Heuchelei: 9 rechte Fahndungsaufrufe & öffentliche Anprangerungen!

Es ist kein echter fahndungsaufruf. natürlich!

Die für ihre kontroversen Aktionen bekannte Künstlergruppe „Zentrum für politische Schönheit“ (ZpS) hat mit #SokoChemnitz für Schlagzeilen gesorgt. In der Aktion tun sie so, als würden sie eine öffentliche Fahndung nach Teilnehmern der rechtsextremen Ausschreitungen bei den Demonstrationen in Chemnitz Ende August fahnden, um diese zu „enttarnen“ und bei ihren Arbeitgebern anzukreiden.

Selbstverständlich machen sie das nicht wirklich. Das ist eine Künstlergruppe, deren Aktionen nie das waren, was sie zunächst behaupteten zu sein. Eine Aktion, die mit Crowdfunding eine Brücke als Fluchtweg über das Mittelmeer errichten sollte, war lediglich Satire, auch die vermeintliche Überwachung des Hauses von AfD-Mann Höcke war letztlich inszeniert.

Bisher veröffentlichte die Gruppe auf Twitter auch ausschließlich Demo-Fotos, die sowieso öffentlich waren, was kaum als Anprangerung herhalten kann, schließlich sind die Fotos bereits im Netz und wurden sowieso auf einer öffentlichen Veranstaltung geschossen. Auch wurde bisher niemand „enttarnt“, der nicht sowieso schon mit seiner Gesinnung öffentlich aufgetreten ist.



Geheuchelte Empörung

Die Aufmerksamkeit erreicht die Gruppe mit ihrer Aktion natürlich erst dadurch, dass sie so echt wie möglich wirkt. Das Kapital von Kunst und Satire ist stets Aufmerksamkeit. In einer Aktion aus dem Jahr 2016 („Not und Spiele“) wurden schließlich auch nicht wirklich Flüchtlinge von Löwen gefressen. Zweck der Aktion ist eben darauf hinzuweisen, dass solche öffentlichen Fahndungsaufrufe und Anprangerungen moralisch verwerflich sind. Und so haben sie auch die AfD und andere Rechte dazu gebracht, das einzugestehen.

Denn bisher waren das genau die Methoden, derer sich die Rechten und die AfD bedient haben. Und das ist keine haltlose Anschuldigung von mir. Nach nur kurzer Recherche sind mir sehr viele durchaus sehr bekannte Beispiele eingefallen. Vielleicht wird die Aktion solchen Aktionen in Zukunft ein Ende setzen. Zumindest wird sie die Heuchelei der Rechten aufdecken.

1.) AfD-Meldeportale

Das vielleicht bekannteste Beispiel sind selbstverständlich die AfD-Meldeportale für kritische LehrerInnen. Während die Listen der verpetzten LehrerInnen inzwischen nicht mehr öffentlich einsehbar sind, so ist doch das Anlegen von Listen mit kritischen Personen, um diese bei ihren Arbeitgebern (hier Schulen) anzuschwärzen genau das Gleiche, was die ZpS vorgibt zu tun. Wenn die AfD die Aktion ablehnt, müsste sie konsequenterweise sofort alle Meldeportale abstellen.

„Stasimethoden“: AfD hat Spitzel-Plattform, um kritische Lehrer zu melden

2.) Fahndung nach ZDF-KameraMann

Der neue Shootingstar der rechten Szene, Henryk Stöckl, dessen Lügen wir bereits mehrmals behandelten, ist gleich für mehrere private Fahndungsaufrufe verantwortlich. So rief er im September zu Identifizierung eines Kameramannes des ZDF auf. Zu den Vorwürfen: Anscheinend hatte der Mann nun mal, um Akku sparen, nicht die gesamte Veranstaltung gefilmt. Laut Aussagen des ZDF wurde der Mann nach der privaten Fahndung „massiv bedroht“, worauf ein Sicherheitsbeauftragter aktiviert werden musste.

3.) Öffentliche Anprangerung eines Rappers

Ebenfalls Stöckl war es, der einen Rapper mit AfD-kritischen Texten öffentlich anprangerte. Er veröffentlichte dessen Wohnort und dessen private Seite, sowie Fotos von ihm. Was nützt die Information über dessen Wohnort sonst, außer um ihn zu bedrohen und einzuschüchtern und nicht sogar persönliche Konsequenzen zu spüren? Mit „Kritik“ hat das schon lange nichts mehr zu tun.

4.) Anprangern von Vorsitzender von Stadtmission

Wieder Stöckl, wieder eine Anprangerung. (Unkenntlichmachung von uns)

5.) Anprangerung von Jimdo-Chef

Stöckls anscheinend beliebte Methode, um mit nicht genehmen Personen umzugehen: Öffentliche Anprangerung und Aufruf zu Shitstorm. Auffällig: Oft veröffentlicht er auch private Adressen. Will er etwa, dass jemand diesen Personen einen Besuch abstattet? So auch hier ein persönlichen Angriff auf den Vorstand des Unternehmens, das seine Website sperrte.

