Ernsthaft? AfD Sachsen verbreitet Fake News über den Halle-Terroristen

Sprecher AfD-Sachsen verbreitet fake news

Ihr wisst, dass wir uns bewusst dagegen entschieden haben, den Fall von Halle politisch im großen Stil auszuschlachten. Dass wir aus Respekt vor den Opfern und deren Angehörigen darauf verzichtet haben, Schlagzeilen im AfD-Stil zu bringen.

Ja, wir hätten sofort zum Zeitpunkt der ersten Eilmeldungen über die Schreckenstat titeln können „DANKE WEIDEL!“ oder so. Aber wir waren einstimmig der Meinung, dass das einfach moralisch falsch ist. Auch über den Täter haben wir nicht berichtet – die Gründe dafür erklärt unsere Autorin hier:

Halle: Warum uns Name und Gesicht des Täters keine Schlagzeile wert sind

Wer dachte, dass die AfD es nicht auch schaffen würde, einen rechtsextremen Attentäter für ihre Zwecke auszuschlachten, hat falsch gedacht: die moralische Hemmschwelle war natürlich schnell überwunden, und die Tatsachen auch erfolgreich verdreht.



Ich mach mir die Welt wie sie mir gefällt…

Der Pressesprecher der rechtsextremen AfD Sachsen, Andreas Albrecht Harlaß, postete diesen Screenshot einer Google-Suche auf facebook, welchen er mittlerweile wieder gelöscht hat:

Screenshot via Frank Stollberg

Darin sieht man, wie er nach den Begriffen „täter halle islam konvertiert“ gesucht hat. Das erste Ergebnis ist ein Artikel von welt.de: „Schüsse vor Synagoge: Was wir über den Täter von Halle wissen – Video …“, den es auch wirklich gibt (siehe Link). Der Verdacht wird weiter verstärkt, da man unten schon die Metabeschreibung des Artikels lesen kann. Darin taucht auf: „Er soll vor eineinhalb Jahren zum Islam konvertiert sein“.

Wir haben nochmal „nachgegoogelt“: An dem Screenshot ist alles richtig, der Artikel ist auch nach wie vor online.

Weiß der rechtsextreme AfD-Sprecher also etwas, wovon wir alle nicht wissen?

Kurzer Faktencheck

Nein. Weiß er nicht. Eigentlich müsste man nur auf den Link klicken und man wüsste das auch. Der Artikel selbst ist nämlich „nur“ ein Video. Neben der bereits bekannten Überschrift steht da nicht viel mehr als:

Nach den Schüssen in Halle geht die Polizei von einem antisemitischen Hintergrund aus. Offenbar hat der Täter seine Tat live über eine Gaming-Plattform gestreamt.

Wo kommt das jetzt der Islam ins Spiel?

Gar nicht. Mit Strg+F kann man die Seite nach dem angeblich entlarvenden Satz absuchen. Dieser ist allerdings nicht zu finden.

Theorie Nr. 1: Der Satz befindet sich irgendwo in den Kommentaren – auf die wir als Nicht-Mitglieder keinen Zugriff haben. Das heißt, dass keine öffentliche Quelle diese Aussage bestätigt hat. Sie stammt bestenfalls also von einem rechtsextremen Hetzer, der dieses Gerücht in die Welt (no pun intended) streuen wollte.

Theorie Nr. 2: Es handelt sich um irgendeine versteckte Verlinkung zu diesem Artikel (auch von welt.de). Immerhin hat er den Satz „Er soll vor eineinhalb Jahren zum Islam konvertiert sein“ im Wortlaut in der Überschrift. Der Artikel bezieht sich jedoch auf den (ebenso tragischen) Messerangriff auf Polizisten in Paris.

Egal, welche Theorie jetzt stimmt, es gilt: Das Attentat in Halle hat nichts mit dem Islam oder Islamismus zu tun. Höchstens in soweit, dass der Täter neben Juden gerne auch Muslime hätte töten wollen.

Update: Mittlerweile ist klar: Theorie 2 stimmt. Vielen Dank an die Follower, die uns auf Social Media darauf hingewiesen haben!

Das Spiel umdrehen

Frank Stollberg drehte das Spiel auch einfach um und bekam dafür diese Ergebnisse:

Damit findet man diesen Artikel der Kollegen von Watson, in dem erzählt wird, dass zwei Dresdner Gerichte Anfang des Jahres festgestellt hatten, dass der Landesvorsitzende der AfD Urban (der den Halle Anschlag übrigens sofort als Folge der offenen Grenzen bezeichnete) und der Pressesprecher der Partei Harlaß als Neonazi beziehungsweise Anhänger der „NS-Rassenlehre“ bezeichnet werden dürfen. „Auch interessant“.



Fazit

Auch wenn es sich nur um einen Facebookpost handelt, nimmt man mehrere Dinge mit:

1. Rechten Hetzern ist nichts zu verwerflich. Egal, ob es einfach nur das Verdrehen von Fakten ist oder das Ausnutzen einer schändlichen Tat ohne Rücksicht auf die Opfer und Hinterbliebenen. Selbst wenn diese Tat eigentlich gar nicht das eigene Weltbild unterstützt.

2. Die bittere Ironie bei der ganzen Sache: Die Rechtsextremen, die sich selbst immer als „Kritiker“ darstellen, die alles mit dem „gesunden Menschenverstand“ hinterfragen, nutzen einfach einen Screenshot einer Google-Suche als „Quelle“. Das ist so ziemlich die am wenigsten belastbare Quelle, die man sich vorstellen kann.

3. Die Respektlosigkeit. Wir sind in Gedanken bei den Angehörigen, die gerade die wohl härteste Zeit überhaupt haben.

Denkt eigentlich überhaupt jemand an die Ehepartner, Eltern, Geschwister, Kinder, deren Liebste(r) nie wieder nach Hause kehren wird? Die gerade gleichzeitig den Verlustschmerz verarbeiten müssen, irgendwie den Alltag meistern, im schlimmsten Falle noch selbst irgendwelche Anfragen von BILD und co. bekommen, weil diese die Story auf Teufel komm raus ausschlachten wollen und dann noch im Internet ständig vom Anschlag lesen und davon, wie die Tode ihrer Angehörigen politisch ausgeschlachtet werden?
Denkt jemand an die Leute, die den Tag durch Glück überlebt haben, weil die Sicherheitsvorkehrungen der Synagoge gehalten haben und die sich jetzt vielleicht trotzdem Vorwürfe machen? Die gerade ebenfalls psychisch fertig sind?

Nein. Niemand tut das. Zumindest niemand, der sein Geld mit Schlagzeilen verdient. Und das ist das wirklich Traurige. Hört auf den Fall mit Lügen und Verdrehungen politisch auszuschlachten. Das hilft niemandem. Höchstens denen, die diese Tat begangen haben und genau das wollten: Aufmerksamkeit.

Text: Frederik Mallon, Thomas Laschyk. Artikelbild: Alex E. Proimos, Flickr,  (CC BY 2.0), changes were made, Screenshots facebook.com

Zum Thema:

Halle: AfD Salzgitter verbreitet Fake News & Verschwörungstheorien

Da du diesen Artikel zu Ende gelesen hast: Möchtest du mehr Recherchen und Analysen zu den Hintergründen von politischen Mythen und Fake News? Oder auch Kommentare zu politischen Forderungen und aktuellen Ereignissen? Dann unterstütze unsere Arbeit mit einer kleinen Spende für einen Kaffee, dazu kannst du einfach hier entlangschauen. Vielleicht hast du auch Fragen oder Artikelwünsche? Dann schreib uns auf redaktion@volksverpetzer oder auf Facebook oder Twitter




Halle: AfD Salzgitter verbreitet Fake News & Verschwörungstheorien

instrumentalisierung und lügen

Noch während die ersten Bilder und die ersten Live-Berichte über den rechtsextremen Terroranschlag von Halle verbreitet wurden, begangen offizielle Accounts der AfD die Tat bereits für ihre Zwecke zu instrumentalsieren. Sachsens rechtsextremer AfD-Chef Jörg Urban nutzte die Chance, um die rechtsextreme Tat perfiderweise für seine rechtsextreme Agenda zu instrumentalisieren und forderte Grenzkontrollen, die rein gar nichts mit der Tat zu tun hatten.

Doch besonders perfide Fake News und Verschwörungstheorien verbreitete der besonders hetzerische Account der AfD Salzgitter, die diese manipulativen Bilder verbreitete, um ihre paranoide, rechtsextreme Anhängerschaft zu belügen. Unser Faktencheck.



Der Faktencheck

Die AfD Salzgitter behauptet sarkastisch, es sei kein Zufall, dass der Täter und später eine Reporterin vor einem AfD-Plakat berichten würden. Sie behauptet, das sei Absicht gewesen, um die rechtsextreme AfD mit der rechtsextremen Gesinnung des Terroristen in Verbindung zu bringen. Als vermeintlichen Beweis soll die rhetorische Frage dienen, dass in Sachsen-Anhalt gar keine Wahlen stattfinden würden.

