Warum dieses Sharepic über Seuchen völlig dämlich und falsch ist

| Corona-Fake | 21. Dezember 2021

Wir stellen unsere Artikel und Faktenchecks kostenlos für alle zur Verfügung.
Spende uns bitte etwas für unsere Arbeit oder Kauf in unserem Shop ein


9.740

Warum dieses Sharepic völlig falsch ist

Vielleicht habt ihr dieses dämliche Sharepic gesehen, das die Corona-Pandemie verharmlost:

Wir erklären euch einmal, was alles daran falsch ist.

Pest:

Die Beulenpest hat noch vor der Antike große Ausbrüche verzeichnet. Die bekanntesten Ausbrüche sind wohl die mittelalterlichen. Dabei handelte es sich auch nicht um einen großer Ausbruch, sondern um mehrere Ausbrüche mit langen Pausen. Bedingt wurde das Ganze durch schlechte Hygiene und mangelndes medizinisches Wissen. Miasma-Theorie, die Theorie der vier Säfte und anderer Aberglaube haben niemanden geheilt. Die Ausbrüche reichten im Mittelalter von 1347[1] bis 1771[2]. Wir reden hier also von Epochen. Man kann sich aber auch aus knapp 400 Jahren Pestgeschichte einen der letzten großen Ausbrüche herauspicken, damit das toll ins Sharepic passt. Das verwendete Bild für 1720 ist übrigens aus 1656[3]. Just sayin‘.

Cholera:

Cholera war weltweit, besonders aber im viktorianischen England, ein großes Problem, welches durch eine katastrophale Hygiene begünstigt wurde. Auch im 19. Jahrhundert glaubte man noch fest an Misasmen, also „schlechte Luft“. Das eigentliche Problem war vor allem die Versorgung mit schmutzigem Trinkwasser. Die Themse war ein reiner Abwasserkanal, in den private Abwässer und Müll, aber auch industrielle Abwässer aus Gerbereien, Seifensiedereien und allerhand anderen Gewerken abgeleitet wurden. Dummerweise bezogen die öffentlichen Pumpen in den ärmeren Vierteln ihr Wasser aus demselben Fluss – flussabwärts.

Das führte immer wieder zu Choleraausbrüchen, die erst durchbrochen werden konnten, als die Regierung aufgrund des „Great Stink“ 1858 zur Renovierung und zum Ausbau der Abwasserentsorgung gezwungen war. Auch hier wird ein Datum wahllos aus einer langen Geschichte herausgepickt, um es für das Sharepic nutzbar zu machen. Bekannt ist Cholera möglicherweise bereits seit fast 2.500 Jahren. Große Pandemien sind seit 1817 bekannt[4].

Übrigens, kommt euch diese Reaktion auf die Cholera etwas bekannt vor?

Woran erinnert euch diese Reaktion auf Cholera 1831?

Spanische Grippe:

Die Spanische Grippe brach nicht 1920 aus, sondern fand da ihr Ende. Ausgebrochen ist sie in ihrer pandemischen Form 1918 – auch hier wird also das Datum dem Zweck angepasst. Die Spanische Grippe konnte sich, auch infolge des Ersten Weltkrieges, der beengten Situationen in den Schützengräben und den vielen Hunderttausenden Heimkehrern von der Front so verbreiten, wie sie es tat [5][6]. Dies ist also absolut gar nicht zu vergleichen mit der aktuellen Situation. Über den medizinischen Fortschritt seit 1920 brauchen wir uns ja nicht zu unterhalten. Trotzdem wird sie als erste wirklich weltweite Pandemie als Modellbeispiel für ebendiese angesehen[7].

„Tödlichster Virus der Geschichte“

Wenn man bedenkt, dass eine Pandemie in dieser Form, bei aktuellen medizinischen Stand, der weltweiten Vernetzung von Medizinsystemen, Fachleuten und einem entsprechenden Wissensmanagement, trotzdem passieren konnte, kann man schon Gedankenexperimente aufstellen, wie eine solche Pandemie 1560 ausgesehen hätte. Ob eine ernstzunehmende Anzahl Fachleute SARS-CoV-2 so bezeichnen, kann man sich aber vor dem Hintergrund der vielen gefährlichen Viren, die es gibt, kaum vorstellen[8]. Ganz davon ab ist das oben Genannte auch der Grund, warum die junge Dame sich trotz Pandemie so prima sonnen kann.

Fazit

Die Vergleiche in diesem Sharepic sind also an den Haaren herbeigezogen und hinken auf allen vier Beinen. Sie dienen lediglich dazu, die aktuelle Lage zu verharmlosen, die Entscheidungsträger als Panikmacher abzutun und sollen wohl aufzeigen, dass Pandemien auch „einfach so“ ein Ende haben. Verkürzte, falsche Sharepics ersetzen nicht Argumente, und nicht jahrhundertelange Forschung und die Einschätzung von Zehntausenden Experten.

Quellen

[1] Gerhard Fouquet, Gabriel Zeilinger: Katastrophen im Spätmittelalter. WBG (Wissenschaftliche Buchgesellschaft), Darmstadt 2011, ISBN 978-3-534-24699-1, S. 107 ff.

[2] Nikolai Kühl: Der Pestaufstand von Moskau 1771. In: Heinz-Dietrich Löwe (Hrsg.): Volksaufstände in Russland: von der Zeit der Wirren bis zur „Grünen Revolution“ gegen die Sowjetherrschaft (= Forschungen zur osteuropäischen Geschichte; 65). Otto Harrassowitz Verlag, Wiesbaden, 2006, ISBN 3-447-05292-9, S. 325–352.

[3] https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Paul_F%C3%BCrst,_Der_Doctor_Schnabel_von_Rom_(coloured_version).png

[4] Christopher Hamlin: Cholera: The Biography. Oxford University Press, Oxford 2009

[5] Manfred Vasold: Die Spanische Grippe. Die Seuche und der Erste Weltkrieg.Darmstadt 2009

[6] Jörn Leonhard: Die Büchse der Pandora. Geschichte des Ersten Weltkrieges. Beck, München 2014

[7] https://www.aerzteblatt.de/archiv/197155/Spanische-Grippe-Ein-Virus-Millionen-Tote

[8] https://www.spektrum.de/wissen/gefaehrliche-viren-die-killer-im-schatten-von-corona/1430304

Autor: Florian Winter. Artikelbild: Screenshot

Möchtest du mehr Recherchen und Analysen zu den Hintergründen von politischen Narrativen und Fake News? Dann unterstütze unsere Arbeit mit einer kleinen Spende für einen Kaffee, dazu kannst du einfach hier vorbeischauen. Komm in unseren Telegram Kanal und verpasse keine News von uns mehr (Link). Oder besuche unseren Shop und unterstütze uns mit dem Kauf von T-Shirts, Tassen und Taschen hier entlang.

Unsere Autor:innen nutzen die Corona-Warn App des RKI.