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Ich habe den WELT-Artikel von Kristina Schröder gelesen, damit ihr es nicht müsst

von  | Faktencheck | 27. Mai 2026 |  7 min

Gastbeitrag von Florian Aigner

Die Klimawandelleugner-Szene behauptet, bisherige Klimaszenarien seien widerlegt worden. Das ist entweder ein dummes Missverständnis oder bösartiges Faktenverdrehen. Was ist da wirklich geschehen?

Angenommen, das Haus brennt lichterloh. Die Feuerwehr ist schon da und analysiert die Situation: Im Obergeschoss ist schon großer Schaden entstanden. Hinter dem Haus ist ein Gasspeicher. Wenn der vom Brand erfasst wird, erklären die Feuerwehrexperten, dann wird die gesamte Nachbarschaft explodieren.

Zum Glück schaffen es die Feuerwehrleute, den Gasspeicher zu schützen. Eine Zerstörung der gesamten Nachbarschaft scheint vorerst abgewendet. Aber das Haus brennt noch immer. Wenn jemand in dieser Situation sagt: „Hey, das alarmistische Explosions-Szenario ist widerlegt, die Feuerwehr hat also übertrieben, Löschen ist gar nicht nötig, lasst uns alle nach Hause gehen!“, dann würde man ihn wohl für verrückt erklären. Aber genauso gehen manche Leute derzeit mit Klimamodellen um.

Propaganda gegen den Klimaschutz

In vielen Medien bekamen wir in den letzten Wochen zu hören, die Klimaforschung sei ins Wanken gekommen: Donald Trump persönlich postete auf „Truth Social“, das oberste Klima-Komitee der Vereinten Nationen habe zugegeben, dass die Klima-Vorhersagen „FALSCH! FALSCH! FALSCH!“ gewesen seien. Rechte Influencer jubeln, bekannte Klimawandel-Leugner-Webseiten halten das für einen Beweis, dass die meisten Klima-Storys der letzten 15 Jahre damit „offiziell Müll“ seien. In der „WELT“ durfte die ehemalige CDU-Bundesministerin Kristina Schröder verkünden: „Die Apokalypse fällt aus. Können wir bitte noch mal über das Klimaziel sprechen?“

Screenshot welt.de

Das klingt alles recht dramatisch. Aber sehen wir uns die Fakten an. Der Weltklimarat (IPCC) wurde 1988 von UNO-Organisationen gegründet. Er hat die Aufgabe, den weltweiten Forschungsstand zur globalen Erwärmung zusammenzutragen und aus wissenschaftlicher Sicht zu bewerten. Am letzten umfassenden IPCC-Report (AR6) waren über 700 Expertinnen und Experten aus über 90 Ländern beteiligt, der Report ist hochwissenschaftlich und mehrere tausend Seiten lang. Er ist wohl das umfassendste und wissenschaftlich anerkannteste Dokument über Klimawandel, das es heute gibt.

In seinen Reports versucht der Weltklimarat, in die Zukunft zu blicken und Ausmaß sowie Folgen der Erderhitzung abzuschätzen. Aber diese Zukunft hängt natürlich von politischen Entscheidungen ab, die man nicht vorherberechnen kann: Schafft Europa die Energiewende? Auf welche Energieträger setzen wirtschaftlich aufstrebende Länder wie China und Indien? Setzen die USA weiterhin auf Fracking? Wegen solcher offener Fragen erstellt man in der Klimaforschung nicht nur ein Szenario, sondern eine ganze Reihe davon – von optimistischen Zukunftsvisionen, in denen es uns gelingt, den CO₂‑Ausstoß rasch einzudämmen, bis hin zu katastrophalen Visionen, in denen die Welt noch stärker auf Kohle, Gas und Öl setzt. All diese Szenarien werden nun regelmäßig aktualisiert.

RCP8.5 – wenn die Sache richtig schiefläuft

Das pessimistischste Szenario heißt „RCP8.5“. Erarbeitet wurde es in den Jahren 2008 bis 2011. In diesem Szenario wird untersucht, was geschehen würde, wenn die Treibhausgasemissionen bis 2100 weiter steigen. Kaum vorstellbare Katastrophen wären die Folge, mit einem Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur von vier bis fünf Grad gegenüber vorindustrieller Zeit, einem Massenaussterben von Tierarten, schweren Einbußen in der Landwirtschaft in vielen Gebieten, weitreichenden Gesundheitsproblemen, politischen und wirtschaftlichen Verwerfungen.

Bei neueren Analysen zeigte sich: Die extremen Szenarien sind inzwischen unrealistisch geworden – und zwar sowohl das optimistischste als auch das pessimistischste. Das Szenario RCP8.5 mit dauerhaft steigendem Treibhausgas-Ausstoß bis zum Ende des Jahrhunderts wird nun nicht mehr als sinnvoll betrachtet. Das kommt nicht überraschend – schon seit Jahren gab es viel Kritik an diesem Szenario. Schließlich verändert sich auch einiges zum Guten: Große Länder wie Indien oder China erreichen beeindruckende Erfolge bei der Energiewende, insgesamt ist 2025 die Stromerzeugung durch fossile Brennstoffe zurückgegangen, während Alternativenergie gewaltig ausgebaut wurde.