Was es für Zufälle gibt….. Was wird denn eigentlich in #Halle / Sachsen-Anhalt gewählt??
#AfD 💙

Das ist natürlich völliger Unsinn. Denn erstens ist das überhaupt gar kein Wahlplakat der AfD. Sondern ein Plakat von Bernd Wiegand, dem parteilosen Oberbürgermeister von Halle. Und zweitens gibt es eine Wahl in Halle, am 13. Oktober 2019 (Quelle). Allein damit sollten sich die unverschämten Lügen der AfD Salzgitter in Luft auflösen. Denn: Auch ohne eine seltsame Verschwörung sind die Verbindungen der Ideologie des Täters und die der AfD offensichtlich.

Es ist nicht das erste Mal, dass die Hetzer von AfD Salzgitter mit Lügen und Verschwörungstheorien negativ auffallen. Solche offen rechtsextremen Hetzer sind leider kein Einzelfall in der AfD.

Wegen Fake News & Hetze: So genial rechnet die Polizei mit der AfD ab

Der Frame-Check

Warum verbreiten die rechtsextremen Hetzer derartige Verschwörungstheorien? Weil sie genau wissen, dass ein rechtsextremer Terrorist, der genau die Lügen und Verschwörungstheorien geglaubt hat, die sie täglich verbreiten, mit ihnen in Verbindung gebracht wird. Der Mörder von Halle sprach vom gleichen  Unsinn von „Umvolkung“; wie ihn auch die AfD verbreitet. Doch um sich der Verantwortung für die Morde zu entziehen werden noch mehr Lügen verbreitet.

Wenn die AfD Salzgitter ihren Anhängern erzählt, dass hinter den Verbindungen nur eine große Verschwörung steckt, die sogar Wahlplakate fälschen und aufhängen kann, ohne dass es keiner bemerkt, dann kann sie jede seriöse Anschuldigung als Teil der Verschwörung bezeichnen. Das ist natürlich völlig irre, aber in einer verblendeten AfD-Welt, in der „Lügenpresse“ ein völlig normaler Begriff ist, ist das möglich.

Für die rechtsextreme Wahnwelt in der AfD existieren entweder ausschließlich Straftaten von Nicht-Deutschen, die sie zu Mord- und Gewaltfantasien treiben. Aber wenn dann jemand die Fantasien dieser geistigen Brandstifter umsetzt und tatsächlich Menschen umbringt, dann muss es eine Inszenierung sein. Doch es ist klar: Sie sind alle Mitschuld an der Tat. Ihre Lügen werden davon auch nicht ablenken.

Artikelbild: Mix and Match Studio, shutterstock.com

Da du diesen Artikel zu Ende gelesen hast: Möchtest du mehr Recherchen und Analysen zu den Hintergründen von politischen Mythen und Fake News? Oder auch Kommentare zu politischen Forderungen und aktuellen Ereignissen? Dann unterstütze unsere Arbeit mit einer kleinen Spende für einen Kaffee, dazu kannst du einfach hier entlangschauen. Vielleicht hast du auch Fragen oder Artikelwünsche? Dann schreib uns auf redaktion@volksverpetzer oder auf Facebook oder Twitter




Politik dechiffriert Teil 2: „Wir sind das Volk“ und die Geschichte dahinter

Ist „Wir sind das Volk“ noch erlaubt?

Woran denkt man im Jahr 2019, wenn man „Wir sind das Volk!“ hört oder liest? Denkt man tatsächlich in erster Linie noch an 1989 und die Demonstrationen, die zur Wiedervereinigung führten? Viele Leute haben mittlerweile tatsächlich ein anderes Bild vor Augen: PEGIDA-Demos, wütend gröhlende AfD-Anhänger und AfD-Politiker.

Der Ruf „Wir sind das Volk“, 25 Jahre lang als DER Ruf nach Einigkeit und Recht und Freiheit verstanden, wird auf einmal mit einer rechtspopulistischen, fremdenfeindlichen Partei assoziiert.

Wie konnte das geschehen?



Die Geschichte von „Wir sind das Volk“

Werfen wir zuerst einen Rückblick in die Geschichte:

Auf den Ausspruch „Wir sind das Volk“ gibt es natürlich kein Patent oder Urheberrecht. Das erste Mal bedeutende Erwähnung fand er 1835 in einem Drama über die Französische Revolution namens „Dantons Tod“. Der Autor Georg Büchner lässt einen Bürger ausrufen:

Erster Bürger.
Wir sind das Volk und wir wollen, daß kein Gesetz sei, ergo ist dieser Wille das Gesetz, ergo im Namen des Gesetzes gibts kein Gesetz mehr, ergo totgeschlagen!

zitiert nach Wikipedia

Schon damals hatte der Ausspruch also einen revolutionären Hintergrund.

Auch in anderen revolutionären Zeiten wurde der Slogan verwendet, ebenso wie von Parteien, die einen revolutionären Zeitgeist für sich beanspruchten. Beispielhaft dafür stehen die 1848er Revolution aber auch die Nationalsozialisten mit u.a. dem Philosophen Martin Heidegger (siehe hier).

„Wir sind das Volk“ – 1989/90

Auch wie genau es zu dem Entstehen von „Wir sind das Volk“ im Jahre 1989 kam ist nicht ganz klar. Vermutlich begann es am 2. Oktober 1989. SPIEGEL-Reporter und Zeitzeuge Holger Dambeck berichtet hier von seinen Erlebnissen an diesem Tag. Es waren die ersten richtig großen Montagsdemonstrationen mit mehr als 10.000 Teilnehmern.

Die Demonstranten waren zuvor vom DDR-Regime als Unruhestifter und damit extreme Randgruppe stigmatisiert worden. Das wollten sie sich nicht gefallen lassen, woraus der Sprechchor „Wir sind keine Rowdies – wir sind das Volk!“ entstand (siehe hier). Zusammen mit „Wir sind ein Volk“ wurde es zum Slogan der friedlichen Revolution.

Die Verwendung von „Wir sind das Volk“ ab PEGIDA

Dass es nicht bei dieser friedlichen, durchweg positiven Konnotation blieb, ist die Schuld des fremdenfeindlichen „PEGIDA“-Bündnisses. Seit Ende des Jahres 2014 veranstalteten die Gründer um den vorbestraften Lutz Bachmann „Spaziergänge“, welche eigentlich fremdenfeindlich-rassistische Demonstrationen waren, in Dresden. Die Radikalisierung fand besonders 2015 statt, zur Zeit der angeblichen „Flüchtlingskrise“. Dies stellte auch die zweite und letzte Spitze der Aufmerksamkeit dar. Momentan sind pro Demonstration wohl noch um die 1.000 Demonstranten anwesend (siehe hier), Pegida selbst ist bedeutungslos.

Doch der Ruf „Wir sind das Volk“ wurde von Pegida in 2014/15 stark in den Dreck gezogen. Schon zu Beginn der ersten Demonstrationen wurde er bewusst eingesetzt um eine historisch im positiven Sinne besetzte Stimmung zu erzeugen. Die revolutionäre Tendenz sollte von Anfang an hervorstechen. Doch Pegida wollte sich damit auch die Deutungshoheit über diesen historisch bedeutungsvollen Satz krallen. Was sie zu einem gewissen Teil geschafft haben.

„Wir sind das Volk“ – was bedeutet das?

Von 1989 war man sich 25 Jahre lang einig, was die Bedeutung ist. Im Zentrum stehen dabei die Begriffe „Wir“ und „Volk“.

Das starke „Wir“-Gefühl war dabei nötig, um dem scheinbar übermächtigen Staatsapparat der SED etwas entgegenzusetzen. Einzelne Protestanten wären schnell diskreditiert, stigmatisiert und eingesperrt worden. Erst, als sich zeigte, dass es eine große Bewegung ist, die da auf die Straße geht, hatten diese auch ohne Waffen genug Macht. Das Gewaltmonopol half dem Staat nichts mehr. Die Legitimation der DDR als Vollender der Revolution und Vertreter der Arbeiter und Bauern wäre endgültig zerstört, wenn man den Protest blutig niedergeschlagen hätte.

Der Begriff „Volk“ kommt einerseits aus dem oben genannten Zusammenhang. Die Demonstranten beanspruchen für sich, dass sie im Namen des Volks sprechen. Was das SED-Regime vor ein Legitimationsproblem stellt: Entweder sie lassen dies zu und erkennen damit die Meinung der Demonstranten als richtig an. Oder sie unterdrücken die Demonstranten, was aber auch ein Schuss in den Ofen wäre. Dann hätten sie ja „Das Volk“, das sie eigentlich vertreten sollten, verraten.

Andererseits stammt es vermutlich auch aus dem Kontext des etwas unbekannteren „Wir sind EIN Volk“. Dieser Spruch drückte mit Fortschreiten der Proteste den Wunsch nach Einheit aus. Mit „Volk“ waren „Wir Deutschen“ gemeint. Es ist klar: Auch wenn die Systeme sich unterscheiden, im Herzen blieben die Deutschen eine Einheit. Viele hatten Verwandte oder Freunde im Westen und wollten sich nicht einfach sagen lassen, dass diese jetzt „der Feind“ seien.

Insgesamt also eine positive Botschaft.

