Virologen Drosten & Ciesek prognostizieren: So geht es mit Corona weiter

| Corona | 6. April 2022

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Endemischer Zustand, bessere Kommunikation, Eigenverantwortung?

Prof. Christian Drosten, Direktor des Instituts für Virologie an der Berliner Charité und Prof. Sandra Ciesek, Direktorin des Instituts für Medizinische Virologie am Uniklinikum Frankfurt waren in den letzten 2 Jahren abwechselnd Gäste im NDR-Podcast „Coronavirus-Update“. Für viele Menschen in Deutschland war dieser Podcast eine der wenigen regelmäßigen Quellen zuverlässiger Informationen über das Corona-Virus in einer Zeit, in der Fake News, „Querdenken“ & Co. Zuwachs erhielten.

Auch für viele Artikel von Volksverpetzer zum Thema waren die Informationen aus diesem Podcast die Faktenbasis zu unseren Argumentationen. Nach 113 Folgen wird der Podcast nun vorerst abgesetzt und nur noch mit Sonderfolgen weitergeführt. Doch wir fassen für euch noch einmal die letzte Folge zusammen – und damit auch die Hinweise, die Drosten und Ciesek uns für den Rest des Jahres mitgeben. Hier könnt ihr selbst nachhören oder das Skript herunterladen.

Prognose: Noch bis ca. Mitte Mai hohe Auslastung der Intensivstationen

Das Wichtigste zuerst: Wie wird es, aus Sicht der Expert:innen, weitergehen mit der Pandemie? Natürlich lässt sich nicht mit absoluter Sicherheit voraussagen, wo wir in 6 Monaten sein werden. Doch Drosten geht erst einmal davon aus, dass die aktuelle Welle noch bis ca. Mitte Mai für eine hohe Auslastung der Intensivstationen und auch hohe Todeszahlen sorgen wird. Wir haben zwar keinen exponentiellen, aber dafür einen linearen Anstieg der Fallzahlen. Und es stecken sich auch wieder mehr ältere Leute an. Weiterhin ist es für die Expert:innen denkbar, dass wir dieses Jahr den letzten Herbst mit strengeren Corona-Maßnahmen erleben werden. Doch Drosten warnt auch, man könne nicht sicher sagen, wie stark die Auswirkungen sind, wenn man einzelne Maßnahmen fallen lässt.

Weiterhin sieht der Wissenschaftler der Charité uns auf dem Weg in den endemischen Zustand, betont aber, dass dies ein Prozess sei, der nicht von heute auf morgen, sondern stufenweise stattfinden wird. Zum Thema „endemischer Zustand“ haben auch wir bereits berichtet, mehr dazu:

Dieser Molekularbiologe erklärt, wie wir die Pandemie beenden könnten

Drosten bestätigt: Nein, Corona war (und ist!) keine „Grippe“

Ein entscheidendes Indiz dafür, dass Covid-19 auf dem Weg in die Endemie sein dürfte, ist laut Drosten die mittlerweile niedrige Infektionssterblichkeit. Mit geschätzt 0,1% sollte diese sich einer schweren Grippesaison annähern. Und dennoch unterstreicht der Virologe, dass man deswegen das Virus nicht auf die leichte Schulter nehmen dürfe. Der wichtige Unterschied zum Influenza-Virus sei nämlich nach wie vor, dass die (erwachsene) Bevölkerung jenes durch zahllose Infektionen schon gut kenne. Dadurch entstehe eine Art „lokale Immunität“ in der Schleimhaut. Das bedeutet, vereinfacht gesagt, dass die Virenlast niedriger ist, also weniger Übertragungen zu erwarten sind. Die Covid-Impfung schützt zwar sehr gut vor schweren Erkrankungen und dem Tod, doch eine solche Übertragungsimmunität kann sie langfristig nicht garantieren.

Darum ist Covid immer noch gefährlicher als die Grippe, selbst wenn die Sterblichkeit gar nicht mehr so viel höher sein sollte. Bisher gibt es nur sehr wenige Menschen mit Schleimhaut-Immunität, dadurch dürften die Infektionszahlen im Herbst auch noch einmal ansteigen (siehe oben; Drosten rechnet ohne Maßnahmen sonst mit R-Werten zwischen 2 und 3). Man müsse davon ausgehen, dass pro Person mehrere Infektionen notwendig sind, um eine Schleimhaut-Immunität aufzubauen, die vergleichbar mit der für Influenza ist. Die Menge sei jedoch wahrscheinlich „an einer Hand abzählbar“.

Das Thema Eigenverantwortung – Maske tragen enorm wichtig

Das viel diskutierte Thema „Pandemie durch Eigenverantwortung bekämpfen“ wird auch an mehreren Stellen behandelt. Zuerst einmal gibt Ciesek zu bedenken, dass die Personalsituation in den Krankenhäusern problematisch werden könnte. Wenn zu viel Personal gleichzeitig infiziert ist, könnte es eng werden. An einzelnen Stellen gebe es bereits Einschränkungen. Man sieht also: „Jede:r ist sich selbst am nächsten“ ist nach wie vor die falsche Herangehensweise. Risikopatient:innen empfiehlt Drosten dringend, weiterhin Maske zu tragen.

