#metoo: Gebt nicht den Opfern Tipps, wie sie sich verhalten sollen, sondern den Tätern!

 

COntentwarnung: Sexuelle Gewalt

Im Zuge der #metoo-Debatte kursieren viele Tipps, wie sich Frauen verhalten sollten, um nicht Opfer von sexueller Belästigung und Vergewaltigungen zu werden. Doch das impliziert, dass Frauen, die sich nicht so verhalten, eine Schuld tragen würden. Nicht die Opfer sollen ihr Verhalten ändern, sondern die Täter, sagt FrauMaja.

Womöglich hatte ich bisher einfach Glück. Mir ist noch nie ein Mann gegen meinen Willen körperlich zu Nahe getreten. Das heißt, ich wurde noch nie begrapscht oder schlimmeres. Zumindest nicht so, dass ich mich total unwohl gefühlt hätte.



Okay, es haben sich schon Typen vor mir in der Öffentlichkeit entblößt. Und spätestens seit 2015 ist es irgendwie zum Alltag geworden, dass ich als Frau mit politischer Meinung, als Antirassistin und Feministin, im Internet die schlimmsten sexistischen Beschimpfungen gegen mich lesen muss. Da bin ich halt wahlweise ’ne ‚untervögelte Schlampe‘ oder ’niemand will mich ficken‘ oder es wird mir gewünscht, dass mich auch mal ‚ein Asylant vergewaltigt‘. Sowas kommt immer in Wellen und irgendwann ist man schon dran gewöhnt und blockt solche Personen einfach weg.

Ist es nicht traurig, dass man sich daran gewöhnen kann, dass einem Menschen wünschen, vergewaltigt zu werden?

Aber wie gesagt. Bisher ist zumindest noch nie jemand körperlich ernstlich übergriffig geworden. Jetzt könnte die Frage natürlich lauten, was ich richtiger mache als andere Frauen, denen solche Übergriffe passiert sind. Aber das ist die völlig falsche Herangehensweise!

Als Teenager beispielsweise war ich eher unscheinbar und pummelig. Unser Sportlehrer im Schwimmunterricht der 7. Klasse hat aber immer nur die auffällig hübschen und schlanken Mädchen angefasst. Und heute, wo ich gewissermaßen als ‚furchterregende Feministin‘ verschrien bin, überlegen sich Männer auch eher zweimal, ob sie mir zu nahe kommen. Aber Freundinnen und Kolleginnen passieren körperliche Übergriffe trotzdem noch.

Haben die Mädchen in der Schule also etwas falsch gemacht? Oder die Freundinnen und Kolleginnen? Oder habe ich etwas richtig gemacht, weil mir ’sowas‘ noch nie passiert ist? Reicht es, sich einfach mal nicht so auffällig anzuziehen oder halt etwas selbstbewusster aufzutreten? Ich sage es mal ganz klar: NEIN! NEIN, NEIN UND NEIN!

Es ist völlig egal, wie sich das Opfer verhalten hat, Schuld hat allein der Täter!

Ganz oft wird in Diskussionen über Sexismus, Belästigungen oder auch Mobbing danach gefragt, ob sich das Opfer richtig oder falsch verhalten hat. Aber wer fragt nach den Tätern? Denn diese sind es, die sich sexistisch äußern, die andere Menschen belästigen oder mobben. Niemand zwingt sie dazu, so etwas zu tun. Sie sind es, die sich falsch verhalten.

Ein kurzer Rock ist kein Grund jemanden zu begrapschen. Ein hübsches Gesicht auch nicht. Und Unsicherheit schon mal gar nicht. Eine politische Meinung, die nicht die eigene ist, ist auch kein Grund jemandem Vergewaltigungen zu wünschen. Und jemand kann in seiner Art noch so seltsam sein, es gibt keine Gründe, ihn aktiv auszugrenzen, zu mobben, belästigen oder zu vergewaltigen.