Übernahme und Umdeutung

Pegida wollte natürlich auch dieses „Wir“-Gefühl und die Legitimation als „Vertreter des Volks“ haben.
Aber: Sie drehten die Bedeutung außerdem noch um und nutzten eine mögliche Kehrseite der positiven Botschaft aus. Mit „Wir“ entsteht nämlich automatisch ein „Die Anderen“. Man kann sich abgrenzen. Und diese Abgrenzung nutzt Pegida für ihre rassistische Propaganda aus. „Wir“, das sind die Deutschen oder zumindest Europäer. „Die“, das sind Flüchtlinge und Muslime. Fronten entstehen, Hass wird entladen.

Dennoch fällt es anfangs schwer, sich gegen diese Erzeugung von Feindbildern zu stellen. Denn Pegida haben ein Totschlagargument auf ihrer Seite: Die Revolution 89. Wenn man die „Wir sind das Volk!“ schreiende Schar kritisiert, kommt man schnell in die moralische Zwickmühle, damit ja irgendwie auch ungewollt gegen diesen Geist von 89 zu sein.
Ein perfider Trick, der sich allerdings ins Lächerliche zog. Das geschah spätestens in dem Moment, als nur noch einzelne bzw. einige wenige diese Parole grölen. Dass man einer handvoll Extremisten abnimmt, für „Das Volk“ zu sprechen, ist eher unwahrscheinlich. Eine Selbstoffenbarung als Anhänger „völkischer“ Bewegungen ist da schon wahrscheinlicher.

Was Pegida aber erreicht hat, Bedeutungslosigkeit hin oder her: „Wir sind das Volk“ wurde negativ konnotiert. Der einstige Ruf nach Einigkeit und Recht und Freiheit hat den faden Beigeschmack von etlichen Demonstrationen gegen diese 89 erkämpften Werte.



Fazit – Was nun?

Die 89er-Bewegung hat sich am „Wir sind das Volk“ aufgebaut, es verband die Demonstranten wie ein Codewort. Es bestärkte sie im Glauben an Demokratie, Einheit und Freiheit. Pegida hingegen verkehrte die Bedeutung des Slogans ins Gegenteil. Sie missbrauchten die fast schon legendären Worte für Abgrenzung, Diskriminierung und Rassismus. Angela Merkel fasste es in ihrer Neujahrsansprache 2015 ganz treffend zusammen:

Heute rufen manche montags wieder „Wir sind das Volk“. Aber tatsächlich meinen Sie: Ihr gehört nicht dazu – wegen Eurer Hautfarbe oder Eurer Religion.

zitiert nach bundesregierung.de

Und wie sieht es jetzt aus?

Man darf sich nicht unterkriegen lassen. Die wahre Bedeutung von „Wir sind das Volk“ muss hochgehalten werden. Die Menschen müssen immer wieder daran erinnert werden, welche Werte wirklich zählen: Offenheit, Freiheit, Toleranz, Demokratie, Menschenrechte. Pegida steht gegen all diese Werte. Doch von einer schreienden, aber minimalen Minderheit dürfen wir uns keine Deutungshoheit gefallen lassen. Der Geist von 89 darf nicht missbraucht werden.

Ein lesenswerter Artikel zum Abschluss: In diesem Artikel der taz geht es um den „Weihnachtsgruß von Neunundachtzigern“. Demonstranten von 89 erklären dabei, wie und warum Pegida „ihren“ Ruf nach Freiheit missbraucht. Nehmt euch die Zeit!

Hier geht es noch zum ersten Artikel der Serie:

Politik dechiffriert Teil 1: Was hinter „Mut zur Wahrheit“ wirklich steckt

Artikelbild: pixabay.com, CC0

Da du diesen Artikel zu Ende gelesen hast: Möchtest du mehr Recherchen und Analysen zu den Hintergründen von politischen Mythen und Fake News? Oder auch Kommentare zu politischen Forderungen und aktuellen Ereignissen? Dann unterstütze unsere Arbeit mit einer kleinen Spende für einen Kaffee, dazu kannst du einfach hier entlangschauen. Vielleicht hast du auch Fragen oder Artikelwünsche? Dann schreib uns auf redaktion@volksverpetzer oder auf Facebook oder Twitter




Verkürzte Zitate: Schwesig & Ramelow bezeichnen DDR als „Diktatur“

Wie die medien zitate verkürzen

In einem Artikel in der BILD griff die Boulevard-Zeitung Aussagen der MinisterpräsidentInnen von Thüringen, Bodo Ramelow (Linke), und Mecklenburg-Vorpommern, Manuela Schwesig (SPD) auf. Sie titelte „Schwesig und Ramelow sehen DDR nicht als Unrechtsstaat„:

Screenshot

Das Problem: Die Darstellung wirkt so, als wären die beiden MinisterpräsidentInnen nicht der Ansicht, als sei das Regime der DDR verwerflich gewesen. Der Generalsekretär der CDU, Paul Ziemiak, zum Beispiel hat entweder nur diese irreführende Überschrift gelesen, oder sie absichtlich missverstanden:

Screenshot



Faktencheck: Das sind die ganzen zitate:

Manuela Schwesig bezeichnete die DDR explizit als „Diktatur“:

„Die DDR war eine Diktatur. Es fehlte alles, was eine Demokratie ausmacht: Meinungsfreiheit, Pressefreiheit, Demonstrationsfreiheit, freie Wahlen, das Recht auf Opposition. Der Begriff Unrechtsstaat wird von vielen Menschen, die in der DDR gelebt haben, als herabsetzend empfunden. Er wirkt so, als sei das ganze Leben Unrecht gewesen. Wir brauchen aber mehr Respekt vor ostdeutschen Lebensleistungen. Das ist wichtig auch für das Zusammenwachsen von Ost und West“

Bodo Ramelow sagt: „Die DDR war eindeutig kein Rechtsstaat“

„Die DDR war eindeutig kein Rechtsstaat. Der Begriff ‚Unrechtsstaat‘ aber ist für mich persönlich unmittelbar und ausschließlich mit der Zeit der Nazi-Herrschaft und dem mutigen Generalstaatsanwalt Fritz Bauer und seiner Verwendung des Rechtsbegriffs ‚Unrechtsstaat‘ in den Auschwitz-Prozessen verbunden“

Die vollständigen Zitate finden sich auch im BILD-Artikel, doch da viele Leser*innen nur die Überschrift lesen, müssen sie ein völlig falsches Bild der Aussagen der beiden erhalten haben.

Fazit

Schwesig und Ramelow bezeichnen die DDR als „Diktatur“ und „eindeutig“ nicht als „Rechtsstaat“. Sie lehnen den Begriff „Unrechtsstaat“ nicht etwas deswegen ab, weil sie die DDR nicht als solchen empfinden, sondern weil sie den Begriff unpassend finden. Schwesig hält das Framing des Begriffs für unpassend, da angeblich nicht klar sei, dass nur das Regime mit „Unrecht“ gemeint sei, Ramelow findet es nicht richtig, die Nazi-Herrschaft und die DDR durch die gleichen Begriffe moralisch gleichzusetzen, auch wenn beides keine Rechtsstaaten waren.

Wenn die BILD nicht nur diese wesentliche Information in ihrer Überschrift weglässt, sondern es so formuliert, als würden beide dieser inhaltlichen Bewertung nicht zustimmen (sehen DDR nicht als „Unrechtsstaat“) ist das bewusste Lesertäuschung. Auch beispielsweise SPIEGEL ONLINE hat es ähnlich, wenn auch näher an der Wahrheit, dargestellt:

Screenshot

Man hätte genau so gut titeln können, dass Frau Schwesig die DDR als „Diktatur“ bezeichnet habe und Ramelow, dass er die DDR nicht für einen „Rechtsstaat“ hält. Es wäre genau so wahr gewesen. Dennoch muss die Entscheidung, die verkürzte Darstellung in die Überschriften zu packen, eine bewusste gewesen sein. Es ist – besonders kurz vor den Wahlen in Thüringen – das bewusste Framing, um die Parteien in die Nähe von SED-Ideologie zu rücken. Im Falle Ziemiaks ist es auch offensichtlich gelungen, diese Darstellung zu erreichen, selbst wenn im Artikel selbst alle Informationen richtig sind.

Kommentierende Ergänzung:

Ob „Unrechtsstaat“, „Diktatur“ oder andere Begriffe für die DDR passender sind, kann ich nicht beurteilen. Auch nicht, ob „Unrechtsstaat“ besser für die NS-Diktatur passt oder ob manche Ostdeutsche nicht differenzieren können, dass der Begriff das Regime bezeichnet und nicht ihre Lebensleistungen. Es sind meiner Meinung nach unnötige Wortspielereien, um den Begriff zu vermeiden und gleichzeitig doch die DDR zu verurteilen.

Dennoch ist klar, dass die mediale Darstellung krass verkürzt ist, und nicht korrekt widerspiegelt, was Ramelow und Schwesig gesagt haben. Denn sie verurteilen beide jeweils die DDR. Ob der Begriff „Unrechtsstaat“ oder „Diktatur“ besser ist, mag eine besondere semantische Spitzfindigkeit sein, über die man sich sicherlich streiten kann. Und wofür man die beiden auch gerne kritisieren kann. Die meiste Kritik geht aufgrund der irreführenden Schlagzeilen jedoch völlig am Thema vorbei.