Für alle anderen erhofft er sich eine „asiatische Höflichkeit“. Damit meint er, dass man aus Höflichkeit Maske in allen Situationen trägt, in denen man ein Risiko für die Gesundheit von Mitmenschen darstellt, wie es zum Teil in einigen ostasiatischen Ländern schon vor der Pandemie praktiziert wurde. Das kann sein, wenn man selbst Symptome hat, aber auch in Situationen, in denen man Kontakt zu vielen fremden Menschen gleichzeitig hat.

Auch Ciesek empfiehlt eine Art kritische Eigenverantwortung. Mindestens für 2022 sollte man noch abwägen, wie viele Veranstaltungen man wirklich besuchen muss und unwichtige oder wiederkehrende Events ausfallen lassen oder ins Digitale übertragen. Ein weiterer Aspekt, den wir im Hinterkopf behalten sollten, ist, dass wir nicht sicher vor neuen Varianten sind. Besonders das Infektionsgeschehen in China, das sich nach Drostens Einschätzung massiv ausweiten wird, biete „enorme Evolutionsmöglichkeiten“. Bevor wir zu sehr in „Freedom Day“-Stimmung verfallen, sollten wir dahingehend aufmerksam bleiben. Dennoch dürfte auch aus Sicht der Expert:innen dieses Jahr schon etwas lockerer werden als die vergangenen beiden.

Wie sollten Laien mit Wissenschaft umgehen?

In der Corona-Zeit haben sich viele Menschen eigenständig mit wissenschaftlichen Themen beschäftigt. Während das natürlich prinzipiell eine gute Entwicklung ist, bietet das auch gewisse „Fallstricke“ und Problematiken. Gerade Laien haben im Normalfall nicht das Wissen von Expert:innen, das aber gerade zum Einordnen einzelner Studien notwendig ist. Drosten und Ciesek äußerten sich auch dazu recht ausführlich. Sie sehen besonders problematisch, dass das „System Wissenschaft“ für Menschen, die sich sonst eher wenig mit konkreter Wissenschaft beschäftigen, schwer zu durchdringen ist. Man müsse gut „zwischen den Zeilen“ lesen können und bei den meisten Studien auch eine gewisse Basis an Hintergrundwissen mitbringen, um die Modelle zu verstehen. Auch die Schwächen eines Systems seien für Laien nicht immer offensichtlich.

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Dazu gehört natürlich die Vereinfachung, die in der Natur der Modelle liegt, aber die Aussagekraft einer Studie zu einem gewissen Punkt einschränkt. Außerdem ist nicht immer klar, inwiefern die Ergebnisse einer einzelnen Studie auf die gesamte Bevölkerung übertragbar sind. Ciesek empfiehlt: Gerade dann, wenn eine Studie scheinbar alles, was wir bisher wussten, über den Haufen wirft und die Wissenschaft „revolutioniert“, sollten wir ganz genau hinschauen. Denn in den allermeisten Fällen funktioniert Wissenschaft gerade NICHT so. Stattdessen ist jede Studie nur ein Puzzle-Teil, das neue Fragen aufwerfen und erst im Gesamtbild zu einer sinnvollen Meinung führen kann.

Empfehlung: Längere, erklärende Podcasts!

Die beiden Expert:innen haben auch schon eine Idee, wie man solche „Fallstricke“ in der Praxis umgehen kann. Nämlich genau so, wie sie es die letzten zwei Jahre gemacht haben: Im allseits beliebten Format „Podcast“! Anstatt, dass sich Menschen einzelne Studien selbst heraussuchen und versuchen, diese zu verstehen, sollten Beiträge gefördert werden, die eine Kooperation aus Wissenschaft und Journalismus darstellen.

Die Wissenschaftler:innen haben dabei die Expertise, Sachverhalte treffend zu erklären. Außerdem können sie einschätzen, welche Studienergebnisse für die aktuelle Situation relevant sind. Neue Erkenntnisse könnten mit ihrem Fachwissen eingeordnet werden. Auf der anderen Seite des Gesprächs sollten Wissenschaftsjournalist:innen sitzen. Diese haben ebenfalls ein grundlegendes Verständnis für die Sachverhalte, doch können besser einschätzen, welche Fragen bei Laien auftreten werden. Genau an diesen Stellen können sie dann nachfragen und vielleicht genau die Informationen erhalten, die von Wissenschaftler:innen als trivial angesehen werden, dem Laien jedoch unbekannt sind.

So könnte allen Menschen ein einfacher, aber dennoch sachgerechter Zugang zu wissenschaftlichen Themen ermöglicht werden. Der Balanceakt zwischen Sachlichkeit und Anschaulichkeit muss dabei im Zentrum stehen. Sicherlich keine einfache Aufgabe, doch für den demokratischen Prozess ist es wichtig, dass auch Menschen ohne akademische Bildung das Wissen eines Fachbereiches zugänglich ist. Denn politische Entscheidungen sollten letztlich immer auf einer gesunden Faktenbasis getroffen werden.

Zum Thema:

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Artikelbild: Sebastian Gollnow/dpa; Michael Kappeler/dpa

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