Es gibt auch nicht-rassistische Islamkritik

Aktuell wird wieder einmal viel über den Islam gesprochen, solche Diskussionen schaffen es, das ganze Land zu beschäftigen, obwohl gefühlt schon alles gesagt wurde, nur nicht von jedem.

– Fast alles, denn das Wesentliche wird nie wirklich gesagt.

Erst muss wieder darüber diskutiert werden, ob der Islam zu Deutschland gehört oder eben nicht. Die einen behaupten, er gehöre nicht dazu, die Gegenseite antwortet dann mit der üblichen Betroffenheit – oder mit Memes vom alten Fritz, der Religionsfreiheit forderte und die auch im Grundgesetz festgelegt ist. Es kann kurz gesagt werden: Muslime leben hier, der Islam gehört faktisch dazu. Dies ist ein Sachurteil, kein Werturteil, ein Werturteil wäre es, ob es einem gefällt oder nicht. Wobei es sinniger wäre, darüber zu reden, wie wir damit umgehen, dass der Islam Teil dieses Landes ist.



Integration ist nicht nur ein nebeneinander existieren, sondern auch eine Aushandlung von Regeln, Grundlage all dieser Regeln sollte unser Grundgesetz sein, das Religionsfreiheit fordert, gleichzeitig aber auch die Freiheit des Einzelnen als Grundsatz in sich trägt. Dieser Konflikt muss ausgehandelt werden: Wann beschneidet die Religion die Freiheit des Einzelnen, wann ist Religionsfreiheit gefährdet?

Diese Grundlage für eine Diskussion über Regeln des Zusammenlebens wird allerdings immer wieder vergessen – auf beiden Seiten

So ist es befremdlich, dass Menschen, die ein traditionelles Familienbild propagieren, auf einmal ihr Faible für Frauenrechte entdecken, sobald gegen fremde Kulturen gehetzt werden soll. Dass es aber auch Menschen gibt, die sagen, dass Gleichberechtigung wichtig ist, genau so hiesige Zustände wie Zustände in diversen islamische Gruppierungen dafür kritisieren, wird gerne übersehen.

Beide sich gegenüberstehende Gruppierungen machen denselben Fehler: Sie meinen, die Kampflinie bestünde zwischen dem Islam und uns, dabei verläuft sie ganz woanders: Zwischen liberalen und autoritären Geistern. Zynisch, dass dies auch einige in der AfD erkannt haben, die im Islam sogar einen Verbündeten sehen. Genauso gibt es Muslime, die im Kampf der AfD gegen Gender Studies, dem Erkämpfen für gleiche Rechte für Homo- und Transsexuelle uam., Gemeinsamkeiten entdecken.

Dabei gibt es auch für liberale Positionen bei Muslimen durchaus Personen, die sich als Verbündete eignen: Seyran Aytes zum Beispiel, die in ihrer Moschee auch Schwule willkommen heißt und einen liberalen Islam möchte und deswegen aus muslimischen Kreisen mit dem Tod bedroht wird. Oder Menschen, die versuchen in Islamischen Gemeinschaften die Geschlechterbilder zu hinterfragen.

Links wie rechts wird fälschlicherweise in den Gegensatz Deutsche / Muslime aufgeteilt

Hier kritisieren Muslime selber Missstände in muslimischen Gemeinden und es sollte für jene, denen die Freiheit und gesellschaftliche Teilhabe aller wichtig ist, deutlich werden, dass es Anlässe zur Kritik gibt, die nicht zwangsläufig fremdenfeindlich sein müssen. Dazu gehört zum Beispiel eine Kritik an Ditib, die Antisemitismus propagieren und vor Aufnahmen, die eindeutig faschistoide Menschenbilder zeigen zeigen und die Frage, wie es sein kann, dass diese an jeder Islamkonferenz teilnahmen, als Ansprechpartner in Integrationsfragen gelten – und warum aus muslim communities hier selber so wenig Widerspruch und Kritik an solchen Organisationen kommt. Auch diese Frage muss gestellt werden.

Es fällt bei zwei aktuellen Beispielen auf, dass die Fronten aber woanders gezogen werden. Da ist einmal die Amokfahrt in Münster, bei der beide Seiten widerlich agieren: Die einen wollen Fotos als Beweis, dass der Täter kein Moslem war, die anderen freuen sich, dass es kein Moslem war. Wie schäbig es sein muss, nicht an die Angehörigen zu denken, sondern eine solche Tat auszuschlachten, muss nicht gesagt werden, aber genau so ist es schäbig, in süffisanter Ätschbätschmanier zu sagen „Der Attentäter war ein deutscher Jens – was sagt ihr rechten Hetzer jetzt?“. Von jenen, die den Islam aus fremdenfeindlichen Motiven angehen, ist man Widerlichkeiten ja gewöhnt, umso schlimmer, wenn sich jene, die sich gegen diese aussprechen, selber in unanständige Paralleluniversen begeben und damit eine sachliche Debatte über den Islam verhindern. Fast scheinen sich Menschen zu freuen, wenn jemand andere umbringt und kein Moslem ist.

Ein anderes Beispiel ist die Debatte über das Kopftuchverbot von Kindern

Es ist anzunehmen, dass dies vor allem den Hintergrund hat, Muslime in Schranken zu weisen, damit die eigene Bevölkerung sich mal wieder besser fühlen kann.

Aber es gibt durchaus auch Gründe für ein Kopftuchverbot, die man aus Gleichberechtigung fordert. Dazu sollte sich mit der Begründung des Tragens des Kopftuches befasst werden, die sich aus der islamischen Tradition ergibt: Es soll Männer davon abhalten, übergriffig zu werden, weil diese sich durch den Anblick der Haare erregt fühlen würden. Die Widerlichkeit dieses Menschenbildes ist offensichtlich: Da sollen Frauen sich verhüllen, um nicht von triebgesteuerten Bestien angefallen zu werden. Beide Geschlechter kommen in einer solchen Vorstellung sehr schlecht weg und eigentlich sollen solche Geschlechterbilder doch überwunden werden. Hier werden diese zementiert und schon im Kindesalter wird Frauen damit anerzogen, wo ihr Platz ist. Zu Ende gedacht ist das Kopftuch somit nichts anderes als frühkindliche Sexualisierung und Einübung von Geschlechterrollen im Namen der Religion. Dass der Koran Frauen ein Kopftuch nicht vorschreibt und Kindern erst Recht nicht sollte ebenfalls mitbedacht werden.

Aber anstatt das zu akzeptieren, wird das Kopftuch im Kindesalter allen Ernstes mit der Taufe verglichen, was auch ein Kollege vom Volksverpetzer tat. Wer solche Vergleiche macht, entlarvt allerdings nur die eigene Unkenntnis – gegenüber sowohl der eigenen als auch der islamischen Kultur. Denn die Taufe ist schon aufgrund der Tatsache, dass diese für alle Geschlechter möglich ist, nicht mit etwas zu vergleichen, das nur für ein Geschlecht gilt. Hinzu kommt, dass nicht nach außen hin sichtbar ist, wer getauft ist und wer nicht. Abschließend ist die Taufe gedacht als Zeichen, dass eine Gemeinde gewillt ist, einen neugeborenen Menschen aufzunehmen, dieses Angebot wird aber erst mit der Firmung bzw. Konfirmation angenommen.

Nun sind Jugendliche, die sich Firmen / Konfirmieren lassen etwa 14 Jahre alt und dürfen sich für oder gegen den Glauben entscheiden. Ob sie in dem Alter mündig sind, ist eine andere Frage, allerdings enthalten diese Rituale eine weitere Funktion: Sie markieren einen Übertritt vom Kind zum Erwachsenenstatus. Ähnliche Rituale gibt es auch in anderen Religionen, im Islam allerdings nicht. Überlegenswert wäre hier durchaus, ob sich muslimische Mädchen für oder gegen ein Kopftuch entscheiden wenn diese ein Alter erreichen, in dem Jugendlichen Mündigkeit zugesprochen wird – doch genau das ist nicht der Fall, wenn Kinder ein Kopftuch tragen.

Weder Islamkritiker, noch -verteidiger differenzieren richtig

Nicht nur, dass oft von Menschen, die so argumentieren zwar im Hinblick auf den Islam Differenzierung gefordert wird, bei den eigenen Argumenten scheint eine solche Differenzierung dagegen nicht gewünscht zu sein. Es kommt auch soweit, dass, wann immer Islamkritik aufkommt, reflexhaft etwas, das bei uns nicht gut läuft, gesucht wird. Dabei gibt es nur eine Frage zu stellen: Nur weil es bei uns Misstände gibt, macht es Missstände woanders besser? In Saudi Arabien werden Frauen gesteinigt, wenn diese vergewaltigt werden – sei es wegen vorehelichem Sex oder Ehebruch. Vielleicht sollte man hier mal erwähnen, dass es bei uns auch einen Gender Pay Gap gibt, um dieses Unrecht zu relativieren, nach demselben Muster jedenfalls laufen die Beschwichtigungen ab.

In westlichen Kulturen gibt es Debatten über Missstände in der eigenen Kultur. Sonst hätte es keinen #metoo gegeben, keinen #Aufschrei, keine Debatte über Geschlechterstereotypen auf Kleidung, keine Kritik an sexistischer Werbung usw. Wenn immer wieder auf uns selbst gezeigt wird, bedeutet das offenbar, dass jene, die so argumentieren, Muslimen nicht zutrauen, in der Lage zu sein, Sexismus, Homophobie und andere Missstände in ihren Communities anzugehen und zu debattieren. Dabei tun, wie oben gezeigt wurde, einige Muslime genau das.

Genauso ist es absurd zu behaupten, ein Kopftuchverbot für Kinder diskriminiere. Im Gegenteil, sollte das Kopftuch in einem weiteren Kontext gesehen werden: In einem, in dem andere Dinge geschehen: Muslimischen Mädchen wird die Teilnahme am Sportunterricht, an Klassenfahrten usw. verboten. Die Religion wirkt somit selber ausgrenzend, womit wir wieder bei der Freiheit des Einzelnen und der Religionsfreiheit sind. Darf Kindern aus religiösen Gründen die Teilhabe an dieser Gesellschaft verwehrt werden? Diese Punkte existieren nicht für sich, sondern sind Teil eines bestimmten Frauen- bzw. Menschenbildes über das gesprochen werden muss.

Es gibt reichlich Kritik am Islam, die nicht aus einer fremdenfeindlichen Motivation stammt.

Eine solche ist wichtig, um sich mit Fragen zu befassen, wie mit dem Kopftuch im Kindesalter umzugehen sei. Da helfen oberflächliche Relativierungsversuche, wie der Vergleich mit der Taufe nicht weiter, die letztendlich nichts tun, um das eigene, gute antirassistische Gewissen zu beruhigen und inhaltlich daneben sind. Nicht alles was hinkt, ist ein Vergleich.

Der Islam oder Muslime sind nicht gut oder schlecht, aber auch Muslime können menschenverachtend sein, wie Mitläufer bei Pegida und andere, sie können genauso Einstellungen in sich tragen, die wir bei Biodeutschen verachten – und ja: Diese auch aus ihrem Glauben heraus haben. Und um darüber zu sprechen, kommen wir mit Konstruktionen von Feindbildern genau so wenig weiter, wie mit ständigen Beschwichtigungen.

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Warum ich als Umweltschützer für Gentechnik bin

Als UmweltschützerIn muss man ja, so die Annahmen, eigentlich gegen Gentechnik sein. Umso überraschter sind dann die Leute, wenn man sagt, dass man damit überhaupt kein Problem hat. Ich sehe darin sogar die Lösung für viele Probleme.

Es kommen dann oft die üblichen Schlagworte: Diese sei nicht natürlich, ein Eingriff in die Natur, gerade als Umweltschützer müsse man doch… oder ähnliches.

„Bayer möchte Monsanto für 68 Milliarden kaufen – Jetzt kann also die gleiche Firma, die krebserregende Stoffe auf unserem Essen verteilt uns die teuren Medikamente für die Krebstherapie verkaufen.“
Beispiel für so ein Meme: „Bayer möchte Monsanto für 68 Milliarden kaufen – Jetzt kann also die gleiche Firma, die krebserregende Stoffe auf unserem Essen verteilt uns die teuren Medikamente für die Krebstherapie verkaufen.“

Anstatt sich kritisch mit der Gentechnik und ihrem Wirken zu befassen und mit dem, was diese tut, bevorzugt man ein diffuses Gruseln, welches sich auch in der derzeitigen Debatte um die Übernahme von Monsanto durch Bayer zeigt: Selbst durchaus emanzipierte, kritische Geister sehen den Satan erwachen. Zusammengedampft werden die eigenen Ängste dann in Bildern, in denen unterstellt wird, Monsanto wollte uns mit Krebs infizieren, damit Bayer Krebsmedikamente an uns verkaufen könne. Kapitalismuskritik light trifft auf Angst vor Gentechnik und Chemiekonzernen und ein sehr naives-verklärendes Verständnis von Natur.



Dass Bayer und Monsanto keine Heiligen sind sollte klar sein, genau so wenig sind sie aber das personifizierte Böse. Sie sind Unternehmen, die Profit machen wollen. Das tun sie auch mit fragwürdigen Mitteln, die zu kritisieren sind. Solche Bilder stellen jedoch keine sachliche Kritik dar. Man wundert sich, wie es möglich ist, dass Menschen, die gern über besorgte Bürger lächeln, selbst auf so einfache Erklärungsmuster zurückgreifen. Groteskerweise sollen Monsantoprodukte laut einer aktuellen Studie sogar Krebszellen abtöten können. >Allerdings ist diese dann natürlich gefälscht, weil nicht sein kann, was nicht sein darf.

Doch soll es hier nicht weiter um diese Firmen gehen, sondern um deren Produkte. Und das sind Pflanzen die gentechnisch verändert sind und Menschen offenbar Angst machen. Aber wie berechtigt sind diese Ängste eigentlich?

Was ist Gentechnik eigentlich

Gentechnik beschreibt letztendlich nichts Anderes als gezielte Eingriffe in das Erbgut. Hierbei wird das Erbgut neu zusammengesetzt oder verändert. Sie kommt in unterschiedlichen Industrien zum Einsatz, sei es in der Medizin oder eben auch in der Agrarwirtschaft.

In der Agrarwirtschaft werden Pflanzen verändert, um deren Eigenschaften zu verbessern oder ihnen neue Eigenschaften zu geben. Genau das ist es, was auch in der Züchtung neuer Arten geschieht. Als Zucht wird in der Biologie die kontrollierte Fortpflanzung mit dem Ziel der genetischen Umformung bezeichnet. Dabei sollen gewünschte Eigenschaften verstärkt und unerwünschte Eigenschaften durch entsprechende Zuchtauslese zum Verschwinden gebracht werden.

Eine Kulturtechnik, derer sich Menschen seit Jahrhunderten bedienen: Alle Lebensmittel, die wir täglich konsumieren haben daher mit ihren natürlichen Vorfahren wenig gemein. Züchtung war auch durchaus sinnvoll, da man so z.B. widerstandsfähigere oder ertragreichere Sorten bekam und Nahrungsknappheit vorbeugen konnte. Selbst Biolebensmittel sind durch Züchtungen verändert. Sie sind gezüchtete Kulturprodukte, keine Naturprodukte.

Wir konsumieren kein einziges Produkt, das nicht gentechnisch verändert ist. Das gilt auch für Bioprodukte

Dass Gentechnik nichts Anderes tut, als Züchtungsprozesse zu simulieren und diese unter kontrollierten Bedingungen durchzuführen scheint wenigen bewusst zu sein. Die Gentechnik hat im Gegensatz zur Züchtung zwei entscheidende Vorteile: Sie kann Mutationen gezielt hervorbringen und man weiß, welche Bestandteile verändert werden. Züchtungsprozesse sind im hohen Maße dem Zufall überlassen – und es bleibt unklar, welche Genmutationen aufgetreten sind.

