Warum sind so viele Leute mit Wahltrends überfordert?

Wahltrends sind eine sehr beliebte und im Grunde bestechend simple Methode, um die politische Stimmung aus der Bevölkerung aufzunehmen. Doch scheinbar ist dennoch nicht jedem klar, was ein Wahltrend aussagt und was nicht. Ich habe mir dazu mal einige Stimmen angesehen und mein Bestes gegeben, den Leuten zu einem besseren Verständnis der Sonntagsfrage zu helfen.

Hallo zusammen und willkommen zum ersten Eintrag 2018. Naja, streng genommen sollte der Eintrag bereits 2017 erscheinen, aber durch Urlaub und Umstrukturierung beim Volksverpetzer ist er ein wenig untergegangen. Ich wünsche allen Lesern also zunächst einmal retrospektiv einen guten Rutsch.

Zugegeben, die Themenauswahl war auch dieses Mal eher zäh. Die Bundespolitik stagniert nach den gescheiterten Jamaika-Verhandlungen noch immer vor sich hin. Union und SPD haben nun, nach Aussage der Beteiligten, erfolgreiche Sondierungen zur Fortsetzung der großen Koalition abgeschlossen.
Ich persönlich bin kein großer Fan dieses Szenarios. In der letzten Legislaturperiode hat sich dieses Bündnis weitestgehend träge und wenig kooperativ gezeigt. Das Ergebnis waren einige faule Kompromisse und mein persönliches politisches rotes Tuch, die PKW-Maut.

Nicht grundlos hatte die SPD einer Fortsetzung dieses Koalitionsmodells unmittelbar nach Bekanntwerden der Wahlergebnisse im September eine vorzeitige Absage erteilt.
Wer kennt nicht die Situation, entweder aus eigener Erfahrung oder von Bekannten, in der man sich fragt, ob es nicht doch eine gute Idee ist, nochmal was mit dem oder der Ex anzufangen – obwohl es seinerzeit mehr als genug Gründe für die Trennung gab?

Man wog ab, zierte sich ein wenig und nun war es dann soweit: Martin Schulz warb vor einigen Wochen beim Parteitag der SPD dafür, dass man sich doch nochmal zu einem erneuten ersten Date mit der Union treffen wolle. Im Politiker-Duktus drückte man sich freilich gewählter aus. Hier war die Rede von “ergebnisoffenen Gesprächen”.

Ich finde solche Begriffe anstrengend. Wie genau sehen denn Verhandlungen aus, die nicht “ergebnisoffen” sind? Aber dass man sich in der politischen Sprache gerne mal unnötig sperrig ausdrückt, ist ja nichts Neues. Ich erinnere an dieser Steller kurz an den “atmenden Deckel”.

In Ordnung, man hat also einen letzten Versuch unternommen, mit dem vorhandenen Wahlergebnis zu einer handlungsfähigen Regierung zu kommen, ohne dabei eine Minderheitsregierung zu bekommen. Ob dieser Versuch Früchte trägt, wird sich zeigen, denn in der SPD regt sich bereits erster Widerstand gegen die GroKo-Pläne der Parteiführung.



Vox Populi

In einer Demokratie, wie wir sie in Deutschland pflegen, bestimmt ja bekanntlich die wahlberechtigte Bevölkerung maßgeblich, wer die Geschicke des Landes lenken darf. Zwar wählen wir den Bundestag nur alle vier Jahre, allerdings ist es – wie die Meisten vermutlich wissen – Usus, hier und da mal die Stimmung aus der Bevölkerung aufzunehmen, um anhand der Trends die Reaktion der Bevölkerung auf jüngste politische Ereignisse zu erfassen. Bekannt ist dieses Vorgehen u. a. als “Wahltrend”, „Sonntagsfrage“ oder einfach „Wahlumfrage“, zumeist unter der Überschrift “Wenn am Sonntag Bundestagswahl wäre…”.

Verschiedene Umfrageinstitute führen nach jeweils hauseigenen Methodiken regelmäßig entsprechende Umfragen durch, sodass praktisch jede Woche ein solcher Trend zur Verfügung steht.
Warum ich das so ausschweifend erkläre, obwohl eigentlich jedem, der auch nur einen Funken Basiswissen über unsere politische Landschaft hat, klar sein dürfte, was ein Wahltrend ist? Nun, weil es offenbar – und das hätte ich bis heute selbst nicht gedacht – noch immer eine Menge Leute gibt, denen dieses Prinzip nicht klar war, bei denen es aber dennoch zu einer politischen Meinung gereicht hat.

