Diese Physiotherapeutin hat ein paar ernste Worte für die Regierung

| 7. Mai 2018

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Eine Ausbildung, für die man sich verschulden muss, um einen Job zu machen, mit welchem man dann diese Schulden nicht abbezahlen kann, weil man die für den Job nötigen Fortbildungen auch selbst zahlen muss. Um am Ende dann garantiert in Altersarmut zu enden. Diese Physiotherapeutin hat ein paar harte Worte für die Kanzlerin und den Gesundheitsminister Spahn.

Sehr geehrte Frau Merkel, Sehr geehrter Herr Spahn,

Ich bin eine 30-jährige angestellte Physiotherapeutin aus NRW und nun mittlerweile seit 6 ½ Jahren Vollzeit im Beruf. Damals nach meinem Abitur war klar: ein Bürojob passt nicht zu mir. Etwas Soziales sollte es sein. Durch Zufall kam ich an den Beruf der Physiotherapie.

Was war passiert? Meine Mutter hatte auf einmal Schwindel. Nach ausgiebiger ärztlicher Diagnostik bekam sie eine Verordnung zur Krankengymnastik. Da sie aber nicht alleine hin kam, fuhr ich sie zur Praxis und war während der Behandlung anwesend.




Die Therapeutin befundete meine Mutter und kam ebenfalls zu dem Schluss, dass es vermutlich vom Nacken kam. Für mich damals, gefühlt „einige Handgriffe“ später ging meine Mutter mit einer deutlichen Linderung der Beschwerden aus der Praxis. Nach einer Woche war das Thema sogar so weit vom Tisch, dass sie keine Beschwerden mehr hatte.

Diese Erfahrung hatte mich tief beeindruckt. So kannte ich die Medizin bis dahin nur als „Ich gehe zum Arzt und bekomme ein paar Medikamente, ggf. eine Krankschreibung. Abwarten, Tee trinken und entweder ist es besser oder eben nicht“. Wie war es möglich, dass die Therapeutin mit einigen „Handgriffen“ so zügig eine Linderung herbei führen konnte? Heute weiß ich, dass sie manualtherapeutisch die Halswirbelsäule behandelt hat. Denn die Ursache war einfach „nur“ eine Blockade.

Ich absolvierte ein Praktikum in einer orthopädischen Reha und weitere 3 Monate später begann ich die Ausbildung. Euphorisch den Menschen etwas Gutes tun zu können und sie in ihrer Genesung unterstützen zu können. Was für ein Gefühl!

Die erste Ernüchterung ließ aber nicht lange auf sich warten

500€ Schulgeld mussten bezahlt werden – und zwar monatlich! Lehrgeld für die Ausbildung? Fehlanzeige. Eine Ausbildung, die Geld kostet, statt ein kleines Gehalt zu bekommen. Ohne Kredit wäre das gar nicht möglich gewesen. Nach 3 Jahren startete ich also mit ca. 18.000 € Schulden meine Berufslaufbahn.

Die zweite Ernüchterung mit Beginn der Berufsausübung in einer Praxis kam rasch: Behandeln im 20min Takt. 3 Patienten pro Stunde. Je nach Arbeitstag 7-10 Stunden. Das heißt also aufpassen, dass man auch pünktlich mit der Behandlung endet, um pünktlich mit dem nächsten Patienten zu starten. In Ausbildungszeiten werden die Behandlungen in einem Krankenhaus durchgeführt – ohne zeitliche Limitierung! Wenn ich also in der Praxis im Verzug war bedeutete es: kürzere Mittagspause oder unentgeltlich länger arbeiten. Denn die Versicherungen und Krankenkassen interessiert es nicht, wenn Oma Erna mit 81 Jahren überraschender Weise mehr Zeit zum Aus- und Anziehen braucht und dadurch der Raum für die nächste Behandlung noch nicht zur Verfügung steht. Pech gehabt. Dann muss ich dafür mehr Zeit einplanen. Aber hey, der Heilmittelkatalog sagt auch „Mindestbehandlungszeit von 15min“. Ja, darum planen wir ja auch schon 20min, um diese Sachen abzupuffern.