Im Grunde ist Gentechnik also nichts fundamental Anderes als das, was wir ohnehin schon seit langer Zeit machen. Während aber Produkte, die durch einen dem Zufall überlassenen Prozess hervorgebracht wurden überall verkauft werden dürfen, unterliegen Produkte, bei denen man weiß, was passiert ist und deren Eigenschaften man kennt, strengen Vorschriften. Dieser Argumentation folgt Florian Eigner, der dazu sagte: „Wir messen hier mit unterschiedlichem Maß, und das ist auf jeden Fall irrational.“ Gentechnik gibt es mittlerweile seit vielen Jahren, gesundheitliche Schäden durch sie konnten nie nachgewiesen werden.

Vorteile der Gentechnik:

Man kann diverse Beispiele nennen, die zeigen, wie nützlich Gentechnik sein kann: Viele Menschen haben Lebensmittelallergien – und es ist inzwischen möglich, die allergieauslösenden Stoffe aus Pflanzen zu entfernen. Wie vielen Menschen dadurch geholfen werden könnte sollte eindeutig sein.

Wichtiger aber ist das Golden Rice Projekt: Hierbei wurde Reis so verändert, dass sein Vitamin A Gehalt erhöht wurde. Dadurch kann Menschen in Regionen, die von Mangelernährung betroffen sind geholfen werden. Die Rechte hält übrigens kein Unternehmen, sondern eine Menschenrechtsorganisation. Besser geht es kaum.

Doch hier sollte es nicht stehen bleiben: Wenn Pflanzen so modifiziert werden können, dass sie auf Böden wachsen können, die nährstoffarm oder robust bei extremen Klima sind sollte dies als Vorteil angesehen werden. Wer dagegen Gentechnik in der Landwirtschaft kategorisch ablehnt, wie es zum Beispiel auch Greenpeace oder die Grünen tun, der macht sich letztendlich mitverantwortlich dafür, dass man Möglichkeiten, den Welthunger zu bekämpfen nicht nutzt.

„Wir können aber theoretisch alle Menschen ernähren – auch ohne Gentechnik“

Das sagt sogar die UN, warum also Gott spielen? Immerhin wird doch fast die Hälfte aller Nahrungsmittel weggeworfen. Die UN geht jedoch auch weiter und stellt fest:

„Probleme gibt es jedoch hinsichtlich der Effizienz, Nachhaltigkeit und der Gerechtigkeit beim Anbau und der Verteilung von Nahrungsmitteln. Dies bedeutet, dass man Kleinbauern, die den Großteil der Bauern in Entwicklungsländern ausmachen, unterstützen muss und sicherstellen muss, dass sie einen gerechten Zugang zum Markt erhalten, sowie nachhaltige Landwirtschaft betreiben.“

Das zeigt zwei Dinge: Zum einen müsste der produzierte Nahrungsüberschuss erst in die entsprechenden Länder transportiert werden, was lange Transportwege bedeutet, die wiederum umweltschädlich sind. Zudem zwingt man dadurch Regionen zum Import von Nahrungsmitteln.

Was das bedeutet, kann man schon heute sehen: Dass die Überflussproduktion der EU afrikanische Märkte zerstört ist längst nichts Neues. Das heißt: Wenn wir alle Menschen mit der derzeitigen Nahrung satt machen wollen, heißt dies, dass es zu neuen Abhängigkeiten kommt: Länder mit zu geringer Nahrungsproduktion werden an den Tropf der Länder gehängt, die mehr produzieren, anstatt diesen Ländern die Möglichkeit zu geben sich selbst zu entwickeln – und zwar mit Pflanzen, die durch Gentechnik die Voraussetzungen mitbringen auch in ihren Regionen zu gedeihen.

Dass dies gern übersehen wird liegt oft an der Bioverliebtheit der Deutschen: Dabei ist Biolandwirtschaft ein Luxus, den man sich leisten können muss. Und das kann man nur, wenn man in gemäßigtem Klima lebt und die Böden reichlich Nahrung hergeben.

Diesen Luxus aber haben viele Regionen der Welt nicht. Zudem ist fraglich, ob eine ökologische Landwirtschaft die ganze Welt ernähren kann. Stattdessen wird dann mit Natürlichkeit und Ursprünglichkeit argumentiert, einem Kitsch, der schlimmer nicht sein kann.

Warum nicht alles gut ist, was natürlich ist

Aus kulturwissenschaftlicher Perspektive ist die Unterscheidung von Kultur und Natur vor allem eine europäische, die in anderen Kulturen so nicht existiert. Oft geschah diese Grenzziehung willkürlich und eine Definition von Natur bleibt genauso willkürlich. Die Behauptung etwas sei unnatürlich oder nicht greift also ins Leere. Es liegt ein naturalistischer Fehlschluss vor, der von der Natürlichkeit der Prämissen auf die Richtigkeit der Folgerung geschlossen wird.

Rizin ist ein natürliches Pflanzenprotein und unglaublich tödlich. Künstliches Insulin rettet Millionen Diabetikern das Leben. Ob etwas „natürlich“ ist sagt nichts darüber aus, ob es gut ist

Natürlichkeit wird damit zu einer Formel ohne Inhalt, einem ideologischem Konstrukt: Die gute Natur, die durch die böse Kultur zerstört wird. Dabei diente die Grenzziehung ursprünglich der Abgrenzung des Kultivierten und Zivilisierten vom Wilden und Rohen. Die Bedeutung wurde somit verkehrt.

Heute nimmt man als natürlich Dinge an, die ursprünglich sind und nicht durch Kultur zerstört wurden. Die Unnatürlichkeit, dass Menschen heute 80 Jahre alt werden, Kinder mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit ihr erstes Lebensjahr überleben, dass du diesen Artikel gerade im Internet an einem Computer oder Smartphone liest usw. – all das sind Dinge an die wir uns gewöhnt haben und gut finden. Natürlich soll es also nur sein, wenn es einem gerade selber gut passt.

Zudem wird angenommen, Gentechnik würde zu Monokulturen führen. Im Einzelnen mag dies stimmen, jedoch gibt es reichlich Gegenbeispiele, wie bei Tomaten, bei denen alte Sorten wieder zum Leben erweckt werden. Die gewünschte Natur kommt also zurück durch das, was man selber für Teufelswerk hält. Ironie des Schicksals, aber damit sind wir noch nicht am Ende des Abgrundes.

Retortenfleisch

Nicht direkt ein Produkt der Gentechnologie, sondern eines der Biotechnologie, zu der auch die Gentechnik zählt ist das Retortenfleisch. Natürlich auch komplett unnatürlich und laut KritikerInnen der Gentechnik abzulehnen. Hierbei wird aus Muskelgewebe, dass man außerhalb des Körpers züchtet, Fleisch hergestellt. Die dafür notwendigen Zellen können, völlig ohne Leid und Schmerz zu verursachen gewonnen werden – was es theoretisch auch für VeganerInnen, die aus ethischen Gründen kein Fleisch essen interessant machen könnte.

Auch hier gibt es aber Bedenken, die sind wiederum diffus sind und werden mit der „Unnatürlichkeit“ des Retortenfleisches begründet.

Man sieht die Tatsache, dass ein Lebewesen erst gezeugt, geboren, meist unter katastrophalen Bedingungen, aufgezogen und dann umgebracht wird, und all das unter einem völlig unverhältnismäßigen Aufwand von Ressourcen, als besser an, als eine Alternative, die ressourcensparender ist und kein Leid erzeugt. Das wirkt bei genauerer Betrachtung unfreiwillig komisch, fast so, als würde man nun Vulkanausbrüche gut finden, weil diese natürlich seien und Windräder ablehnen, weil diese in der Natur nicht vorkommen.