Victim Blaming ist immer schnell ausgesprochen. Und es führt dazu, dass sich viele Opfer von sexuellen Übergriffen oder Mobbing später selber fragen, ob sie nicht irgendetwas falsch gemacht haben. So schämen sie sich am Ende – und nicht die Täter. Diese Schuldumkehr ist toxisch, sie fügt den Opfern noch mehr Schaden zu und traumatisiert sie womöglich noch zusätzlich zu dem Übergriff.

Was könnt ihr also tun, um Opfern von Übergriffen zu helfen?

Das Schweigen brechen – wenn ihr Zeugen werdet, dann mischt euch ein!

Ich habe es mehrfach erlebt, dass mir jemand in einer größeren Runde sexistische Sprüche gedrückt hat. Ich bin nicht auf den Mund gefallen und oft reicht es ja, wenn man dann was kontert und derjenige hält den Rand. Aber wenn eine saftige Erwiderung eben nicht reicht und jemand immer weiter macht mit doofen Sprüchen, dann wird es irgendwann unschön. Und hier war es dann meist so, dass der Rest der Runde geschwiegen hat und ich mich irgendwann ziemlich hilflos gefühlt habe.

Klar, man versucht dann die Situation irgendwie ins Lächerliche zu ziehen, Hauptsache der Mensch hält endlich die Klappe. Aber in Wirklichkeit hätte ich mir gewünscht, dass dann von den anderen anwesenden Personen auch mal ein „Jetzt ist aber gut“ oder ein „Langsam bist du echt nicht mehr lustig“ gekommen wäre. Dann hätte ich mich später auch womöglich nicht so schlecht und überfordert gefühlt.

Spart euch wohlmeinende Tipps!

Nein, keine Ratschläge für die Opfer. Ratet Menschen nicht, sich das nächste Mal souveräner zu verhalten oder gar anders anzuziehen oder ähnliches.

Erstens: Man weiß nie, wie man sich verhält, bis man selber in die Situation kommt. Ich habe selbst immer gedacht, ich würde Situationen, in denen mir jemand miese Sprüche drückt, locker nehmen und solche Sexisten zum Frühstück verspeisen. Aber das stimmt nicht. Ich hab mich jedes Mal wieder hilflos gefühlt und mich hinterher gefragt, ob ich was falsch gemacht hab. Man kann sich Situationen tausendmal ausmalen, aber in der Realität fühlt es sich trotzdem immer beschissen an.

Und zweitens: Die Täter haben etwas falsch gemacht und zwar nur sie. Punkt.

Solidarität bedeutet, die Komfortzone verlassen

Wenn Menschen von Übergriffen berichten, dann höre ich oft „Solidarität mit….!“, aber habe den Eindruck, dass Menschen dann glauben, ihre Schuldigkeit getan zu haben und danach nicht mehr behelligt werden möchten. Oder unbeteiligte Männer kriechen „im Namen ihres gesamten Geschlechtes“ zu Kreuze und zerfließen vor Mitleid.

Ich merke, dass mir das letztere echt unangenehm ist. Ich möchte kein Mitleid, weil mir Menschen böse Dinge sagen. Ich möchte nicht noch zusätzlich klein gemacht werden, wenn ich mich eh schon schlecht fühle. Ich möchte nicht erzählt bekommen, dass ich ein Opfer bin. Ich wünsche mir, dass ich auf andere Menschen, und insbesondere auch Männer, zählen kann.

Dass sie mir den Rücken stärken, wenn es mir schlecht geht. Dass sie mich nicht mit der Situation alleine lassen. Dass sie den Mund aufmachen, wenn sich andere Geschlechtsgenossen schlecht verhalten. Dass sie an meiner Seite stehen und dass sie mich nicht in die Rolle eines hilflosen Opfers drängen, sondern mich aufrichten und mir Hilfe anbieten – aber nicht böse sind, wenn ich diese nicht gleich annehme.

