Maskenpflicht ignoriert: Wird die Deutsche Bahn das nächste Tönnies?

| Corona | 20. Juli 2020

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Wird die Deutsche Bahn das nächste Tönnies?

Deutschland wird wieder nachlässiger im Umgang mit dem Coronavirus. Das zeigten in letzter Zeit die Bilder von Party-Exzessen aus Mallorca und Bulgarien.

Doch natürlich ist es leichter, mit dem Finger auf einzelne Ereignisse zu zeigen, anstatt in der breiten Masse etwas zu verändern. Und hier liegt ebenfalls einiges im Argen. Während Einzelhändler und Supermärkte meiner Erfahrung nach die vielen Vorschriften sehr penibel umsetzen und die Maskenplicht in ihren Shops durchsetzen, scheint die Deutsche Bahn, die wohlgemerkt in Staatsbesitz ist, das alles nicht so genau zu nehmen:

Die Bahn behauptet also, dass sie gar nicht berechtigt ist, staatliche Verordnungen durchzusetzen. Seltsamerweise schafft der Milliardenkonzern Bahn (der dem Staat gehört) also nicht, was selbst mein Bäcker um die Ecke hin bekommt. Es ist ein sehr einfaches Prinzip: Wenn sich ein Kunde nicht an die Regeln hält, wird er nicht bedient, sondern bekommt Hausverbot (oder Waggonverbot).

De facto Maskenpflicht ausgesetzt

Die Haltung der DB scheint allerdings dazu zu führen, dass die Maskenpflicht in der deutschen Bahn schlicht ausgesetzt wird, wie vielfach beklagt wird:

Es ist ja nachvollziehbar, dass Schaffner*innen Konflikten lieber aus dem Weg gehen wollen, anstatt sich mit Fahrgästen anzulegen. Klar: Manche Maskengegner sind Verschwörungsideologen, die den Lockdown nicht an der frischen Luft, sondern in Youtubes schlimmsten Ecken verbracht haben. Und dich dann für einen pädophilen, Kinderblut trinkenden Vertreter des Deep State halten, wenn du sie auf die Maskenpflicht ansprichst. Nicht selten kam es nach solchen Hinweisen zur Gewalt.

Die meisten Leute ohne Maske handeln jedoch sicher primär aus Bequemlichkeit und sind empfänglich für Ermahnungen. Irgendwie werden ja auch die die vielen Einzelhändler*innen in Deutschland auch mit denen fertig. Zur Not ruft man eben die Polizei. Der Konzern ist hier für die Sicherheit seiner Mitarbeiter*innen verantwortlich, und kann sicher entsprechende Sicherheitspersonal einstellen. Mein lokales Schwimmbad hat das auch hinbekommen.

Ein Albtraum für die Übertragung von COVID-19.

Öffentliche Verkehrsmittel sind ein Albtraum für die Übertragung von COVID-19. Viele Leute anonym auf engem Raum, die viel Zeit zusammen verbringen. Die Bahn reinigt zwar die Züge regelmäßig. Das hilft nur leider gar nichts gegen die Übertragung durch Aerosole, die auch dann noch in der Luft stehen, wenn der Fahrgast da gar nicht mehr sitzt. Kein Wunder, dass da auch der Mindestabstand nicht reicht: Chinesische Forscher fanden heraus, dass sich in einem Bus Leute infiziert hatten, die sogar vier Meter auseinander saßen (Quelle).

Die Maskenpflicht in Zügen durchzusetzen, schützt auch die Zugbegleiter*innen. In New York City sind 98 Subway-Worker an Covid-19 verstorben. Ein Zugführer aus New York, der selbst an COVID erkranktem, berichtet in der NY-Times ergreifend davon, welche Kolleg*inne und Freund*innen er an die Krankheit verloren hat (Quelle). Mitarbeitende der New Yorker Verkehrsbetriebe hatten höhere Opferzahlen als das Gesundheitspersonal (Quelle). Ein Grund dafür waren fehlende Masken.

Wer öfter öffentliche Verkehrsmittel nutzt, bekommt öfter die Grippe, das zeigt eine Studie aus London (Quelle). Es dürfte daher niemand überraschen, dass das ganze auch für COVID-19 gilt und zumindest statistisch erklärt, warum Minderheiten in den USA so hart vom Virus getroffen wurden. Sie nutzen nämlich öfter Öffentliche Verkehrsmittel (Quelle). Ich dachte eigentlich, wir wollten vermeiden, dass das sozialer Status entscheidet, ob man am Virus stirbt?

