Ich war Antisemit & Neonazi – Jetzt habe ich schwarze & jüdische Freunde

| Gastkommentar | 20. November 2019

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Es geht um uns!

von Achim Schmid

Den diesjährigen Erew Jom Kippur, den Vorabend des höchsten jüdischen Feiertages, verbrachte ich an der Seite von Mitgliedern der Or Chadash Synagoge in Memphis, Tennessee. Und obwohl es mein erster Besuch dort war, gaben mir Rabbi Cantor David Julian und die Gemeinde das Gefühl, zu Hause zu sein. Für mein früheres Ich wäre ein solches Gefühl an diesem Ort unmöglich gewesen:

Ich war ein Antisemit. 15 Jahre lang lebte ich ein hasserfülltes Leben. Ich führte und rekrutierte Neo-Nazis und Rassisten. Bevor ich die rechtsextreme Szene verließ, hätte ich nie im Leben auch nur einen Fuß in eine Synagoge gesetzt. Auch danach war das nicht ganz so einfach. Der reine Austritt aus einer radikalen Gruppierung macht nicht automatisch einen guten Menschen aus jener Person. Meine Ideologie war zum Teil noch immer in meinem Kopf verdrahtet und über Jahre aufgebauten Vorurteile ließen sich nicht einfach so abschütteln.



Ein türkischer Immigrant lehrte mich Respekt und Mitgefühl

Nach meinem Ausstieg zog ich mit meiner Familie in eine andere Stadt, auch um gänzlich neu anzufangen. Die Wohnungssuche gestaltete sich schwierig. Am Ende war es –ironischerweise- ein türkischer Immigrant, der bereit war, uns eine Wohnung in seinem Haus zu vermieten. Während ich in den Folgemonaten erwartete, dass er sich als muslimischer Terrorist entpuppt, lehrte er mich Respekt und Mitgefühl als Mensch. Eine Anteilnahme, die ich nicht verdient hatte, so dachte ich. Ich stand am Scheideweg: Sollte ich den Hass, der langsam zerbrach, wieder zusammensetzen? Oder ihn analysieren und mehr über jene Menschen lernen, die ich so lange als Feindbild hatte?

Etwa zehn Jahre nachdem ich die rechte Szene verlassen hatte, flog der NSU auf. Obwohl ich zu diesem Zeitpunkt viele türkische Freunde und Geschäftspartner hatte, fühlte ich mich nicht persönlich betroffen. Ich nahm die Taten des NSU mit Bestürzen wahr, aber es betraf ja „die“ und nicht mich.

Als ich dann in die USA auswanderte, um genauer zu sein nach Memphis, Tennessee wurde 2016 auch dieses Land erschüttert: Die Morde an den beiden Afro-Amerikanern Alton Sterling und Philando Castile. In den Folgemonaten gründete ich mehrere Initiativen gegen Rassismus und versuchte Brücken zwischen Ethnien zu bauen, zwischen denen sich eine scheinbar unüberbrückbare Kluft auftat. Aber auch hier fühlte ich mich als Außenstehender, der sich nicht in deren Haut hineinversetzen konnte.

ein Besuch im „Museum of Tolerance“ öffnete meine augen

Letztlich war es ein Besuch im „Museum of Tolerance“ des Simon-Wiesenthal-Centers, der mir die Augen öffnete. Trotz meiner Arbeit mit Migranten und der schwarzen Gemeinde hatte ich meinen Antisemitismus bis dato nie richtig aufgearbeitet. Nie besuchte ich etwa eine KZ-Gedenkstätte oder hatte tiefergehende Begegnungen mit Juden. „Wozu auch?“ dachte ich. Ich war ja schließlich ausgestiegen und hatte meinen Hass lange hinter mir gelassen. Doch spätestens, als ich im Nachbau einer Gaskammer stand wurde mir klar, dass ich mit der jüdischen Gemeinde arbeiten muss, um inneren Frieden zu finden und meine Vergangenheit endgültig aufzuarbeiten.
Nur wenige Monate nach diesem Besuch ermordete ein Antisemit elf Menschen in der Tree of Life -Synagoge in Pittsburgh.

Trotz meiner Vergangenheit fiel es mir schwer zu verstehen, dass elf Menschen ihr Leben lassen mussten, nur weil sie Juden waren. Binnen weniger Tage reiste ich zur Northeastern University in Boston um meine Geschichte, jene Reise vom Hass zum Mitgefühl, mit den dortigen Studenten zu teilen. Seitdem habe ich in den ganzen USA jüdische Studenten besucht und war an dutzenden Universitäten, High Schools und Yeshivas, von San Diego über Columbus bis nach New York zu Gast. Als dann Chabad of Poway, nahe San Diego von einem Antisemiten angegriffen wurde, empfand ich tiefes Mitgefühl für meine Freunde in der jüdischen Gemeinde. Ich wusste, wie groß der Schmerz sein musste, obwohl ich mich noch immer nicht ganz in deren Situation hineinversetzen konnte. Es ging ja um „die“ und nicht um mich.

Es geht um uns

Und dann lud mich der Rabbi zum Kol Nidre Gottesdienst ein, jenem Vorabend zu Jom Kippur. Ich war an einem der höchsten Feiertage des Jüdischen Jahres Gast einer Gemeinde, über die ich bis vor einem Jahr nichts wusste und zu denen ich kaum Kontakt hatte. Der Präsident der Synagoge erzählte von den Sicherheitsvorkehrungen, und dennoch konnte ich mir nicht vorstellen, dass jemand versuchen könnte, mit Gewalt in das Gebäude einzudringen um die dort Betenden zu ermorden.

Doch schon am nächsten Morgen, als Juden in aller Welt Gott um Vergebung für ihre Sünden baten, versuchte ein Antisemit in die Synagoge in Halle einzudringen um genau dies zu tun. Als ich geschockt der Berichterstattung folgte, dachte ich wieder an meine jüdischen Freunde und war erleichtert zu erfahren, dass alle in Sicherheit waren. Plötzlich wurde mir klar, dass auch ich ein Opfer eines solchen Anschlages hätte werden können. Weil ich am Vorabend ebenso in einer Synagoge saß, eine Kippah trug und am Erew Jom Kippur um Vergebung meiner Sünden bat. Zum ersten Mal in meinem Leben verstand ich was es heißt, sich wegen seiner Herkunft oder Glaubens nicht sicher zu fühlen.

Und ich erkannte, dass es nicht um “die” geht. Es geht um uns!

Mehr über Achim Schmid und seinen Ausstieg könnt ihr in seinem Buch erfahren. Hier mehr über EXIT Deutschland. Artikelbild: Achim Schmid

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