Geht es Veganern gar nicht um Tiere, sondern darum, moralische Überlegenheit zu demonstrieren?!

| Graslutscher | 14. April 2021

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Die Moralkeule-Keule

Bevor ihr mich in den Kommentaren zerreißt: Das ist nicht meine Meinung, sondern die des Historikers Ilja Steffelbauer. Dieser hat dem ZEIT MAGAZIN im Rahmen seiner aktuellen Promo-Tour ein Interview gegeben, denn er hat kürzlich ein Buch veröffentlicht: „Fleisch – Weshalb es die Gesellschaft spaltet“.

Das ist auch sein roter Faden durch das Interview: Um die Gesellschaft steht es schlecht, denn sie ist ganz furchtbar gespalten. So gäbe es auf der Welt Menschen, die sich kein Fleisch leisten können und solche, die sich viel zu viel leisten. Und dann sei die globale Mittelschicht auch noch mal gespalten, vertikal, um genau zu sein. Denn da gäbe es einerseits Menschen, die „traditionelle Konsummuster weiterverfolgen“ – übersetzt bedeutet dieses 14-Silben-Ungetüm: Die essen Fleisch. Andererseits gibt es da andere Menschen, die „durch den Verzicht auf Fleisch ihre besondere Stellung artikulieren wollen.“

Hach, die arme Gesellschaft wird total gespalten, so ein Jammer

Lustig, das klingt ja irgendwie, als würde er das bedauern. Hach, die arme Gesellschaft wird total gespalten, so ein Jammer. Die Kollegin vom ZEIT MAGAZIN war aber vorbereitet und fragt nach, warum er das jetzt auf einmal so höflich ausdrückt. In seinem Buch sei das ja weniger neutral formuliert, ginge es da doch um „modernen, fanatischen Veganismus“, durch den sich die „die globale Bourgeoisie“ überlegen fühlen könne.

Ich bin ja kein Historiker, aber könnte so eine Spaltung nicht auch dadurch entstehen, dass man ständig behauptet, ein Teil der Bevölkerung hielte sich für moralisch überlegen? Just guessing…

Veganer:innen seien für ihn eine gebildete Schicht, für die Verzicht eine Form der Abgrenzung sei. Früher hätte diese Schicht sich abgegrenzt, indem sie die Oper dem Blaskonzert vorzog, aber heute isst sie halt kein Fleisch. Seine These:

„Die im öffentlichen Diskurs stehenden Veganer (sic) wollen in erster Linie moralische Überlegenheit demonstrieren.“

Tja, was soll ich sagen. Fuck, da bin ich wohl aufgeflogen

Als ich mich vor 14 Jahren entschloss, die Kuhmilch aus meinem Kühlschrank zu verbannen, spielten Tiere überhaupt keine Rolle bei dieser Entscheidung. Ich saß einfach wie jeden Samstagabend in einem übergroßen Sessel, eine weiße Katze auf dem Schoß streichelnd, und habe unter diabolischem Gekichere überlegt, wie ich den Menschen im Jahr 2021 am besten meine Überlegenheit demonstrieren kann. Und kam zu dem Schluss, dass Blaskonzerte einfach zum Kotzen sind.

Nur mal so zur Einordnung: Mein Schritt zum Veganismus kam im Jahr 2007, ein Gefühl der Überlegenheit blieb da irgendwie aus. Wisst ihr, wie Wurst- und Käseersatzprodukte da geschmeckt haben und in wie vielen Cafés es Hafermilch gab? Der Käseersatz wirkte wie ein gescheitertes Experiment für innovativen Fensterkit, die Würste verfügten über das Bratverhalten von Tannenzapfen und zerbröselten auf dem Grill, ein Schluck Sojamilch hatte den olfaktorischen Reiz von eingeweichtem Pappkarton. Es war nicht schön.

Und wie stellt sich der Historiker denn vor, wie man zu einem im öffentlichen Diskurs stehenden Veganer wird?

Mir ist jetzt keinen Volkshochschulkurs „Zum veganen Influencer in 20 Tagen“ bekannt. Okay, ich weiß auch gar nicht, ob das nicht gerade etwas vermessen von mir ist, mich einfach als Beispiel zu nehmen – von welchen im öffentlichen Diskurs stehenden Personen hat der da wohl geredet? Mir fallen da spontan wenig Menschen ein, die über die vegane Filterblase hinaus sonderlich viel Bekanntheit genießen. Hilal Sezgin vielleicht? Patrik Baboumian? Moby? Die waren doch alle lange vegan, bevor sie in der Öffentlichkeit standen.