Auch an den Haltestellen gibt es hier Handlungsbedarf

Nicht nur im Zug wird die Maskenpflicht nicht umgesetzt. Auch an den Haltestellen gibt es hier Handlungsbedarf. In seinem letzten Podcast vor der Sommerpause führt Christian Drosten Haltestellen explizit als mögliche Auslöser einer zweiten Welle im Herbst auf:

„Aber wir haben im Winter auch diese Situation eines nicht-beheizten Raums, in dem eben doch keine Luftbewegung ist. Also das können irgendwelche Wartebereiche an Bahnsteigen sein und so weiter, Bushaltestellen, alle diese Bereiche, wo es kalt und nicht geheizt ist. Aber es ist doch ein Dach drüber und vier Wände drumherum. Diese Bereiche sind vielleicht dann eine Umgebungssituation, die diesen jetzigen Zerlegebetrieben [wie bei Tönnies Anm.d.Red] entspricht.“ (Quelle)

Darum können wir uns nicht erst kümmern, wenn die zweite Welle vollends über uns hereingebrochen ist. Der R-Wert liegt bereits weit über 1 seit mehren Tagen. War das Nieselwetter der letzten Wochen Schuld? Die Bahn muss JETZT handeln. Im Eigeninteresse, im Interesse ihrer Mitarbeiter*innen und im Interesse ihrer Anteilseigner, also aller Steuerzahler.

Contact Tracing muss auch im Zug möglich sein.

Die Bahn ist genau die Art von Ort, für die die Corona-Warn-App für Millionen von Euro programmiert wurde. Ein Zug ist eine weitgehend anonyme Umgebung, da die Bahn freie Zugwahl anbieten will und Sitzplatzreservierung optional sind. Das gilt erst Recht im Regionalverkehr. Dennoch sieht man in der Bahn kaum Hinweise auf die App.

Warum gibt es keine fetten Downloadlinks:

  • Beim Verbinden mit dem ICE oder Bahnhof Wifi?
  • Beim Online-Buchen von Tickets?
  • An jedem Sitzplatz mit QR-Code?

Das gleiche gilt übrigens für die Betreiber des lokalen ÖPNV. Es gibt wirklich keinen Grund warum nicht jeder Reisende mit kompatiblen Handys die App installiert. Ganz ehrlich, ich hab das Gefühl unser Blog hier hat mehr Werbung für die App gemacht, als die deutsche Bahn, die, ich erinnere gern wiederholt daran, dem Bund gehört und von diesem Milliardenzuschüsse erhält.

Bei einem Ausbruch im ÖPNV können wir nichts machen

Gibt es einen Ausbruch im ÖPNV, können die Contact Tracer der Gesundheitsämter NICHTS machen und müssten ohnmächtig zusehen, wie nicht-verfolgbare Infektionsketten überall im Landkreis aufflackern.

Vielleicht sollte Jens Spahn die Werbemillionen sinnvoller an den Bahnsteigen anlegen, als sie an Unternehmen wie YouTube und Facebook zu geben, die millionenfach Corona Fake News ausspielen (Quelle) und unzureichend fact-checken (Quelle).

Facebook versagt jämmerlich bei Faktenchecks: Fake-Schleudern lügen munter weiter

Wir haben jetzt nur noch wenige Fälle. Australien war in einer ähnlichen Situation. Jetzt gibt es wieder Lockdowns (Quelle). Israel war in einer ähnlichen Situation. Jetzt gibt es wieder Lockdowns (Quelle). Spanien war in einer ähnlichen Situation. Jetzt gibt es wieder Lockdowns (Quelle). Es macht doch wirklich keinen Sinn, alle unsere Fortschritte wieder genauso zu verspielen. Es ist mehr als offensichtlich, dass Masken in Zügen und Bahnsteigen sinnvoll sind. Und es ist offensichtlich, dass sich viele Menschen daran nicht freiwillig halten. Also ist es offensichtlich, dass die Maßnahmen auch durchgesetzt werden müssen.

Artikelbild: Arne Dedert/dpa



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Unsere Autor:innen nutzen die Corona-Warn App des RKI: