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Energiewende: Wie Reiche mit falschen und irreführenden Zahlen täuscht

von  | Faktencheck | 9. April 2026 |  12 min

Am Osterwochenende veröffentlichte Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche in der FAZ einen Gastbeitrag (+) mit dem Titel "Schluss mit der Selbsttäuschung in der Energiepolitik". Den Iran-Krieg und die Schließung der Straße von Hormus nutzt sie als Anlass, um die Energiewende grundsätzlich infragezustellen. Mehrere der zentralen Behauptungen in Reiches Artikel sind falsch und gezielt irreführend – perfide verdreht sie die Fakten, um Stimmung gegen Erneuerbare zu machen. Und verdreht mit Tricks Argumente für die Energiewende.

Screenshot faz.de

Der Journalist und Energieexperte Malte Kreutzfeldt hat den Text in einem ausführlichen Faktencheck bei Table.Media (+) sowie einem 17-teiligen Bluesky-Thread zerlegt, wir stützen uns in Teilen auf seine Recherche. Folgeempfehlung!

In ihrem Gastbeitrag relativiert Katherina Reiche inmitten einer riesigen Ölkrise den bisherigen Erfolg der Energiewende und betont einseitig die Kosten. Sie leugnet, dass uns Wind und Sonne durch die Krise bringen könnten. Dabei greift sie auch systematisch auf Desinformation zurück: Viele Zahlen, die sie verwendet, sind irreführend oder einfach falsch. So manipuliert die Wirtschaftsministerin für ihre Agenda in ihrem Gas(t)beitrag:

Faktencheck 1: Welche "Explosion" der Strompreise"?

Reiche schreibt, in Deutschland „explodierten die Strompreise“. Sie behauptet: „Deutsche Haushalte zahlen bis zu 37 Cent pro Kilowattstunde“.

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Die Zahlen sind nur in einer Quelle korrekt, aber selbst dann kann von einer „Explosion“ wirklich keine Rede sein. Tatsächlich haben wir bereits in dieser Rechnung zurzeit sogar die niedrigsten Strompreise seit 5 Jahren. Und damit nur 25 % höher als im Vergleich vor zehn Jahren.

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Bei Verivox ist der durchschnittliche Preis sogar ein gutes Stück niedriger – 32 Cent. Und zeigt: auf dem gleichen Niveau wie zuletzt im Dezember 2025. Nach stetig sinkenden Preisen. Vor genau zehn Jahren waren es hier 27 Cent.

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Kreutzfeldt weist darauf hin, dass der Strom selbst mit den ungünstigeren Zahlen sogar weniger stark angestiegen ist, als der Durchschnitt: Der allgemeine Verbraucherpreisindex stieg stärker an.

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Und, so ergänzt Kreutzfeldt, bei "kleinen und mittleren Industriebetrieben lag der Strompreis zuletzt sogar so niedrig wie in keinem anderen der letzten zehn Jahre." Sprich: Da ist er sogar rekordhaft günstig. Reiche schreibt "Unsere Industrie blutet aus". Mit den günstigsten Preisen seit zehn Jahren?

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Noch perfider wird die Manipulation von Reiche durch die Tatsache, dass die Preisanstiege ja nicht wegen der Erneuerbaren und der Energiewende zustande kamen – sondern wegen stark gestiegener Gaspreise. Die Ministerin nimmt also die Folgen von Gasabhängigkeit als Argument gegen Erneuerbare. Obwohl diese den Preis sogar nachweislich gedrückt haben. Forscher von Fraunhofer ISE haben berechnet, dass Erneuerbare den Strom 2024 um 1,5 Cent pro Kilowattstunde verbilligten. In Spanien zum Beispiel hat der Gaspreis kaum noch Einfluss auf den Strompreis – weil die Erneuerbaren so stark sind. Das ist also in Wahrheit ein Argument FÜR die Energiewende, die Reiche hier in ihr Gegenteil verkehrt.

Faktencheck 2: So viel Strom wird nicht "weggeworfen", er wird umverteilt

Reiche behauptet, größtenteils falsch, dass Strom für "drei Milliarden Euro" weggeworfen werde. Sie wiederholt dabei eine Fake News, die sie schon vor drei Wochen veröffentlicht hatte und die Correctiv schon widerlegt hatte.

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Vorab Fakten zur Abregelung: Es ist so, dass es oft genug Strom gibt, der aber nicht gleichmäßig genug im gesamten Netz verteilt ist – an einer Stelle gibt es Engpässe, an anderer Stelle Überschüsse. So genannte Netzengpässe. Correctiv erklärt: "Mit Redispatch-Maßnahmen stabilisieren Netzbetreiber das Stromnetz, indem sie die eingespeiste Leistung von Kraftwerken ändern."

