So manipulieren Rechte Statistiken, um gegen Flüchtlinge zu hetzen

Hintergrund

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Und täglich grüßt die Kriminalstatistik

Alle kennen sie, viele nutzen sie und manche wissen wirklich, wie man mit ihr umgeht und ihre Zahlen zu verstehen hat: Die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) des Bundeskriminalamtes (BKA). Diese Statistik wird jedes Jahr auf’s Neue veröffentlicht und soll zum Ausdruck bringen, wie sich Kriminalität im Vorjahr (Die PKS für 2017 wird in 2018 veröffentlicht usw.) über die verschiedenen demographischen Gruppen und die unterschiedlichen Delikte verteilt. In einfachem Deutsch: Man will wissen, wer, mit was, wie kriminell war.

Um diese, manchmal sehr umfangreiche Statistik aber auch nicht nur zu lesen, sondern auch zu verstehen, bedarf es Hintergrundwissen, wie eine Kriminalstatistik funktioniert. Weil das aber alles richtig schwer ist und man dafür mehrere hundert Seiten der Erläuterung lesen müsste (die zufälligerweise auch immer brav von dem BKA veröffentlicht wird), ist das gar nicht mehr hip genug. Lieber werden einfach irgendwelche Balkendiagramme mitten aus der Statistik herauskopiert (Pro-Tipp: Das Snipping-Tool von Microsoft ist klasse dafür!) und irgendwo in Kommentarspalten gekleistert. Aber was sagt mir denn nun so eine Kriminalstatistik?



Tatverdächtige sind nicht gleich Täter!

 Das Problem, ist meistens der Terminus. In einfachem Deutsch: Die Worte, die genutzt werden.

So redet die Kriminalstatistik von „Tatverdächtigen“ und nie von „Tätern“. Wieso ist das so? Nun, es ist ja nun mal die Polizeiliche Kriminalstatistik. Als solche ist es ihre Aufgabe, die Arbeit der Polizei, statistisch zu erfassen. Und diese hört, per Definition, nach der Aufnahme einer Anzeige auf. Den Rest erledigen dann andere Leute. Meistens nennt man diese Leute „Staatsanwält*innen“ und „Richter*innen“ und die tragen so lustige, schwarze Pollröcke. (Hat der eine, oder andere Leser sicher schon einmal gesehen. *Zwinkersmile*)

Da das aber nun einmal so ist, interessiert sich die Polizei als Institution nicht für den Rest des Verfahrens und somit auch nicht ihre Statistik.

Um es vielleicht an einem Beispiel zu zeigen:

Klaus findet Ralf doof und ruft bei der Polizei an und sagt: „Hallo Herr Oberwachtmeister Röhrsen! Sagense mal, ich will da mal wen anzeigen! Der Ralf, der hat mir die Bremsleitungen durchgeschnitten!“

Ralf weiß davon nichts, ist der Polizei aber auch egal. Diese ist lediglich dazu verpflichtet, jede potentielle Straftat anzuzeigen, von der sie Wind bekommt (§163 StPO). Somit wandert Ralf auch für die Delikte in die Kriminalstatistik ein, für die die Polizei die Anzeige gefertigt hat und für die er bei der Polizei als „Tatverdächtiger“ gilt. Ob die Staatsanwaltschaft dann weiter ermittelt, das Verfahren einstellt, oder Ralf vor Gericht verurteilt wird, oder eben nicht, ist der Kriminalstatistik ziemlich Wurst.

Straftaten werden oft in Deliktgruppen zusammengefasst!

 Beispiele hierfür wären die derzeit beliebten „Straftaten gegen das Leben“ (§§211-222 StGB) und die „Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung“ (§§174-184j StGB).

Wenn man nun also die entsprechende Tabelle postet und sagt: „Da haben wir es wieder! Die bringen uns Deutsche um/vergewaltigen permanent unsere Frauen, diese Wilden!“, hat man nicht verstanden, wie sich diese Tabellen im Zweifel zusammensetzen. Unter den Straftaten gegen das Leben wird nämlich nicht nur der hinterhältige Angriff von Ahmed mit dem Messer in Jans Rücken gezählt, sondern auch der auf fahrlässiger Verhaltensweise im Straßenverkehr basierende Tod eines Menschen.

Unter „Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung“ fallen nicht nur Fälle von Vergewaltigungen durch Ali zum Nachteil von Claudia, sondern auch exhibitionistische Handlungen, die Verbreitung pornographischer Schriften, sowie Ausübung verbotener Prostitution.

Damit will ich nicht sagen, dass Ahmed dem Jan nicht auch mal hinterhältig ein Messer in den Rücken stecken könnte, oder Ali nicht auch mal die Claudia vergewaltigt. Es ist allerdings alles nicht so einfach, wie ein schickes Balkendiagramm einem suggeriert.

In den Diagrammen fehlen entscheidende Daten!