Solidarität ist kein Selbstzweck, um sich selber besser zu fühlen. Solidarität ist auch nicht immer kuschelig, vor allem wenn man selbst in die Schusslinie gerät. Aber sie hilft, wenn sie ernst gemeint ist. Also raus aus der Komfortzone!

Fassen wir zusammen:

In der ganzen Diskussion über #metoo und sexuelle Übergriffe wird so viel über Allgemeinplätze diskutiert. Ob es nicht mehr erlaubt ist, mit einer Frau zu flirten, ob man Frauen nicht mehr die Tür aufhalten darf oder ob man eine hübsch zurecht gemachte Frau nicht mehr angucken darf.

All das lenkt davon ab, wie groß das Stigma für Opfer von Übergriffen und Belästigungen wirklich ist und wie gut die Täter oftmals wegkommen. Und davon wie oft Übergriffe immer noch mit dem Verhalten des Opfers erklärt werden.

Ich wünsche mir, dass wir mehr auf die Täter schauen. Und Männer, wenn ihr euch jetzt verunsichert fühlt, was das richtige Verhalten ist – Empathie hilft meist schon weiter.

Vor allem aber: Traut euch den Mund aufzumachen, wenn ihr mitbekommt, dass ein Geschlechtsgenosse sich blöd verhält. Das kostet Mut, das kostet Überwindung, ich weiß. Denn oft genug wird man dafür als „Schwächling“ oder „Pantoffelheld“ abgestempelt. Aber nur durch Mut und echte Solidarität lassen sich solche Muster durchbrechen. Nur so ändert sich wirklich was. Bitte habt diesen Mut! Danke.

Ein Kommentar spiegelt die Meinung des Autors wider und nicht die Ansicht Mimikamas oder des Volksverpetzers als Ganzes. Auch wenn die Volksverpetzer-Kommentare ebenfalls auf überprüfbaren Fakten basieren, so stellt dieser Artikel die Meinung des Autors dar.




An der Armut im Ruhrgebiet sind nicht die „Ausländer“ schuld

 

Nee, nicht ‚Die Ausländer‘, die ‚Deutschen die Lebensmittel in den Tafelläden wegnehmen‘, sind schuld an der strukturellen Misere im Ruhrgebiet.

Das Ruhrgebiet war schon immer eine Region, in die Menschen gekommen sind. Zum Arbeiten. Zum Leben.

Die „Ruhrpolen“ schon Ende des 19. Jahrhunderts, in der Zeit des Wirtschaftswunders die Gastarbeiter, und immer auch Menschen die in Deutschland Schutz vor Krieg und Verfolgung suchen und Menschen, die herkommen um der bitteren Armut und sozialen Ausgrenzung in ihren Heimatländern zu entfliehen.

Das Ruhrgebiet war nie „heimelig deutsch“ sondern eine multikulturelle Industrie- und Arbeiterregion.
Nur: Diese Industrie- und Arbeiterregion gibt es heute nicht mehr. Die Zechen, die früher Arbeit und einen bescheidenen Wohlstand versprachen, sind alle dicht. Große Industrieunternehmen wie Opel und Nokia sind weggezogen. Viele Tausend Menschen, ob deutsch oder nicht, verloren ihre Jobs.

Und viele fanden keine neuen Jobs.



Es entstanden Stadtteile, die soziale Brennpunkte sind. Weil dort die Mieten noch billig sind. Und selbstverständlich ziehen dort auch die Menschen hin, die von anderswo kamen. Denn meist können die sich auch keine hohen Mieten leisten. Es ist eine Spirale, die sich in diesen Stadtteilen dreht.
Eine Spirale, die arme Menschen anzieht und Menschen auch nicht aus der Armut entkommen lässt.

Hier einen Unterschied zwischen Pässen zu machen und Menschen mit bestimmten Nationalitäten die Schuld für die Misere zu geben, ist ein völlig falscher Ansatz.