Fleisch von getöteten Tieren bringt nicht nur Leid über die, die zur Gewinnung dessen umgebracht wurden, es führt auch beim Menschen durch den Klimawandel und durch die Fütterung von Tieren mit Pflanzen, die Menschen auch konsumieren könnten zum Welthunger und damit zu unnötigem Leid. (Es wird viel mehr Essen an Tiere verfüttert als man am Ende in Form tierischer Produkte herausbekommt)  Retortenfleisch hat diese Nachteile nicht und wird sogar als Chance gesehen, dem Welthunger entgegen zu treten. Es wird aber abgelehnt, weil es unnatürlich ist.

Ideologie statt Argumente

Es wird auch erkennbar, wie tief die Ideologie der NatürlichkeitsverfechterInnen geht: Anstatt das Ziel – die Vermeidung von unnötigem Leid und der Sicherstellung von Nahrungsmittelsicherheit für alle Menschen – in den Blick zu nehmen wird von einer eingebildeten Natürlichkeit her argumentiert, die so nicht existiert, geschweige denn von ihren AnhängerInnen plausibel definiert werden kann. Damit erklärt sich dann auch, warum diese irritiert sind, wenn ich als Veganer Retortenfleisch gut finde, echtes aber nicht – und gleichzeitig „unnatürliche“ Fleischersatzprodukte konsumiere.

Wer der Umwelt, den Menschen und auch den Tieren etwas Gutes tun will – Und seien wir ehrlich, wenn man sich die Zustände in der Massentierhaltung ansieht und auch den Zustand unseres Klimas, dann müssen wir das auch – der sollte nicht einem Naturalistischem Fehlschluss erliegen und lieber die Vor- und Nachteile der Gentechnik betrachten, anstatt in einen besorgten Bürger-Modus zu wechseln und ungeprüft alles zu verteufeln. Denn die Gentechnik bietet der Menschheit eine echte Chance, die nicht ungenutzt bleiben sollte. Und das sage ich als Umweltschützer.

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Bloß keine Fahrverbote für Diesel!

Matthias Werner hält Dieselverbote für den ganz falschen Weg: Nicht nur zerstört es eine ganze Branche und es gibt keine ausgereiften Alternativen für die Mobilität, auch wäre der Gewinn für die Umwelt marginal. Der Kampf gegen den Diesel sei nur ein Einschießen auf ein lobbygetriebenes, ideologisches Feindbild.

Seit Wochen geht das Thema durch die Medien: Skrupellose Automobilkonzerne, die nicht nur ihre Kundschaft betrogen haben, sondern leichtfertig das Leben aller aufs Spiel setzen. Moment mal! Geht es auch ein paar Stufen niedriger, auch wenn man unbedingt Großkonzerne für die Inkarnation des bösen halten will? Dass es die Automobilbranche nur gibt, um uns alle umzubringen und den Planeten vor die Wand zu fahren, so naiv kann doch eigentlich keiner sein. Vor allem, weil es genug Kritiker gibt, die ihr Auto dann doch eher ungerne abschaffen würden – oder Busse, die von diesen Unternehmen eben auch produziert werden.

Aber mal der Reihe nach: Nehmen wir mal zur Kenntnis, dass die Automobilbranche damit Geld verdient, dass Menschen mobil sein wollen – und im Falle von Pendlern eben auch müssen, denn sonst würde es diese gar nicht geben. Dann kann man sich dem Betrug bei Dieselwerten usw. auch etwas sachlicher nähern – genauso den geplanten Verboten solcher Fahrzeuge.




Die Vorgeschichte

Seitdem raus kam, dass mehrere Unternehmen Software entwickelt hatten, die systematisch die Schadstoffwerte bei Labortests manipulierte, wurde bereits über Dieselfahrverbote diskutiert. Seltsamerweise wurde eine Pflicht zum Nachrüsten, Kompensationszahlungen für betroffene Fahrzeugbesitzer oder Strafzahlungen für den Betrug in Deutschland kaum diskutiert. In den USA mussten die Unternehmen horrende Strafen zahlen, ausgerechnet in einem Land, in dem viele hier glauben, Firmen könnten sich dort alles leisten.

Die Software sollte die Schadstoffwerte besser dastehen lassen als sie waren, aber wie schlimm waren die Werte eigentlich? Von Seite der Automobilbranche wurde damals argumentiert, dass in Tierversuchen eine Schädlichkeit nicht nachgewiesen werden konnte. Dies wurde zu einem Eigentor, wenn man sich daran erinnert, wie auf einmal johlend der Automobilindustrie vorgeworfen wurde, nun auch noch Affen zu vergiften. Natürlich gibt es reichlich Gründe, Tierversuche abzulehnen, was aber hier unterging, ist genau wie in anderen Bereichen, dass die Schadstoffwerte dennoch für die gesundheitliche Belastung nicht so dramatisch sind, wie allgemein behauptet.

Tierversuche durch die Autolobby sollen die Harmlosigkeit belegen – was sagen denn andere Experten?

Prof. Dr. Dieter Köhler aus dem Expertenrat für Atemwegs- und Lungenerkrankungen der deutschen Lungenstiftung teilte in einem MDR Interview mit, dass die Risiken völlig überschätzt werden. Im Folgenden erklärt er auch, warum andere Studien zu anderen Ergebnissen kommen, seine Einschätzung ist, dass die Studienfinanzierung dabei einen nicht unerheblichen Anteil an den Veröffentlichungen hat, denn vor allem jene, die ein Risiko aufzeigen, werden veröffentlicht.

Das Dilemma ist, dass die Wissenschafts- und die Forschungsförderung eng zusammenhängen und es werden tatsächlich nur Studien veröffentlicht, die ein Risiko darstellen.“ Man könne das aber in diesen Studien gar nicht erfassen, weil das Risiko im Vergleich zu anderen Einflüssen viel zu gering sei. „Es gibt Kollegen, die sagen: Du hast ja recht, aber wenn ich das sage, dann kann ich mein Institut zumachen.“

Woanders äußert er sich noch deutlicher zu den Studien zu Schadstoffen: „Diese Studien […] sind eine der größten Seifenblasen, die es gibt.“ Nun steht die Lungenstiftung auch nicht im Verdacht, mit der Automobilbranche in einem Boot zu sitzen, weswegen es sinnvoll wäre, hier hinzuhören.

Zu ähnlichen Ergebnissen kommt auch Prof. Matthias Klingner vom Fraunhofer Institut, der im Verkehr auch nicht die Hauptursache für die Schadstoffbelastung sieht:

„Fünf bis acht Mikrogramm kommen aus dem Autoverkehr. Zwei bis vier Mikrogramm aus Abgasen und dann wirbeln Autos, unabhängig ob mit Diesel oder Benzin angetrieben, ja auch selbst Feinstaub auf. Die Abgasbelastung ist also minimal gegenüber der natürlichen. In Inversionswetterlagen können die Feinstaubwerte auf 100 bis 150 Mikrogramm pro Kubikmeter steigen. Wenn Sie da den kompletten Verkehr sperren, haben Sie vielleicht zehn Mikrogramm weniger. Das reduziert die Spitzenbelastung faktisch gar nicht.“ 

Vergessen wird dabei, dass sowohl Benziner als auch Dieselfahrzeuge ihre Vorzüge wie ihre Nachteile im Hinblick auf Umweltbelastungen haben, wie sogar das Umweltbundesamt feststellt.

Ein einseitiges Verbot würde daher auch keine Patentlösung darstellen.

Diese Einwände scheinen aber kaum jemanden zu interessieren. Sie gehen in der Hysterie gegen Dieselfahrzeuge komplett unter. Dabei hat diese durchaus Folgen: Einmal für Menschen, die sich Dieselfahrzeuge gekauft haben und diese nun quasi verschrotten können, weil hier nicht aufgrund von wissenschaftlichen Tatsachen, sondern aufgrund von Symbolik Werte vernichtet werden.

Und was ist mit dem kostenlosen ÖPNV?

