bundeslagebild Kriminalität im Kontext von Zuwanderung.

(Anm.d.Red.: Die Tatverdächtigenbelastungszahl ist die Zahl der ermittelten Tatverdächtigen errechnet auf 100.000 Einwohner des entsprechenden Bevölkerungsanteils jeweils ohne Kinder unter acht Jahren.)

Auf Sprachlos-Blog findet sich ein ausführlicher Artikel dazu, welche absurden Werte sich ergeben können, wenn beispielsweise das Landeskriminalamt Sachsen diese Warnung des BKA ignoriert.

Wer durch Zuwanderer getötet wird, kann quicklebendig sein

Seit Monaten verweisen Rechte, Rechtsaußen und leider auch auf deren Klickzahlen schielende Medien darauf, wie viele Deutsche im vergangenen Jahr angeblich durch Geflüchtete ermordet worden seien.

Die Faktenchecker von „Correctiv“ bemühen sich, den Unterschied darzustellen zwischen Opfern von Tötungsdelikten und tatsächlich getöteten Menschen.

Achtung, jetzt wird es makaber: auch das Opfer eines „Vollendeten Tötungsdelikts“ kann sich durchaus bester Gesundheit erfreuen – vom BKA Totgesagte leben länger. Der entsprechende Hinweis findet sich in genau jenem „Bundeslagebild im Kontext von Zuwanderung“, aus dem so viele die Zahlen übernehmen, aber offenbar die Texte ignorieren. Im Kapitel  3.1.4 „Opfer“ findet sich der entsprechende Hinweis:

Das heißt: zu den 102 deutschen Opfern eines „vollendeten Tötungsdelikts“ durch Zuwanderer im vergangenen Jahr (also 2018) gehören nicht nur laut BKA sieben getötete Deutsche vom Anschlag des Terroristen Anis Amri auf dem Berliner Breitscheidplatz 2016, sondern auch 75 dabei verletzte Deutsche ungeachtet des Verletzungsgrads. Dazu könnten durchaus auch traumatisierte Einsatzkräfte gehören.

Die Kategorie „Opfer nichtdeutsch“ hat das BKA irgendwie „vergessen“ – bei dem Terroranschlag auf dem Breitscheidplatz wurden auch Menschen aus der Ukraine ermordet, aus Israel, Polen, Italien und der Tschechischen Republik.

Finger weg! Auch von der Statistik…

Besonders beliebt bei „Scharfmachern“ sind Sexualdelikte – zumindest dann, wenn kein Deutscher als Tatverdächtiger ermittelt wird. Die Steigerung der absoluten Zahlen bei Zuwanderern von 2014 bis 2018 klingen zunächst einmal gewaltig. Es gab 2016 allerdings eine Strafrechtsreform, auf die „Correctiv“ auch hinweist – leider nur sehr vage:

Quelle: „Correctiv“

Diese Novellierung des Sexualstrafrechts betrifft den Ende 2016 neu geschaffenen §184i StGB „Sexuelle Belästigung“. Was 2014 noch keine Straftat war, 2018 aber zur Kategorie „Straftaten gegen die Sexuelle Selbstbestimmung“ gehört, muss also zwangsläufig zu einer Steigerung der Gesamtzahlen im Betrachtungszeitraum führen. Das betrifft selbstverständlich auch Deutsche: die Zahl der „Sexuellen Belästigungen“ bei denen Deutsche als Tatverdächtige ermittelt wurden, sind im gleichen Zeitraum von 0 (logisch!) auf 5493 gestiegen.

Die AfD hat das populistische Potential dieses Effekts offenbar erkannt und setzt womöglich gezielt auf Verwechslung von „Sexueller Belästigung“ mit schweren Sexualverbrechen. Der MDR hat eine solche Pressemitteilung der AfD Fraktion Sachsen umfassend beleuchtet.

Falsch gezählt ist halb gehetzt

„Correctiv“ resümiert in seinem ausführlichen Faktencheck: die Postings von AfD, DJV(!) u.a. zu der Steigerung bei den absoluten Zahlen von Straftaten durch Zuwanderer sind „Größtenteils richtig (…) Aber sie lassen Kontext außer Acht“. Sorry, die Zahlen sind nicht „Größtenteils richtig“, weil sie laut BKA überhaupt nicht vergleichbar sind (geänderte Definition von Zuwanderern, von denen eine große Gruppe nicht zählbar ist!) und der von „Correctiv“ nachgelieferte, vermeintliche Kontext (s.u.) ist aus den gleichen Gründen ebenfalls „Größtenteils falsch“.