Artikelbild: Andrei Korzhyts, shutterstock.com / Screenshot bild.de

Da du diesen Artikel zu Ende gelesen hast: Möchtest du mehr Recherchen und Analysen zu den Hintergründen von politischen Mythen und Fake News? Oder auch Kommentare zu politischen Forderungen und aktuellen Ereignissen? Dann unterstütze unsere Arbeit mit einer kleinen Spende für einen Kaffee, dazu kannst du einfach hier entlangschauen. Vielleicht hast du auch Fragen oder Artikelwünsche? Dann schreib uns auf redaktion@volksverpetzer oder auf Facebook oder Twitter




Faktencheck: Die AfD fehlte wirklich am häufigsten im Bundestag

Die AfD fehlte wirklich am häufigsten im Bundestag

In einem Kontraste-Beitrag vom 26.09.2019 wurde erneut die Anwesenheit der Fraktionen bei namentlichen Abstimmungen im Bundestag ausgewertet. An der Spitze stand diesmal die AfD-Fraktion mit den höchsten Abwesenheitswerten (Fehlquote 13,57 Prozent). Wie auch Kontraste anmerkte, stand das im krassen Widerspruch zum eigenen Anspruch, es besser als die Abgeordneten der anderen Parteien zu machen. Die Meldung wurde von verschiedenen Medien aufgegriffen, so beispielsweise von der Tagesschau.

Rechte Blogs und inzwischen auch die AfD versuchen jetzt jedoch, es so aussehen zu lassen, als hätte Kontraste Fake News verbreitet. Kontraste wird vorgeworfen, nur einen bestimmten zeitlichen Ausschnitt erfasst zu haben, und Abstimmungsergebnisse weggelassen zu haben. Natürlich sei das in der paranoiden Weltanschauung der AfD Absicht gewesen und Teil der „Lügenpresse“-Verschwörung:



Faktencheck

Zwei Dinge sind zu beachten: Der Kontraste-Beitrag sind keine Fake News. Alles in dem Beitrag stimmt. Die AfD und die rechten Blogs tun jedoch so, also wäre im Beitrag etwas anderes gesagt worden. Kontraste macht jährlich – immer ein ganzes Jahr seit Zusammenfinden des Bundestages – eine Zählung über die Anwesenheit der Fraktionen bei den – ihrer Meinung nach wichtigen – namentlichen Abstimmungen. Bereits am 11.10.2018 wurden die ersten Ergebnisse für das erste Jahr im Bundestag veröffentlicht. In diesem Zeitraum führte die LINKE gefolgt von der AfD auf Platz 2.

Im zweiten Beitrag vom 26.09.2019 wird dementsprechend das zweite Bundestags-Jahr behandelt – Kontraste hat auch nie etwas anderes behauptet. Wenn die AfD und andere rechtsextreme Blogs es anders darstellen, ist es mutwillige Täuschung, um das „Lügenpresse“-Narrativ zu bedienen. Kontraste sagte:

„Wir von Kontraste sind ja hier in Berlin ganz nah dran am Klassenbuch des Bundestags – 2018 haben wir schon einmal ausgewertet, wer da am meisten Fehlstunden hat. Und Gregor Gysi war der Ober-Schwänzer. Genau ein Jahr ist seitdem vergangen, höchste Zeit, mal wieder hin zu schauen.“

Eine eigene Auswertung der Abwesenheiten von uns stellt die Fehlquoten über beide Jahre verteilt so dar:

Grafik: Phlip Kreißel (Volksverpetzer) Quelle

In diesem Zeitraum zwischen der ersten und der zweiten Sendung (dem zweiten Jahr) kann man aber gut sehen, dass die AfD am meisten gefehlt hat. Am Tag der Ausstrahlung selbst fehlten dann ganz viele Abgeordnete der Linkspartei. Wenn man die mit einrechnet, dann ist die Linkspartei vorne. Aber das konnte Kontraste ja noch nicht wissen. Es ist also sinnlos, ihnen das vorzurechnen.

Die drei am häufigsten fehlenden Personen

Am häufigsten fehlt FDP Mann Jimmy Schulz. Dieser hat jedoch Krebs im Endstadium. Auf Platz zwei liegt Markus Held (SPD). Gegen ihn laufen Ermittlungen, deshalb wurde ihm nahegelegt nicht mehr im Bundestag aufzutauchen. Auf Platz 3 kommt AfD-Mann Heiko Heßenkemper. Er kann laut seiner Website aus gesundheitlichen Gründen nicht an Abstimmungen teilnehmen. Für Reden bei PEGIDA reicht es aber anscheinend:

Danach kommt Frau Merkel, als Kanzlerin dürfte das jedoch auch selbsterklärend sein. Danach kommt die inzwischen fraktionslose Frauke Petry.

AfD hat zugegeben, dass Anwesenheit nicht wichtig ist

Viel interessanter dabei ist jedoch die Tatsache, dass Anwesenheit, auch bei namentlichen Abstimmung nicht die große Bedeutung hat, die man meinen möchte. Der Bundestag ist ein so genanntes „Arbeitsparlament„. Das bedeutet, dass abwesende Abgeordnete oft nicht einfach blau machen, sondern in Fraktionssitzungen oder Ausschüssen sitzen und arbeiten. In den Debatten im Plenum sind meistens nur die Fachpolitiker*innen der jeweiligen Parteien anwesend.

Im Konstraste-Beitrag selbst gibt Hansjörg Müller (AfD) sogar zu, dass die AfD erkannt hat, dass Anwesenheit bei Abstimmungen kein wichtiger Indikator ist.

„Ja, das ist natürlich ein Glaubenssatz gewesen, von uns als wir in den Bundestag eingezogen sind. Ja, wir wollen mehr Präsenz zeigen, wir wollen mehr arbeiten aber da stand eben dahinter, dass viele nicht wussten, vorher, weil ja alle Neulinge sind bei uns im Parlament, dass die eigentliche Arbeit eben nicht im Plenum stattfindet. Die findet hinter den Kulissen statt. Insgesamt sind wir in der Realität angekommen, deswegen ist die Quote jetzt auch bei den namentlichen der Fehlzeiten gestiegen.“

– Hansjörg Müller (AfD)

Ohnehin ist es lächerlich so zu tun, als hätte Kontraste es nur auf die AfD abgesehen – im Beitrag werden verschiedene Politiker*innen gesondert für ihre Abwesenheit kritisiert, so beispielsweise Gysi (Linke) oder Gabriel (SPD).

Fazit

Die AfD und andere rechtsextreme Blogs versuchen also durch Falschdarstellungen und Weglassen verschiedener Informationen es so aussehen zu lassen, als seien sie das Opfer einer absichtlichen Manipulation. Dabei sind die wahren Opfer einer Manipulation wieder einmal die AfD-WählerInnen.

Denn Kontraste hat nur einen Zwischenbericht über das zweite Jahr der Legislaturperiode gemacht, mehr nicht. Die Berichterstattung über das häufige Fehlen bei der AfD ist ein Fakt für den Zeitraum gewesen und wurde von Kontraste nicht einmal groß in den Vordergrund gerückt – Das kam erst bei der Berichterstattung anderer Medien.

Wenn „Kontraste“ Stimmung gegen die AfD machen wollen würde – Hätte sie sie nicht bereits im Titel erwähnt?

Die AfD hätte es dabei belassen können, dass Anwesenheit nun mal kein so wichtiges Kriterium ist. Jetzt darf sie sich über den Streisand Effekt freuen. Wir „schalten“ uns auch nur ein, wenn Fake News verbreitet werden.

AfD spielt nur das opfer

Fakt ist, dass Anwesenheit bei Abstimmungen aber auch keine derartig große Rolle spielt. Weshalb sich die Linke auch nicht wie die AfD empört (sondern hat Besserung versprochen – und eingehalten), weit oben auf der Liste zu stehen. Und das, obwohl Gysi ordentlich lächerlich gemacht wird. Und weshalb es keinen anderen Sinn für die AfD macht, sich als ein Opfer einer Manipulation darzustellen, außer um ihren WählerInnen ein weiteres vermeintliches Beispiel der ach so bösen „Lügenpresse“ zu liefern, das es wieder einmal nicht gibt.

Zu letzt bleibt jedoch auch die Frage, warum Kontraste überhaupt die Anwesenheit bei namentlichen Abstimmungen überprüft, wenn sie doch genau wissen sollte, dass es kein zuverlässiger Indikator dafür sein kann, wie gut eine Fraktion im Parlament arbeitet. Man könnte sich Gesetzesanträge anschauen. Oder kleine Anfragen. Bei letzterem macht die AfD allerdings ebenfalls keine gute Figur.

Dafür zahlen wir Steuergelder? Die 12 peinlichsten Anfragen der AfD

Artikelbild: nakaridore, shutterstock.com

Da du diesen Artikel zu Ende gelesen hast: Möchtest du mehr Recherchen und Analysen zu den Hintergründen von politischen Mythen und Fake News? Oder auch Kommentare zu politischen Forderungen und aktuellen Ereignissen? Dann unterstütze unsere Arbeit mit einer kleinen Spende für einen Kaffee, dazu kannst du einfach hier entlangschauen. Vielleicht hast du auch Fragen oder Artikelwünsche? Dann schreib uns auf redaktion@volksverpetzer oder auf Facebook oder Twitter




Diese Rechnung zum Einheitsbuddeln zeigt: So krass leben wir über unsere Verhältnisse

Windräder statt Einheitsbuddeln?