Den Befürwortern eines Dieselverbotes scheint zu alledem aber nur als Lösung der kostenlose öffentliche Nahverkehr einzufallen. Dumm nur, dass Menschen, die weite Wege auf sich nehmen, meist von diesem kaum profitieren, weil sie zumindest den Regionalverkehr in Anspruch nehmen müssten. Natürlich kann argumentiert werden, dass zum Modell Berufspendlertum endlich Alternativen geschaffen werden sollten, aber diese existieren derzeit nur in geringem Umfang.

Hinzu kommt, dass ein kostenloser Nahverkehr nicht unbedingt eine Verbesserung der Luftqualität mit sich bringt, auch nicht, wenn das Verkehrsaufkommen reduziert wird, was selbst Grünenpolitiker an der Idee kritisieren.

Für den kostenlosen öffentlichen Personennahverkehr sprächen höchstens andere Gründe, wie Teilhabe am gesellschaftlichen Leben für alle Bevölkerungsgruppen, aber selbst da gibt es Kritikpunkte, die bedacht werden sollten. Das Thema ÖPNV soll hier auch nicht weiter besprochen werden, denn letztendlich zeigt sich hier, dass angenommen werde, es gäbe einfache Lösungen für komplexe Problemlagen. Wenn der Autoverkehr reduziert werden soll, so kann dies nur ein Baustein von mehreren sein, bei dem Problemlagen wie zu wenig Personal für die Fahrzeuge und bereits erreichte Kapazitäten gelöst werden müssten.

Es wirkt besonders absurd, wenn bedacht wird, dass vor allem von linker Seite ein Dieselverbot gewünscht wird, das gerade für Menschen mit geringen Einkommen, die von dem Fahrzeug abhängig sind, einer Katastrophe gleichkommt. Mit anderen Worten: Dein Fahrzeug ist nichts mehr wert und du darfst es nicht mehr verwenden, aber dafür wird der Nahverkehr kostenlos – und das ist doch auch was? Und was können wir dafür, wenn dir das nichts nützt, dann zieh doch in ’ne Großstadt.

Wer hat es geschafft, dass der Diesel so schlecht da steht?

Wie es aber soweit kommen konnte, dass Dieselfahrzeuge nun so im Kreuzfeuer stehen, sollte ebenfalls besprochen werden. Es gibt dazu einen Akteur: Die deutsche Umwelthilfe. Es ist wenig verwunderlich, dass die Debatte so hysterisch ist, denn diese agiert vor allem ideologisch auf Grundlage von Feindbildern.

Jedem kritisch denkenden Menschen müsste dies ein Graus sein: Eine Lobbygruppe, die ohne Rücksicht auf wissenschaftliche Erkenntnisse Druck auf die Politik macht, sodass diese Entscheidungen trifft, die unzählige Menschen negativ beeinträchtigen. Doch ist die Umwelthilfe mehr, denn sie nutzt auch geschickt Lücken in Richtlinien, um ihre Ideologie durchzuboxen. So schrieb Markus Grabitz im Tagesspiegel: „Wie der Öko-Verein DUH mit zahlreichen Abmahnungen seine Kasse füllt – und dies mit dem Versagen des Staates rechtfertigt“ und zeigte, wie die Umwelthilfe mit Abmahnwellen gegen unliebsame Unternehmen zu Felde zieht.

Es gab schon Gruppierungen, die mit dem Versagen des Staates ihre Handlungen rechtfertigten, rechtsextreme Bürgerwehren zum Beispiel, die immer wieder für Entsetzen sorgten. Fast möchte man froh sein, dass diese keine Abmahnabteilungen haben und keine Lobbyabteilungen, die Druck auf Politik und Unternehmen machen, um das durchzusetzen, was ihrer Meinung nach ideologisch richtig ist. Bemerkenswert ist nur, dass jene, die doch sonst Lobbyeinfluss auf die Politik und Selbstjustiz ablehnen, erstaunlich still bleiben bei den Handlungen der Umwelthilfe. Ob es wohl daran liegt, dass man es mit einer Organisation zu tun hat, von der man sich einbildet, sie stünde moralisch auf der richtigen Seite?

Vielen scheint inzwischen der Schutz der Umwelt so wichtig zu sein, dass es einem Sakrileg gleichkommt zu sagen, dass zwischen wirtschaftlichen und Umweltinteressen durchaus ein Abwägungsverhältnis bestehen sollte. Denn die Wirtschaft es ist, die dafür sorgt, dass in Deutschland ein gewisses Wohlstandsniveau existiert. Hierbei sollte auch nicht vergessen werden, dass in Deutschland jeder achte Arbeitsplatz von der Automobilbranche abhängt und hier ein Dieselverbot nicht folgenlos bleiben wird, und dass mit dem Dieselverbot in diesem Land eine Technologie abgeschafft wird, in der deutsche Unternehmen zudem, was die Forschung angeht, sehr weit vorne liegen. Im Grunde kann man dies nur als ein ins eigene Fleisch schneiden bezeichnen – nicht für die Umwelt, sondern nur für ein gutes Bauchgefühl.

Was letztendlich bleibt, ist der Softwarebetrug, der selbstverständlich rechtlich geahndet gehört, nur aufgrund der Fragwürdigkeit der Messungen, der Werte und der tatsächlichen Gefahren, die durch Dieselfahrzeuge drohen, wirkt dieser fast schon wie eine Randnotiz.

Und all das bedeutet nicht, es wäre falsch sich für saubere Luft, saubere Gewässer, Nachhaltigkeit oder ähnliches einsetzen. All das kann und sollte jeder Mensch tun, nur sollte auch im Rahmen dessen anerkannt werden, wann jemand gerade irrational gegen ein Feindbild loszieht.

In eigener Sache:

Ja liebe Volksverpetzerleserschaft, ich mache jetzt eine Spritztour mit meiner neuen Karre, die ich für diesen Artikel von der Autolobby als Dankeschön erhielt, anders kann man eine solche Meinung ja nicht haben ?.




Der Moment, wo Trump unfair behandelt wird

Was, wenn Trump auch ein paar Dinge richtig gemacht hat?

Menschen machen häufig diesen Fehler: Sie werten gerne ihre Gegner ab. Das mag psychologisch auch ein sinnvoller Mechanismus sein: Denn wer möchte nicht mehr Ahnung haben, auf der richtigen Seite stehen oder eben einfach denken: Ich weiß es besser?

Gerade Trump ist ein Paradebeispiel dafür, wie dieser Mechanismus abläuft und es mag auch diverse gute Gründe dafür geben, warum man sich ihm überlegen fühlt:

Er hat sich mehrfach sexistisch geäußert, über Minderheiten hergezogen und sein diplomatisches Geschickt ist, um es nett zu sagen, im Grunde nicht vorhanden. Auch dass er Kampfflugzeuge aus Videospielen verkaufen wollte, sowie die Auseinandersetzungen mit Kim Jong Un, die mehr an einem Schwanzvergleich pubertierender Teenager erinnert als an Staatsmännigkeit, wirken eher unfreiwillig komisch.




Donald Trump ist ein großspuriger Unternehmer, der wie ein Anachronismus aus Zeiten wirkt, in denen man Frauen noch für ihre Eignung als Wichsvorlage Komplimente machte. Einer, der nun in einem Feld unterwegs ist, dessen Gepflogenheiten er nicht kennt. Wie ein Bauerntölpel, der plötzlich an den Hof des Königs kommt und dort durch sein Verhalten immer wieder negativ auffällt.

Amtsenthebung oder dritter Weltkrieg?

Es ist inzwischen soweit, dass die Menschen in Deutschland nur zwei mögliche Szenarien zu kennen scheinen: Entweder Trump wird endlich seines Amtes enthoben – oder er wird einen dritten Weltkrieg anzetteln. Und die Medien schüren mit ihrer Berichterstattung diesen Eindruck immer weiter. Dass inzwischen selbst Qualitätsmedien wie Süddeutsche, FAZ oder die Zeit sich in ihrer Berichterstattung auf Boulevardniveau begeben und dabei selbst Trumps Gesundheitsszustand inzwischen Thema ist – natürlich nicht ohne abfällige Bemerkungen darüber – sollte einen eigentlich erschrecken. Inzwischen wurde zwar diese auch als einwandfrei bescheinigt, nicht aber ohne entweder dem Arzt Unfähigkeit zu attestieren – oder es auch besser zu wissen.