Wer hat es denn verpennt, in den Strukturwandel im Ruhrgebiet zu investieren? Das war die Politik. Wenn wieder ein großes Unternehmen wegzog und hunderte Arbeitsplätze wegfielen, dann gab es warme Worte von den jeweiligen Ministerpräsident*innen. Aber wenige Ideen, wie man neue Wirtschaftszweige in der Region ansiedeln könnte Dabei wäre das Ruhrgebiet als Ballungszentrum und hervorragender Verkehrsanbindung, eigentlich prädestiniert für Wirtschaft und Innovation. Aber davon hört man eher wenig. Stattdessen verfällt die Infrastruktur, die Autobahnen rotten vor sich hin, etc.

Der Trugschluss, dass ‚die Anderen‘, ‚Die Hinzugekommenen‘ Schuld sind an der desolaten Lage im Ruhrgebiet, der manifestiert sich jetzt am Beispiel der Essener Tafel.

Aber Rassismus und Vorurteile sind nicht die Lösung in einer Region, in der die Politik es komplett versaut hat, auf den strukturellen Wandel zu reagieren. Es nützt eben nicht einen hip-nostalgischen Bergarbeiterkult zu erschaffen und ein paar hübsche Monumente auf die Ruhegebietshalden zu stellen. Marketing allein schafft keine Perspektiven.

Da sind Ansätze gefragt. Und zwar von der Politik. Der Landesregierung, der Bundesregierung.
Unser schönes multikulturelles Ruhrgebiet hat es nicht verdient durch Rassisten gespalten zu werden, die Arme gegen Arme aufhetzen.




Was nützen mir kostenfreie Busse, wenn keine Busse kommen?

Ein kostenloser ÖPNV ist eine wirklich gute Idee, aber einen wirklichen Nutzen hat die Maßnahme nur, wenn die Streckennetze konsequent ausgebaut werden. Wenn investiert wird. Wenn die Strecken auch in Kleinstädten und ländlichen Regionen eine höhere Taktung bekommen bzw. überhaupt erst einmal ein Bus fährt.

Die Bundesregierung denkt laut über Modellprojekte zum kostenlosen ÖPNV nach. Der Grund dafür sind die miesen Feinstaubwerte in den Städten, die einfach nicht in den Griff zu bekommen sind. „Yeah!“ dachte ich mir da erst. Immerhin fahre ich jeden Tag mit dem Bus zur Arbeit. Und mein Busticket ist schon ziemlich teuer.  „Aber…“ war dann mein zweiter Gedanke.



Denn selbstverständlich wäre es schon cool, wenn der ÖPNV günstiger oder gar kostenfrei wäre. Aber… was nützen mir kostenfreie Busse, wenn keine Busse kommen?

Was nützen mir kostenfreie Busse, wenn keine Busse kommen?

Ich wohne ja in einer Kleinstadt am Rande des Ruhrgebiets. Ich wohne in einer Gegend, die verkehrsmäßig und auch vom Bahnnetz her eigentlich sehr gut erschlossen ist.

Und dennoch: Nach 20 Uhr fahren die Buslinien hier nur noch einmal die Stunde. Weggehen und nach Mitternacht heimfahren wollen? Was für Ansprüche habe ich eigentlich? Am Sonntag komme ich in manche Stadtteile auch erst vormittags und auch nicht unbedingt einmal in einer Stunde.

Und weil das Streckennetz so schlecht ist, fahren natürlich auch nicht so viele Leute Bus. Das führt dazu, dass die vorhandenen Linien nicht ausgelastet sind und ausgedünnt werden. Das führt dazu, dass nicht so viele Leute Bus fahren. Das führt dazu, dass die vorhandenen Linien nicht ausgelastet sind und ausgedünnt werden. Das führt dazu, dass nicht so viele Leute Bus fahren….

Ein Kreislauf, der dazu führt, dass der ÖPNV schlicht langsam stirbt.

Ich habe wirklich lange bewusst den Bus genutzt. Weil ich es auch für eine ökologischere Variante halte. Aber jetzt mache ich tatsächlich gerade meinen Führerschein. Ab Sommer werde ich ein Studium in der Abendschule beginnen. Und weil die Busverbindungen in meine Kleinstadt Abends so schlecht sind, müsste ich danach immer erst fast eine Stunde in der Stadtmitte der nächstgrößeren Stadt warten – was nicht unbedingt angenehm ist – und wäre dann noch mal fast eine Stunde unterwegs nach Hause brauchen.

Mit dem Auto werde ich vielleicht 25 Minuten brauchen. Das ist zwar teurer und unökologischer, aber schlicht nicht anders machbar.

Ein kostenloser ÖPNV ist also eine wirklich gute Idee, aber einen wirklichen Nutzen hat die Maßnahme nur, wenn die Streckennetze konsequent ausgebaut werden, statt eingedampft. Wenn investiert wird. Wenn die Strecken auch in Kleinstädten und ländlichen Regionen eine höhere Taktung bekommen bzw. überhaupt erst ein Bus fährt.

Ansonsten wird so eine Idee verpuffen. In Feinstaubwölkchen.




5 Sätze, die Menschen mit ADHS nicht mehr hören können

Unsere Autorin Maja wurde vor einigen Monaten mit ADHS diagnostiziert und hat seitdem viele Vorurteile gehört.

ADHS, die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung, ist eine Störung des Gehirnstoffwechsels. Reize werden anders verarbeitet als bei anderen Menschen. Das bedeutet, dass Sinneseindrücke weniger gut gefiltert werden können und Menschen mit ADHS größere Probleme haben, strukturiert zu denken und Aufgaben zu priorisieren. Deshalb lassen sie sich schnell ablenken, wenn etwas Interessantes in der Nähe passiert.

Auch die Impulskontrolle ist gestört. Daher rührt unter anderem das berühmte Zappeln.

Und obwohl ADHS heute als Modediagnose verschrien ist, gibt es viele Vorurteile und falsche Informationen.



1. „Ach komm, das haben doch nur kleine Jungs!“

 

Nein, das stimmt nicht. ADHS hat man – oder eben frau – sein ganzes Leben lang. Aber viele Menschen finden als Erwachsene Wege, damit umzugehen. Außerdem können Erwachsene viel besser einschätzen, welches Verhalten angebracht ist und welches nicht und kontrollieren sich deshalb besser.

Bei Mädchen ist ADS – also die Aufmerksamkeitsstörung ohne Hyperaktivität – häufiger. Sie gelten dann als sehr verträumt und lassen sich schnell ablenken – von dem sprichwörtlichen Eichhörnchen vor dem Fenster. Das fällt nicht so schnell auf wie ein dauer-zappeliges und kribbeliges Kind.

Die Probleme bleiben die gleichen, aber oft werden Frauen dann erst im Erwachsenenalter diagnostiziert. Bis zur Diagnose machen viele einen Leidensweg durch, weil sie an vielen Stellen nicht ganz ‚reinpassen‘, Dinge nicht zu Ende bringen und deshalb beispielsweise beruflich hinter ihren Möglichkeiten zurück bleiben, manchmal Süchte entwickeln und vieles mehr. Dann ist es eine ungeheure Erleichterung, mit der Diagnose zu wissen, dass man nicht einfach nur eine komplette Versagerin ist, sondern dass es eine Ursache hat und man daran arbeiten kann.

 

2. „Das kommt doch nur von den Handys!“

 

Na wenn das mal so einfach wäre! Wobei die ständige Flut an Informationen, die einem heute aus den sozialen Netzwerken entgegen strömt, für Menschen mit einer gestörten Reizverarbeitung natürlich nicht grade eine positive Wirkung hat. So viele Eindrücke, so viele Informationen, so viel Raum, um sich ablenken zu lassen!

