Querdenker wollen China und andere Pandemie-Vertuscher schützen (WHO-Fake)

| Corona | 22. Mai 2022

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So blind ist der „Querdenken“-Hass auf die WHO

Okay, zugegeben: Das Framing in der Überschrift ist schon so massiv verkürzt, dass es selbst fast Querdenker-Niveau erreicht. Doch wir wollten mal ein wenig ihre Darstellungs-Methoden gegen sie selbst verwenden. „Querdenken“ als Bewegung will sicherlich nicht bewusst das chinesische Regime unterstützen. Und dennoch tun sie es, quasi als „Nebeneffekt“ ihrer generellen Desinformations-Kampagne. Ziel diesmal, wie so oft: Die WHO. Vielleicht habt ihr die wie immer mit Lügen gespickte Panikmache von Querdenken schon gehört

Worum geht es? Die WHO möchte es Ländern schwerer machen, im Falle potentieller zukünftiger Pandemien aus Eigennutz die Gefahr und Ausbreitung der Krankheit zu verheimlichen oder schönzureden. Man denkt da vor allem an autokratische Regime wie China, das im Laufe der Pandemie oft den Rest der Welt über Forschungsergebnisse und die nationale pandemische Lage im Unklaren gelassen hat (Quelle). Ein weiterer Fall wäre Nordkorea, wo bis vor kurzem offiziell gar kein Corona war und jetzt „auf einmal“ über eine Million Fälle aufgetreten sind (Quelle).

Doch die Querdenker interpretieren diese Regelungen anders – und wie immer natürlich nicht wahrheitsgetreu. Da die WHO für viele sowieso das Böse schlechthin ist, steht von vornherein fest, dass diese neuerlichen Maßnahmen zur Pandemieprävention auf jeden Fall schlecht sein müssen. Beim Versuch, diesen Standpunkt im Nachhinein mit „Fakten“ oder auch nur „Indizien“ zu belegen, greifen Pandemie-Leugner:innen zu rhetorischen Verdrehungen und Lügen, die letztlich das eigentliche Ziel, nämlich das Verhindern von Pandemien, komplett aus dem Auge verlieren.

Wir schauen für euch genauer hin. Der Faktencheck.

Keine „WHO-Pharma-Diktatur“, sondern Lehren aus der Pandemie

Angeblich soll auf US-Initiative ein „großer Schritt in die WHO-Pharma-Diktatur“ beschlossen werden, so lautet die Headline eines Blogs vom Handelsblatt-Autor Norbert Häring. Der war ursprünglich Wirtschaftsjournalist, hat sich jedoch in letzter Zeit, wie so viele andere aus dem Dunstkreis von „Querdenken“ & Co., zum Hobby-Virologen entwickelt. Doch in der fast schon fanatischen Furcht vor einer angeblichen „WHO-Pharma-Diktatur“ findet er nach wie vor Zustimmung in sozialen Netzwerken.

Konkret geht es diesmal um einen Antrag der USA bei der WHO vom 20. Januar 2022, veröffentlicht im April (PDF-Quelle). Auf der 75. WHA (quasi die Versammlung der WHO-Mitglieder), die vom 22.-28. Mai stattfinden wird (Quelle), soll der Antrag diskutiert und ggf. angenommen werden. Es geht dabei konkret um einige Änderungen der Internationalen Gesundheitsvorschriften (IGV, PDF-Quelle). Denn während der Corona-Pandemie hatte sich herausgestellt, dass man im Ernstfall wertvolle Zeit verliert, verlässt man sich auf zweifelhafte Angaben aus autokratischen Ländern. Besonders in den entscheidenden Anfangsmonaten der Pandemie muss sich das Regime in Beijing vorwerfen lassen, grobe Fehler in der Bekämpfung des Virus gemacht zu haben. Zuerst wurden Warnungen vor dem Virus unterdrückt, später Spuren vernichtet, die wichtige Informationen über den Ursprung des Virus hätten liefern können (Quelle).

Die WHO hat natürlich ein Interesse daran, globale Gesundheitsgefahren wie Pandemien schnellstmöglich zu bekämpfen. Doch bislang fehlen ihr handfeste Möglichkeiten, die Gesundheit der Menschen wirksam zu schützen, so unter anderem Experte Antoine Flahault, Direktor des Institute of Global Health an der Uni Genf. Demnach habe die WHO zwar viel Expertise, jedoch wenig reale Macht und finanzielle Mittel, um die Bevölkerung wirksam zu schützen. Besonders wenn es um Länder geht, deren Regierungen nicht kooperieren (Quelle). Genau das soll der Antrag der USA ändern.

Was *WIRKLICH* drin steht: Die konkreten Änderungen

Konkret geht es darum, bereits existierende Möglichkeiten der WHO in den IGV zu spezifizieren und genauer zu bestimmen, wie gewisse Kontrollfunktionen in der Realität umgesetzt werden. Die Überwachung des Ausbaus der Kapazitäten der Pandemieprävention soll regelmäßig geschehen (Art. 5). Es wird eine Frist eingeführt, innerhalb derer verdächtige Fälle gemeldet werden müssen (Art. 6). Und die WHO muss nicht erst die Regierung befragen, wenn ein Verdachtsfall von dritter Stelle gemeldet wird (Art.9), wenn der jeweilige Staat sich weigert, mit der WHO zusammenzuarbeiten.

Dann sollen andere Staaten zumindest schneller informiert werden (Art. 10) und die WHO soll selbst regelmäßiger Informationen über Verdachtsfälle veröffentlichen (Art. 11). Außerdem soll neben den existierenden „Gesundheitsnotlagen internationaler Tragweite“ die „Gesundheitsnotlage regionaler Tragweite“ und die „Gesundheitswarnung mittlerer Stufe“ eingeführt werden (Art. 12). Damit könnten bereits Maßnahmen ergriffen werden, bevor eine internationale Katastrophe ausbricht.

Unter rechten Pandemie-leugner:innen besonders gefürchtet ist offenbar das zu schaffende „Compliance Committee“ („Komitee der Beachtung“, ein gängiger Business-Begriff, Querdenker benutzen am liebsten die irreführende Übersetzung „Fügsamkeit“ oder „Unterwürfigkeit“, um ihr Lügen-Narrativ zu stärken). Demnach soll ein Komitee eingeführt werden, welches aus 6 Mitgliedern pro Mitgliedsregion besteht. Dieses soll jährlich einen Bericht schreiben, wie es um die internationale Zusammenarbeit in globalen Gesundheitsfragen steht.

Also einfach ein paar Leute, die schauen, wie erfolgreich das alles läuft und dann einen Bericht schreiben. Das war’s. Wahnwitzige Verschwörungsideolog:innen basteln jetzt daraus eine „WHO-Pharma-Diktatur“. Ja, diese Leute übertreiben wie immer wirklich völlig und lügen euch dreist ins Gesicht.

Fazit: Konstruktiv Denken statt „Querdenken“!

Zusammengefasst lässt sich sagen: Der Antrag der USA würde der WHO auf jeden Fall mehr Mittel zur Umsetzung ihrer Aufgaben geben. Der Gesundheitsschutz auf internationaler Ebene wurde gerade im Lauf der Corona-Pandemie oft durch Interessen autokratischer Regime, besonders China, eingeschränkt. Die WHO könnte auch mit den Änderungen, anders als von manchen behauptet, die Regierungen natürlich nicht entmachten oder gar eine „Pharma-Diktatur“ errichten. Allerdings wird es mehr Transparenz für die Öffentlichkeit geben. Staaten, die versuchen, Gesundheitsrisiken zu vertuschen, werden es schwerer haben, da es strengere Fristen und intensivere Möglichkeiten zur Kontrolle der Zusammenarbeit geben wird.

„Querdenken“ & Co. haben sich mittlerweile derart in ihren Narrativen und Feindbildern verrannt, dass sie nicht mehr in der Lage sind, tatsächlich konstruktiv kritisch zu denken. Stattdessen ist alles, was in irgendeiner Form mit der WHO zu tun hat, schlecht und wird sofort mit Diktatur assoziiert. Selbst wenn man dabei tatsächliche Diktaturen wie die in China indirekt schützt. Diese Leute drehen völlig durch, ihre Kritik hat nichts mehr mit der Realität zu tun.

Wir rufen alle Menschen auf, auch globale Machtstrukturen kritisch zu hinterfragen – doch das bedeutet, eine Abwägung der Vor- und Nachteile. Nicht einfach nur ein infantiles „Ich bin dagegen“, gepaart mit wirren Lügen. Denn man sollte sich immer die Fakten anschauen und darauf basierend ein dynamisches Weltbild errichten. Und nicht aus dem festgefahrenen Weltbild heraus entscheiden, welche Fakten einem gefallen und welche man neu erfindet, wie es einem passt.

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Artikelbild: shutterstock.com Jihan Nafiaa Zahri / Screenshots

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