Die Ergebnisse einer solchen Umfrage hatte der Focus vor einigen Wochen präsentiert und sich dabei einer, wie sich herausstellte, etwas stolperhaften Überschrift bedient.

Das Ergebnis ist überrraschend!

Posted by FOCUS Online Politik on Sonntag, 10. Dezember 2017

Deutschland “wählt” selbstverständlich nicht, sondern Deutschland WÜRDE, gemäß dem in der Umfrage ermittelten Trend, so wählen. Ein himmelweiter Unterschied, den man sich zwar als verständiger Mensch problemlos auch trotz der unpassenden Überschrift ins Gedächtnis zu rufen weiß, doch leider lesen den Post ja nicht nur verständige Menschen. Und, noch viel wichtiger, es kommentieren auch nicht nur verständige Menschen.

Die aufgegriffene Umfrage wurde von Emnid durchgeführt. Befragt wurden laut Artikel 1880 Personen. Die Auswahlkriterien werden hier nicht weiter dargelegt. Die Kernaussagen, die aus dem Vergleich mit den Daten der Vorwoche hervorgehen, sind im Grunde schnell abgehandelt. Die SPD verliert – trotz ihrer Gesprächsbereitschaft im Hinblick auf eine erneute GroKo – nicht an Zustimmung. Die Grünen legen einen Prozentpunkt zu. Der Rest bleibt mehr oder minder unverändert.

Traue keiner Statistik, die dir nicht zusagt!

Durch die Kommentatoren ging beim Anblick der Umfragewerte offenbar zunächst ein kollektives Raunen. Kann ja wohl nicht wahr sein, dass die SPD für diese Gesprächsbereitschaft keine Klatsche bekommt. Und dann legen die Grünen, die offenbar das erklärte Feindbild vieler Kommentatoren darstellen, auch noch einen Punkt zu? Das stößt auf Missfallen.

Hier haben wir mal wieder einen dieser Kandidaten, die wieder nur die Überschrift lesen, statt den Artikel, zu dem sie hier ihren Senf abgeben, auch mal anzuklicken und – ich weiß, ich erwarte viel – zu lesen.
Roger! OMG! Die Zahlen stammen nicht von Focus! Das stellt Focus auch mehrfach klar, z. B. indem die tatsächliche Quelle der Zahlen angegeben wird.

Da Roger bei Weitem nicht der Einzige ist, dem bisher nicht klar war, dass nicht jedes Nachrichtenmagazin hauseigene Umfragen erstellt, hat Focus dem Artikel sogar einen Infokasten beigefügt, der detailliert erklärt, wie solche Wahltrends üblicherweise zustandekommen, wer sie erhebt, wie groß die Stichproben sind und wie hoch die Fehlertoleranz solcher Umfragen gängigerweise ist.

Ach, die Volksverarsche wird mal wieder bemüht. Na, wurde ja auch Zeit. Eine Frage hätte ich in diesem speziellen Fall aber noch: Wozu genau? Welchen Mehrwert bietet es dem Focus oder sonst irgendwem, hier solche Zahlen zu präsentieren? Daran hängt ja nichts. Nächste Woche können sie schon wieder anders aussehen. Und was ist eigentlich “wahrer Journalismus”? Nur weil dir der Inhalt eines Berichts nicht gefällt, macht es diesen nicht falsch oder unprofessionell.

Übrigens, die meisten Nachrichtenmagazine lassen ihren Journalisten Freilandhaltung zuteil werden. Deine Sorge um die Mitarbeiter beim Focus ehrt dich zwar so halbwegs, ist aber sicher unbegründet.

*Seufz*… Puh, also nochmal: Die Zahlen sind nicht vom Focus. Es ist ein Wahltrend. Eine Hochrechnung. Übrigens kann man sowas nicht “nur mit den Deutschen machen”. Auch in anderen demokratischen Staaten werden Wahltrends erhoben und kommuniziert. Ob die Bürger in diesen Ländern ähnlich überfordert damit sind, wie du es bist, weiß ich allerdings nicht.

Ist es wirklich so schlimm um unsere Bildung bestellt, dass die Leute eher an spiritistische Jahrmarkt-Methoden glauben, als sich damit auseinanderzusetzen, wie eine simple Umfrage funktioniert?