Beim Blick in den Heilmittelkatalog werden Sie aber dann auch sagen „Moment, Fr. Schweitzer, Der Heilmittelkatalog beschreibt bei Krankengymnastik Einzeltherapie eine Behandlungsdauer von 15-25 Minuten“. Korrekt!

Aber wissen Sie was? Die Krankenkassen zahlen den gleichen Betrag – ob ich 15 Minuten oder 25 Minuten behandele. Ich bekomme 19,85€ pro Behandlung (VDEK Preis Krankengymnastik Einzelbehandlung) für 15min. Aber ich bekomme auch 19,85€ pro 25 min KG Einzel. Dieser Betrag ist ein Witz. Denn der landet ja nicht zu 100% bei mir als Arbeitnehmer. Von diesem Geld müssen Miete für Praxisräume, Material für Praxisaustattung, Büro, Sanitärbedarf, Strom, Lohnnebenkosten, Versicherungen, meine Chefin und unsere Rezeptionskraft bezahlt werden.

Ein Vollzeitjob, von dem man nicht leben kann

Oh. Das ist wenig. Ich arbeite 40 Stunden Vollzeit und bekomme dafür 2100€ Brutto. Da ich derzeit noch unverheiratet und kinderlos bin ist das irgendwie noch so gerade okay. Jetzt arbeite ich aber leider in Köln. Wissen Sie wie hoch die Mieten hier sind? Ich wohne 40km von meiner Arbeitsstelle entfernt, denn hier kann ich eine Miete bezahlen, die nicht mein halbes Nettogehalt auffrisst. Aber dafür habe ich monatlich Spritkosten von circa 160€. Ein Bahnticket würde mich übrigens 120€ monatlich kosten, etwas günstiger aber dafür doppelte Fahrzeit. Warum suche ich mir nichts Wohnortnäheres? Gute Frage.

Meine Antwort: Ich arbeite in einer spezialisierten Praxis, die Patientinnen und Patienten jeden Alters mit gynäkologischen, urologischen und proktologischen Problemen inklusive chronischer Schmerzsyndrome behandelt. Das machen leider nicht viele Therapeuten. Ich habe ca. 2 Jahre lang nach einer Praxis suchen müssen, die diesen Schwerpunkt überhaupt bietet. Aber das soll ein anderes Thema sein.

Im Laufe der Berufsjahre zeigte sich schnell Ernüchterung Nummer drei: Von dem geringen Gehalt was ich bekomme muss ich nun auch meine mitunter teuren Fortbildungen selber bezahlen. Dem Gesundheitssystem reicht die alleinige Ausbildung nicht (Qualitätssicherung, Sie wissen schon). Damit darf ich nur Krankengymnastik Rezepte behandeln. Möchte ich auch die anderen Heilmittel legal behandeln sollte ich nach Möglichkeit noch die Manuelle Lymphdrainage (~1800€), manuelle Therapie (~3300€) und neurologische Behandlungen wie Bobath, PNF oder Voijta (~1800€ – nur Kurs für Erwachsenenbehandlung) absolvieren. Die Kosten für Anfahrt, Unterkunft und Verpflegung kommen selbstverständlich noch oben drauf. Aber das sind ja nur die abrechnungsrelevante Fortbildungen.

Wir Heilmittelerbringer sollen uns ja stetig auf dem Laufenden halten, so sind in meinen 6 ½ Jahren noch mal gute 4000€ gesamt für „kleinere Fortbildungen“ zusammen gekommen. Die unter anderem in Kommunikationsführung, Weiterbildung aktueller wissenschaftlicher Erkenntnisse der Behandlung von Schmerzen und meiner o.g. Spezialisierung galten. Obendrauf wie immer: Anfahrt, Unterkunft und Verpflegung.