Quelle: „Correctiv“

Unsere Bewertung: wegen der zahlreichen Unschärfen bei der Betrachtung von „Zuwandererkriminalität“, auf die das Bundeskriminalamt sogar selbst hinweist, sollte die Polizei womöglich einfach auf die Erstellung einer derart unverlässlichen Sonderstatistik verzichten. Die „Polizeiliche Kriminalstatistik“ ist ein Arbeitsnachweis der Polizei – nicht mehr, nicht weniger. Wenn dieser Arbeitsnachweis aber für Hass und Hetze mit manipulierten oder falsch verstandenen Zahlen missbraucht wird, konterkariert die Polizei eine ihrer wichtigsten Aufgaben: die Prävention.

Autor: Tobias Wilke, Artikelbild: Screenshot facebook.com

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So kriminell sind Rechte im Netz: Über 90% der Hasskriminalität ist rechtsextrem

Hass im netz

Nach der Antwort auf eine Anfrage an die Bundesregierung (Hier) gehen 91,6% aller Taten der Hasskriminalität mit dem „Tatmittel Internet“ auf das Konto von Rechtsextremen. Das sind 1798 Fälle. Im Vergleich zu den Vorjahren ist ein Rückgang festzustellen mit einem Höhepunkt von 2891 im Jahr 2016.

Seit 2017 erfasst man die Kategorie „Hassposting“. Auch hier dominieren rechte Hasspostings die Statistik. Hier sind Rechtsextremisten für drei Viertel aller Hasspostings verantwortlich. 1472 rechte Hasspostings wurden dabei gezählt, 126 mit der PMK links. 49 mit religiöser Ideologie und 45 mit PMK Ausländer. 122 waren nicht zuzuordnen.

Die Daten sind nach Aussage der Bundesregierung unvollständig, über die Dunkelziffer zu Hass im Netz kann sie keinerlei Angaben machen.



Womit ist „Hassposting“ gemeint?

Unter „Hassposting“ nennt die Bundesregierung zwei leicht unterschiedliche Definitionen. Der Verfassungsschutz definiert es so:

„Hasspostings sind Beiträge im Internet, die in allen Phänomenbereichen im Rahmen von Debatten zu aktuellen Themen eine Emotionalität und zum Teil auch Schärfe aufweisen, die jenseits der freien Meinungsäußerung liegen beziehungsweise bei denen die Schwelle zur Strafbarkeit mitunter deutlich überschritten wird. Derartige Aussagen umfassen Drohungen, Nötigungen, Verunglimpfungen,
extremistische Inhalte sowie unverhohlene Aufrufe zu Straf- und Gewalttaten.“

Für den Polizeibereich hat die Kommission Staatsschutz den Begriff „Hassposting“ folgendermaßen definiert:

„Ein Posting ist ein Beitrag oder Artikel, der im oder über das Internet mehreren Nutzern gleichzeitig zugänglich gemacht wird.

Politisch motivierten Hasspostings werden solche Straftaten zugerechnet, die in
Würdigung der Umstände der Tat oder der Einstellung des Täters Anhaltspunkte dafür geben, dass diese wegen einer zugeschriebenen oder tatsächlichen politischen Haltung, Einstellung und/oder Engagements, Nationalität, ethnischer Zugehörigkeit, Hautfarbe, Religionszugehörigkeit, Weltanschauung, sozialen Status, physischer und/oder psychischer Behinderung oder Beeinträchtigung, sexuellen Orientierung und/oder sexuellen Identität oder äußeren Erscheinungsbildes kausal gegen eine oder mehrere Person(en), Gruppe(n), oder Institution(en) gerichtet sind.“

Auch über 90% aller Gewalttaten sind rechts

Doch auch außerhalb des Netzes sieht es bei Hasskriminalität nicht anders aus. 93% aller Straftaten im Bereich Hasskriminalität werden von Rechtsextremen begangen.

Auch über 90% aller Gewalttaten im Bereich Hasskriminalität kommen von rechts.