Ausgewählte Personen

Wie die darauf kommen? Indem sie eine bestimmte Anzahl an Personen befragen und dann hochrechnen. Dass du dabei nicht befragt wurdest, ist nicht unbedingt unlogisch. Laut Bundeswahlleiter lebten in Deutschland zur Bundestagswahl 2017, also vor etwa drei Monaten, etwa 61,5 Millionen Wahlberechtigte. Nehmen wir der Einfachheit halber an, dass davon alle gleich gut für die Umfrage geeignet sind, lassen also den Repräsentativitätsaspekt außen vor und nehmen wir weiterhin an, dass sich diese Zahl in den letzten drei Monaten nicht signifikant geändert hat. Von diesen 61,5 Millionen wurden nun also 1880 befragt. Auf eine befragte Person kamen demnach 32711,8 Personen, die nicht befragt wurden. Nun verstanden, wie es dazu kommen konnte, dass ausgerechnet du nicht dabei warst? Die Chance dafür, dass du unter den Befragten gewesen wärst, lag bei etwa 0,003 %.

Ok, ich versuche es noch einmal: Die machen das stichprobenartig, okay? Die können nicht jeden Wahlberechtigten befragen, das würde länger als eine Woche dauern, da es sehr aufwändig ist.

Es wurde doch gar nicht gewählt! Und wie genau läuft denn deiner Meinung nach eine Wahl ab? Du verteilst doch die Prozente nicht selbst auf die Parteien, sondern gibst einer Partei deine Stimme. Das Ergebnis setzt sich dann aus den Stimmen all derjenigen zusammen, die gewählt haben. Hat dir vorher noch keiner erklärt, dass es mehrere Wahlberechtigte gibt und du nicht alleine damit bist?

Blaue Stimmen

Ist es eigentlich auch irgendwann mal gut mit diesem verdammten “Land abschaffen” und “Volk abschaffen”? Ich kann dieses Geflenne nicht mehr hören. Keine Partei will hier irgendwas abschaffen, umvolken, entkernen, kulturell transformieren oder was ihr, Ralf und deinesgleichen, euch in euren national-ängstlichen Dystopien auch sonst ausmalt. Wer seine Familie liebt, wählt das, was er für am ehesten in ihrem Interesse erachtet. Du willst deine Töchter offenbar brav hinter dem Herd sehen, deshalb wählst du AfD und das ist auch dein Recht. Aber kann es mit dieser substanzlosen Kritik nicht irgendwann auch mal genug sein?

Übrigens, hört man von AfDlern nicht sonst immer, dass Deutschland in einem schlimmen Zustand ist und die “Systemparteien” alles kaputtgemacht haben und dass die AfD wieder alles zum Guten ändern will? Wieso kommt nun Ralf hier um die Ecke und sagt, wer “Deutschland in seiner jetzigen Form erhalten will, wählt AfD”? Ist das nicht widersprüchlich?

Ach, die sind nicht für Deutschland? Für wen dann? Ich könnte schwören, dass Vertreter genau dieser Parteien in den letzten Jahren die deutschen Regierungen gebildet haben.

Puh, wie erkläre ich dir das? Erinnerst du dich noch an den Sportunterricht in der Schule? Wenn dort beispielsweise Fußball gespielt wurde, haben ja meistens die Mannschaften abwechselnd Schüler in ihre Teams wählen dürfen. Dabei haben sich in der Regel einige wenige Schüler herauskristallisiert, die immer erst gegen Ende gewählt wurden. Das lag daran, dass man als Teamkapitän davon ausgehen musste, dass sie – aus unterschiedlichen Gründen, die von Statur und Haptik bis hin zu mangelndem Verständnis des Spielprinzips reichen konnten – dem Team keinen Mehrwert brachten oder es im schlimmsten Fall sogar negativ beeinträchtigten.

Aber da alle untergebracht werden mussten und irgendwann nur noch diese Schüler übrig waren, hatte schlussendlich jedes Team ein oder zwei davon in seinen Reihen. Und wie ist man damit umgegangen? Genau, man hat versucht, die Personen möglichst wenig einzubinden und möglichst an ihnen vorbei zu arbeiten.

Ähnlich ist es mit der AfD. Das Volk hat sie leider ins Team Bundestag gewählt, damit muss man nun klar kommen. Aber wenn man wirklich etwas erreichen will, das dem Land und seinen Bürgern nutzt, spielt man besser an der AfD vorbei. Nun klar?

 

Zum Abschluss der AfD-Sparte nun noch ein kurzer Dialog:

Gute Frage, Karl-Heinz. Schauen wir doch mal, ob sie dir jemand beantworten kann.