Dabei sind Netzwerke wie Twitter auch ein idealer Mülleimer für das Gedankenchaos, das Menschen mit ADHS ständig im Kopf haben. Twitter auf, Gedanke rein, Twitter wieder zu. Auch eine Kompensationsmethode.

Aber nein, man kriegt von den Handys kein ADHS. Man hat es oder man hat es nicht. Es begünstigt höchstens die Symptome.

 

3. „Ja, also… ich kann mich auch manchmal nicht konzentrieren!“

 

Diesen Satz hat die Autorin sogar von ihrem Hausarzt gehört, als sie mit der Bitte um eine Überweisung zum Experten in seine Praxis kam.

 

Ja, natürlich hat jeder mal einen schlechten Tag und kann sich dann nicht konzentrieren. Aber es ist ein klitzekleiner Unterschied, ob man mal einen schlechten Tag hat, oder jeden einzelnen Tag damit lebt.

Stell dir einfach mal eine vierspurige Autobahn vor, auf der viele Autos mit Höchstgeschwindigkeit fahren. Und jetzt stell dir vor, du stehst auf der Fahrbahn im Gegenverkehr und die entgegenkommenden Autos, denen du ausweichen musst, sind deine Gedanken. Dann hast du eine kleine Idee, wie es im Kopf eines Menschen mit ADHS aussieht. Das ist Stress pur. Jeden Tag.

 

4. „Mach doch einfach mal Sport oder geh‘ in den Wald!“

 

„Wald statt Ritalin!“ Wenn du mal einen Menschen mit ADHS richtig verärgern willst, dann postest du dieses Bild.

Sport kann Menschen mit ADHS helfen, weil man sich auspowert und die körperliche Anspannung, die durch das alltägliche Gedankenchaos entsteht, abgebaut wird. Und so ein Waldspaziergang ist natürlich beruhigend, weil man dann nicht die ganzen Sinneseindrücke einer Stadt hat, die auf einen einströmen und die man nicht filtern kann.

Aber: Beides heilt ADHS nicht.

Am nächsten Tag ist man auf der Arbeit wieder gestresst und die Stadt ist wieder laut. Deshalb ist dieser Ratschlag einfach nur nervig und frustrierend.

5. „Aber nimm bitte keine Medikamente, die stellen dich doch bloß ruhig!“

 

Ja, Ritalin. Das ist ein beliebtes Thema, zu dem Menschen mit ADHS ungefragt gesagt bekommen, was sie zu tun haben.

Zunächst einmal: Ja, Ritalin ist ein Medikament und zwar kein harmloses. Es fällt nicht umsonst unter die verschreibungspflichtigen Betäubungsmittel und ist vom Aufbau her ähnlich wie ein Amphetamin.

Aber wie Amphetamine auch hat es eigentlich eine stimulierende Wirkung und ist zum Ruhigstellen nicht geeignet. Da es sich aber auf den gestörten Hirnstoffwechsel von Menschen mit ADHS auswirkt, sorgt es dafür, dass diese sich besser konzentrieren und strukturierter denken können. Deshalb bringt es sie auch runter, aber ruhig gestellt wie bei einer Betäubung sind sie nicht.

Viele Menschen mit ADHS berichten von ihrer ersten Einnahme von Ritalin als ein ‚Aha-Moment‘ in dem die Gedanken plötzlich nicht mehr das komplette Chaos waren und vielen Menschen hilft es sehr dabei, besser im Alltag klarzukommen.

Aber es hat auch Nebenwirkungen und nicht jeder verträgt es gleich gut.

Deshalb sollte jeder ADHS Patient gemeinsam mit dem behandelnden Arzt abwägen, ob das Medikament das Richtige für ihn oder sie ist.