Mordaufrufe, Gewaltfantasien und die Verbreitung von Hass sind ein Problem in unserer Gesellschaft und führen zu einer Verrohung, die sich auch in reale Gewalt niederschlägt. Doch die Ursache hierfür ist ziemlich eindeutig zu benennen: Der sich ausbreitende Rechtsextremismus. Es ist deshalb in (sozialen) Medien und in der Politik umso wichtiger, klare Haltung zu zeigen, diesen Hass konsequent zu ahnden und Rechtsextremismus nicht durch falsche Gleichsetzungen mit dessen Gegnern zu verharmlosen und legitimieren.

Artikelbild: pixabay.com, CC0

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Kriminalität: Wie jedes Gespräch mit einem AfD-Wähler abläuft

Fakten gegen Hetze

Derzeit werden einige jüngste Schreckenstaten von Rechtsextremen dazu instrumentalisiert, um gegen Nichtdeutsche zu hetzen und Rassismus weiter zu schüren. Wer sagt, dass die Täter ihre gerechte Strafe erhalten sollen, der ist kein Rassist. Aber wer sich nur die schrecklichen Taten herauspickt, an welchen Nichtdeutsche beteiligt sind und diese nutzt, um falsche und verkürzte Schlussfolgerungen zur „Willkommenspolitik“ oder Einwanderung zu ziehen, schon.



1. Man ignoriert die meisten Straftaten

Die AfD schreibt auf Twitter zum Mord in Stuttgart: „Deutschland kommt nicht zur Ruhe, erneut gibt es einen Mord in aller Öffentlichkeit.“ Aber es gab sogar zwei. Aber der andere weniger interessant, nicht? In Kassel wurde in der Nacht zum Donnerstag ein Mann auf offener Straße erschossen (Quelle). Die AfD verschweigt fast ausnahmslos jede Straftat, die nicht von einem (vermeintlich) Nichtdeutschen verübt wurde, das ist Fakt. Obwohl das nur der größte Teil aller Straftaten ist. Mehr dazu:

Rassistische Hetze: Wo sind die empörten Wutbürger zum Mord in Kassel?

2. Deutschland ist viel sicherer geworden

Über Nichtdeutsche Straftäter wird öfter berichtet, weil es mehr Menschen interessiert, weil sie sie instrumentalisieren, weil sie glauben, dass diese mehr Straftaten begehen, weil mehr darüber berichtet wird. Danach wird behauptet, dass das so sei, weil Deutschland so unsicher geworden sei. Deutschland ist aber so sicher wie seit der Wiedervereinigung nicht mehr, das bestätigt auch die Polizei, die eine Erklärung hat, warum viele Menschen das nicht so empfinden. Mehr zu den Fakten:

Die Zerstörung vom „Es ist alles so unsicher geworden“-Mythos

3. Die Augenwischerei mit der Überproportionalität

Wenn dieser Mythos aus der Welt geschafft wurde, wird versucht, mit einem statistischen Trick zu argumentieren: Nichtdeutsche seien schließlich überproportional kriminell. Das ist aber ziemlich nichtssagend, da in die Statistik jeder Nichtdeutsche einfließt, wie Touristen, Geschäftsreisende, Internetkriminalität uvm. Deshalb sind Deutsche in Österreich auch überdurchschnittlich kriminell oder alle Berliner. Zumindest laut Statistik. Und dann kommt noch eine unterschiedliche Demographie hinzu, die verzerrt. Mehr dazu:

Abrechnung mit „Aber Nichtdeutsche sind überdurchschnittlich kriminell!“

4. Wären sie gar nicht erst hier…!

Die letzte Zuflucht ist dann das wahnwitzige und sogar faschistische Argument, dass alle Straftaten von Nichtdeutschen verhindert hätten werden können, wenn sie gar nicht erst im Land gewesen wären. Dass das weder Straftaten von Touristen usw verhindert, noch von allen Deutschen, die wohlgemerkt die allermeisten Straftaten verüben, wird einfach übersehen. Ebenso wie die Tatsache, dass hier anscheinend vorgeschlagen wird, dass bis zu 10 Millionen Bewohner Deutschlands aus dem Land geworfen werden sollen, größtenteils EU-Ausländer, größtenteils hier geboren und wovon circa 98% nie straffällig geworden sind. Sinnvoll sieht anders aus. Mehr dazu:

