Nein, „Kartoffel“ ist nicht „rassistisch gegen Deutsche“, Julian Reichelt

Hintergrund

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„Kartoffel“ ist kein Rassismus, ein Soziologe würde bei der Vorstellung laut loslachen.

Chefredakteur der BILD, Julian Reichelt, erhielt die „Goldene Kartoffel“ – ein Negativpreis für „unterirdische“ journalistische Leistungen. Doch Reichelt meinte, „Kartoffel“ sei „rassistisch“ gegen Deutsche. NIcht nur er ist der Meinung, ironische Begriffe wie „Kartoffel“ oder „Alman“ seien so etwas wie ein „umgekehrter Rassismus“ – Was es nicht gibt.

Bevor jetzt Einwände kommen – Fragen wir die Experten. In der Rassismusforschung ist am verbreitesten „Rassismus“ nach Albert Memmo definiert. „Der Rassismus ist die verallgemeinerte und verabsolutierte Wertung tatsächlicher oder fiktiver Unterschiede zum Nutzen des Anklägers und zum Schaden seines Opfers, mit der seine Privilegien oder seine Aggressionen gerechtfertigt werden sollen.“ (Memmi 1992)



Es gibt keinen Rassismus gegen Deutsche

Ich wurde noch nie mit „Kartoffel“ oder „Alman“ beleidigt. Ich wurde de facto noch nie so angesprochen. Bis vor kurzem waren mir diese Begriffe nicht einmal bekannt. Ja, sie sind vielleicht verallgemeinernd, aber ob sie überhaupt abwertend sind, darüber lässt sich sogar streiten. Vor allem da „alman“ einfach nur „Deutscher“ auf türkisch heißt. Und was für (negative vor allem!) Vorurteile sollen Kartoffeln denn implizieren?

Kartoffel ist kein Kraftwort, hat keinen diskriminativ-historischen Kontext, ist nicht obszön und Kartoffel-Sager ziehen keinen Nutzen daraus, andere „Kartoffel“ zu nennen. Natürlich kann „du dreckige Kartoffel“ eine Beleidigung sein. Aber „Kartoffel“ an sich wäre es nicht. Und es grenzt nicht aus, sondern kehrt den Wir-Die-Gegensatz liebevoll-witzelnd um. Und das ist dann auch noch kein „Rassismus“.

Alltagsrassismus? Fehlanzeige. Abgesehen davon, dass nicht wirklich „tatsächliche oder fiktive Unterschiede“ verallgemeinert werden, begegneten mir diese Begriffe ausschließlich in einem ironischen Kontext. Als Parodie auf tatsächliche Rassismen und als Antwort darauf. Schadet es irgendjemandem, wenn man ihn „Kartoffel“ nennt?

Niemand Diskriminiert Deutsche

Und die größte Lücke im fiktiven Narrativ des „Rassismus“ gegen (weiße) Deutsche: Sie werden nicht diskriminiert. Das ist eine lächerliche Vorstellung. Man beschuldigt nicht weiße Deutsche überproportional des Verübens von Straftaten – Nicht-Deutsche schon. Sie werden nicht überproportional bei der Jobvergabe diskriminiert, Nicht-Deutsche schon. Weiße Deutsche sind überproportional im Bundestag, in den Gerichten und in den Chefetagen wahrscheinlich aller deutschen Unternehmen zu finden.

Natürlich gibt es Rechte mit ihrem lächerlichen rechtsextremen Mimimi-Narrativ, in der man „fremd im eigenen Land“ ist. Während gleichzeitig alle Parteien und politischen Maßnahmen auf ihre Bedürfnisse maßgeschneidert werden. Aber Deutsche erfahren in Deutschland immer noch Bevorzugung. Natürlich. Es ist absurd, dass ich sowas extra noch schreiben muss. Wer etwas anderes behauptet, soll bitte Studien liefern und kein Bauchgefühl.

Wieder sind die „Ausländer“ schuld

Das Ganze ist lediglich eine Pseudo-Debatte, die versucht, die Schuld oder zumindest ein Nachdenken über die eigenen Taten durch einen Whataboutismus abzulenken. Selbst wenn du mir einen glaubhaften Einzelfall nennen kannst, in der jemand einen Deutschen diskriminiert hat, braucht es ein bisschen mehr, um struktureller Alltagsrassismus zu sein.

Nach #MeTwo sollten wir uns überlegen, ob und inwieweit wir unbewusst Vorurteile in uns tragen und nicht versuchen, schon wieder Fehler bei „den Ausländern“ zu suchen. Was Julian Reichelt auch wieder getan hat. Er hat es geschafft, eine Preisverleihung für seine „Unsachlichkeit, Vorurteile und Panikmache, wenn es um die Themen Integration, Migration und Asyl“ geht, wieder in eine Schuldzuweisung an die Preisverleiher zu drehen – vornehmlich Medienmacher mit Migrationshintergrund.

Alltagsrassismus: Ich kann euch 50 „Einzelfälle“ nennen – Alles „ironisch“ natürlich

Artikelbild: Alex E. Proimos, Flickr,  (CC BY 2.0), changes were made

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