Es ist ja so: Bei Veganismus geht es um Ethik, um das Vermeiden von Tierleid halt (das ist die Definition der Vegan Society). Dieses Ziel steht genau betrachtet im genauen Widerspruch zu der Idee, sich anderen gegenüber überlegen zu fühlen. Denn wenn es für mich nur um Überlegenheit ginge, dann würde ich ja gar nicht wollen, dass sich das ändert und so hoffen, dass die anderen Menschen auch weiter 60 Kilo Fleisch pro Jahr konsumieren.

Ja, ich kann mich natürlich auf den Balkon stellen und dort selbstverliebt und hochnäsig Gedichte in den Nachthimmel schreien, Thema: Was ist Jan nur für ein krass moralisches Vorbild, sehet her, wie seine leuchtende Überlegenheit alles überstrahlt! Dem Ziel, Tierleid zu vermeiden, brächte mich das aber nicht näher, weshalb so ein Gedicht halt narzisstischer Unsinn wäre.

Vegane Freude über Fleischkonsum…?

Wie stellt Herr Steffelbauer sich das vor? Einerseits betreibe ich einen Riesenaufwand, um meinen Kühlschrank tierfrei zu bekommen – im Jahr 2007 war das wie gesagt deutlich anspruchsvoller als heute – und dann setze ich mich in den Liegestuhl und freue mich darüber, dass andere Fleisch essen? Jo, dann freut Greta Thunberg sich vermutlich auch über polnische Kohlekraftwerke und Menschenrechtler freuen sich über Rassisten, weil sie dann alle im Kreis tanzen können ob ihrer moralischen Überlegenheit.

Grundsätzlich ist dieser Vorwurf des Überlegenheitsgefühls nun mal ein Null-Argument, könnte ich damit ja allen altruistischen Menschen vorwerfen, ihre Werte nur aus Profilierungssucht zu leben. Was, Ihr wollt häusliche Gewalt abschaffen? Pfft, das macht ihr doch nur für ein Bundesverdienstkreuz. Was, ihr wollte den Nahostkonflikt beenden? Klar, weil ihr schon die Rede für die Nobelpreisverleihung in der Schublade habt. Total egoistisch von euch!

Nun wird es noch absurder:

Der Historiker, der offenbar ein ganzes Buch aus dem Gefühl heraus geschrieben hat, dass irgendwelche ihm nicht bekannten Menschen ihn als Person nicht genug wertschätzen, plädiert für mehr Rationalität. Die Interviewerin fragt ihn:

„Aber ist es nicht durchaus auch eine rationale Entscheidung, aufgrund der Zustände in der Massentierhaltung und der Fleischproduktion auf tierische Produkte zu verzichten?“

Daraufhin folgt vom Historiker dieses seltsame Geschwurbel:

„Ja, aber da stoßen wir auf ein grundsätzliches Problem. Wir glauben, dass wir rationale Entscheidungen treffen. Doch sie sind definiert durch den Ort, an dem wir uns sozial befinden. Wenn Sie das Gefühl haben, Sie sollten was für die Umwelt tun und die Leute in ihrem Umfeld lassen sich eine Solaranlage aufs Dach montieren, dann werden sie das tendenziell auch eher machen, als zum Beispiel ein Biotop anlegen.“

Was? Moment, also wenn jemand angesichts von objektiv schlimmen Zuständen durch die Tierhaltung kein Fleisch mehr isst, dann ist das keine rationale Entscheidung, weil Leute anstatt einer Solaranlage auf dem Dach ja auch ein Biotop anlegen könnten? Wow… als mein Sohn 3 Jahre alt war, hat er mal seine ganzen Buchstabenklötze in den Sandkasten geschmissen und sein Mittagessen darüber verteilt. Die sich daraus ergebenen Worte haben mehr Sinn ergeben als das.

Plötzlich gibt es keine rationalen Entscheidungen mehr

Ja, wir sind in unseren Entscheidungen immer auch von anderen Menschen beeinflusst, aber wenn das schon ausreicht, eine Entscheidung als irrational zu bezeichnen, dann sind ALLE Entscheidungen irrational. Auch die Entscheidung, auf Basis eines unausgereiften Gedankens ein ganzes Buch zu schreiben und damit die Menschen im ZEIT-Verlag zu quälen.