Die verrückteste „Lösung“, die Rassisten gegen Kriminalität vorschlagen

5. Wir wollen auch recht und gesetz

Aber seien wir ehrlich, meistens kommen wir gar nicht so weit in einer Diskussion. Irgendwann kommen nur Unterstellungen, Lügen, Leugnungen und Beleidigungen. Das waren nur nacheinander die „Argumente“, die ich in den letzten Tagen gehört habe, mit der versucht wurde, die rassistische Instrumentalisierung und Auswahl dieser Straftaten zu rechtfertigen. Und „Lösungsvorschläge“, die nichts mit Kriminalität zu tun haben. Denn die meisten, die so argumentieren, wollen eigentlich einfach nur (dunkelhäutige) Ausländer und Schutzsuchende nicht in Deutschland haben. Und das mit Kriminalität zu begründen klingt nach einem rationalen Argument.

Wenn ich argumentiere, dass es das nicht ist, heißt das nicht, dass ich dagegen bin, dass sie bestraft werden. In deren Köpfen ist Abschiebung die einzige und einzig richtige Maßnahme gegen Kriminalität, dabei gibt es so etwas wie ein Gesetz und ein Gleichheitsgrundsatz. Jeder ist vor dem Gesetz gleich. Oder was meint ihr, wie wir deutsche (und alle anderen) Straftäter verurteilen? Es gibt sinnvolle, nicht rassistische Maßnahmen, um Kriminalität und Schreckenstaten von psychisch Kranken zu verhindern. Abschiebung gehört nicht dazu.

Wir wollen keinen rassismus

Es ist schade und traurig, dass Rechtsextremisten wie die AfD derart schamlos die Opfer verhöhnen, wenn sie nicht nur diejenigen ignorieren, deren Täter Deutsche waren, sondern sich wie im Falle des Jungen von Frankfurt einfach einen Namen ausdenken, um damit viele Lügen zu verbreiten. Wie muss sich die arme Mutter dabei fühlen? Wir alle wollen eine gerechte Strafe für die Täter und sinnvolle Maßnahmen, um so etwas in Zukunft zu verhindern. Was wir nicht wollen ist Rassismus.

Artikelbild: pixabay.com, CC0

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Falsches Foto & falscher Name: Das ist nicht der 8-jährige Junge von Frankfurt!

Falsches Foto & falscher Name

Rechtsextreme Stimmungsmacher versuchen weiterhin mit Lügen und Falschdarstellungen die Stimmung anlässlich der Tragödie von Frankfurt aufzuheizen. Am Montag stieß ein psychisch kranker Eritreer einen 8-jährigen Jungen vor einen Zug, was dieser tragischerweise nicht überlebte. Aufgrund der Herkunft des Täters wird die Tat instrumentalisiert, um gegen Nichtdeutsche und die deutsche Migrationspolitik zu hetzen, obwohl der mutmaßliche Täter seit 2008 legal in der Schweiz lebte und legal nach Deutschland einreiste (Mehr dazu).

Derzeit wird dieses Bild mit diesem Text verbreitet, in dem behauptet wird, dass es sich um das Opfer handelt. Außerdem wird behauptet sein Name sei „Oskar“. Das ist jedoch beides falsch.

„Der kleine Oskar war erst vor kurzem 8 geworden. Ein gesuchter Gewalttäter ohne Aufenthaltserlaubnis stiess ihn unter die Räder des 100 Tonnen schweren ICE“ [sic]

 

Ziel ist selbstverständlich, mit einem Bild und einem Namen das Mitgefühl und dementsprechend auch die Wut auf den Täter anzustacheln. Mit einem Gesicht wird das Opfer weiter vermenschlicht. Während hingegen die Falschaussagen auf dem Sharepic den Täter brutalisieren sollen und die Schuld bei der „Willkommenspolitik“ und fehlenden Grenzkontrollen gefunden wird.



Bild ist aus dem internet

Das Foto ist ein Stockfoto aus dem Internet, wie eine Bilder-Rückwärtssuche zeigt.

Wie die Recherchegruppe #DieInsider berichten, tauchte das Bild zuerst in rechtsextremen Kreisen auf. Ein AfD-Politiker namens Ciresa scheint zuzugeben, sich den Namen ausgedacht zu haben:

Auf seinem Profil erklärt er: „So lange ich nichts anderes erfahre heißt er Oskar.“ [sic] Ob das der Ursprung des ausgedachten Namens ist, ist noch unklar.