Warum ich Feministin bin, obwohl mich das Thema eigentlich nur nervt

Ich dachte früher, Frauen würden gleich behandelt werden. Bis ich in die Politik ging. Plötzlich war ich die hysterische Frau, die sich mal nicht so aufregen soll. Oder das Dummchen, dass doch keine Ahnung vom Leben hat. Oder auch gerne die Frau, die untervögelt ist und deshalb so unzufrieden, dass sie sich erdreistet, eine Meinung zu haben.

Es gibt diese Themen, mit denen befasst man sich gern. An denen hängt das Herz. Und für die brennt man.

Bei mir ist soziale Gerechtigkeit so ein Thema. Ich hätte mir auch 10 andere politische Themen aussuchen können, von denen ich persönlich auch denke, dass sie sehr wichtig sind, aber bei denen bin ich nicht mit dem Herzen dabei.

Und dann gibt es aber auch politische Themen, die mich eigentlich richtig nerven. Die mir Stresspusteln verursachen und einen hohen Blutdruck. Aber mit denen ich mich trotzdem immer wieder befassen muss, weil sie mir immer wieder vor die Füße fallen.

Das sind unter anderem feministische Themen.



Ich habe mich früher ausdrücklich nicht als Feministin bezeichnet. Inzwischen bezeichne ich mich ausdrücklich als eine.

Ich bin in der festen Überzeugung aufgewachsen, dass Männer und Frauen gleich sind. Dass sie gleichberechtigt sind und auf einer Stufe stehen. Und dass Frauen und Männer natürlich auch die gleichen Chancen haben, das war für mich eigentlich eine völlig logische Schlussfolgerung.

Meine Eltern sind überhaupt nicht sonderlich politisch oder feministisch oder emanzipatorisch, aber sie haben nie auf solche Klischees wie man als Mädchen zu sein hat oder wie man als Junge zu sein hat wert gelegt. Ich habe zugegebenerweise als Kind viele typische Mädchendinge gespielt und mochte Lila am liebsten. Aber meine Schwester hatte ihre Matchboxautos und ihren Autoteppich und ihre Rennbahn und es war nie ein Thema, dass das etwas besonderes sei, weil sie ein Mädchen ist.

Und es gibt Fotos von meinem kleinen Bruder auf denen er freudestrahlend seine Puppe in einem Puppenkinderwagen durch die Gegend schiebt.

Von Genderrollen und Gleichberechtigung

Wenn ich heute Texte von feministischen Müttern lese, die stolz darauf sind, dass ihre Kinder sich eben nicht nur genderrollengemäß verhalten, dann muss ich an unsere eigene Kindheit denken und daran, dass solche Dinge für uns auch schon Realität waren, auch wenn meine Mutter das nie als einen Akt des Feminismus angesehen hätte uns diese Freiheiten zu lassen.

Die einzige Begebenheit, an die ich mich in Sachen Rollenbilder erinnern kann, und das vor allem, weil sie seit nunmehr fast 30 Jahren immer wieder aufgewärmt wird, ist, dass meine Schwester einmal im Kinderwagen sitzend für einen Jungen gehalten wurde, weil sie so kurze Haare hatte. Das kriegt meine Mama von meiner Oma noch heute aufs Brot geschmiert.

Aber ich habe es eigentlich immer als Fakt und gegeben genommen, dass die Geschlechter gleichberechtigt sind. Und dass dies auch allgemeiner gesellschaftlicher Konsens ist.

Bis ich anfing mich politisch zu engagieren.

Wenn es um Politik und Meinung und letztendlich auch Macht geht – und wenn es nur die ‚Meinungsmacht‘ ist – dann wird es schmutzig.

Denn wenn es darum geht, meiner Meinung etwas entgegenzusetzen, greifen manche Menschen -meist Männer- nicht zu sachlichen Argumenten. Nein.

Plötzlich bin ich die hysterische Frau, die sich mal nicht so aufregen soll.