Je öfter ich diese Antwort lese, desto dämlicher erscheint sie mir. Zur Verdeutlichung folgender fiktiver Dialog.

Kunde: “Sie wollen mir also dieses Auto verkaufen. Was können Sie mir denn über den Motor erzählen?

Verkäufer: “Wir haben noch keinen Motor eingebaut.

Kunde: “Ähm…okay? Darf man fragen, wieso nicht?

Verkäufer: “Es ist besser, das erst einmal nicht zu tun. Motoren sind sehr komplex. Da kann alles Mögliche passieren. Er kann auslaufen, Feuer fangen, ja sogar explodieren! Wir möchten unsere Kunden da nicht als Versuchskaninchen missbrauchen, verstehen Sie?”

Kunde: “Ist das Ihr Ernst?

Verkäufer: “Leasen Sie den Wagen doch erst einmal für… sagen wir, vier Jahre? Vielleicht finden wir währenddessen eine Lösung für das Motorenproblem.

Kunde: “

 

Kommen wir zum letzten Kommentar für heute.

Na, ist ja dann doch etwas anders gekommen, nicht wahr? Aber ich frage mich wirklich, wo Karl diese Zahlen gelesen haben will. Meine Recherche hat diese Zahlen nur in einem Kontext gefunden:

Die New York Times hatte seinerzeit wohl eine Prognose abgegeben und regelmäßig aktualisiert.

Ich weiß nur nicht, wie ich Karl nun am besten erkläre, dass die New York Times jetzt eher weniger zu den “deutschen Medien” gehört.

#SovielDazu #MicDrop #WoLiegtNochmalNewYork

Und täglich grüßt die Diskussionskultur

Ich muss zugeben, dass ich es mittlerweile doch ein wenig bereue, damit begonnen zu haben, jeden Eintrag hier mit einem Fazit enden zu lassen. Oftmals – so auch heute – kann ich konklusiv einfach nur den Kopf schütteln. Im Grunde lässt sich hier als Fazit nur erneut auf generelle Verhaltensrichtlinien in Sachen Diskussionskultur – speziell online – verweisen, die ich, mit dem Ziel eines etwas umfänglicheren Fazits, hier nun einfach nochmal aufgreife.

Wer einen Artikel kommentiert, tut gut daran, ihn zuvor gelesen zu haben. Das sorgt oftmals für einen vollkommen neuen Blick auf das Thema, nämlich einen vollständigen. Dies ermöglicht inhaltlich fundiertes Kommentieren, da auf einzelne Aspekte gezielt eingegangen werden kann.

Wenn man nicht bereit ist, sich mit dem direkten Inhalt eines Artikels auseinanderzusetzen, sondern seinen digitalen Senf bereits anhand der Überschrift dazuzugeben gewillt ist, schadet es nicht, wenigstens über das von der Überschrift angekratzte Thema einen groben Überblick zu haben.

Mit dem vermittelten Inhalt eines Artikels nicht einverstanden zu sein, ist jedes Rezipienten gutes Recht und – richtig kommuniziert – eine gute Grundlage für eine Diskussion. Allerdings erfordert ein widersprechender Kommentar, um als Diskussionsgrundlage fungieren zu können, einen gewissen Detailgrad. Veranschaulichen wir das kurz anhand von zwei Beispielen:

  • “Ich möchte dem Autor hier widersprechen. Speziell im Hinblick auf Punkt XY zeigen meine persönlichen Erfahrungen etwas anderes. Und Punkt AB wurde ja bereits vor einigen Jahren durch BlaBla et al. widerlegt (Quelle).”
  • “Lüge! Als ob die Zahlen stimmen! Ihr wollt uns nur klein halten und dumm und deswegen behauptet ihr sowas aber wir wissen es besser. Uns verarscht ihr nicht. Ihr seid nur am Lügen. Außerdem seid ihr alle blöde Kackvögel!” [Orthographie erheblich korrigiert, Anm. d. Red]

Zugegeben, hier handelt es sich um Extremdarstellungen. Wenn sich aber alle ein wenig mehr an Beispiel 1 orientieren würden, könnte es unter solchen Beiträgen tatsächlich zu sinnvollen Diskussionen kommen. Ich fürchte allerdings, dass dies gerade bei politischen Themen weiterhin eine Utopie bleiben wird. Schade eigentlich… mal wieder.

Diesen und ältere Beitrage von „kleiner Mann, große Worte“ findet ihr auf Kipps Blog „Kippfenster“