Vielleicht bauen sich viele Leute auch einfach ein Solarmodul aufs Dach, weil ihnen für ein Biotop 400 Quadratmeter Garten fehlen? Ständig kommt der Mann mit dieser Erzählung von den wohlhabenden Veganer:innen, die über den niederen Blasmusik-Pöbel nur die Nase rümpfen und jetzt erzählt er Tausenden Leuten in Mietwohnung, dass ihre Solaranlage irrational ist, weil sie auf ihrem Gestüt ja ein Biotop hätten anlegen können.

So ein Unsinn. Es gibt doch genug rationale Gründe, kein Fleisch mehr zu essen. Massives Tierleid, massive Umweltzerstörung und dessen enormer Anteil an den Treibhausgasen, massive Ausbeutung von schlecht bezahlten Hilfskräften, die nicht mal vor einer tödlichen Viruserkrankung geschützt werden. Aber hey, einfach mal kein Fleisch mehr essen, das geht nicht, das wäre vollkommen irrational, solange man kein Biotop hat.

Vielleicht mögen Schweine ja Kastenstandhaltung?!

So zumindest der Historiker, der selbst natürlich zu 100 Prozent rational agiert und sich gar nichts schönredet. Tierleid? Ach, i wo! Wir wissen doch gar nicht, ob es dem Schwein vielleicht ganz gut gefällt in der Kastenstandhaltung. Er fragt:

„Wissen Sie denn aber aus eigener Erfahrung, wie ein Schwein aussieht, dem es gut geht? Die Leute, die qualifiziert über Tiere reden können, sind weitaus weniger als die, die ein Verhältnis zu Tieren haben. Die meisten haben dieses Verhältnis nur, indem sie tierische Produkte konsumieren oder eben auch nicht – und damit eigentlich keine Ahnung.“

Klar, Ahnung haben nur Menschen, die aus Tieren irgendwie Geld rauspressen, die anderen sind alle blöd. Gut, es gibt da Verhaltensforscher:innen, die längst ziemlich unstrittig festgestellt haben, dass unsere Fleisch-, Milch- und Eierproduktion für die Kreatur mit Schmerz, Trauer und Angst verbunden sind. Schweine sind ja recht intelligente Tiere, es gibt keinen objektiven, rationalen Grund, ihnen das Empfinden abzusprechen.

Aber es gibt einen subjektiven: Wenn jemand sich zu Beginn des Interviews auf „sein Steak und Schnitzel“ beruft und es dazu schlecht passt, dass so ein blödes Nutztier leider auch Emotionen und ein Schmerzempfinden besitzt. Steffelbauer behauptet:

„Damit vermenschlichen wir das Nutztier. Woher sollen wir denn wissen, was Tiere empfinden?“

Tja, und woher soll ich wissen, was Historiker empfinden?

Ob es ihnen eventuell gar nichts ausmacht, wenn ich den ganzen Tag Campingklos über ihnen entleere, weil ihre Riechkolben ganz anders funktionieren als die von BWLern? Sorry, aber das ist einfach unwissenschaftlicher Unsinn, denn es gibt längst sehr gute Untersuchungen zu der Frage, ob Tiere Schmerz empfinden. Spoiler: Tun sie.

Hühner mit einer schmerzhaften Störung des Gangbildes und arthritische Ratten suchen sich gezielt Futter mit darin enthaltenen Schmerzmitteln aus und verhalten sich anschließend auch anders, weil z. B. das Auftreten mit einem lahmen Bein nicht wehtut. Ähnliche Versuche wurden mit an Klauenfäule leidenden Schafen, Kühen und Ferkeln gemacht, mit immer gleichem Ergebnis.

Das Erleiden von Schmerz entsteht bei uns Menschen durch unser Nervensystem, unsere Neurochemie, unsere Wahrnehmung und unsere Emotionen – alles Dinge, über die alle Säugetiere verfügen. Zudem ist das Empfinden von Schmerz eine evolutionsbiologisch sehr sinnvolle Eigenschaft. Eine Spezies dürfte deutlich geringere Überlebenschancen haben, wenn ihr Körper ihr bei Verletzungen kein Signal zurücksendet.

Es ist daher verdammt plausibel, dass Schweine, Hühner und Kühe es nicht sonderlich prickelnd finden, wenn man ihnen Schwänze und Schnäbel beschneidet, Kühen die Hörner ausbrennt oder sie in kleine Teile zersägt. Ja, die meisten davon sind betäubt und bekommen das nicht mit, aber die Liste der tragischen Unfälle, durch die Tiere ihre Schlachtung bewusst miterleben, ist entsetzlich lang.

