Man hat uns Frauen beigebracht, „Nein!“ zu sagen, um interessant zu erscheinen

Gastbeitrag von Nadine Kroll

Wenn man Frauen beibringt, „Nein“ zu sagen, damit sie erobert werden können und dass Männer dazu aufgefordert werden, sich mehr anzustrengen, weiß am Ende natürlich niemand, wann ein „Nein“ auch ein „Nein“ bedeutet. Das muss aufhören, meint Nadine Kroll.

In Hollywood steht die Verleihung der diesjährigen Oscars kurz bevor. Erst vor wenigen Tagen hat Casey Affleck, dem bereits vor ein paar Jahren sexuelle Belästigung vorgeworfen wurde, was aber bis zum Aufkommen der #MeToo-Debatte niemanden so richtig interessiert hatte, immerhin wurde er weiterhin fleißig gecastet und mit Auszeichnungen überhäuft, seine Teilnahme an den Acadamy Awards abgesagt. Eine offizielle Begründung dazu gibt es nicht. Man muss allerdings kein Genie sein, um sich selbst erklären zu können, warum Casey Affleck diesen Schritt gegangen ist. Die einen werden es als „mutig“ und „rücksichtsvoll“ ansehen, dass er die Tradition bricht, die ihm als Vorjahresgewinner zusteht, – nämlich der Besten Hauptdarstellerin in diesem Jahr ihren Oscar zu überreichen – ich hingegen halte es für unbedingt nötig. Und hätte an Afflecks Stelle auch keine Lust, einen weiteren Shitstorm und tausende von Seitenhieben meiner Kolleginnen und Kollegen über mich ergehen zu lassen, wenn die Option besteht, einfach zuhause zu bleiben und in Ruhe „Netflix & Chill“ zu machen.




In unserem Nachbarland Frankreich hingegen steht man – anders als in Hollywood – der ganzen #MeToo-Bewegung äußerst kritisch gegenüber. So ist beispielsweise Schauspielerin Catherine Deneuve der Meinung, Männern sollte man die Freiheit zu belästigen schon zugestehen – schließlich wäre es ja in den meisten Fällen nichts weiter als ungeschicktes Flirten und kein böswilliger Übergriff. Inzwischen hat sie sich für diese Aussage bei allen Opfern sexueller Gewalt entschuldigt, aber die Grenze, wo diese eigentlich beginnt, ist den meisten Männern und auch vielen Frauen noch immer nicht ganz klar. Und leider, muss ich sagen, kann man es vielen davon nicht verübeln.

Was sich liebt, das neckt sich?

Ich denke da an meine eigene Kindheit und was ich bereits in der Grundschule über Jungen und Mädchen und das Verhältnis, das beide Geschlechter miteinander haben, gelernt habe. Da war zum Beispiel dieser Typ, eine Reihe hinter mir, der mir immer wieder an meinen damals hüftlangen, von meinem Vater zu einem nachlässigen Pferdeschwanz gebundenen Haaren zog, wenn der Lehrer gerade Richtung Tafel blickte. Als ich meinen Eltern davon erzählte, dass dieser freche Junge mich immer ärgerte, lachten sie bloß und sagten mir, dass er wohl in mich verliebt wäre. Ich glaubte ihnen das, schließlich wusste ich es nicht besser und ließ seine Schikanen fortan über mich ergehen.

Erst, als er mir eines Tages mit seiner Bastelschere ganze zehn Zentimeter meiner geliebten Mähne abschnitt, drehte ich mich zu ihm herum und warf ihm mit voller Wucht einen Becher mit dreckigem Wasserfarbenwasser ins Gesicht. Man sollte meinen, dass spätestens hier einer von uns eine Strafe aufgrund unangemessenen Verhaltens bekommen hätte. Doch meine Kunstlehrerin lachte die Auseinandersetzung weg mit „Was sich neckt, das liebt sich!“. Es hatte für keinen von uns weitere Konsequenzen, außer dass wir beide den Rest der Stunden heulten. Dennoch glaubte ich weiterhin, dass er in mich verliebt sei. Und lernte, dass Jungs eben gemein sind, wenn sie ein Mädchen gut finden. Statt mich aktiv dagegen zu wehren, wurde mir also beigebracht, still zu bleiben und körperliche wie seelische Übergriffe als Kompliment zu betrachten.