Der Name des getöteten Jungens wurde nie veröffentlicht, er hieß also wahrscheinlich nicht Oskar. Laut t-Online wollten Ermittler den echten Namen nicht nennen, bestätigten aber, dass es nicht Oskar sei. Kurz darauf erstellte ein Unbekannter die Grafik, die sich daraufhin in jenen Kreisen verbreitete und von verschiedenen Fake-Accounts multipliziert wurde.

Fakes im Text

Der mutmaßliche Täter besaß eine Aufenthaltserlaubnis für die Schweiz. Dort war er 2006 eingereist und wurde 2008 als Flüchtling anerkannt. Er besaß die Niederlassungsbewilligung der Kategorie C, also eine unbegrenzte Aufenthaltsgenehmigung. Auch nach Deutschland reiste er nach bisherigem Stand legal. Bis zu einer psychischen Erkrankung Anfang des Jahres sei er „aus Sicht der Ausländer- und Asylbehörden in der Schweiz vorbildlich“ gewesen und „gut integriert“ (Quelle).

Die Schweizer Behörden erklärten, dass der Mann zuvor nicht durch Gewaltdelikte aufgefallen war. Vergangene Woche habe er einen wohl krankheitsbedingten Gewaltausbruch gehabt und war daraufhin in der Schweiz zur Fahndung ausgeschrieben. In Deutschland wurde nicht nach ihm gefahndet. Die Behörden erfuhren erst mit der Fahndung von seiner psychischen Erkrankung.

Falsches Bild, Falscher Name, Falsche Behauptungen

Durch das aus dem Internet geklaute Bild, den erfundenen Namen und die falschen Behauptungen im Text soll das Opfer nahbarer werden, um die Wut auf den Täter, aber auch auf das politische (Asyl- und Migrations-)System zu schüren. Derzeit werden massiv Lügen, Fakes und Falschmeldungen zur tragischen Tat von Frankfurt verbreitet, um die politische Stimmung und Rassismus anzuheizen. So wurde gestern auch ein gefälschter Tweet von Jens Spahn verbreitet, außerdem sollten False-Flag-Accounts die Wut auf den politischen Gegner anstacheln.

Fake! Dieses Zitat von Jens Spahn ist eine Fälschung!

Und nur noch mal abschließend: Die Tat ist selbstverständlich eine furchtbare Tragödie und durch nichts zu entschuldigen. Der Täter soll seine gerechte Strafe erhalten, auch wenn dies niemals den Schmerz der Mutter stillen dürfte. Die Tat jedoch mit Lügen bezüglich der Herkunft des mutmaßlichen Täters zu erklären und faktisch falsch mit Merkels Flüchtlingspolitik in Verbindung zu bringen, ist Unsinn.

Es ist regelrecht bösartig, seine politischen Anhänger mit gefälschtem Namen und Foto zu manipulieren, um ihre berechtigte Trauer für seine politischen und rassistischen Zwecke zu missbrauchen. Was soll die Mutter denken, wenn Fremde mit Lügen angeblich ihres verstorbenen Sohnes „gedenken“? Muss sie sich nicht verhöhnt fühlen? Bei den Fakten zu bleiben nimmt nicht den Täter in Schutz, sondern die Opfer.

Artikelbild: Screenshot #DieInsider

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Blödsinn! Dreiste Lüge der AfD über die Grünen: Kein „Shoppingverbot“

Dreiste Lüge der AfD

Diesmal ist es wieder eine Lüge über Grünen-Chef Habeck. Und die AfD gibt sich beim Lügen anscheinend überhaupt gar keine Mühe mehr. Während es nichts Neues ist, dass jede noch so sinnvolle oder harmlose Forderung oder Aussage eines Grünen-Politikers entstellt und verzerrt wird, um daraus eine Anti-Grünen-Fake-Meldung zu basteln, ist der aktuelle Fake derart plump, dass ein ehrlicher AfD-Wähler beleidigt sein müsste, wenn er erkennt,  für wie dumm seine Partei ihn hält.