Heute ruft die Bundesregierung anlässlich des Tags der Deutschen Einheit die Bürger*innen auf, einen Baum für das Klima zu pflanzen. Beim Einheitsbuddeln soll jede*r einen Baum pflanzen oder dafür spenden, dass ein Baum gepflanzt wird. So könnten jedes Jahr 83 Millionen Bäume gepflanzt werden. Schöne Idee oder?

🌳 Stellen Sie sich vor, jeder von uns pflanzt einen Baum – mit vereinten Kräften entstünde so ein ganzer Wald, von Nord…

Gepostet von Bundesregierung am Dienstag, 1. Oktober 2019

In der Tat eine schöne Idee. Ein Mitglied aus dem Volksverpetzer-Team hat sogar selbst eine große Einheitsbuddeln-Veranstaltung organisiert. Wir brauchen definitiv Bäume für den Klimaschutz. Aber dazu später mehr. Denn nicht wenige Menschen scheinen zu glauben, dass damit das Thema Klimaschutz gegessen sei. Hey, wir können einfach Bäume pflanzen und dann brauchen wir keine alternativen Antriebe zu Verbrennungsmotoren, keine CO2-Steuer, die 57 Milliarden Euro klimaschädliche Subventionen können weiter laufen!

Screenshot facebook.com

Auch unsere Freunde von Fridays For Hubraum, die unser Angebot einer sachlichen Diskussion ausgeschlagen haben und uns stattdessen auf Twitter blockiert haben halten an diesem Glauben fest. Greta Thunberg ist eine „Extremistin“, denn es reicht doch, wenn man Bäume pflanzt, oder? Auch Lindner der Klimaschutzverzögerer-Partei FDP freut sich, dass er ein paar Bäume pflanzen kann, um zu zeigen, dass er irgendwas fürs Klima tut, ohne Steuern einzuführen oder Subventionen abzuschaffen, die seine Parteispender ablehnen.

Heute ist nicht nur Tag der Deutschen Einheit, heute findet auch die Aktion "Einheitsbuddeln" statt. Die Idee: Jeder…

Gepostet von Christian Lindner am Donnerstag, 3. Oktober 2019



Fakt: wir bräuchten deutschland fünf mal

Um den Anteil Deutschlands am internationalen CO2-Ausstoß zu neutralisieren müsste jeder Bundesbürger nicht nur einen Baum jeden 3. Oktober pflanzen. Sondern jeweils fünf Tennisfelder Wald. Und zwar jedes Jahr für 15 Jahre. Nur so könnten wir bis 2035 unsere CO2-Emissionen neutralisieren. Ein Umstieg auf erneuerbare Energien wäre nicht nur viel schlauer, sondern auch logisch möglich. Denn: Um klimaneutral zu werden, müssen wir genauso viel CO2 binden, wie wir ausstoßen.

Das Thünen-Institut vermisst regelmäßig die Biomasse des deutschen Waldes und ist zum Schluss gelangt, dass 7% der deutschen CO2 Emissionen vom Wald wieder aufgenommen werden. (Quelle) Ok, also reicht es, wenn wir einfach nur 14 mal so viel Wald pflanzen wie im Moment und die Sache ist geritzt? Wir haben 12 Millionen Hektar Wald, macht 2 Hektar zusätzlichen Wald pro Bundesbürger, um von 7% auf 100% zu kommen.
Zum Vergleich: Pro Bundesbürger gibt es grade mal 0.2 Hektar landwirtschaftlich genutzte Fläche in Deutschland. Wir sprechen also vom Faktor 10. (Quelle)
Aber Deutschland ist nur 35 Millionen Hektar groß. Wir bräuchten also fast 5 Deutschlands voll mit Wald. Platz für Menschen und Autobahnen gibt es dann natürlich nicht mehr, was das Problem halt auch irgendwie löst.

So viel Fläche bräuchten wir, um Deutschland allein durch Wald klimaneutral zu machen:

Quelle: datamaps.world

Wenn alle 7 Mrd. Menschen weltweit so verschwenderisch leben würden wie wir, müssten wir eine Fläche von 14 Mrd. Hektar Wald aufforsten. So einfach wird das aber nicht, wenn wir weiter auch noch alle Rindfleisch futtern wollen und oft gibt es halt auch nen Grund, warum nicht überall Bäume wachsen (Quelle). Es ist also praktisch unmöglich, allein durch das Pflanzen von Bäumen die Pariser Klimaziele zu erreichen.

Fakt: Ein Windrad ist 1000 mal effektiver als der Wald

Wenn man statt eines Waldes auf der gleichen Fläche eine Windkraftanlage baut, so spart diese hingegen mehr als 1000 (!) mal mehr CO2 ein (Quelle). Eine Windkraftanlage würde 1000 mal mehr CO2 einsparen, als der Wald, der an ihrer Stelle stehen würde. Wer sich Sorgen um tote Vögel macht: An Windfarmen sterben zehnmal weniger Vögel pro Kilowattstunde als an Kraftanlagen, die mit fossilen Energieträgern laufen (Quelle). Und übrigens auch weniger als im Straßenverkehr.

Es wäre also sinnvoller, Deutschland mit Windrädern „aufzuforsten“, als nur Bäume zu pflanzen. Man könnte sie ja grün anmalen, wenn das hilft. Deutschland behindert aber aktiv den Ausbau von Windkraft. Im ersten Halbjahr 2019 wurden gerade mal 35 neue Windräder gebaut. In ganz Deutschland. Mindestabstandsregelungen sind so streng festgelegt, dass sie einem Windrad-Verbot gleichkommen. Auch das Bundesumweltamt sagt, dass solche Regelungen die Energiewende bremsen.

Quelle

Und nicht nur das: Windkraft hat auch die geringsten Kosten. Fun fact: Atomkraft hat sich wirtschaftlich niemals rentiert. Atomkraft war, ist und wird niemals wettbewerbsfähig sein und lebt nur von Subventionen. Wer erneuerbare Energien ablehnt, weil diese sich wirtschaftlich durchsetzen sollten, sollte das bedenken. Für Kohle gilt übrigens inzwischen ähnliches, die heute noch Milliarden Euro Subventionen erhält. Warum wird der Bau von Windrädern de facto verboten, aber andere massiv subventioniert?

Fazit

Das Einheitsbuddeln ist gut, wir sollten Bäume pflanzen. Bäume haben abseits von ihrer Nutzbarkeit als CO2-Speicher viel Nutzen, als Lebensraum, um Innenstädte abzukühlen usw. Auch können wir mit erneuerbaren Energien nicht komplett klimaneutral werden, wir brauchen die Neutralisation durch Bäume dringend. Doch so zu tun, als sei das die einzig wahre Lösung, im Gegensatz zur Abschaffung klimaschädlicher Subventionen oder Einführung eines CO2-Preises, ist gefährlich.

Es ist falsch, so zu tun, als seien die Grundforderungen von Fridays For Future Extremforderungen und man müssen sich in der Mitte zwischen ihnen und Klimawandelleugnern treffen. Eine Einführung eines sinnvollen (und sozial verträglichen) CO2-Preises, Abschaffung der klimaschädlichen Subventionen und Förderung von Alternativen ist die Minimalvoraussetzung, um die Klimaziele einzuhalten. Klimaziele, die Deutschland unterzeichnet hat. Macht mit beim Einheitsbuddeln, wir tun es auch. Aber lasst euch nicht erzählen, dass das ausreichen würde.

5 Gründe, warum der Co2-Preis des Klimapakets ein schlechter Witz ist

Artikelbild: pixabay.com, CC0

Da du diesen Artikel zu Ende gelesen hast: Möchtest du mehr Recherchen und Analysen zu den Hintergründen von politischen Mythen und Fake News? Oder auch Kommentare zu politischen Forderungen und aktuellen Ereignissen? Dann unterstütze unsere Arbeit mit einer kleinen Spende für einen Kaffee, dazu kannst du einfach hier entlangschauen. Vielleicht hast du auch Fragen oder Artikelwünsche? Dann schreib uns auf redaktion@volksverpetzer oder auf Facebook oder Twitter




Sorry AfD: Die meisten Tatverdächtigen in Freibädern in NRW waren Deutsche

Anfrage der AfD geht nach hinten los

Diesen Sommer erlebten wir das rechtsextreme „Freibad“-Narrativ der AfD, das auch von der BILD stark verbreitet wurde. Sie erzählten ihren WählerInnen, dass der „böse Ausländer“ inzwischen die deutschen Freibäder und Schwimmhallen unsicher mache. Das Märchen geht so: „Früher“ waren Freibäder schöne, entspannte Erlebnisse, dann kamen Merkel-Gutmenschen-Flüchtlings-Verbrecher und seitdem gibt es „drastische Zustände“ in deutschen Freibädern, weil dunkelhäutige Menschen sich natürlich nicht zu benehmen wissen. Wegen ihrer Hautfarbe und so.