Meistens werden im Zuge dieser Regulierung Erneuerbare gedrosselt. Und um die Leistung zu erhöhen, werden oft konventionelle, fossile Anlagen hochgefahren. Es geht aber sehr wenig verloren: 2024 wurden 96,5 % des erneuerbaren Stroms auch vom Endverbraucher genutzt. Die Gesamtkosten dieses sogenannten Netzengpassmanagements, also Redispatch, betrugen laut Bundesnetzagentur im Jahr 2024 tatsächlich rund 2,776 Milliarden Euro.

Aber davon flossen nur 554 Millionen Euro als Entschädigung an Betreiber abgeregelter Erneuerbarer-Anlagen. Der Rest teilt sich auf in rund 1,1 Milliarden Euro für fossile Kraftwerke, die als Ersatz hochgefahren wurden, rund 940 Millionen Euro für Reservekraftwerke sowie 69 Millionen Euro für grenzüberschreitenden Ausgleich. Von den „fast drei Milliarden" bleibt am Ende gerade mal eine halbe übrig. Außerdem sinken die Kosten immer weiter, weil das Netz weiter ausgebaut wird. Die Übertragungsnetzbetreiber haben ihre Kostenprognosen für 2026 bis 2028 laut ZFK um fast vier Milliarden Euro nach unten korrigiert.

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Katherina Reiche tut aber so, als würden wir Unmengen an EE-Strom verschwenden und sinnlos produzieren, und als wäre das ein Grund, der gegen die Energiewende (und damit den weiteren Netzausbau) spreche, und nicht dafür.

Faktencheck 3: Wir brauchen nicht fünfmal so viel Erneuerbare

Reiche schreibt, der Anteil erneuerbarer Energien am "Gesamtenergiebedarf von 2.900 Terawattstunden" liege bei "knapp einem Fünftel".

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Die Zahl für den Primärenergieverbrauch ist zunächst mal nicht ganz korrekt: Es ist nicht "knapp" ein Fünftel – es sind mit 20,8% sogar ein wenig mehr.

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Viel wichtiger ist aber, dass das ein mieser Taschenspielertrick der Ministerin ist. Denn der "Primärenergiebedarf" ist die "völlig falsche Bezugsgröße, um den Fortschritt der Energiewende zu beurteilen", wie Kreutzfeldt schreibt. Damit täuscht man geschickt mit einem der größten Nachteile der Fossilen darüber hinweg, wie viel effizienter Erneuerbare in Wahrheit sind. Denn ein riesiger Teil an Energie, die wir derzeit brauchen, verpufft gerade sinnlos in Kraftwerken und in Verbrennungsmotoren als Abwärme.

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Während Reiche vorhin noch ein paar Prozentpunkte und eine halbe Milliarde als furchtbare Verschwendung von Geld und Energie angeprangert hatte, ignoriert sie hier die gigantische Verschwendung von Energie durch die Ineffizienz von Fossilen. Wenn wir also Fossile durch Erneuerbare ersetzen, sinkt unser Primärenergiebedarf drastisch. Wir müssen ja keine Solarzellen aufstellen, um die Abwärme auszugleichen. Wir sparen uns diese Primärenergie einfach. Da täuscht Reiche. Ihr eigenes Ministerium rechnet aus, dass wir uns fast ein Drittel davon bis 2050 sparen können.

Wenn wir uns stattdessen die tatsächlich benötigte Energie ("Nutzenergie") anschauen, brauchen wir sicherlich nicht fünfmal so viel! Im Stromsektor deckten Erneuerbare 2024 bereits 54,4 Prozent des Bruttostromverbrauchs, laut BDEW gut 55 Prozent. Das Fraunhofer ISE berechnet sogar 62,7 Prozent der öffentlichen Nettostromerzeugung. Dass der Gesamtanteil niedrig bleibt, liegt am Wärme- und Verkehrssektor, der hinterherhinkt. Dieser Rückstand erklärt sich nicht durch mangelnden Ausbau der Erneuerbaren, sondern durch verschleppte Elektrifizierung, zu wenige Wärmepumpen und stockende E-Mobilität, also genau jene Felder, auf denen Reiche selbst als Ministerin die Bremse zieht.

Faktencheck 4: Taschenspielertricks mit Kosten

Screenshot faz.de

Noch problematischer ist Reiches Gesamtrechnung der sogenannten Systemkosten. Sie summiert EEG-Kosten, Kapazitätsreserven, Redispatch und Stromsubventionen zu "über 36 Milliarden Euro pro Jahr" und leitet daraus "430 Euro für jeden Deutschen" ab. Das klingt erdrückend. Die Rechnung ist jedoch einseitig, weil sie die Gegenseite konsequent ausblendet.