Dass Trump vielleicht aus gesundheitlichen Gründen früher aus dem Amt scheidet, mag ein Wunsch einiger sein, eintreten wird er aber wohl nicht. Seltsamer erscheint, seit wann der Gesundheitszustand eines Prominenten ohne akute Erkrankungen oder Probleme Thema wird.

Bei Trump geht es allerdings ohnehin nur noch selten darum, den Mindestanstand zu wahren, den man bei ihm selbst auch so schmerzlich vermisst, was die Reaktionen auf seine „Drecksloch“ Äußerung zeigen. Er selbst behauptet, diesen Ausdruck nicht verwendet zu haben, bei den Tagesthemen steht: „Die Zeitungen beriefen sich auf Personen mit Kenntnissen über das Treffen.“ Die Äußerung soll in einem internen Kreis gefallen sein, wer nun die Zeitungen informiert hat, ist offenbar unklar – genau so, ob diese Person die Wahrheit sagte.

„shithole countries“

Seien wir ehrlich: Wahrscheinlich trauen die meisten Trump diese Äußerung zu, dennoch gehen bei der Entrüstung zwei Dinge unter: Trump dementiert die Äußerung auf seine übliche irritierende Art und Weise, es steht also Aussage gegen Aussage.

Auch wenn er oft gelogen hat, sollte die Presse dennoch professionell bleiben und Vorverurteilungen unterlassen. Was problematischer ist: Es kommt zu einer Beweislastumkehr: Es muss nicht bewiesen werden, dass er es nicht gesagt hat. Im Grunde sollte für jeden die Unschuldsvermutung gelten, inzwischen gilt sie wohl für Trump in den Medien nicht mehr. Wenn er nun gegen die Medien wettert – wer kann es ihm verübeln? Und seiner Gefolgschaft, wenn diese sich nun umso mehr zusammengeschweißt fühlt?

Das schlimme ist dabei eigentlich auch nicht, dass seine Äußerung langfristig folgenlos sein wird, so beleidigend sie auch war. Sondern im Gegenteil, dass Trump es geschafft hat, von anderen Dingen abzulenken: Die Abschaffung der Umweltbehörde und die Militarisierung der Polizei sind nur einzelne Beispiele dafür. Sie erschienen bislang neben allen echten oder falschen Fauxpas nur als Randnotizen, dabei sind das diejenigen, auf die wir achten sollten.

Dass Trump es offenbar versteht, Ablenkungsmanöver zu starten, die nicht mehr sind als ein Sturm im Wasserglas ist eine Sache. Viel schlimmer ist, dass er es zusätzlich schafft, Dinge zu tun, die unabhängig von seiner Person betrachtet richtig sind – aber gleichzeitig so dargestellt werden, als seien sie falsch, wenn sie nicht gar verschwiegen werden. Er tut Dinge, die deutsche Politiker eigentlich längst hätten tun sollen.

In einer Zeit des Trump-Hasses ist das Anerkennen positiver Dinge unmöglich geworden

So sind alle seine Entscheidungen im Hinblick auf Israel korrekt gewesen: Der Austritt aus der Unesco, genau so die Anerkennung Jerusalems als Hauptstadt Israels. Ja, wirklich. Interessant auch, dass ihm vorgeworfen wurde, er würde damit den Nahostkonflikt weiter anheizen, wo doch Russland auch wenig vorher denselben Schritt getan hatte. Es ist wohl letztendlich nicht die Frage, was jemand macht, sondern wer. Dass es für diese Entscheidung gute Gründe gab, dazu gab es wenig Artikel, aber dafür, dass Trump zündeln würde, das wurde gern behauptet. Genau so wurde verschwiegen, dass Trump mit der Verlegung der Botschaft einfach ein seit 1995 (!) verabschiedetes Gesetz umsetzte.

„All of the money that President Obama so foolishly gave them went into terrorism and into their ‚pockets.‘ The people have little food, big inflation and no human rights. The U.S. is watching!“

Die Obamaregierung feierte den Atomdeal als großen Erfolg und hat sich, um diesen zu erreichen, an viele Prinzipien nicht gehalten. Nicht zu vergessen, dass der Irandeal für die einzige Demokratie im nahen Osten, Israel, die Bedrohung, der sie ausgesetzt ist, noch vergrößert. Dass Obama zusätzlich 2009 nach den Präsidentschaftswahlen bei den Protesten im Iran beide Seiten zur Mäßigung aufrief.

Ähnliches taten auch deutsche Politiker, die bis heute „Israelkritik“ für wichtig halten, eine Kritik an Diktatoren dafür weniger und meinten, Trump sogar warnen zu müssen. Dieselben Politiker rufen übrigens im Iran ebenfalls beide Seiten zur Mäßigung auf. Ob es ein Zufall ist, dass deutsche Unternehmen sich ebenfalls besorgt zeigen, wegen der Unruhen im Iran? Übrigens: Eine Seite, die zur Mäßigung aufgerufen wird, betreibt Foltergefängnisse, unterdrückt die Opposition und verhaftet bereits Menschen und die andere wehrt sich dagegen und möchte ihre Freiheit. Wer da beide Seiten zur Mäßigung aufruft, ist nur zynisch.

Dass der Iran übrigens maßgeblich für die Finanzierung von Terrorgruppen im nahen Osten verantwortlich ist, wird dabei auch nicht berücksichtigt. Dass die desolate Lage im Irak auch auf Terrorfinanzierung aus dem Iran zurück zu führen ist, der keinen friedlichen, demokratischen Irak neben sich haben will, in dem Wohlstand herrscht, weil sonst die iranische Bevölkerung unzufrieden werden könnte, genau so. Aber lieber verrät man die Menschen im Iran, akzeptiert, dass der Iran den Bürgerkrieg in Syrien ebenfalls anstachelt – und gleichzeitig natürlich ohne wirklich rationale Gründe für all das die Amerikaner verantwortlich macht.

Wenn der verhasste Trump sich plötzlich für die „Guten“ einsetzt – Auf welcher Seite sind wir dann?

Dass nun ein narzisstischer Großkotz – und dazu noch jemand aus den USA – sich auf die Seite der Menschen stellt, die in Freiheit wollen, während andere das nicht tun – das kann man für eine der hässlichsten möglichen Szenarien halten, aber sie ist eingetreten. Das muss für die deutsche Volksseele zu viel gewesen sein, die Antiamerikanismus ja auch für gut und richtig hält. Das erklärt immerhin die teilweise verzerrte Berichterstattung über Trump in den deutschen Medien – Sie muss ja auf das Ausgangsklima aufbauen.

Selbst das vor kurzem erschienende „Fire and Fury“ wird für den Präsidenten folgenlos bleiben. Es ist nur ein weiteres Beispiel dafür, wie nicht die Inhalte im Vordergrund stehen, sondern letztendlich nur die Person. Und das ist doch genau das, was Trump will. Trump werden wir so schnell nicht los, von daher sollte der Blick auf seine Inhalte, seine politischen Handlungen und deren mögliche Folgen gerichtet werden – und vor allem sollten unsere Politiker sich nicht bloß stellen lassen. Denn wenn er sich als jemand inszenieren kann, dem Werte wie Demokratie, Menschenrechte und Freiheit in anderen Ländern wichtig sind, dann ist das nicht nur peinlich für unsere Politiker – es wirft allgemein kein gutes Licht auf sie.




Ist der H&M Pullover rassistisch? Warum es nur eine Antwort auf diese Frage geben kann

Wir diskutieren anscheinend immer noch über das Foto eines schwarzen Jungen, der einen Pullover trägt, auf dem „coolest monkey in the jungle“ steht. Und zwar darüber, ob das rassistisch sei. Der eigentliche Skandal ist aber weniger der Pullover, sondern dass einige den Rassismus nicht sehen können oder wollen.

Eigentlich könnte man sich die Diskussion ersparen. Denn selbst H&M hat anerkannt, dass das Produktbild zumindest unsensibel war:

Wir verstehen und teilen die Kritik, die in Folge des Produktbildes aufgekommen ist – wir haben einen Fehler gemacht und sind der Meinung, dass passiver oder alltäglicher Rassismus, selbst wenn unbeabsichtigt, gestoppt werden muss, wo immer er existiert. Wir schätzen die Unterstützung von jenen, die erkannt haben, dass unser Produkt und das dazugehörige Bild zu keiner Zeit die Intention hatten, jemanden zu verletzen. Als globales Unternehmen müssen wir jedoch die Verantwortung übernehmen und sensibel für alle kulturellen und ethnischen Empfindungen sein. In diesem Fall sind wir dieser Verantwortung nicht gerecht geworden.“

In der Presseerklärung heißt es ferner, der Vorfall ist vollkommen unbeabsichtigt gewesen. Nun kann man den eigentlichen Skandal darin sehen, dass es einem so großen Konzern nicht genug Stellen gegeben haben soll, die die eigenen Produkte und ihre Vermarktung auf Rassismus, Sexismus und weitere Dinge hin überprüft – gerade in Zeiten, in denen Empörungswellen so hochkochen können, wäre hier ein besseres Qualitätsmanagement notwendig gewesen.

Besonders unangenehm wirkt es, dass ein weißer Junge zusätzlich einen Pullover mit der Aufschrift „Survival Expert“ trug. Hierbei wird ganz klar an koloniale Deutungsmuster angeknüpft: Weiße als Abenteurer, Schwarze als „cool“, aber auf einer Stufe mit Affen.



Dass selbst in so großen Konzernen mangelnde Sensibilität und Blindheit gegenüber Rassismus besteht, ist der eigentliche Skandal. Leider – so muss man sagen – steht H&M nicht alleine damit da. Denn auf Facebook wird natürlich auch alles dafür getan, den Rassismus nicht sehen zu wollen. Wer möchte, kann sich die unappetitlichen Diskussionen einmal selber ansehen.

Es fallen hierbei aber immer wieder dieselben Leugnungsstrategien auf:

Die „AlibiSchwarzen“

Die Familie fand das Motiv nicht rassistisch, so ist es dort zu hören. Dabei gibt es bereits genug Statements von Nichtweißen, die das Motiv kritisierten. Ziel ist natürlich nur, es so hinzustellen, als seien die Mitglieder der Familie die einzigen, die sich zu dem Motiv äußern dürften – es ist schließlich ihr Sohn. Und wenn diese es nicht rassistisch finden, dann ist es das auch nicht. Aber so funktioniert das nicht.

Ablenkung

Es gab in Südafrika Ausschreitungen gegen H&M Filialen. Gerne wird behauptet, dass Gewalt niemals eine Lösung sein kann – oder, dass die Plünderer nur auf einen Vorwand gewartet hatten. Hierbei wird natürlich ignoriert, dass Südafrika lange unter der Apartheit litt, dass Schwarze struktureller Gewalt in Form von Diskriminierung ausgesetzt waren und noch immer sind. Dass es mitunter nur einen Tropfen benötigt, der das Fass zum überlaufen bringt, wird ebenso ignoriert. Richtig ist: Gewalt ist keine Lösung, aber Gewalt erzeugt auch Gegengewalt – selbst, wenn diese unverhältnismäßig erscheinen mag. Diese aber zu delegitimieren, indem gesagt wird, es wären ohnehin kriminelle Subjekte, ist schäbig.

Semantische Verdrehungen

„Monkey“ bedeutet im englischen auch so viel wie „Strolch“, also ein aufgewecktes, lebhaftes Kind. Damit wird natürlich das Motiv komplett enttextualisiert. Dass es in einem Satz mit „Jungle“ fiel und Schwarze so historisch oft rassistisch beleidigt werden, wird damit verschleiert. Ein weiteres Beispiel völliger Ignoranz.

Rassismusumkehr

Gerne wird auch behauptet, all jene, die sich über das T-Shirt empören, seien die wahren Rassisten, weil sie da etwas reinprojizieren, was andere nicht sehen. Das ist natürlich richtig perfide. Denn so könnte man auch sexuelle Belästigung gegenüber Frauen als harmlos hinstellen, und nur wer sich belästigt fühlt oder darin Belästigung sähe, sei ein Sexist. Das ist natürlich Unsinn, aber für dieses Argumentationsmuster gibt es durchaus psychologische Gründe:

Menschen möchten an eine gerechte Welt glauben, sich für einen guten Menschen halten und natürlich auch nicht wahrhaben, dass es unterbewussten und unreflektierten Rassismus gibt – vor allem sind Rassisten ja Menschen, die andere totschlagen, von denen man sich schön distanzieren kann. Dabei ist es anders:

Die Autoren beschreiben, wie ein Kleinkind im Süden der Vereinigten Staaten „nur mit Schwarzen in Kontakt kommt, die sich in untergeordneten Positionen befinden“. Kleidung, Bildung, Wohnungen, Arbeiten, Schulen weichen von den Lebensbedingungen des Kleinkindes völlig ab, werden aber beständig als Normalität wahrgenommen. Das Kleinkind wächst mit der Erfahrung auf, gegenüber Schwarzen in einer überlegenen Situation zu sein.

Dass so gut wie jede Gesellschaft von rassistischem Wissen durchtränkt ist und dieses bei sich selbst zu erkennen und überwinden extrem schwierig ist, das wird ignoriert.

Kommt damit klar: Unsere Welt ist ungerecht! Leugnet es nicht, sondern tut was dagegen!

Wir alle tragen Denkmuster in uns, die menschenfeindlich sind. Das macht uns nicht zu schlechten Menschen. Aber genau das zu leugnen,schon. Zu sagen: Es kann nicht sein, was nicht sein darf! Es mag einfacher sein für unser Gewissen, und genau das auszuhalten ist unglaublich schwierig. Und damit kommen wir zu einem letzten Argument, dass gerne benutzt wird: Haben wir nichts wichtigeres zu tun? Denn es brennen Asylbewerberheime, Menschen werden wegen ihrer Hautfarbe zusammengeschlagen. Warum kümmert sich darum keiner?

Ganz einfach: Weil es keinen harmlosen Rassismus gibt. Ob bewusster oder unbewusster: Beide haben  denselben Ursprung. Was bei H&M keine körperlichen Folgen für Schwarze haben mag, bewirkt dennoch, dass Denkmuster reproduziert werden, die genauso Ursache sind für schlimmere Formen von Ausgrenzung und Diskriminierung. Erst kürzlich wies eine Studie nach, dass Anti-Asyl Posts der AfD direkt zu mehr Gewalttaten gegen Asylbewerber führen. Rassistische Denkstrukturen führen über kurz oder lang zu echten Konsequenzen.

Ignoranz und Leugnung ist kein wirksames Mittel. Das hat H&M immerhin erkannt, ob und wann es die Kommentatoren erkennen – das bleibt abzuwarten.




Ihr werdet nicht glauben, was ich alles beim Lesen des AfD-Wahlprogramms gelernt habe

Die Briten haben erst nach der Abstimmung gegoogelt, was der Brexit für sie überhaupt bedeutet. Unser Autor hat sich das AfD-Wahlprogramm durchgelesen, damit ihr auch jetzt erfahrt, was im AfD-Wahlprogramm stand.

Ja, ich habe es gemacht und es hat wirklich lange gedauert, sich durch die 76 Seiten des AfD-Programms zu lesen. Es war ein Vorgang, den ich nicht an einem Stück geschafft habe, denn vieles darin schwankte zwischen unfreiwillig komisch und völlig gruselig – dazwischen gab es dann auch immer mal wieder Belangloses, was in jedem Parteiprogramm zu finden ist, aber auch manches, was sinnvoll klingt, allerdings auch nur, solange es rein isoliert betrachtet wird.