Mit vielen echten oder erfundenen Einzelfällen versuchte die AfD, diesem Narrativ Glaubwürdigkeit zu verleihen. Für Nordrhein-Westfalen hat das Innenministerium deshalb für die Saison 2019 vor kurzem eine Statistik über die Straftaten in Freibädern veröffentlicht. Auf eine Anfrage der AfD zählte sie alle Straftaten auf, die bis zum 31. August mit der „Tatörtlichkeit Freibad“ notiert worden waren. Die AfD wollte auch wissen, welche Nationalität die TäterInnen hatten. Natürlich um es für ihre Hetze auszuschlachten.

Hinweis: Die Tatörtlichkeit bei Freibädern beinhaltet in der Regel auch Straftaten, die an der Adresse der Freibäder gemeldet wurden, nicht zwingend im Freibad selbst.



70% der Tatverdächtigen waren deutsche

Die große Enttäuschung für die AfD: Bei insgesamt 659 Straftaten wurden insgesamt 379 Tatverdächtige ermittelt. Davon besitzen aber 290 die deutsche Staatsangehörigkeit. Die meisten Straftaten waren dabei aber mit Abstand am Häufigsten Diebstähle (140 Fahrräder, 260 andere Diebstähle), etwa 10% waren Körperverletzungsdelikte. Da die AfD jedoch verfassungswidrig nicht alle Deutschen für Deutsche hält, auch wenn sie einen deutschen Pass hatten, hat sie ebenfalls nach Vornamen der deutschen Tatverdächtigen gefragt.

Die meisten Vornamen kamen nur einmal vor, und die wenigen Häufungen besitzen kaum Aussagekraft. So gibt es „Mohamed“ zwar mit immerhin sieben Nennungen unter 300 Namen, „Tim“ und „Maximilian“  aber ebenfalls jeweils sechs Mal. Warum eine Häufung von „Mohamed“ wenig verwunderlich ist, haben wir hier schon einmal erklärt. Somit steht fest: Die mit Abstand meisten Straftaten in Freibädern in NRW werden von Deutschen begangen. Sorry AfD, wenn das deinem rassistischen Weltbild widerspricht.

Und ja, liebe „Wir hätten gern den Ariernachweis wieder“-AfD. Auch von Deutschen, die „Maximilian“ und „Tim“ heißen. Vom AfD-Narrativ bleibt also nicht viel übrig. Zur Kriminalität, Proportionalität und Staatsangehörigkeit haben wir hier noch mehr Analysen:

Kriminalstatistik: Messer-Martin dreimal so kriminell wie Chorknabe Chalid?

Kein einziger Krawall im „Prinzenbad“:

Zur Stimmungsmache gehörten auch beispielsweise der Artikel in der BILD, der am 2. Juli titelte: „Deutschlands Chef-Bademeister klagt an: Das ist nicht mehr unser Freibad!“ In Form eines Live-Tickers stand darüber: „+++Schlägereien +++ Pöbeleien +++ Messer +++ Tränengas +++ Polizei“. Die BILD musste eine Gegendarstellung veröffentlichen. Im Prinzenbad in Kreuzberg gab es „keinen einzigen Krawall“. Mehr dazu:

Kein einziger Krawall im „Prinzenbad“: Das „Freibad-Narrativ“ bröckelt weiter

Tumulte im Rheinbad? Jugendliche waren deutsche

Auch die – tatsächlich existierenden – Tumulte im Rheinbad in Düsseldorf wurden für dieses Freibad-Narrativ verwendet. Die CDU sprach nach einem Vorfall Ende Juli sogar von schnelleren Abschiebungen. Da sieht man, wie stark das Narrativ bereits funktioniert. Dumm nur: Die Gruppe der „randalierenden“ Jugendlichen (Alle Straftaten: Zwei Ermittlungen wegen Beleidigung eines Polizisten und Bedrohung und Beleidigung einer Bademeisterin) war viel kleiner als berichtet. Und Deutsche. Männliche Jugendliche in Gruppen, die in Freibädern pöbeln sind kein Untergang des Abendlandes. Und kein Problem von Migration. Die ganze Geschichte:

Vorfälle im Rheinbad in Düsseldorf: Instrumentalisierung ging nach hinten los

Weitere Fakes zu Freibädern

Um das Fake-Narrativ weiter zu befeuern, verbreitete die AfD gerne Videos, die die „bösen Migranten“ beim Randalieren in „deutschen“ Freibädern zeigen sollen. Doch ein beliebtes Fake-Video ist aus Israel, ein anderes stammt aus dem Jahr 2014 – Lange bevor angeblich „alles so schlimm“ geworden ist. Es ist der Versuch, mit Lügen das Bild zu liefern, das die Worte und das Framing bereits vorbereitet haben. Unsere Recherche:

Fake! AfD verarscht ihre Wähler mit Video aus Israel – Rassistische Stimmungsmache

Zumindest für Sachsen gab es diese Lüge der AfD: „AfD-Anfrage in Sachsen deckt auf: Fast 70 Prozent aller Täter, die unsere Kinder und Jugendlichen im Schwimmbad sexuell belästigt haben, sind Männer aus islamischen Ländern.“ Sie basierte auf dieser Anfrage „Sexualisierte Gewalt im Sport — Nachfrage zu 6/17053“ (Link). Und reine Verarsche.

Denn um auch nur irgendetwas brauchbares zu finden, das man „Ausländern“ in die Schuhe schieben kann, lässt die AfD in den ganzen letzten zehn Jahren nicht nur die Bereiche „Sportanlage“ und „Turnhalle“ vollständig weg, sondern auch alle anderen Straftatbestände und pickt sich ausschließlich den Straftatbestand heraus, in dem Deutsche zufällig in der Minderheit sind. Hier im Detail:

Sexuelle Belästigung in Schwimmbädern: So täuscht die AfD Sachsen ihre Wähler über Straftaten

Weitere Zahlen – sind vorfälle mehr geworden?

Die Vorfälle vom Prinzenbad haben wir bereits abgehakt. Aber da wir bei den Fakes ja über das Columbiabad und über Berlin geredet haben, schauen wir uns einmal das an. 16 Anzeigen gab es 2019 bereits, und das obwohl das Bad erst seit dem 1.06 offen hat! Aber die Anzeigen wurden alle auch vor dem 16. Mai erstattet. Weil Vorfälle mit hineingezählt werden, die nur in der Nähe oder an der Adresse passiert sind. Und so ist das das ganze Jahr so (Quelle) – so kann man die Gefahr auch aufblähen, wenn man möchte.

Schauen wir mal die Jahre 2018 und 2017 an (Quelle). 2018 gab es 130 Anzeigen, 14 mal Körperverletzung, viermal um Beleidigung, zweimal um Bedrohung, Freiheitsberaubung oder Nötigung. Sexualdelikte wurden hingegen keine angezeigt. 67 mal Sonstiges. Also auch Autodiebstähle oder Hausfriedensbruch. Aber eben nur alles, was an dieser Adresse gemeldet wurde. Und diese blähen die Statistik auf.

Im Sommerbad Olympiastadion gab es 2017 23 Fälle von Körperverletzung, 2018 12 und bisher 2019 sechs. Und im Sommerbad Pankow gab es dieses Jahr bisher zwölf und zehn im Sommerbad Kreuzberg. Im Diebstähle gab es im Olympiastadion 54 und im Columbiabad 40 im Jahr 2018. 24 waren es im Kombibad Gropiusstadt und im Europasportpark 20. Letztere sind Hallenbäder, wo es etwas ruhiger ist (Quelle).



Fazit

Und bei all dem wäre es wahnwitzig, davon auszugehen, dass alle diese Straftaten, die in den letzten Jahren übrigens abgenommen haben, wie wir sehen können, von Nichtdeutschen begangen wurden. Noch dazu ausgerechnet von (abgelehnten) Asylbewerbern, wie es die CDU tat. Die AfD-Anfrage lässt vermuten, dass es selbstverständlich mehrheitlich Deutsche waren. Die aktuelle Anfrage der AfD zeigt es noch einmal deutlich. Wie bei den allermeisten Straftaten. Und es sind ohnehin nur sehr wenige Straftaten pro Jahr und bei zehntausenden Besucher*innen der Freibäder.

Gibt es Probleme und Streitigkeiten in Freibädern? Natürlich. Sind manchmal auch Menschen mit dunklerer Hautfarbe daran beteiligt? Selbstverständlich. Sind das dann automatisch Nichtdeutsche oder Asylbewerber? Auf keinen Fall. Überfüllte Freibäder und junge Männer in Gruppen sind die größten Problemherde, unabhängig vom Pass oder Hautfarbe. Das macht diese Debatte eben so absurd.

Die meisten Straftaten in Freibädern sind Diebstähle, meistens von Fahrrädern. Mit „Krawallen“ haben sie nichts zu tun. Die meisten Straftaten werden auch von Deutschen begangen. Das ganze Narrativ über „kriminelle Asylbewerber“ in Freibädern basiert auf Fake News und Einzelfällen. Und kann dementsprechend begraben werden. Die AfD hat wieder einmal rassistische Lügen erzählt.

