„Ich stelle nur Fragen!“ ist oft nur eine gefährliche Propagandastrategie

| Gastkommentar | 7. April 2022


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Warum „Ich stelle nur Fragen!“ eine gefährliche Propagandastrategie ist

Gastbeitrag von Florian Aigner

„Ich stelle ja bloß Fragen! Woher willst du wissen, dass die offizielle Version, die alle Medien bringen, wirklich richtig ist?“ Das wirkt auf den ersten Blick erwachsen und reflektiert. Ist aber leider oft gefährlicher Unsinn. Von Corona bis zur Ukraine.

Wir hatten das schon letztes Jahr: „Was, wenn die Wissenschaftler lügen und die Impfung tötet? Ich frage ja nur!“ Das kam nicht von Leuten, die sich uninformiert und unsicher fühlten, sondern von jenen, die sich ohne Argumente selbst zum überlegenen Besserwisser erklären wollten. Und jetzt wieder: „Wer weiß, ob die Massaker an der ukrainischen Bevölkerung tatsächlich stattfanden! Das ist doch bloß Propaganda! Haben die Ukrainer selbst ihre Leute ermordet? Ich stelle nur Fragen! MAN WEISS ES NICHT!“

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False Balance ohne Beweise

Man unterstellt damit: „Es könnte so sein, es könnte aber auch anders sein. Also sind beide Thesen irgendwie gleichberechtigt!“ Genau das ist False Balance. Hier werden bewusst Plausibilitäts-Checks mit Wahrheitsbeweisen vermischt – ein Standard-Trick von Fake-News-Verbreitern. Natürlich wissen wir nicht zu 100%, was rund um Kiew geschah. Und wir wussten letztes Jahr nicht zu 100%, wie verträglich die Impfung ist. Das sind nutzlose, banale Feststellungen: Wir wissen natürlich nie etwas zu 100%. Auch nicht, dass die Erde um die Sonne kreist.

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Exakte Beweise gibt es nur in der Mathematik. Die Frage ist daher: Habe ich ausreichend vernetzte, tragfähige Indizienketten, um etwas für plausibel zu halten? Wenn ja, dann ist es einfach nur unsinnig, sich mit erhobenem Zeigefinger als „mutiger Fragensteller“ zu inszenieren.

Es ist natürlich notwendig, offizielle Erzählungen zu hinterfragen, Lücken in allgemein anerkannten Behauptungen zu suchen, populäre Irrtümer aufzudecken. Aber darum geht es solchen selbsternannten Fragestellern nicht.
Es geht um Selbstinszenierung: „Seht her, ich bin klüger als die anderen! Ich verkünde meine eigene Version der Wahrheit!“ Und um damit keine Mühe zu haben, formuliert man die eigene Version in der denkbar schwächsten Weise: Als bloße Hinterfragung des „Mainstreams“.

Putins Propaganda hat nicht automatisch Recht, nur wenn etwas aus der Ukraine mal falsch sein sollte

Ja, natürlich haben immer beide Seiten ihre Interessen. Sicher war auch nicht alles, was von ukrainischen Medien kam, korrekt. Wie denn auch, in einem verdammten Krieg? Und wenn – wäre das ein Indiz dafür, dass die Propaganda Putins doch recht hat? Nein!

Davor ekelt mir mittlerweile: Das bloße „Querdenken“ wird mit Qualität verwechselt. Das bloße Dagegensein mit einer Position, das bloße Fragenstellen mit einer Widerlegung der Arbeit von Journalist_innen oder Wissenschaftler_innen, die unvergleichlich viel aufwändiger war.

Das Problem ist der Unwille, Gesamtbilder zu sehen: Hier, ein seltsames Detail – ALSO ist die offizielle These falsch. Hier, eine alternative Überlegung – ALSO wurden wir bisher angelogen. So kommt man der Wahrheit nicht näher. Das ist kindisch, gefährlich und moralisch verkommen.

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Dieser Text erschien zuerst auf Twitter. Artikelbild: Screenshots

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