Wichtig ist vorab zu sagen: Ich werde mich lediglich auf die Aussagen im Programm berufen, weswegen einiges hier den Lesenden vielleicht zu gemäßigt erscheinen wird. Selbstverständlich ist beim Lesen mitzubedenken, dass das Wahlprogramm nicht alleine für sich steht. Ausfälle von Bernd Höcke, Alice Weidels Abgang aus einer Talkshow, ihre E-Mail oder Gaulands verbale Entgleisungen oder der peinliche Versuch, „der Antifa“ zu unterstellen, sie wäre daran gescheitert, ein AfD Plakat hinter Panzerglas zu zerstören, sollten selbstverständlich mitgedacht werden. Allerdings zeigt sich dann, dass das Wahlprogramm trotz seines gemäßigten Tons zu dem vorhin Genannten in keinem Widerspruch steht.



Was steht denn so im Programm?

Ganz besonders, dass Deutschland von überall bedroht wird und die Welt aber am deutschen Wesen genesen soll. So sollen in der Sicherheitspolitik die Nato und der UN-Sicherheitsrat gestärkt werden, in letzterem soll Deutschland einen dauerhaften Sitz bekommen. Die Wehrpflicht soll zusätzlich wieder eingeführt werden. Ähnlich bei der inneren Sicherheit: Ein Ausbau der Videoüberwachung wird gefordert, ein Absenken der Strafmündigkeit auf 12 Jahre, gleichzeitig sollen „unbescholtene Bürger“ leichter einen Waffenschein erwerben können.

Allerdings wird auch deutlich, von wem die Bedrohungslage angeblich ausgeht: Straffällig gewordene MigrantInnen sollen schneller ausgewiesen werden können, Einbürgerungen sollen bei schweren Straftaten für zehn Jahre rückwirkend entzogen werden können. Besonders interessant ist eine Forderung:

„Zur Entlastung der innerdeutschen Justizvollzugsanstalten, aber auch zur Erhöhung der Abschreckungswirkung des Strafvollzuges, sind für ausländische Straftäter durch Vereinbarungen mit ausländischen, möglichst heimatnahen Staaten dort Vollzugsanstalten einzurichten, die den Anforderungen der EMRK entsprechen“

(S.24).

Was wird hier suggeriert? Für Migrant*Innen, die härtere Strafen gewöhnt sind, ist also unser Rechtssystem zu lasch und es muss sich an dem was diese gewöhnt sind orientieren. Immerhin wurde die Einhaltung der Menschenrechte gefordert. Ansonsten aber soll zusätzlich eine „Minusmigration“ angestrebt werden: Mit anderen Worten sollen Migrant*Innen Deutschland verlassen.

Schutz der Deutschen Wirtschaft

Wirtschaftlich fordert die AfD einen Schutz der deutschen Wirtschaft: Bei ausländischen Investitionen darf kein Know-How abfließen, sogar Eingriffe in die Handelspolitik werden gefordert, wenn Arbeitsplätze bedroht werden. Freihandel und Globalisierung werden aber dennoch als Garant für Wohlstand und Frieden angesehen.

 

Ansonsten ist die traditionelle Familie bedroht: Sie soll als idealtypisch dargestellt werden, Alleinerziehende aber immerhin auch unterstützt, wenn auch dieser Lebensentwurf nicht propagiert werden soll. Weitere Lebensentwürfe finden keine Erwähnung, dafür sollen Sexualerziehung und andere Lebensentwürfe auch nicht im Unterricht vermittelt werden. Dazu passt, dass Gender Studies abgeschafft werden sollen.

 

Die Bedrohungslage geht aber auch von Politikern aus: Für die Politik hat die Partei ähnliche Forderungen: So sollen Politiker für finanzielle Fehlentscheidungen haftbar gemacht werden können, was aus zwei Gründen absurd ist: Zum einen lassen sich finanzielle Unwägbarkeiten und der mögliche Misserfolg von Investitionen nicht immer abschätzen, zum anderen ist die Vorstellung, dass Einzelpersonen für gemeinschaftlich beschlossene Projekte haftbar gemacht werden könnten, absurd. Das ist Populismus, aber einer, der Menschen, die Politiker ohnehin für verkommen halten, gefallen würde.

Völlig irrational, emotional aber wirkungsvoll.

Gibt es denn auch Sinnvolles im Programm?

Es gibt aber auch erstaunliche Aspekte, die vernünftig klingen: So fordert die AfD, die entwicklungspolitische Zusammenarbeit mit Afrika zu fördern und sogar die europäischen Binnenmärkte für afrikanische Produkte zu öffnen. Die Kirchensteuer soll ebenso abgeschafft werden und es soll zivilgesellschaftliches Engagement von Arbeitslosen gefördert werden.

Doch all das verpufft, wenn man diese Aussagen mit anderen Kontexten in Verbindung bringt:

Afrika soll wirtschaftlich gefördert werden, damit weniger Migrant*Innen nach Europa kommen. Nicht die Humanität steht im Vordergrund, sondern wiederum Chauvinismus. Die Kirchensteuer soll im Rahmen der Säkularisierung abgeschafft werden, da die AfD eine komplett säkulare Gesellschaft fordert. Das aber vor allem, weil sie den Islam als Bedrohung sieht, hier werden zwar vorhandene Probleme wie Integration angesprochen, aber mit Paranoia vermischt. So wird über die Problematik der Ditib-Verbände geschrieben, aber genauso der Islam allgemein als Ursache für Integrationsunfähigkeit gesehen und von Imamen Grundgesetztreue verlangt – was wiederum von anderen religiösen Würdenträgern nicht verlangt wird.

Die Entlohnung ehrenamtlicher Aktivitäten von Arbeitslosen passt auch dazu:

Es gibt somit gute und schlechte Arbeitslose, jene die fleißig sind und unverschuldet in die Misere gerieten – und die faulen.

Dennoch sollen ein paar Punkte fairerweise nicht unter den Tisch fallen: So fordert die AfD, Freiwilligendienste wie FSJ usw. zu fördern, weil diese der Persönlichkeitsentwicklung dienen. Die berufliche Schulausbildung soll gestärkt werden, da in Industrie und Handwerk Fachkräfte fehlen, was auch richtig ist. Und für Hochschulen fordert sie sogar eine bessere staatliche Finanzierung, um den Drittmitteldruck zu mildern. Ob diese durchaus Sinn machenden Forderungen nun aber all das Vorige aufwiegen, das ist eine andere Frage.

Für wen ist die AfD denn nun etwas?

Das ganze Programm wirkt zugeschnitten auf eine Bevölkerungsgruppe, die mit den Gegebenheiten einer komplizierter werdenden Welt nicht fertig wird und sich von dieser irgendwie ungerecht behandelt fühlt. Anstatt aber dieses Klientel zu befähigen, mit der Welt fertig zu werden, werden Heilsversprechen gemacht, in Form von klaren Regeln, Komplexitätsreduktion und der Rückkehr zu Altbekanntem.

Obwohl die Partei gerne mit der NS-Zeit in Verbindung gebracht wird, lassen sich zu dieser Zeit im Programm nur wenig Anhaltspunkte finden:

So findet sich in der Familien- und Migrationspolitik durchaus viel Deutschtümelei und Überfremdungsangst, jedoch gab es diese schon sowohl vor als auch nach dieser Zeit. Alles entspricht eher dem verkitschten Ideal der 50er, als alle ihre Ruhe hatten, von nichts mehr etwas hören wollten und alles möglichst einfach haben wollten. Ein Ideal, dass es aber so nie gegeben hat, denn die 50er waren vor allem chauvinistisch, es wurde vieles tabuisiert und sie waren vor allem autoritär. Es bleibt zu hoffen, dass sich unsere Gesellschaft nicht noch einmal in diese Richtung entwickelt.