Keine Enteignungen, keine 3-Flüge pro Jahr: 15 Lügen & Fakes über die Grünen

Am Sonntag Abend postete die AfD dieses Sharepic mit der Überschrift: „Verbotspartei: Habeck fordert Kleidertausch für Klimarettung! Grüne wollen uns Shoppen verbieten!“



Blödsinn 1: Kleidertausch-Forderung

Der Anlass? In einem Interview mit der Frankfurter Rundschau hat Grünen-Chef Robert Habeck verschiedene Ideen erwähnt, wie man als Gesellschaft Freiheit, Fortschritt und Klimaschutz kombinieren könne. So nannte er Mitfahrgelegenheiten als Beispiel. „Man muß nicht selbst fahren, es gibt weniger Stau, weil weniger Autos unterwegs sind – das ist doch ein Gewinn an Freiheit“ [sic].

Er erwähnte noch, dass Flüge von Beamten gesenkt werden könnten, indem man Regeln aufstellt, dass klimafreundliche Alternativen genutzt werden sollen, um Binnenflüge zu reduzieren. Eine Kerosinsteuer könne Bahnfahrten attraktiver machen, besonders wenn man durch die 500 Millionen Euro Zusatzeinnahmen Bahntickets verbilligt. „Das könnten wir ab Herbst 2019 einführen. Da müssten wir gar nicht bis 2035 warten“.

Und „Kleidertausch“? Als weitere individuelle Möglichkeit schlug er vor, dass Menschen alte Kleidungsstücke tauschen könnten, um Ressourcen zu sparen. „Ich kenne Leute, die sich treffen, um die Klamotten zu tauschen, die in unseren Schränken so massenhaft rumhängen. Die haben eine gute Zeit, neue Klamotten und sparen Ressourcen“, so Habeck. Er „fordert“ keinen „Kleidertausch“, sondern erzählt einfach von Kleidertauschpartys als Idee. Für diejenigen, die sie einmal veranstalten wollen. Das ist doch kein Gesetz oder sonst irgendwas. Das hat nur die AfD so falsch dargestellt.

Blödsinn 2: Und wo ist jetzt das „Shopping-Verbot“?

Das ist völlig frei erfunden. Wenn schon die „Forderung nach Kleidertausch“ eine starke Verzerrung und gezieltes Framing durch die AfD darstellt, ist der Umkehrschluss, dass dafür das Einkaufen von Kleidung „verboten“ werden soll, völlig absurd. Das hat Habeck nie erwähnt und nicht einmal ansatzweise angedeutet.

Die AfD nutzt ein absurdes Framing und macht irre Logiksprünge, um zu dieser Aussage zu gelangen: Zuerst wird eine Anekdote Habecks, in welcher er von Kleidertauschpartys erzählt, zu einer ominösen „Forderung“ umgebastelt und anschließend aus dieser „Forderung“ der absurde Umkehrschluss gefolgert, dass er dementsprechend das Kaufen von Kleidung verbieten wolle.

Das hat nichts mit der Realität zu tun, nichts mit Logik oder Leseverständnis. Das ist eine dreiste Lüge der AfD und gezielte Irreführung ihrer AnhängerInnen. Es ist das bekannte Framing der Grünen als „Verbotspartei“. Während die AfD Seenotrettung verbieten möchte, das Tragen von Kopftüchern und „die Antifa“ (Mehr dazu) und vieles mehr, sollen die Grünen eine „Verbotspartei“ sein, wenn sie Bahnfahren derart attraktiv machen wollen, dass Inlandsflüge unattraktiv werden? Oder Habeck mal erzählt, dass Bekannte Kleidertauschpartys veranstalten? Es ist eine dreiste Lüge der AfD und Propaganda.

Artikelbild: Alex E. Proimos, Flickr,  (CC BY 2.0), changes were made, Screenshots facebook.com

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Mit diesen 4 Fake News über die Klimakrise wollen dich AfD & Co verarschen

4 Fake news über die klimakrise

Lass dich nicht verunsichern: Die Klimakrise ist real und sie ist menschengemacht. Da gibt es keine Unsicherheiten, 99% aller Experti*innen, die zu dem Themenfeld forschen, ÖPNV müssen es bestätigen: Die Klimakrise ist real und wir müssen jetzt etwas dagegen tun. Denn bleibt alles, wie es ist, werden wir den Planeten derartig nachhaltig verändern, dass sogar das Überleben des Menschen an sich in Frage gestellt werden muss. Das sind keine News, das wissen wir seit 40 Jahren.

