Ich war selbst an Seenotrettung beteiligt – Glaubt nicht diesen 6 Lügen der Rechten

Ich war selbst an Seenotrettung beteiligt. Seehofer weiß schon, dass die EU und die Bundesregierung uns dazu erpressen, Menschen zu retten und nach Europa zu bringen?



BEHAUPTUNG 1: DIE NGO SCHIFFE MACHEN SICH DER SCHLEPPEREI MITSCHULDIG

Nein, dies ist nicht der Fall. Im Gegenteil. Oftmals ist die libysche Küstenwache selbst in das Schleppergeschäft verwickelt. Die NGO Schiffe der Seenotrettung sind darum bemüht, nach dem Retten der Flüchtlinge und dem Bergen der Leichen die Boote zu versenken oder zu zerstören, damit sie nicht weiter verwendet werden können. Mehrfach kam es vor, dass dies jedoch nicht möglich war, da die Libysche Küstenwache oder die sogenannten Engine Fisher das mit Waffengewalt verhindert haben. Wir haben Angst vor denen und legen uns nicht mehr mit diesen Leuten an. Zu oft wurde auf uns geschossen. Hat ein mutiger Kapitän das Kommando, versuchen wir diese mit unserem Schiff zu vertrieben, indem wir auf Kollisionskurs gehen.

BEHAUPTUNG 2: NGOS SOLLEN DIE MENSCHEN ZURÜCK NACH AFRIKA BRINGEN

Dies ist völlig unmöglich. Ein Eindringen in die territorialen Hoheitsgewässer ist absolut verboten. Darauf stehen langjährige Haftstrafen, da sich die NGO´s dann der Schlepperei schuldig machen würden. Zudem ist es lebensgefährlich, da die libysche Küstenwache oftmals sofort das Feuer eröffnet, selbst wenn man sich noch weit entfernt von den libyschen Hoheitsgewässern befindet. Zudem ist Libyen als nicht sicher durch die EU eingestuft.

Selbst wenn wir nach Libyen fahren könnten, würden wir damit gegen das internationale Völkerrecht verstoßen. Auch Tunesien können wir nicht ansteuern. Wir können als Europäer unter keinen Umständen in die Hoheitsgewässer ohne die Erlaubnis der tunesischen Regierung mit Geflüchteten an Bord einfahren. Diese Erlaubnis wurde uns bisher nicht erteilt. Würden wir zuwider handeln, würden wir uns der Schlepperei schuldig machen.

BEHAUPTUNG 3: WIR BRINGEN DIE „MIGRANTEN“ NACH EUROPA

Richtig. Aber: Wir wollen das nicht und wir wollten das auch nie. Die EU hat uns dazu jedoch verpflichtet. Wir mussten den sogenannten Code of Conduct unterzeichnen, welcher besagt, dass wir uns verpflichten, die Menschen nach Europa zu bringen. Wir haben uns viele Monate dagegen gewehrt und haben laut protestiert. Als Antwort der EU hat man unsere Schiffe beschlagnahmt oder uns die Einfahrt in europäische Häfen verweigert. Die EU hat uns zum Unterschreiben genötigt – erst dadurch sind wir überhaupt in der furchtbaren Situation, die Menschen nach Europa bringen zu müssen. Wir tun dies unter Protest.

Unser ursprünglicher Auftrag war die schlichte Seenotrettung. Wir haben die Menschen aus dem Wasser gezogen und MRCC Rom die Anzahl der Geretteten gemeldet. Normalerweise dürfen wir uns aus eigener Kraft nicht mehr bewegen, sobald wir auch nur einen Flüchtling an Bord haben. Rom hat dann umliegende behördliche Schiffe informiert (meist schiffe der Nato), welche uns die Geretteten abgenommen haben. Flüchlingsaufnahmen sind Behördensache. Leben retten ist zivile Pflicht. Seit dem CoC, müssen wir zwangsläufig geltendes Recht brechen.

