Covid-19: „Goodbye, Boomer“ & „Ich bin jung und gesund, mich betrifft das nicht!“

| 19. März 2020

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Es betrifft alle

„Die jetzt sterben, hätten doch eh Weihnachten nicht mehr erlebt“, „An der Grippe verrecken jedes Jahr Zehntausende, und keinen juckt’s“ oder schlicht „Goodbye, Boomer“ lese ich in meiner Timeline bei Facebook. Auch ich habe anfangs mit Zynismus auf die Meldungen zu Covid-19 reagiert, weil das ein Mittel sein kann, das Gefühl der Hilflosigkeit abzumildern. Angesichts der täglich steigenden Infektions- und Todeszahlen sind Witze und Verharmlosungen allerdings schlicht unangebracht. Alle sind betroffen, und alle sind bedroht.

Meine Tante hat Diabetes, mein Onkel eine Herzkrankheit, meine Cousine ist an Krebs erkrankt (glücklicherweise einem, der sich gut behandeln lässt), die Tochter eines befreundeten Paars kam drei Monate früher zur Welt als es üblich ist, mein Vater ist gerade 69 geworden und hat chronischen Husten, die Tochter seiner Mitbewohnerin ist knapp 5 und häufig erkältet. Die meisten haben Menschen im Familien- und Freundeskreis mit sogenannten Vorerkrankungen. Menschen, die halt einfach nicht topfit sind. Menschen, die auf die Solidarität der anderen angewiesen sind. Und es sind nicht nur die Alten, die Vorerkrankten, bei denen die Verläufe schwer sind.

„Ich bin jung und gesund, mich betrifft das nicht!“

Aus der Hybris mancher („Ich bin jung und gesund, mich betrifft das nicht!“) und den obigen Beispielen sozialdarwinistischer Denktradition scheint der von Theodor W. Adorno und anderen beschriebene autoritäre Charakter hervor.

Es betrifft Kleinkinder und arme Menschen, es betrifft Menschen mit angeborener Immunschwäche, es betrifft geflüchtete Menschen, es betrifft diejenigen Menschen, deren Kompetenz und Fachwissen (medizinisches Personal!) jetzt lebensnotwendig sind. Es betrifft alle, ausnahmslos.

Niemand sollte übrigens an einer beschissenen Grippe verrecken müssen, und keine Ärztin sollte entscheiden müssen, wen sie behandelt, und für wen es sich einfach nicht mehr „lohnt“. Das haben wir nicht bösartigen oder gierigen Unternehmen oder Individuen zu verdanken, sondern einem Wirtschaftssystem, das Waren produziert, damit aus Geld mehr Geld wird, und das beim Thema Moral nur nach ihrem Preis fragt.

Zum Thema:

Ihr wollt keine Ausgangssperren? Dann bleibt gefälligst freiwillig zu Hause!



Autorin: Mira Landwehr. Dieser Artikel erschien zuerst bei aufdemnachttisch.de Artikelbild: pixabay.com, CC0

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