6.) Anprangerung eines Richters

Ein vorletztes Mal noch Stöckl, nur um zu zeigen, wie regelmäßig und häufig diese Methode von Rechten und speziell ihm verwendet wird. Wir haben noch viele weitere Beispiele von ihm gefunden, wie die Fahndung nach einer Person auf der Chemnitz-Demo, die den Hitlergruß zeigte (den er verdächtigte, ein Linker zu sein), einem Mann, der ein AfD-Plakat stahl, oder jüngst eine Aufforderung, dass eine Schulleiterin entlassen werde solle. Anprangern einer Privatperson mit Foto und Namen und die Aufforderung, dass diese ihren Job verlieren soll. Wo ist hier der Unterschied zu der Aktion der ZpS?

Unsere Kollegen von BuzzFeedNews führten vor kurzem auch ein Interview mit ihm, in dem sie eine weitere Fahndung Stöckls thematisierten:

„Journalistin attackiert mich“ schreibt Stöckl in einem Video am 3. September. Während einer Demonstration in Chemnitz will Stöckl gesehen haben, wie eine Journalistin den Anweisungen des Sicherheitspersonal nicht folgt. Er konfrontiert die Journalistin der BILD-Zeitung vor laufender Kamera. Diese möchte das Gespräch beenden, Stöckl läuft ihr hinterher und filmt weiter. Dann drückt sie sein Handy zur Seite. Für ihn ist das ein Angriff der Journalistin. Er wird ihr gegenüber lauter, droht: „Ich stelle das online. Mein letztes Video hatte 400.000 Views. Ich freue mich, wenn Sie dann Ihren Job verlieren.“

Das tat er auch. Dazu schrieb er: „TEILT DIESES VIDEO UND SORGEN WIR DAFÜR, DASS SO JEMAND NICHT LÄNGER ALS JOURNALISTIN ARBEITEN DARF.“ Er sagte, er mache das nicht, um den Personen persönlich zu schaden. Karsten Schmehl von BuzzFeed fragte: „Sie schreiben: ‘Teilt das Video, damit sie nicht mehr als Journalistin arbeiten darf.’ Das ist nicht persönlich schaden?“ Und er daraufhin: „Ich kenne sie ja nicht persönlich.“

7.) Anprangern der Mitglieder des ZpS

Jetzt wird es völlig ironisch: Stöckl, für den das öffentliche Anprangern mit Namen und Bild Alltag ist, empört sich jetzt derart über die Methoden der ZpS, dass er… genau diese Methoden auch verwendet und prominente Mitglieder der Künstlergruppe mit Namen und Bild veröffentlicht.

Keine Sorge, Henryk! Wir haben die Liste nicht gemacht, um dir persönlich zu schaden. Du warst nur ein gutes Beispiel. Wir möchten lediglich anprangern, wenn etwas nicht in Ordnung ist. Wir kennen dich ja nicht persönlich. Oh und alles Gute zum Geburtstag!

8.) Falschbeschuldigung im Mordfall Keira

Pegida-Chef Lutz Bachmann beschuldigte öffentlich auf Twitter mit Foto und Namen einen unschuldigen Mann des Mordes an Keira G. Rechte glaubten ihm, dass es sich dabei um den Täter handelte, es war jedoch ein Mitschüler gewesen. Die Polizei ermittelte gegen ihn wegen übler Nachrede, falscher Verdächtigung und Volksverhetzung. (Quelle)

9.) Falschbeschuldigung von Anas

Anas Modamani wurde durch ein Selfie mit Bundeskanzlerin Merkel berühmt. Nach den Anschlägen von Brüssel wurde sein Bild und Name von unzähligen Rechten verbreitet mit der Behauptung, er sei einer der Attentäter gewesen. Also bereits der zweite Fall von öffentlicher Anprangerung und Hetze gegen politische Gegner, die nicht einmal das getan haben, was man ihnen vorwarf. (Quelle)

Und viele mehr

Die Liste könnte man noch fast unendlich weiter fortführen. Wer sucht, der findet. Ich will auch gar nicht behaupten, dass nicht auch andere sich dieser Methode bedient haben. Aber nicht so bekannte Meinungsmacher oder gar eine Partei aus dem deutschen Bundestag. Und von der G20-Fahndung der BILD wollen wir gar nicht erst anfangen. Also, wie wollt ihr es haben? Sind Anprangerungen nicht in Ordnung? Dann hört auf damit. Oder lebt damit, dass eure Beschwerden niemand ernst nehmen kann.

Artikelbild: Chanwoot_Boonsuya, shutterstock.com, changes were made

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