Doch immer wieder versuchen Klimafeinde mit Lügen, falschen Zusammenhängen oder Auslassungen oder pseudo-kritischen Fragen Unsicherheit über den Stand der Wissenschaft zu streuen. Meistens sind diese Lügen auf Organisationen, Gruppen und Lobbyisten zurückzuführen, die von der Öl- und Kohleindustrie und Milliardären bezahlt werden, die mit fossilen Brennstoffen Unmengen an Geld verdienen. Die aktuellen Fake News haben wir hier gesammelt.



1. Nein, 1975 gab es keine Rekordhitze von 40°C!

Eine 44 Jahre alte BILD-Schlagzeile soll angeblich „beweisen“, dass die derzeitige Rekordhitze in Wahrheit gar kein Rekord sei. Fleißig geteilt wird es auch von der AfD. Doch dabei handelt es sich einfach um eine reißerische – und falsche – Wettervorhersage. Die Maximaltemperaturen lagen damals bei 34°C. Mehr dazu:

Nein, 1975 gab es keine Rekordhitze von 40°C!

2. Falsche Anti-Klima-Grafik

Eine Anti-Klima-Grafik will behaupten, dass der Anteil von CO2 in der Atmosphäre verschwindend gering sei und dass deutsche Umweltmaßnahmen demnach sinnlos seien. Doch das ist ein Trick und gelogen. Denn nicht nur können geringe Anteile bereits gravierende Auswirkungen haben und ist der Mensch für einen viel höheren Anteil verantwortlich, es wird weggelassen, dass die Natur ihr eigenes CO2 absorbieren kann (das zusätzliche, menschengemachte nicht) und dass es ja nicht nur um CO2 geht. Ausführlich:

Faktencheck: So will dich diese Anti-Klima-Grafik verarschen

3. Der Co2-Anteil lag 1890 nicht bei 0,04%

Ein Ausschnitt aus einem Buch von 1890 soll ähnlich wie die BILD-Schlagzeile suggerieren, dass der Anteil von CO2 in der Atmosphäre schon immer bei 0,04% gelegen haben soll. Der Wert steht zwar wirklich in diesem Buch und das Buch ist auch wirklich so alt, aber das Buch liegt eben falsch. Wie Mimikama recherchiert hat, waren damals die Messmethoden noch nicht ausgereift, weswegen die Werte zwischen 0,04% und sogar 0,5% schwankten.

Darüber hinaus ist auch relevant, wo man misst, weshalb man globale Durchschnittswerte heranziehen muss, was früher auch nicht geschehen ist. Erst in den 1990ern hat man festgestellt, dass die Werte der vergangenen 800.000 Jahre niemals über 0,029% hinaus gegangen sind und erst seit Anfang des 20. Jahrhunderts immer weiter ansteigen.

4. Unsinns-kettenbrief über diesen „Dialog“ mit einem Umweltschützer

Eine Geschichte über einen (angeblichen) Reaktorphysiker wird u.a. von der AfD weit verbreitet, die die angebliche Unwissenheit der „Umweltschützer“ über CO2 zeigen soll.

Dass die Geschichte wahr sein soll, ist höchst zweifelhaft, da dieser Text bereits seit 2010 geteilt wird, in unterschiedlichen Versionen. Mal ist „Robert Imberger“ von der TU Aachen (die es gar nicht gibt), mal von der FH Ulm, und in Aachen zumindest gibt es kein „Reaktorphysik-Studium“. Angeblich soll ein Robert Imberger die Echtheit der Geschichte bestätigen, doch das erklärt nicht, wieso die Geschichte bereits Jahre zuvor mit anderen Namen im Umlauf war.

In der ältesten Version von 2010 – und dem vermutlichen Ursprung – stammt die Geschichte vom Lobby-Verein EIKE e.V., die AfD-nahe Lobbyorganisation, die regelmäßig mit Lügen [Bundesumweltamt (Quelle) und andere Experten (Quelle)] den Stand der Wissenschaft zum Klimawandel angreift. So viel also bereits dazu zur Glaubwürdigkeit.