Artikelbild: Mark Nazh, shutterstock.com, Screenshot

Da du diesen Artikel zu Ende gelesen hast: Möchtest du mehr Recherchen und Analysen zu den Hintergründen von politischen Mythen und Fake News? Oder auch Kommentare zu politischen Forderungen und aktuellen Ereignissen? Dann unterstütze unsere Arbeit mit einer kleinen Spende für einen Kaffee, dazu kannst du einfach hier entlangschauen. Vielleicht hast du auch Fragen oder Artikelwünsche? Dann schreib uns auf redaktion@volksverpetzer oder auf Facebook oder Twitter




CO2 & Pflanzenwachstum: So schlecht ist zu viel CO2 für unser Essen

Ein Strohmann Argument: Mehr co2 gut für pflanzen?

Ein “Strohmann”-Argument ist ein rhetorisches Mittel, bei dem der Eindruck erweckt wird, ein wichtiges Argument des Gegenübers widerlegt zu haben, obwohl der Gegenüber dieses Argument überhaupt nicht verwendet hat. 

Klimawandelleugner können ihr Weltbild nur noch mittels solcher logischer Fehlschlüsse aufrecht erhalten: Geradezu mantraartig wiederholen sie die Aussage, dass Pflanzen doch CO2 zum wachsen brauchen. Daher wäre es doch gar nicht so schlimm, dass wir seit der Industrialisierung schon 1,5 Billionen Tonnen CO2 in die Atmosphäre gepustet haben und sich die Konzentration von CO2 dabei schon fast auf 50% über natürliche Werte gesteigert hat – der höchste Wert seit menschliches Leben auf der Erde existiert.

Pflanzenwachstum und Temperatur der Atmosphäre haben aber erstmal unmittelbar gar nichts miteinander zu tun. Insofern widerlegt dieses “Argument” schon mal in keinster Weise den überwältigenden wissenschaftlichen Konsens zum menschengemachten Klimawandel. Es handelt sich also um ein Stohmann Argument. 

Diese Anfrage der AfD zum Konsens über den Klimawandel ist ein Eigentor

Wir haben uns trotzdem mal angeschaut, was CO2 so mit unseren Pflanzen anstellt – und haben schockierendes herausgefunden:



Die Zusammensetzung unserer Nahrung verändert sich

Erstmal: Ja, Pflanzen, die mehr CO2 zur Verfügung haben, wachsen schneller und werden größer. Denn: CO2 ist für Pflanzen ein Grundnahrungsmittel. Aber: 

Wenn Pflanzen in einer Atmosphäre mit mehr CO2 wachsen, enthalten sie weniger lebenswichtige Nährstoffe, die sie nicht aus der Luft aufnehmen können. Jeder von uns kann sich vorstellen, wie die Wissenschaftler dies nachweisen konnten: Man kann eine Pflanze einfach unter Schutzatmosphäre wachsen lassen, künstlich CO2 zugeben und hinterher den Nährstoffgehalt messen. 

Dadurch konnten Wissenschaftler nachweisen, dass ein höherer CO2-Gehalt dazu führt, dass pflanzliche Nahrung geringere Konzentrationen Zink, Eisen (Quelle) und Proteine (Quelle) enthalten, also Nährstoffe, die die Pflanzen nicht über die Luft aufnehmen können. Der menschliche Körper benötigt Zink unter anderem für ein gesundes Immunsystem, Eisen für die Produktion von Blutzellen und Proteine, um Muskeln aufzubauen. 

Mehr Pflanzenwachstum, aber weniger Bizeps also?

Wissenschaftler gehen davon aus, dass durch den globalen Anstieg in der CO2 Konzentration bis 2050 zusätzlich 150 Millionen Menschen an Zinkmangel (Quelle) und Eiweißmangel (Quelle) leiden werden. Das trifft vor allem Entwicklungs- und Schwellenländer, die sowieso schon Probleme mit Mangelernährung haben.

Aber es könnte auch einen Effekt in Industrieländern haben: Der Anteil von Kohlenhydraten in der Nahrung bleibt etwa gleich, wir müssen aber mehr davon essen, um auf die gleiche Menge an Proteinen und anderen Nährstoffen zu kommen. Es könnte also sein, dass auch Probleme mit Übergewicht zunehmen (Quelle). 

Globales Experiment mit unserem Essen

Wir führen also gerade ein globales Experiment mit unserem Essen durch: Alle Pflanzen erhalten deutlich mehr CO2-Nahrung als zu irgendeinem anderen Zeitpunkt in den letzten paar Millionen Jahren. Welchen Einfluss das auf uns haben wird, ist noch unklar, aber es wird wahrscheinlich zu mehr Mangelernährung und vielleicht auch zu mehr Übergewicht führen. 

Wir können bestätigen, dass mehr CO2 Pflanzenwachstum grundsätzlich beschleunigt, allerdings ist dies keine positive Entwicklung. Im Gegenteil, es ist ein weiteres Beispiel, wie tief wir durch unsere Lebensweise in natürliche Prozesse eingreifen. Der massive Ausstoß von CO2 verursacht neben der globalen Erwärmung noch weitere negative Auswirkungen auf menschliches Leben. 

Viele in diesem Artikel angesprochenen Details werden auch in diesem Youtube-Video erklärt (auf Englisch): 

Artikelbild: pixabay.com, CC0

Da du diesen Artikel zu Ende gelesen hast: Möchtest du mehr Recherchen und Analysen zu den Hintergründen von politischen Mythen und Fake News? Oder auch Kommentare zu politischen Forderungen und aktuellen Ereignissen? Dann unterstütze unsere Arbeit mit einer kleinen Spende für einen Kaffee, dazu kannst du einfach hier entlangschauen. Vielleicht hast du auch Fragen oder Artikelwünsche? Dann schreib uns auf redaktion@volksverpetzer oder auf Facebook oder Twitter




„Kindheit gestohlen“: Diesen Anti-Greta-Post kann man mit einem Satz zerlegen

Whataboutismus „Kindheit gestohlen“:

Nach Greta Thunbergs „How Dare You“-Rede vor der UN werden verschiedene Anti-Greta-Posts verbreitet, die ihre Aussagen aus dem Kontext reißen. Ziel davon ist natürlich, von ihrer Botschaft abzulenken mit vermeintlich kluger Kritik. Besonders Gretas Satz “You have stolen my childhood” – „Ihr habt meine Kindheit gestohlen“ wird hierfür hergenommen. Ein oft geteilter Post macht sich darüber lustig, dass Greta Thunberg angeblich eine verlorene Kindheit habe, wo es doch vielen anderen Kindern weltweit viel schlechter gehe.

 

Screenshot facebook.com

„Eins dieser Kinder hatte sich gerade vor die Kameras der Welt gestellt und gesagt: „Wie könnt ihr es wagen, ihr habt meine Träume und meine Kindheit gestohlen“ Ich verrate aber nicht, welches.“

Es gibt diesen Whataboutismus (Was ist ein Whataboutismus?) auch auf englisch.

Screenshot twitter.com



Was wird ihr vorgeworfen?

Man wirft Greta Thunberg hier implizit Arroganz vor, als wohlhabend in Schweden aufgewachsen so vermessen zu sein, sich vermeintlich als Opfer aufzuspielen, wozu sie kein Recht hätte. Während sie vermeintlich nichts für eben jene anderen Kinder tue, die wirkliches Leid erfahren. Doch abgesehen davon, dass es ein Whataboutismus ist, ist der Vorwurf besonders böswillig, da er absichtlich ihr Zitat verkürzt, um erst diesen Vorwurf zu machen. Schauen wir uns einmal die Rede an:

Hier ein Ausschnitt mit deutschen Untertiteln:

“You have stolen my dreams and my childhood with your empty words. And yet I’m one of the lucky ones. People are suffering. People are dying. Entire ecosystems are collapsing. We are in the beginning of a mass extinction, and all you can talk about is money and fairy tales of eternal economic growth. How dare you!“

Deutsch:

„Ihr habt meine Träume und meine Kindheit mit euren leeren Worten gestohlen. Dabei bin ich eine der Glücklichen. Menschen leiden. Menschen sterben. Ganze Ökosysteme brechen zusammen. Wir stehen am Anfang eines Massenaussterbens und alles, worüber ihr sprechen könnt, ist Geld und dem Märchen von ewigem wirtschaftlichen Wachstum. Wie könnt ihr es wagen!“

„Dabei bin ich eine der Glücklichen“

Man kann einfach sagen, dass buchstäblich der nächste Satz ihrer Rede absichtlich weggelassen wurde, um diese vermeintliche Kritik zu üben und man kann man diesen gehässigen Anti-Greta Post zerlegen. Und selbst wenn sie nicht selbst darauf hingewiesen hätte: Greta Thunberg will nicht „angebetet“ werden, sie hätte gerne eine normale Kindheit gehabt, doch die Untätigkeit der Regierungen der Welt zwingen sie, sich weiter einzusetzen. Sie haben ihre „Kindheit gestohlen“.

Ohnehin ist es etwas geheuchelt, unehrlich Greta mit dem Hinweis auf viel ärmere Kinder zu kritisieren, wenn vermutlich kaum jemand, der diesen Vorwurf bringt, sich sonst in irgendeiner Weise dafür einsetzt, dass es diesen Kindern besser geht. Die Klimakrise wird ärmere Länder – und ärmere Kinder – viel härter treffen. Greta Thunbergs Aktivismus denkt buchstäblich an alle, denen es schlechter geht. An alle Kinder, deren Kindheit gestohlen wird.

