Neuseeländer irritiert über deutsche Fakes: NoCovid immer noch erfolgreich

| Corona-Fake | 6. September 2021

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Neuseeländer überrascht von deutschen Falschmeldungen

Neuseeland gilt mit seiner NoCovid-Strategie als eines der Vorbilder im Umgang mit der Corona-Krise. Schnelle, harte Maßnahmen haben sehr erfolgreich die Verbreitung des Virus eingedämmt, sodass es nicht nur viel weniger Fälle gab als zum Beispiel bei uns, sondern auch viel weniger Einschränkungen. Richtig, niemand hat uns länger eingesperrt als diejenigen, die aktiv harte, aber kurze Maßnahmen zur Eindämmung bekämpft haben. In Neuseeland starben insgesamt bisher nur 27 Menschen, verglichen mit Deutschland wären das 451 – im Vergleich zu unseren über 92.000 (Quelle).

So sehen übrigens Länder aus, die #NoCovid umgesetzt haben

So wurde vor wenigen Tagen nach dem ersten wieder bestätigten Fall – und Todesfall – in Monaten wieder ein schneller, harter Lockdown beschlossen (Quelle). Die neue Delta-Variante scheint umzugehen und zu neuen Fällen zu führen. „Hartes und frühes Durchgreifen hat uns schon früher geholfen“, sagte Premierministerin Jacinda Ardern. Die Zahl der neuen Fälle geht seit einem Höchststand von mehr als 80 pro Tag stetig zurück. Nicht anders verlief es in der letzten Welle im April, im Gegenteil, bisher scheint diese Welle sogar ein wenig kleiner zu sein. In Neuseeland denkt sich keiner was dabei – alles beim Alten. Letzten Freitag gab es in Auckland einen einzigen Anti-Lockdown-Protest. Es kam eine einzige Person. Die Polizei kam, um die Demo aufzulösen, der eine Verschwörungsideologe entschied sich dann aber, wieder nach Hause zu gehen (Quelle).

Warum deutsche Medien plötzlich von einem „Scheitern“ von NoCovid fantasieren

Eine Neuseeland-Korrespondentin berichtet, dass sie zuerst gar nicht wusste, wovon die deutsche Zeitung sprach, als sie gefragt wurde, die große Meldung über das Scheitern von NoCovid in Neuseeland zu kommentieren. „Ich war mir nicht sicher, ob man die richtige Person auf dem richtigen Kontinent angerufen hatte, oder ob ich zu viel Wein zum Abendessen getrunken hatte. Welche große Neuigkeit?“, schreibt sie (Quelle). Unsere deutschen Leser:innen haben es bestimmt gesehen: Schlagzeilen wie „Neuseeland scheitert mit Null-Covid-Strategie“.

Besonders rechte Medien, die rund um Corona gerne mit Desinformation arbeiten wie die Axel-Springer-Blätter „BILD“ und „WELT“ freuten sich hämisch, dass angeblich die von der Mehrheit der Wissenschaftler:innen geforderte Maßnahme gegen Corona „gescheitert“ sein soll. In einem Meinungsartikel der WELT sprach der Autor gar davon, dass Leute im Lockdown „eingesperrt“ würden und gar „wie Terroristen gejagt.“ Immer mehr zeigt sich, dass das Label „Meinung“ bei WELT zumindest in Sachen Corona zu heißen scheint, dass man einfach wild einer Fantasie freien Lauf lassen kann und sich kein bisschen um die Realität oder journalistische Standards scheren muss.

Der „80 %-Corona-Tote“-Fake: Häussler distanziert sich von „falscher“ WELT-Schlagzeile

Auch das Lügenblatt „BILD“ schrieb von der „Insel des Irrsinns“ (Dabei sind es natürlich mehrere Inseln. Außerdem hat es die „BILD“ nicht mal geschafft, den Namen der Premierministerin richtig zu schreiben [“Jacinta Ardern”]). Aber offensichtlich waren ja nicht nur tendenziöse Fake-News-Medien wie die vom Axel-Springer-Verlag dem Eindruck aufgesessen, NoCovid wäre gescheitert. Das titelte der „Merkur“ oder auch die „Deutsche Welle“ und einige andere. Aber in Neuseeland wussten sie nichts davon. Wie kam es zu dieser Falschmeldung?

Übersetzungsfehler einer Pressemitteilung steckt dahinter – und die Manipulation von rechter deutscher Presse

Die deutsche Berichterstattung basierte auf einer Pressemitteilung der AFP (Agence France-Presse). Diese sprach davon, dass Neuseeland nach dem Delta-Ausbruch seine Herangehensweise „infrage stellen“ würde. Gemeint war nicht NoCovid, sondern der Umgang mit Corona davor – vor allem die extrem langsame Impfkampagne. Und aus diesem „Infrage-Stellen“ bastelte die deutsche Berichterstattung wiederum ein Eingeständnis des Versagens, und unseriöse Medien wie „WELT“ und „BILD“ spannen offenbar mit dieser Falschmeldung, die auf einer Halbwahrheit beruht, wieder ihre eigene Fantasiewelt, die dann nichts mehr mit der Realität gemeinsam hat und mit Geschichten aus Australien vermischt. Wie leider extrem oft bei der „WELT“ in letzter Zeit. Im Produzieren von gefährlichen Falschmeldungen steht sie ihrem Schwesterblatt inzwischen in nichts mehr nach.

„Irreführende Vorwürfe“: „WELT“ verbreitet Fakes über DIVI-Auslastung – Intensivmediziner entsetzt

Besonders im Märchen der „WELT“ wird behauptet, dass die Meldungen aus Neuseeland „beängstigend“ seien und dass der „Gesundheitsminister Neuseelands, Chris Hipkins“ ein Versagen eingestehen würde. Die „WELT“ fantasiert sogar von „Lagern“, in die Leute gesperrt werden. Übrigens ist Hipkins gar nicht der Gesundheitsminister, sondern der „Covid-19 response minister“, ein Ministerposten, der extra für die Bekämpfung von Corona geschaffen wurde (Quelle). Das ist ein verzeihlicher Fehler: Von „Lagern“ zu sprechen ist aber absurd und dämliche „Querdenker“-Rhetorik.

Laut der Neuseeland-Korrespondentin Anke Richter seien das auch gar nicht die Worte des „WELT“-Autors selbst gewesen, sondern die Fake News wurde später von der Redaktion hinzugefügt. Die Fake News sind immer noch online, die „WELT“ ignoriert den Hinweis. Es ist kein Einzelfall, es ist inzwischen deutlich, dass die „WELT“ ganz bewusst und skrupellos Lügen und Falschinformationen mit irreführenden Schlagzeilen transportieren möchte, um Abos in extremistischen Kreisen von Rechtsextremist:innen und „Querdenker:innen“ zu verkaufen. Und damit ihr letztes bisschen Seriosität verspielt.

Für seriöse Medien wäre #DIVIGate eine Katastrophe, für WELT war es ein voller Erfolg

Im Süden nichts Neues

Die Neuseeland-Korrespondentin Richter resümiert in ihrer Analyse der völlig in der Luft schwebenden deutschen Berichterstattung über NoCovid und Neuseeland:

„Nach 18 Monaten Abriegelung, Hausunterricht, politischer Inkompetenz und verwirrenden Pandemiemaßnahmen will in Deutschland niemand mehr hören, wie gut wir es hier hatten. Ein gefühltes Scheitern unserer Eliminierungsstrategie, das uns – entschuldigen Sie das Wortspiel – in das gleiche Lager wie alle anderen stellt, tröstet diejenigen ein wenig, die nie unser Glück hatten.

Ich habe Mitleid mit dem Neid, der aus dem Leid kommt. Aber ich verabscheue ein falsches Narrativ, das der schädlichen politischen Agenda der Impfgegner- und Anti-Lockdown-Beeinflusser dient. Es geht nicht darum, uns gut oder schlecht aussehen zu lassen. Es geht um Genauigkeit.“

Artikelbild: Alexandros Michailidis

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