Ich habe bis heute also ca. 28.000€ in meine Aus- und Weiterbildung investiert und bekomme 2100€ monatlich brutto. Klingt unfair? Ist es auch!

Kommen wir zur Ernüchterung Nummer vier: Ich möchte in Zukunft gerne eine eigene Familie, sprich Kinder haben. Ob ich das mit meinem Gehalt finanzieren kann? Möglich, aber sehr schwierig. Ich wette mit Ihnen, ich dürfte dann zu meinem Gehalt aufstocken! Großartig! Vollzeit arbeiten und trotzdem aufstocken müssen. Denn ganz ehrlich: Ich werde auf eine Kinderbetreuung angewiesen sein – Teilzeit arbeiten wäre eine finanzielle Vollkatastrophe. Vielleicht sollte ich aber auch einfach bei Elitepartner nach einem Partner suchen der viel Geld verdient – Herr Spahn, sind Sie zufällig noch zu haben?

Ernüchterung Nummer fünf betrifft ebenfalls meine Zukunft: Wieviel Rente werde ich wohl mit diesem Gehalt erwarten können? Wenn ich daran denke, könnte ich heulen. Denn mich wird, sofern sich nichts ändert, die Altersarmut betreffen.

Was sagen Sie? Private Altersvorsorge? Ja, natürlich ist das wichtig. Sie wissen ja, ich verdiene genug Geld um mir monatlich 200-500€ zurück zu legen. Ich würde gerne lachen, aber es bleibt mir im Hals stecken.

Es gibt noch so viele unzählige andere Dinge die ich hier schreiben könnte. Aber dann würden Sie jetzt vermutlich ein kleines Buch in der Hand halten. Denn das Thema Bürokratie und „Abzocke“ von Seiten der Krankenkassen und Versicherungen habe ich nun einmal außen vor gelassen. Genau so habe ich mich noch nicht zu dem Thema Fachkräftemangel geäußert. Obwohl, doch ein kleiner Satz: Wir suchen seit 1 ½ Jahren einen neuen Mitarbeiter für unsere Praxis. Ohne Erfolg!

Möglicherweise kommen die Patienten ohne unsere Hilfe aus. Aber wir Physios und Heilmittelerbringer im gesamten sind nur ein geringfügiger Teil der Ausgaben in unserem Gesundheitssystem. 60 Einheiten Physiotherapie wären noch immer günstiger als eine komplizierte Rücken-OP und in vielen Fällen womöglich sogar effektiver. Wir sind die jenigen die dafür sorgen, dass wirtschaftliche Ausfälle durch Krankentage bei u.a. Rückenschmerzen reduziert werden, können da wir unseren Patienten adäquate, physiologische Beratung für Bewegung und Arbeitsplatz wie auch Selbstmanagement bei Schmerzen mitgeben.

Mal schauen, ob ich eine Veränderung in der Heilmittelbranche noch selber erlebe. Denn im Nachhinein denke ich mir: Hättest du mal doch lieber einen Bürojob gelernt, dann hätte ich vielleicht Rückenschmerzen ABER ich könnte mit deutlich weniger finanziellen Sorgen in die Zukunft blicken.

Fünf Ernüchterungen – Fünf große Themen die mich persönlich als Mensch und Therapeutin sehr beschäftigen und an mein Limit bringen. Und um ehrlich zu sein: Nicht nur mich.

Mit freundlichen Grüßen,

#therapeutenamlimit
http://therapeuten-am-limit.de/

Sehr geehrte Frau Merkel, Sehr geehrter Herr Spahn,Ich bin eine 30-jährige angestellte Physiotherapeutin aus NRW und…

Gepostet von Ana Toome am Montag, 30. April 2018

 Autorin: Anna Schweitzer, Artikelbild: pixabay.com, CC0

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