Oder das Dummchen, dass doch keine Ahnung vom Leben hat.

Oder auch gerne die Frau, die untervögelt ist und deshalb so unzufrieden, dass sie sich erdreistet, eine Meinung zu haben. Skandal!

Wenn es ganz schäbig wird – und das wurde es zu den Zeiten, als viele Geflüchtete nach Deutschland kamen und ich für Willkommenskultur argumentiert habe, besonders oft – dann wünscht man mir vergewaltigt zu werden.

Ernsthaft. Manche Männer wünschen mir, dass mir andere Männer Gewalt antun, nur weil ich anderer Meinung bin als sie. Ist das zu glauben?

Auch gerne genommen werden sonstige Unterwerfungsfantasien. Bilder von gefesselten Frauen, die ich geschickt bekam oder Andeutungen, was man gerne höchstselbst mit mir täte – es ist einfach nur eklig.

Am Ende ist der Mechanismus ein ganz einfacher – indem man nicht auf meine Meinung eingeht, sondern mein Geschlecht und meine sexuelle Selbstbestimmung eingeht, nimmt man meiner Meinung die Berechtigung.

Wenn ich in der ‚Rangfolge‘ unter jemandem stehe, ist meine Meinung eben auch nichts, was man ernst nehmen müsste oder mit dem man sich auf einer Sachebene mit Argumenten auseinander setzen müsste.

Ich bin ja nur eine dumme, hysterische Frau und deshalb zählt meine Meinung nicht. Somit entzieht man sich jeglicher Diskussion.

Für eine politisch aktive Frau gehören Vergewaltigungsdrohungen zum Alltag

Frauen, besonders welche mit feministischen und linken Meinungen, erleben so etwas oft. Eigentlich kenne ich wenige politisch aktive Frauen, die sich in diesem Spektrum öffentlich äußern, die noch nie Vergewaltigungsdrohungen oder Unterwerfungsfantasien gelesen haben. Das ist quasi Standard. Darüber hinaus kenne ich sogar einige (linke) Männer, denen sowas auch passiert ist.

Viele von uns haben sich daran gewöhnt. Am Anfang ist es noch schockierend, aber wenn dir das zehnte mal jemand wünscht vergewaltigt zu werden, dann seufzt du nur noch.

Aber ist es wirklich etwas, mit dem man sich abfinden sollte? Dass es nun mal Leute gibt, die einem wünschen Gewalt zu erfahren?

Und diese Mechanismen funktionieren auch auf sehr viel harmloseren Ebenen. Wenn typisch Frau, typisch Mann Witze gemacht werden, wenn wir gefragt werden ‚ob wir unsere Tage haben‘ wenn wir schlecht gelaunt sind, wenn Werbung wieder einmal nackte Frauenkörper als Projektionsfläche benutzen, wenn uns wieder mal jemand die Welt erklären will, weil er uns für unterlegen hält. Wir kennen all das, haben es tausend mal gesehen und gehört.

Wir sind daran gewöhnt. Aber ist es deswegen okay? Nein, ist es natürlich nicht.

Meistens bin ich allerdings trotzdem in diesem Gewöhnungs- und Ignoranzmodus. Einfach, weil es leider besser für meinen Blutdruck ist. Und weil mir eben andere Themen mehr am Herzen liegen.

Aber alle halbe Jahr fällt mir wieder ein besonders ätzender Fall vor die Füße und mir wird wieder bewusst: Wir haben als Frauen viel erreicht. Aber wir werden trotzdem viel zu oft auf unser Geschlecht reduziert und wegen unseres Geschlechtes objektifiziert..

Feminismus ist weiterhin notwendig und wichtig. Schon allein, weil wir als Frauen andere Themen nicht voran bringen können, wenn uns wegen unseres Geschlechtes die grundsätzliche Kompetenz abgesprochen wird.

Und genau deswegen bin ich Feministin.