Fossile Energieimporte schlagen nach Zahlen des Statistischen Bundesamts mit 76 bis 80 Milliarden Euro pro Jahr zu Buche. Das wären 1000 Euro für jeden Deutschen. Außerdem sind in den Kosten, die Reiche anprangert, Subventionen für z.B. alte Solaranlagen enthalten, die noch EEG brauchen. Neue Solarzellen sind inzwischen günstiger als fossile Brennstoffe und werden demnach weniger Zulage brauchen. Den Fake haben wir hier schon mal gehabt:

Bei aktuellen Straße-von-Hormus-Preisen liegt der Wert noch mal viel höher, 2022 hatten wir bei geringerem Angebotsschock Importkosten von 140 MRD EUR/Jahr. Die 80 Mrd. sind ein Durchschnitt über die letzten 10 Jahre, aber ob das so bleibt, hängt vom diplomatischen Geschick Trumps ab.

Umweltschädliche Subventionen für fossile Energien beziffert das Umweltbundesamt auf mindestens 65,4 Milliarden Euro jährlich. Wer 36 Milliarden Euro Systemkosten der Erneuerbaren als untragbar bezeichnet, aber 65 bis 85 Milliarden Euro fossile Subventionen und 80 Milliarden Euro Importkosten im selben Atemzug verschweigt, betreibt keine ehrliche Analyse.

Die Prognose, die Systemkosten würden bis 2035 auf 90 Milliarden Euro steigen, basiert auf einer Analyse einer Beraterfirma, die Reiche einfach übernimmt. Reiche hatte angekündigt, zentrale Aufgaben ihres Ministeriums an externe Berater abgeben zu wollen. Die Bundesnetzagentur berichtet, dass der EE-Ausbau 2025 Rekordzahlen erreichte.

Katherina arbeitet für Reiche

Wer Reiches Karriereweg kennt, bekommt einen Rahmen für diese manipulative Zahlenauswahl. Reiche wechselte 2015 direkt aus dem Bundestag in die Führung des Verbands kommunaler Unternehmen, 2020 dann zur Westenergie AG, einer hundertprozentigen E.ON-Tochter, die eines der größten Gasnetze Deutschlands betreibt. Das dokumentiert Lobbypedia ausführlich. LobbyControl warnte bei ihrer Berufung zur Ministerin explizit vor Interessenkonflikten.

Eine Recherche von LobbyControl und Campact legte außerdem auffällige inhaltliche Parallelen zwischen Reiches energiepolitischen Papieren und Lobbydokumenten von Big Tech und fossilen Konzernen offen. Greenpeace dokumentierte, dass das Wirtschaftsministerium unter Reiche Einfluss auf einen als unabhängig deklarierten Monitoringbericht zur Energiewende genommen hat, der vom EWI Köln erstellt wurde, einem Institut mit historisch engen Verbindungen zu E.ON und RWE.

Seit einigen Wochen wird Reiche auch von zwei Kommunikationsagenturen beraten – FGS Global und Scholz & Friends. Der Finanzinvestor KKR besitzt eine Mehrheit bei FGS Global. KKR ist einer der größten globalen Investoren in der Fossilindustrie.

Fazit: Täuschung? Durch wen?

Was Katherina Reiche in der FAZ als nüchterne Bestandsaufnahme der Energiepolitik verkauft, ist bei näherer Betrachtung ein methodisch durchkomponiertes Desinformationsdokument. Sie arbeitet strategisch: Reiche verwendet nur teilweise korrekte Einzelzahlen und bettet sie in falsche Kontexte ein, verschweigt Gegenrechnungen, die ihre Schlüsse entkräften würden, und nutzt die Kosten der Energiewende als Anklage, während sie die weit höheren Kosten fossiler Abhängigkeit konsequent ausblendet.

Es gibt Baustellen, Probleme und Kosten in der Energiewende, ja - aber ihr Job als Ministerin wäre es, diese Probleme zu beheben. Und sie nicht als Gründe vorzuschieben, die Lösungen zu bremsen. Sehr arm von Reiche.

Der FAZ-Gastbeitrag ist kein Ausrutscher, sondern Teil eines Musters. Reiche nutzt echte Kosten der Energiewende, deren Zahlen sie aber systematisch aufbläht oder falsch zuordnet, als Argument für eine Politik, die fossile Infrastruktur stützt und den EE-Ausbau verlangsamt. Sie überschreibt das mit "Schluss mit der Selbsttäuschung". Man wünscht sich viel eher, die Ministerin würde die Täuschung unterlassen.

Artikelbild: Elisa Schu/dpa, Teile des Artikels wurden mit maschineller Hilfe erstellt. Wie Volksverpetzer KI verwendet.

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