Veganer:innen bewerten all das Leid schlicht höher als das eigene Geschmackserlebnis

Und genau aus diesem vollkommen rationalen Grund wollen Veganer:innen keine Tiere essen, sie bewerten all das Leid schlicht höher als das eigene Geschmackserlebnis. Herr Steffelbauer hingegen findet den Schmerz vertretbar, sofern er dem Tier nur einen anderen Namen gibt:

„[das Verhältnis] darf aber nichts an der grundsätzlichen Tatsache ändern, dass es eben immer noch Nutztiere sind. Sie haben einen Nutzen, sie sind keine Kuscheltiere oder Gefährten.“

Irgendwie niedlich, wie ein Mann, der angeblich für mehr Rationalität ist, sich hier vehement an einer recht willkürlichen, ja irrationalen Definition festhält, um das eigene Verhalten zu rechtfertigen. Wer definiert denn, was ein Nutztier ist? Warum setzen wir Schweine dem Horror der Massentierhaltung aus, während ein geschlagener Hund zu Zornesausbrüchen und Gewaltandrohungen in Kommentarspalten führt?

Wir könnten ja auch Hunde essen, oder nicht? Ihr Fleisch ist sehr reichhaltig an Proteinen und wertvollen B-Vitaminen und aus dem Fell könnte man gemütliche Decken für Kinderwägen machen. Gerade das Fell von Welpen soll ja sagenhaft weich und kuschelig sein. Das klingt komplett pervers? Dann googelt mal „Lammfell“ und wofür es gerne benutzt wird.

Ihr findet das nicht gut, weil Hunde unschuldige, liebenswerte Kreaturen sind, die man nicht einfach quälen oder töten darf? Na, dann nennen wir sie halt „Nutzhunde“. Wir züchten ein paar extra viel Fleisch ansetzende Exemplare und die bekommen ein paar Stöcke zum Spielen in den Stall. Dann sind sie ja nur dafür geboren worden, Nutzhunde zu sein. Deal?

Ich fasse mal zusammen:

Ein Historiker schreibt ein Buch, weil er denkt, dass in der Öffentlichkeit stehende Veganer:innen selbstsüchtige Narzissten sind. Er glaubt, dass diese auf wahnsinnig viel verzichten und sich deswegen selbst eine Art Jesus-Award für herausragende Moral verleihen. Und damit nerven sie jetzt alle, anstatt einfach mal ganz rational Nutztiere zu essen, weil die nun mal „Nutztier“ heißen und damit das richtige Label haben, um zum Spaß auseinandergesägt zu werden.

Dabei übersieht er Folgendes: Menschen, die sich vegetarisch oder vegan ernähren, tun das in der Regel nicht ihr Leben lang und haben früher selbst mal Tierprodukte gegessen. Die einzige Überlegenheit, die ich da verspüre, ist die gegenüber meinem früheren ich. Das wusste übrigens auch ganz schön lange, wie es in Schlachthöfen aussieht, und trotzdem hat es erst mal weiter Fleisch gegessen.

Es ist auch deutlich weniger Verzicht als sich viele vorstellen, daher auch der Slogan „At the end of the day, we vegans don’t give anything up – we simply stop taking what was never ours.“ Es ist eine Entscheidung, bei der Tiere im Fokus stehen, zur Abwechslung mal keine Menschen.

Es ist kein Wettbewerb, wer der bessere Mensch ist

Umso erstaunlicher, dass es bei Ilja Steffelbauer primär darum geht, wer hier angeblich der bessere Mensch ist und wer das mutmaßlich nur tut, weil er anstatt eines Blaskonzerts lieber die Oper besucht, um andere zu beeindrucken. Das Ganze wirkt wie ein Interview mit einem von schlechtem Gewissen geplagten Mann, der sich selbst ein Buch schreibt, um sich zu vergewissern, dass Veganer:innen blasierte, irrationale Schnösel sind, damit er weiter Fleisch essen kann.

Dass es Menschen gibt, die einfach nur aus Mitgefühl Tiere in Ruhe lassen wollen, scheint für ihn nicht denkbar.

Jan Hegenberg schreibt üblicherweise auf seinem Blog „Der Graslutscher“. Schaut doch vorbei! Artikelbild: Jan Hegenberg

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