Jetzt ist das Sterben im Mittelmeer persönlich geworden

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Am Bahnhof klatsche ich nicht, ich bin nicht links, nicht grün und dusche regelmäßig. Trotzdem bin ich genau das, was man in gewissen Kreisen mangels echter Argumente gerne als „linksgrünversiffter Bahnhofsklatscher“ beschimpft.

Schließlich betreibe ich eine Seite, die sich gegen Rechtspopulismus wendet und habe ein generelles Problem mit mangelndem Mitgefühl. Ich mag Menschen nicht, die Flüchtlingsunterkünfte anzünden und ich mag nicht sehen, wenn Kinder im Mittelmeer ertrinken. Da ich mich mit der Feuerwehr schon vor Jahrzehnten für einen anderen – sehr zeitintensiven – Weg entschieden habe, Nächstenliebe tagtäglich auszuleben, habe ich bis auf Kleiderspenden und ein wenig Geld bisher nicht viel für Geflüchtete getan. Für mich waren die Schicksale der Geflüchteten bisher auf wenige Kontakte zu Kindern in der Schule meines Sohnes eher theoretisch als wirklich greifbar, also über Videos, Berichte und Artikel. Und das tat schon weh genug.



Jetzt ist das anders. Seit kurzem habe ich einen neuen Kollegen

Er ist Ingenieur und aus Syrien zu uns gekommen (Fachkraft, Ihr versteht schon!), genauer gesagt aus Daraa, der Stadt, in der 2011 alles begann. Er spricht bereits großartiges Deutsch, lernt schnell und islamisiert uns im Vorbeigehen mit köstlichen Baklava. Und er hat eine jahrelange Odyssee hinter sich, deren Strapazen ich Wohlstandsglückskind mir nicht mal im Entferntesten ausmalen kann. Er ist nicht im Mittelmeer ertrunken, sondern hat es zu uns geschafft, ebenso wie seine Frau und seine beiden Söhne. Demnächst kommt wohl noch ein kleiner Mensch dazu, der dann hier in Deutschland sein Leben ohne Angst und Bomben, dafür aber voller Chancen, starten kann.

Jetzt ist der Krieg persönlich. Daraa wird gerade von Assad und Putin bombardiert. Bekommt das die Welt eigentlich noch richtig mit? Hunderttausende Menschen sind auf der Flucht Richtung Jordanien, Richtung Israel. Ein Teil seiner Familie ist zurückgeblieben, sie schicken ihnen regelmäßig Geld für das Nötigste. Er checkt am Handy mehrmals täglich, ob alle seine Verwandten und Freunde noch leben.

Einige kämpfen, einige sind verschwunden und einige hängen mitten in diesem Krieg zwischen den Fronten fest. Ich sehe ein Video aus der Straße, in der er früher gelebt hat und mir kommen die Tränen. Ich stelle mir meine Heimatstadt in diesem Zustand vor. Die Häuser gleichen einem Trümmerhaufen, keins ist heil, auf der Straße große Brocken. Leichen, immer wieder Leichen. Sein Schwager versorgt als Arzt mitten im Krieg täglich Bombenopfer. Ich sehe die Schatten unter seinen Augen, wenn die Nächte im Internet und am Telefon kurz waren, sehe die Sorge in seinem Blick, wenn er auf sein Handy schaut. Wie muss es sich anfühlen, wenn jede Nachricht den Tod eines geliebten Menschen verkünden könnte?

Und selbstzufriedene Typen in Anzügen faseln von „Asyltourismus“

Und dann kommen ein paar satte, überwiegend pensionsreife Bayern daher und erzählen uns allen wegen einer Landtagswahl, das Boot sei mal wieder voll. Nein. Das Boot geht im Mittelmeer unter und es ersaufen jämmerlich hunderte Menschen. Menschen, die geliebt wurden. Es sterben der Klassenclown, der Musikliebhaber, die Mathelehrerin, die schönste Frau von allen, kleine Helden, große Träumer. Es sind Menschen. Witzige Menschen, ängstliche Menschen und – wie in jeder größeren Gruppe – auch einige Betrüger und Verbrecher.

Und diese selbstzufriedenen Typen in den schicken Anzügen? Sie faseln am Rednerpult, aus der Sicherheit eines Zuhauses ohne jede existentielle Bedrohung kommend, munter blaubraun von „Asyltourismus“ daher, lösen eine handfeste Regierungskrise aus – und verlieren dabei komplett aus dem Blick, dass es hier um Menschen geht. Menschen, die einfach nur den nächsten Tag überleben wollen. Menschen, die sich lieber in einer Nussschale aufs Mittelmeer wagen, als noch einen Tag länger Krieg zu ertragen.

So lange man über Geflüchtete streitet, muss man nicht über echte Probleme reden

Kinder, die nichts kennen als Krieg, Tod, Verlust und Angst. Wer im Mittelmeer ertrinkt, der kostet keine Wählerstimmen. Wenn auch nur ein potentieller Vergewaltiger verreckt, ist Deutschland ein Stück sicherer, denken sie. Dass die aktuellen Flüchtlingszahlen überhaupt nicht zur aktuellen Aufregung passen – geschenkt. Solange man über Flüchtlinge streitet, muss man nämlich nicht über andere Baustellen reden.

Diese satten Schreihälse vergessen, dass sie selbst Menschen sind und damit kein Stück besser als die, die jetzt Hilfe brauchen. Sie denken an politisches Kalkül, an Stimmen, die sonst an andere gehen, an drohende Mehrheitsverluste, aber nicht an Menschen. Und alle plappern es ihnen und den blaubraunen Schreihälsen nach. Das ist leichter als selbst zu denken und mitzufühlen. Ob einer von denen jemals persönlichen Kontakt zu einem hatte, der diese Flucht hinter sich hat? Ob jemals einer von denen zugehört hat, sich von der Angst erzählen ließ? Sie sagen, sie seien Christen, aber Fremden helfen? Das geht ihnen doch nun wirklich zu weit.

Jetzt nehme ich das persönlich. Ich bin wütend.

Artikelbild: pixabay.com, CC0, Autor: FB-Admin Gutes Deutsch für stramme Deutsche

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1 Kommentar
  1. Susanne sagt

    Vielen Dank für diesen Beitrag. Besonders dies hier ist mir sehr zu Herzen gegangen, drückt es doch genau aus, was ich fühle, ohne es so gut erläutern zu können. Danke dafür.

    „… es ersaufen jämmerlich hunderte Menschen. Menschen, die geliebt wurden. Es sterben der Klassenclown, der Musikliebhaber, die Mathelehrerin, die schönste Frau von allen, kleine Helden, große Träumer. Es sind Menschen. Witzige Menschen, ängstliche Menschen und – wie in jeder größeren Gruppe – auch einige Betrüger und Verbrecher.“

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