Gleiche Zahlentricks wie zuvor

Wie auch bei der Anti-Klima-Grafik zuvor wird wieder auf Tricks zurückgegriffen, um die Klimakrise zu leugnen. Wieder muss festgestellt werden: Auch kleine Mengen sind gefährlich. Ein beliebtes Beispiel ist Zyankali, das bei 3mg/kg Körpergewicht tödlich ist, also bei 0,0003 Prozent. Außerdem ist der Mensch definitiv für einen großen Teil des CO2 verantwortlich, das nicht von der Natur absorbiert wird und in der Atmosphäre „übrig“ bleibt. Denn von den Rekordwerten an CO2 mit 415 ppm ist der Mensch für 40% verantwortlich:

 

via Science Alert

Außerdem hat Deutschland historisch einen viel größeren Anteil an den Emissionen als im Text suggeriert wird. Und immer noch einen doppelt so hohen Pro-Kopf-Ausstoß wie der Weltdurchschnitt (Mehr dazu).

Der grüne Kreis ist der Durchschnitt zwischen 1880 und 1900. Die Grafik visualisiert jeweils monatsweise positive und negative Abweichungen von diesem Wert. Die Farbe visualisiert den jährlichen Durchschnitt. Die ursprüngliche Idee für solche Visualisierungen hatte Ed Hawkins.

Ein „kleiner“ Temperaturanstieg hat schwere Folgen

Das Klimasystem der Erde ist aus unserer (!) Sicht enorm empfindlich. Der Mensch ist für ca. 40% mehr CO2 in der Atmosphäre verantwortlich, was entsprechend für eine Erwärmung (Treibhauseffekt) sorgt. Und schon ein „klein“ wirkender Durchschnittsanstieg von – sagen wir – 2°C wäre für unsere Bedürfnisse als Menschen fatal. Und wir haben die Erde jetzt bereits um circa 1,1°C aufgeheizt! Der „natürliche“ Treibhauseffekt hat in der Tat „große“ Auswirkungen: Ohne ihn wäre die Durchschnittstemperatur auf dem Globus etwa bei Minus 18°C, also 35-40° kälter als jetzt (Mehr dazu).

Vor allem würde spätestens dann ein nicht aufzuhaltender Teufelskreis starten: Durch die hohen Temperaturen würde „automatisch“ mehr CO2 freigesetzt werden und der Treibhauseffekt würde sich verselbstständigen und alles noch viel schlimmer machen. Es würde also nicht nur bei den 2°C bleiben. Und das 1° führt jetzt bereits zu Problemen. Deshalb will das Pariser Klimaabkommen den Anstieg ja auf 1,5°C begrenzen.

Um die Erderwärmung mit hoher Wahrscheinlichkeit auf 1.5 Grad zu begrenzen, darf nur noch eine ganz bestimmte Menge CO2 in die Atmosphäre gelangen. Rechnet man auf diese Menge drauf, was wir bisher in die Luft gepustet haben, dann ergibt sich daraus ein Gesamtbudget für die Menschheit. Man kann dann auch ausrechnen, wie viel welches Land sich aus diesem Budget „genommen“ hat. Im Fall von Deutschland stellt man fest, dass wir uns relativ zur Bevölkerung ziemlich ausgiebig am Budget bedient haben – ein Vielfaches mehr als der Rest der Welt. 

Auch stellt man sehr schnell fest, dass unser Budget sehr bald aufgebraucht ist. Nur noch 9 Jahre haben wir beim aktuellen Tempo übrig, danach schreiben wir rote Zahlen. Wir müssen jetzt dringend etwas tun. 

Fake-Grafiken von Lobbygruppen und der AfD

Deswegen lass dich nicht von solchen verzerrten, falschen und fragwürdigen Anekdoten, Pseudo-Beweisen und Milchmädchenrechnungen verarschen. Denn dahinter stecken Lobby-Gruppen, die von der Industrie bezahlt werden, um Verwirrung zu stiften. Denn je länger wir die Energiewende verzögern, umso mehr Geld können sie verdienen.

Deshalb teilen sie diese Bilder, Geschichten und Grafiken, um unbedachte Nutzer*innen zu verwirren und den Stand der Wissenschaft in Zweifel zu ziehen. Doch bleib skeptisch und betrachte alles, was von ominösen Quellen, EIKE oder der AfD stammt mit höchster Vorsicht. Denn sie profitieren davon, dich zu verarschen. Lass das nicht zu.

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Grafik: Philip Kreißel, Artikelbild: pixabay.com, CC0

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