42.690

Rentner zerlegt Impfgegner live auf Demo

von | Sep 4, 2022 | Aktuelles, Corona, Social Media

Das hat er sich wohl anders vorgestellt! Ein YouTube-Blogger, der mit einem sehr wohlwollendend-verblendeten Blick von querdenkernahen Demos berichtet, bat einen vorbeigehenden Herrn um ein Interview. Aber statt auf die Suggestivfragen des Bloggers einzugehen, zerlegt der Rentner plötzlich konsequent die Argumente der Demonstrierenden. Hier das Video:

@volksverpetzer

Impfgegner hat keine Chance gegen die Lebenserfahrung dieses Senioren. #Impfung #impfpflicht #Corona #Querdenker

♬ Originalton – volksverpetzer

Wollt ihr Kinderlähmung wieder haben?

Die Querdenker-nahe  “Bewegung Leipzig” protestierte am 22. August. Mit dabei war ein Video-Blogger, der sich auf YouTube als kritischen Journalisten inszeniert und dabei vor allem verschwörunsideologische Narrative verbreitet.

Als der einen älteren Herrn am Straßenrand anspricht und fragt, was der von den Themen des Protests halte, reagiert der empört, besonders beim Thema “Impfzwang”. Ob die Demonstrierenden denn die spinale Kinderlähmung wiederhaben wollen?

Die spinale Kinderlähmung, auch Polio genannt, war lange Zeit weltweit stark verbreitet. Die Infektionskrankheit tritt vor allem im Kindesalter auf. Sie führt zu Lähmungen der Extremitäten und kann, wenn die Atemmuskeln befallen werden, tödlich enden.  Im Jahr 1988 gab es weltweit circa 350.000 Fälle. Dank umfangreicher Impfkampagnen konnte diese Zahl um 99% gesenkt werden (Quelle).

In Deutschland und weiten Teilen der Welt gilt die Krankheit mittlerweile als ausgerottet. Die letzten Ansteckungen in Deutschland fanden 1990 statt. Ein Blick auf die Einführung der Impfungen in DDR und BRD ist aussagekräftig in Hinblick auf die Wirksamkeit der Impfung: In der DDR wurde die Impfung 1960 eingeführt, in der BRD 1962. Der radikale Abfall der Infektionen spiegelt diese Zeitversetzung wieder.

(Quelle)
Anzahl der Erkrankten in den Jahren 1957-1970 in der DDR
Anzahl der Erkrankten in den Jahren 1957-1970 in der BRD

Der ältere Herr erklärt, dass er selbst dank der Corona-Impfung einen sehr leichten Corona-Verlauf hatte. 

Es ist wissenschaftlich völlig unumstritten, dass die Impfung den Verlauf einer Corona-Infektion deutlich abschwächt. (Hier wird die Wirksamkeit der verschiedenen Impfungen auf Basis wissenschaftlicher Studien ausführlich diskutiert).

Der Blogger fragt den Rentner, ob denn nicht trotzdem jeder selbst entscheiden solle, ob er oder sie sich impfen lassen will? Antwort: Nein, denn wenn viele Menschen die Krankheit weitertragen, dann bekommen es die anderen garantiert auch.

Tatsächlich ist es nahezu unmöglich, sich vor der Ansteckung zu schützen, wenn das Virus ungehindert durch die Bevölkerung rauscht. Durch eine hohe Impfquote sinken aber auch die Zahl der Ansteckungen. So sind Menschen, die sich aus tatsächlichen gesundheitlichen Gründen nicht durch die Impfung schützen können, in einer Bevölkerung mit hoher Impfquote viel besser geschützt. 

„Das sind Quatscher, die von nüscht was verstehen!“

Frage: Ob die Impfung nicht gefährlicher sein könnte, als das eigentliche Virus?

Antwort: Das wäre bei der Spinalen Kinderlähmung und Tuberkulose auch schon behauptet worden. „Das sind Quatscher, die von nüscht was verstehen!“

Die Behauptung, dass Impfungen schädlich seien, ist so alt wie die Erfindung der ersten Impfung selbst. Die erste moderne Impfung wurde im Jahr 1796 gegen die Pocken entwickelt. Eine frühere Impftechnik, die sogenannte Inokulation, war schon lange davor insbesondere in Afrika, Asien und Südeuropa verbreitet und wurde durch den Sklaven Onesimus in den USA und die Adelige Mary Wortley Montagu in Großbritannien eingeführt (mehr dazu hier und hier).

Dank der modernen Impfung sind Pocken seit 1979 ausgerottet. Aber bis dahin war es ein weiter Weg, auch weil Impfgegner:innen von Anfang an gegen die Impfung mobilisierten. Diese Karikatur von 1802 etwa zeigt Menschen, denen nach der Impfung gegen Pocken Kühe aus dem Körper wachsen:

Karikatur von James Gillray, 1802

Impfskepsis ist übrigens schon lange eng mit Antisemitismus verknüpft. So erschien etwa 1881 ein populäres Buch, in dem behauptet wurde, jüdische Journalisten und Politiker hätten den staatlichen Impfzwang durchgesetzt, damit sich jüdische Ärzte daran bereichern könnten (Quelle, hier außerdem eine spannende Artikelreihe über Impfskepsis und Antisemitismus)

Da hat sich der Blogger den falschen Kandidaten für seine kleine Umfrage ausgesucht! Wenn ihr mehr Fakten über die Sicherheit und Impfungen sehen wollt, die Querdenker:innen nicht wahr haben wollen, hier mehr Artikel von uns:

Artikelbild: Screenshot