BEHAUPTUNG 4: DIE NGOs SIND EIN PULL-FAKTOR

Nein. Wir haben erst angefangen Rettungseinsätze zu fahren, nachdem mehrere 10.000 Menschen im Mittelmeer aufgrund der Untätigkeit der EU ertrunken sind. Das konnten viele nicht ertragen. Deswegen wollten wir das ändern. Zuerst sind die Menschen ertrunken – erst danach begann die Seenotrettung. Vorher haben vor allem Frachtschiffe oder Schiffe der Nato diese Rettungseinsätze durchgeführt. Mit mäßigem Erfolg. Zum Retten in internationalen Gewässern ist im Übrigen jeder verpflichtet – tut man dies nicht, drohen lange Haftstrafen. Wenn ein NGO Schiff also einen Distress Call erhält, so ist dieses Schiff dazu verpflichtet zu retten. Tut es das nicht, verstößt man gegen das internationale Völker- und Seerecht.

BEHAUPTUNG 5: NGOS BEKOMMEN GELD FÜR IHRE ARBEIT

Nein, dies ist nicht so. Wir werden finanziert durch Spenden. Dabei werden jedoch nur die Instandhaltung der Schiffe, Lebensmittel für Crew und die Geretteten sowie Ausrüstungsmaterial finanziert. Es gibt durchaus die Gerüchte, dass wir von Soros finanziert werden, durch die Bundesregierung „für die große Umvolkung“ Geld bekommen und von den Schleppern bezahlt werden oder wir für die CIA oder den BND arbeiten. Das allerdings stimmt alles nicht. Tatsächlich gibt es manchmal größere Spenden von prominenten Personen für die Organisationen. Denen geht es aber tatsächlich darum, dass weiterhin die Werte der EU an den Grenzen durch uns vertreten bleiben.

Alle Helfer auf den Schiffen nehmen Urlaub, bezahlen ihre Flüge und kommen eigenfinanziert zu den Schiffen und wieder zurück. Die Organisationen bezahlen kein Geld für Flugtickets der Helfer. Tatsächlich ist es so, dass einige freiwillige Helfer mittlerweile vor dem persönlichen wirtschaftlichen Bankrott stehen. Einige haben ihren Beruf aufgegeben, um bei der Seenotrettung Leben zu retten, andere spenden für die Organisationen, obwohl sie selbst freiwillig aktiv auf den Schiffen sind. In Ausnahmefällen wird eine Beteiligung für die Flugtickets übernommen. Wenn beispielsweise kurzfristig ein Crewman ausfällt und dieser dringend ersetzt werden muss.

BEHAUPTUNG 6: ES KOMMEN NUR JUNGE MÄNNER ÜBER DAS MITTELMEER

Das entspricht nicht der Wahrheit. Der Anteil an Frauen und Kindern ist ebenfalls sehr hoch. Tatsächlich ist es so, dass die Überfahrt vor allem die jungen Männer überleben. Die Babys, jungen, oftmals schwangeren, Frauen und Kinder sterben als erstes. Sie werden auf dem Boden erdrückt, verdursten oder sterben an den Vergiftungen durch das Benzin in den Booten. Oftmals wird das Benzin einfach in das Boot eingelassen und der Schwimmerkörper selbst als Tank benutzt.

Es sterben auch viele Männer bei der Überfahrt. Nur die Stärksten überleben. Es sei denn, wir finden sie in unserer Seenotrettung rechtzeitig genug. Nichtsdestotrotz ist der Anteil der fliehenden Männer erhöht, was darin begründet liegt, dass die Wahrscheinlichkeit zu überleben höher ist, um anschließend Asyl in Europa beantragen können und dadurch mit Hilfe des Familiennachzugs ihre Familien holen können.

Meine Geschichte dazu:

Ich habe Flüchtlinge aus dem Meer gerettet – Glaubt nicht den Lügen der AfD

Artikelbild: pixabay.com, CC0, Autor: Johann Pätzold

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