Man hat mir beigebracht, „Nein“ zu sagen, um interessant zu wirken

Als ich dann älter wurde und anfing, mich auch sexuell für Jungs zu interessieren – und nicht nur mehr auf der kumpelhaften Ebene – wurde ich ziemlich schnell mit ähnlichen, ich nenne es einmal „Mythen“ konfrontiert, die man pubertierenden Mädchen über Jungs erzählte. Zum Beispiel, dass man einen Typen, den man wirklich, wirklich gut fand und mit dem man unbedingt mal nach der Schule Eis essen gehen wollte, zwei- bis dreimal abblitzen lassen sollte. Einerseits, um auf diese Art zu demonstrieren, dass man keine Schlampe war,. Und andererseits, weil man das Interesse der Jungs erst dann wirklich wecken konnte, wenn man sie links liegen ließ, ihre Anmachversuche abwehrte oder ignorierte und ihnen so das Gefühl gab, einen wirklich „erobert“ zu haben. Wenn man nach dem fünften Mal endlich „Ja!“ zu einem Treffen in der Eisdiele sagte – obwohl man natürlich auch beim ersten Mal schon mitgekommen wäre.

Ich fand erst als Erwachsene heraus, dass man vielen Jungs tatsächlich erzählt hat, dass Mädchen, die sich ablehnend verhalten, in Wirklichkeit ganz großes Interesse an ihnen (also den Jungs) haben und einfach nur erobert wollen. Oder auch nur austesten, ob der Typ sich auch wirklich genug anstrengt, um ihrer überhaupt würdig zu sein. Und, dass sie sich von einem „Nein!“ nicht beirren lassen und es einfach weiterhin versuchen sollten, schließlich würde es zum Flirten ja dazugehören, dass die Frau sich erst mal etwas ziert, um die Jagdinstinkte des Mannes zu wecken.

Wenn man Kindern und Jugendlichen solchen Schwachsinn erzählt über das Verhältnis von Jungs und Mädchen untereinander und wie sie miteinander umgehen, welche Intension sie haben, wenn sie sich ablehnend oder übergriffig verhalten, dann wundert es mich nicht, warum Männer nicht mehr wissen, was man beim Flirten überhaupt noch darf und Frauen Angst haben offen „Nein!“ zu sagen, weil das als Koketterie interpretiert werden und zu noch mehr ungewollten Flirtversuchen führen könnte, als wenn man einfach nur lächelt, nickt und von sich aus hofft, dass es einfach bald vorbei ist.

Es wird beigebracht, Belästigungen zu ertragen

Auch wenn sich kein sexueller oder anderweitiger Übergriff damit entschuldigen lässt, glaube ich, dass vielen Menschen bereits in jungen Jahren ähnliche Dinge erzählt wurden wie mir. Dass Frauen sich nicht trauen, laut und deutlich „Nein!“ zu sagen, weil sie gelernt haben, Belästigungen zu ertragen und zu einem gewissen Teil sogar als normal anzusehen. Und dass Männer insbesondere nonverbale Gesten der Ablehnung nicht verstehen oder falsch deuten, weil man ihnen immer wieder erzählt hat, dass Frauen sich nur distanziert verhalten, weil sie sich interessant machen und gejagt werden wollen oder ein „Nein!“ nur „Überzeug mich!“ heißt.

Es wird Zeit, dass wir all die falschen Glaubenssätze, die uns von frühster Kindheit an in den Kopf gepflanzt wurden, über Bord werfen. Und vor allem der Generation nach uns beibringen, dass „Was sich liebt das neckt sich!“ ein Mythos ist, mit dem sich weder verbale noch körperliche Angriffe entschuldigen lassen, dass „Nein!“ tatsächlich „Nein!“ heißt und auch, dass man, um Männern zu gefallen, sich nicht durch eine Abwehrhaltung „interessant machen“ muss, weil man als Person, die anderen mit Ehrlichkeit und Respekt begegnet, bereits interessant genug ist. Alles andere wäre nämlich sexistisch.

Mehr von Nadine Krolls findet ihr in ihrem erstem Buch „Stellungswechsel“

Nadine Kroll, Gastbeitrag geboren 1990, studiert Kunstgeschichte in Berlin. Mit 19 Jahren zog sie aus der schwäbischen Provinz in die Hauptstadt, wo sie seitdem über Feminismus, queere Sexualität und die politischen Interessen der Generation Y schreibt. Vor kurzem erschien ihr erstes Buch „Stellungswechsel“ vom Goldmann Verlag.

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