Wer derartige Posts teilt, übt keine zielführende Kritik. Er missbraucht arme Kinder, um Greta Thunberg und ihre Klimabewegung zu diskreditieren und lässt damit absichtlich den buchstäblich nächsten Satz in ihrer Rede weg, der den ganzen Vorwurf sinnlos werden lässt. Es ist unehrliche Manipulation und hilft niemandem, außer denjenigen, den Greta vorwirft, ihre Kindheit gestohlen zu haben.

Zum Thema:

Faktencheck: Nein, Greta Thunberg wird nicht „ohne Drehbuch erwischt“

Artikelbild: Cookie Studio, shutterstock.com

Da du diesen Artikel zu Ende gelesen hast: Möchtest du mehr Recherchen und Analysen zu den Hintergründen von politischen Mythen und Fake News? Oder auch Kommentare zu politischen Forderungen und aktuellen Ereignissen? Dann unterstütze unsere Arbeit mit einer kleinen Spende für einen Kaffee, dazu kannst du einfach hier entlangschauen. Vielleicht hast du auch Fragen oder Artikelwünsche? Dann schreib uns auf redaktion@volksverpetzer oder auf Facebook oder Twitter




Faktencheck: Nein, Greta Thunberg wird nicht „ohne Drehbuch erwischt“

Widerlegung des plumpen „Drehbuch“-Arguments

Es kursiert mal wieder ein Video in rechten Kreisen. Ein Video über Greta Thunberg. Der Titel: „September 2019: Greta Thunberg ohne Drehbuch – Deutsch“.

Screenshot aus dem Video (Link)

In dem nur 1:30 Minuten langen Video sieht man, wie Greta scheinbar verwirrt ist, da ihr zwei Fragen gestellt werden. Zuerst bittet sie darum, die eine Frage zu wiederholen, dann lässt sie jemand anderen darauf antworten. Soweit die Darstellung der Ersteller des Videos.

Die Aussage dahinter: Greta Thunbergs gesamtes öffentliches Auftreten sei gescripted. Es wird also der Mythos von einer geheimen Macht im Hintergrund gefüttert. Eine Macht, deren Marionette Greta Thunberg ist. Wir machen den Faktencheck.



Diese Dinge sprechen gegen die „Drehbuch“-Darstellung

Zuerst einmal würde eine „geheime Macht im Hintergrund“, die Greta Thunberg für ihre Kampagne benutzt, niemals einen groben Fehler machen wie diese Pressekonferenz.

Wenn es das „Drehbuch“ wirklich gäbe, warum sollte man dann eine solche Konferenz zulassen? Oder wollt ihr mir erzählen, dass diese ganze „Kampagne“ perfekt vorbereitet ist, samt Protest, Medienecho und Atlantiküberquerung und man sich jetzt durch so einen dummen Fehler „verrät“? Würde man wirklich die eigene Sache dadurch riskieren, dass Greta sich einer derartigen Gefahr der Enttarnung aussetzt?
Wohl kaum.

Auch die Länge des Videos sollte zu Zweifeln anregen. Eine Minute und 30 Sekunden aus einer Pressekonferenz sind in den wenigsten Fällen aussagekräftig für die ganze Pressekonferenz. Das ist auch hier der Fall. Man hat sich, wie wir sehen werden, den Teil ausgesucht, der vielleicht am ehesten in eine Verschwörungstheorie interpretiert werden kann.

Mimikama haben bereits einen Faktencheck über das Video veröffentlicht. Dabei stellten sie klar:
Die „Fragerunde“ begann schon ein paar Minuten eher. Auf die erste Frage antwortete Greta ausführlich und sicher. Wichtiges Detail: Das Wort wurde danach bewusst an die anderen Jugendlichen weitergegeben, sodass diese ebenfalls aus ihrer Sicht antworten können.

Falsche Tatsachenbehauptungen

Im Video sieht es ja zum Schluss so aus, als würde Greta das Wort hilflos den anderen Jugendlichen am Tisch weitergeben. Dazu sagt der Untertitel:

was wir sagen wollen, also unsere…
…also unsere Nachricht ist ist …
wir haben genug…
und äh….sonst jemand….
…der Antworten will….
[sic!]

Abgesehen von der grauenhaften „Rechtschreibung“ bzw. „Grammatik“ im Untertitel ist dieser schlicht falsch. Damit ist keine „kritische“ Interpretation gemeint. Oder ein frei übersetztes Wort. Der Untertitel ist tatsächlich faktisch falsch.

Tatsächlich sagt Greta Thunberg:

I think, what we want to send – the message we want to send, is to say that we have had enough and eh…anyone else wants to answer the question? I can´t speak on behalf of everyone.

Deutsch:

Ich denke, was wir senden möchten – die Nachricht, die wir senden möchten, ist, dass wir sagen, wir haben genug und ehm…möchte noch jemand anders auf diese Frage antworten? Ich kann nicht im Namen aller sprechen.

Und das ist ein himmelweiter Unterschied. Besonders der letzte Satz ist wichtig. Greta Thunberg gibt, nachdem sie eine prägnante Antwort auf die Frage gegeben hat, das Wort weiter. Nicht, weil sie hilflos ist, sondern weil sie sich nicht als „Anführerin“ oder „Chefin“ der Bewegung sieht. Das ist wohl auch der Grund, warum dieser Satz nicht im Untertitel übersetzt wurde. Er hätte nämlich das rechte Narrativ von Greta als „Klimaheilige“ gestürzt. Tatsache ist: Die einzigen, die Greta als „Heilige“ bezeichnen, sind ironischerweise rechte Hetzer.

Weitere falsche Darstellung und fehlerhafte Implikationen

Auch die Unsicherheit, die im Untertitel besonders durch die zahlreichen Punkte („…“) impliziert wird, gibt es im Original so nicht. Natürlich überlegt Greta sich ihre Worte sehr wohl. Einerseits, weil wahrscheinlich jeder vor den Kameras und Mikros der Welt überlegen würde, was er sagt.

Andererseits aber natürlich auch, weil Greta in Englisch spricht. Was nicht ihre Muttersprache ist. Wie viele 16-Jährige aus Deutschland könnten das wohl besser? Und wie viele Erwachsene? Ich schaue Sie an, Herr Oettinger.

Außerdem fanden die Kollegen von Mimikama noch heraus, dass Autisten öfter solche Momente haben, in denen sie eine Reizüberflutung erleben und deswegen in der Situation überfordert sind. Die genauen Zusammenhänge erklären sie auch in ihrem Artikel, schaut unbedingt vorbei!

Fazit

Mit den „Fakten“ und „Nachrichten“ über Greta Thunberg halten es die Rechten immer so wie sie wollen.
Sie schwänzt die Schule, um für das Klima zu kämpfen? „Soll sie mal lieber in die Schule gehen und was „Ordentliches“ lernen.“

Sie hält Reden vor Millionen Zuschauern in nahezu perfektem Englisch? „Ja, aber what about diese 1:30 Minuten, wo sie sich mal verhaspelt? Tja, wäre sie mal in die Schule gegangen!“ Sie segelt über den Atlantik, um ein Zeichen zu setzen? „Ja, aber what about die Leute, die die Segelyacht zurückfahren?“
Sie rüttelt Leute wach und hat es geschafft, Klimapolitik zum wichtigsten Punkt für alle Regierungen zu machen? „KLIMAHEILIGE!!!!“

Sie zeigt sich bescheiden und sagt, sie könne nicht für alle sprechen? „Tja, so ist das wohl ohne DREHBUCH Greta!!!!“ Greta kann machen was sie will. Am Ende wird sie immer als die Schlechte dargestellt. Zumindest in rechten Kreisen ist da jedes Mittel erlaubt. Dabei zeigt das Video doch umso mehr, dass sie NIE ein Drehbuch nutzt, und sie selbst ist. Ihre Auftritte sind spontan und echt. Das Gegenteil dessen, was das Video angeblich „beweisen“ sollte. Dass es offensichtlich kein „Drehbuch“ gibt, kann doch nicht der Beweis sein, dass es sonst eines gibt. Das ist Unsinn.

Was können wir tun?

1. Teilt diesen und andere Artikel, die rechte Hetze widerlegen unter AfD-Posts und auch überall sonst!

2. Seid euch im Klaren: Es ist eine schreiende Minderheit, die den menschengemachten Klimawandel „anzweifelt“, Greta Thunberg mit Hass und Häme bekämpfen (siehe hier) und „hier bleibt alles so wie es ist“ propagieren. Die Mehrheit der „echten“ Menschen (außerhalb des Internets) erkennen an, dass wir etwas verändern müssen.

3. Respekt an Greta Thunberg, dass sie trotz des Hasses und der Anfeindungen durchhält. Vielen Dank, Greta!

Artikelbild: Screenshot youtube.com

Da du diesen Artikel zu Ende gelesen hast: Möchtest du mehr Recherchen und Analysen zu den Hintergründen von politischen Mythen und Fake News? Oder auch Kommentare zu politischen Forderungen und aktuellen Ereignissen? Dann unterstütze unsere Arbeit mit einer kleinen Spende für einen Kaffee, dazu kannst du einfach hier entlangschauen. Vielleicht hast du auch Fragen oder Artikelwünsche? Dann schreib uns auf redaktion@volksverpetzer oder auf Facebook oder Twitter