Dieses Ergebnis – dass dieses allerfurchtbarste aller Szenarien heute also unrealistisch betrachtet wird – nutzt die Klimaschwurbel-Szene nun für ihre Propaganda. „Da seht ihr nun – die Klimaforschung musste selbst zugeben, sich geirrt zu haben!“

Wer das sagt, hat nicht verstanden, wie wissenschaftliche Modelle funktionieren. Ja, selbstverständlich wird aus einem ganzen Rudel unterschiedlicher Modelle das eine oder andere fallengelassen. Wenn die Zeit vergeht und neue Fakten geschaffen werden. Und zuallererst fallen logischerweise die extremen Szenarien weg. Das gilt leider nicht nur für das pessimistischste Szenario RCP8.5, sondern auch für das optimistischste. Das Ziel, die Erderhitzung auf 1.5°C zu begrenzen, erscheint heute ebenfalls unrealistisch. Nur werden interessanterweise mit dieser traurigen Erkenntnis keine provokanten Schlagzeilen gebaut.

Das Ende extremer Szenarien war immer zu erwarten

Eine Abkehr von RCP8.5 heißt nicht, dass die Klimaforschung falsch lag. Es heißt nur: Das bewusst mit maximal pessimistischen Annahmen erstellte Extremszenario dürfte nicht eintreten. Das ist kein Grund zum Feiern, das ist das absolute Minimum dessen, was man verlangen durfte. Wenn man nach 15 Jahren Entwicklung, seit das RCP8.5-Szenario veröffentlicht wurde, noch nicht einmal das allerradikalste Szenario ausschließen könnte, wäre das eine absolute Katastrophe. Es wäre eine Bankrotterklärung für die globale Klimapolitik und unsere Energiewende-Bemühungen.

Wenn nun Leute aus Politik, Medien und Fossilwirtschaft so tun, als hätte der Weltklimarat bisher übertrieben und hätte sich jetzt korrigieren müssen (der Weltklimarat selbst hat übrigens bisher das noch nicht offiziell zurückgenommen, der nächste Report kommt erst 2029), ist das entweder ein Beleg für eine peinliche Unfähigkeit, Forschungsergebnisse korrekt einzuordnen – oder es ist die bewusste Verbreitung bösartiger Faktenverzerrungen. Nein, niemand übertrieben. Man hat mehrere Szenarien wissenschaftlich bewertet. Nein, die Gefahr ist nicht gebannt – ganz im Gegenteil. Wir wissen heute sogar genauer als früher, dass es ziemlich übel wird.

Natürlich bedeutet Klimawandel nicht, dass übermorgen die Welt untergeht. Natürlich werden wir nicht alle plötzlich verbrutzeln, weil es schlagartig brennheiß wird. Und natürlich werden Menschen nicht plötzlich ertrinken, weil sie vom sprunghaft steigenden Meeresspiegel überrascht werden. Das behauptet aber auch kein vernünftiger Mensch.

Realistischere Szenarien sind übel genug: Wir steuern auf eine massive Veränderung der Vegetation zu, auf Probleme in der Nahrungsversorgung, auf damit verbundene Migrationsbewegungen, auf die Ausbreitung von Krankheiten, politische Instabilität und damit verbundenen wirtschaftlichen Niedergang. Mit anderen Worten: Unser Haus brennt. Wenn jetzt das allerübelste Szenario wegfällt, dann sollten wir das mit Dankbarkeit als Ansporn sehen, das Feuer kräftig weiter zu bekämpfen – nicht als Anlass, die Feuerwehr fortzujagen.

Der Deindustrialisierungs-Schwindel

Und trotzdem konstruieren Leute wie Kristina Schröder daraus eine Verschwörungserzählung. Wegen eines Klimaschutzes, der in Wahrheit gar nicht nötig sei, schlittere Deutschland in die Deindustrialisierung, schreibt sie. Das Gegenteil davon ist wahr. Ja, die deutsche Automobilindustrie steckt tatsächlich in einer Krise. Aber nicht, weil Greta Thunberg der Bevölkerung ein schlechtes Gewissen einredet. Sondern weil die deutsche Industrie den Umstieg auf Elektroantriebe verschlafen hat und von chinesischen Firmen überholt wurde.

Ja, große Chancen für die europäische Industrie wurden verspielt – etwa als Deutschland aufhörte, Photovoltaik zu fördern und dadurch die Technologieführerschaft, die man bereits errungen hatte, völlig unnötigerweise an China verlorengab. Oder als man die aufstrebende Windkraft-Sparte zurückdrängte.

Die Beschädigung der Wirtschaft ging nicht von Klimaschutz-Organisationen aus, sondern genau von ihren Gegnern. Die Vorstellung, dass wir uns zwischen Klimaschutz und wirtschaftlichem Erfolg entscheiden müssen, ist falsch. Beides lässt sich nicht voneinander trennen: Klimafreundliche Technologien sind die Zukunft. Wer mit Gewalt auf alte fossile Schmutztechnologien setzt, die vom freien Markt völlig zu Recht bereits aufs Abstellgleis geschickt wurden, der schadet nicht nur dem Klima, sondern auch der Wirtschaft.

Artikelbild: Screenshot welt.de, canva.com

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