In den geposteten Diagrammen fehlen weiterhin auch entscheidende Daten und Angaben, die das Gesamtbild vervollständigen könnten, wenn diejenigen, die ebenjene posten, an einer faktenbasierten Vervollständigung des Bildes interessiert wären. Es fehlen, beispielsweise, Daten zu den Opfern der Straftaten. Dafür gibt das BKA gesonderte „Opfertabellen“ aus. Diese zu sichten, ist scheinbar aber recht schwer. Würde man das nämlich tun, würde auffallen, dass Ahmed nicht nur Jan absticht, sondern die Hildegard auch mal den Karl.

Man würde merken, dass Ali nicht nur die Claudia vergewaltigt, sondern Justus vielleicht auch seine Nichte. Aber wo kämen wir denn da hin, würden wir differenzieren?

Die Worte zwischen den Tabellen sind nicht nur Lückenfüller!

Zu guter Letzt ist anzumerken, dass zwischen diesen fancy Balkendiagrammen auch Worte stehen. Worte sind diese Dinger, bestehend aus Kringeln und Strichen, die Sprache wiedergeben. Also genau das, was du, ja DU, gerade hier mit deinen Augen siehst und mit deinem Hirn als geschriebene Sprache erkennst.

Diese ominösen Worte sind da nicht abgedruckt, weil das BKA die Toner ihrer Drucker leer bekommen musste.. Nein, die bedeuten sogar was! In den allermeisten Fällen, erläutern ebendiese Wörter genau das, was ich oben schon grob umrissen habe. Wie ist das folgende Diagramm zu verstehen, welche Besonderheiten gibt es? Welche Straftatsbestände werden (nicht) berücksichtigt und wie ist das folgende Diagramm im Kontext zu vorhergegangenen zu verstehen?

Dies sind alles Fragen, die durch diese Schrift erläutert werden.

Am Schluss, ein tl;dr:

Mir würden noch tausend Dinge einfallen, die ich anbringen könnte, die an der PKS missverstanden werden. Das würde aber den Rahmen dieses Beitrages sprengen und am Ende vermutlich sowieso keiner lesen. Vielleicht mache ich später mal einen zweiten, oder dritten Teil.

Für all jene, denen es schwer fällt, längere Texte zu lesen (Ja, ich meine euch, Alice und Beatrice und wie ihr alle heißt), hier noch mal ein tl;dr:

  • Lernt erst die Fachausdrücke und deren Bedeutung, bevor ihr euch mit dem Posten einer PKS zum Lauch macht.
  • Lernt zu differenzieren, um welche Strafratsbestände es in dem jeweiligen Diagramm geht.
  • Denkt darüber nach, welche Daten ihr noch brauchen könntet, um die Tabellen in den richtigen Kontext zu heben.
  • Lest, verdammt nochmal, die ganze Statistik und ballert nicht nur dumm irgendwelche Bilder in Kommentarspalten! Die Texte in der Statistik wollen auch gelesen werden!

Text: Florian Winter, Artikelbild: pixabay.com, CC0

Deutschland so sicher wie seit 1993 nicht mehr: Alles was du zur neuen PKS 2017 wissen musst

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1 Kommentar
  1. Anarchrist sagt

    Danke, habe aber einen gravierenden Mangel entdeckt:
    Es ist richtig, dass es nicht auf Gerichtsverfahren oder Staatsanwalt ankommt, aber eine blosse Anzeige reicht nicht, um als Tatverdaechtiger in die Statistik einzugehen. Unter
    https://www.destatis.de/DE/ZahlenFakten/GesellschaftStaat/Rechtspflege/Glossar/Tatverdaechtige.html
    wird das sehr ordentlich beschrieben. Es geht also um jene, die „nach Abschluss der polizeilichen Ermittlungen aufgrund ausreichender Anhalts­punkte verdächtig sind“. Das Beispiel mit dem Anruf ist das ziemliche Gegenteil von ’nach Abschluss‘ und ‚ausreichenden Anhaltspunkten‘.

    Wenn Teil 2 kommt, bitte auch darauf eingehen, dass wenn sich z.B. Strafgesetze aendern der Bezugsrahmen der statistischen Erhebung auch automatisch aendert. In der Kategorie ‚Sexuelle Uebergriffe‘ werden inzwischen auch grob-verbale oder insgesamt relativ harmlose Taten erfasst, was vor einigen wenigen Jahren noch nicht der Fall war. Ergo muessen Jahresvergleiche moduliert werden. Das wird auch in Textform in den Statistiken dargestellt. Man muss es nur lesen wollen. (F*ck Selective Reading, F*ck Cherry Picking)

    Funfact: Frauen waren 2017 in der BRD bei den Straftaten „Mord, Totschlag, Toetung Auf Verlangen“ im Vergleich zu Maennern deutlich seltener vertreten (1/7), hatten aber eine ‚Erfolgsquote‘ von etwa 38%. Die der Maenner lag nur bei 25%.

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