Interview: Shapira über das Meuthen-Interview im ZDF-“Morgenmagazin” zu Halle

| Interview | 16. Oktober 2019

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Interview: Shapira über das Meuthen-Interview

Nach dem Anschlag in Halle lud das ZDF-“Morgenmagazin” AfD-Chef Jörg Meuthen ein und Kabarettist Shahak Shapira aus. Im Interview erklärt uns Shapira was passiert ist und seine Kritik daran, einen AfDler ausgerechnet zu Halle einzuladen.



VVP: Das Morgenmagazin wollte mit dir ein Interview führen, hat dann aber abgesagt, nachdem du ihnen Bedingungen gestellt hast. Was waren diese?

Shahak Shapira: Ich habe die Bedingungen gestellt, die ich allen gestellt habe, die mit mir zu diesem Thema sprechen wollten: 

  1. Keine Bilder oder Videos des Täters zeigen.
  2. Ich möchte nicht als Klischee-Opfer-Jude dargestellt werden, weil ich es nicht bin und es auch nicht gut finde, dass Juden in Deutschland fast ausschließlich im Zusammenhang von Antisemitismus beachtet und immer nur als Opfer dargestellt werden. Rassismus und Antisemitismus sind ein gesamt-deutsches Problem und nicht etwas, das man nur an Kanaken outsourcen sollte, damit sie es alleine bekämpfen.  

Ich habe auch einen Text veröffentlicht, den ich an alle geschickt habe, die mich angefragt haben: [tweet https://twitter.com/ShahakShapira/status/1182648890736173057 width=’200′]

VVP: Wie hat sich die Sache dann später medial weiterentwickelt?

S: Die Redakteurin, mit der ich gesprochen habe, konnte das alles gut nachvollziehen und wollte sich später noch einmal melden. Hatte sie nicht – das hatte sich dann für mich eigentlich erledigt. Dann habe ich noch in der Nacht bei Kathrin Weßling gesehen, dass die ernsthaft Jörg Meuten eingeladen haben. Dann habe ich dieses katastrophale Interview mit ihm gesehen und hatte das Bedürfnis, öffentlich in Frage zu stellen, wer ihnen ins Hirn geschissen hat. 

Darauf reagierte zuerst die MoMa-Redaktion: sie waren der Meinung, ein „kritisches“ lnterview geführt zu haben, was ich für eine sehr neurotische These halte. Und da sie Michel Friedmann am Tag zuvor eine Bühne gaben, sahen sie es als ihre „journalistische Aufgabe“, nun einen AfDler einzuladen. Was für ein komisches Selbstbild, wenn man glaubt, man müsse für jeden Michel Friedmann einen Fascho zum Ausgleich einladen. Ladet doch lieber 30 mal Michel Friedmann ein, er sagt eigentlich immer das Richtige.   

Zusätzlich hat man mir unterstellt, ich würde behaupten, man hätte Meuthen an meiner Stelle eingeladen. Aber das habe ich nie. Dann mischte sich plötzlich Dunja Hayali in die Sache ein und behauptete, ich würde lügen und dass das Gespräch zwischen mir und der Redaktion „so nicht stattgefunden“ hätte.

Dazu sollte man wissen, dass Dunja Hayali laut eigener Aussage zur Zeit auf Lesereise ist und sich insofern da nur auf Berichte ihrer Redaktion beziehen kann. 

Letztendlich geht es aber überhaupt nicht darum, ob Meuthen vor, nach oder an meiner Stelle eingeladen wurde, sondern DASS er eingeladen wurde, auch wenn diese Leute krampfhaft versuchen, dieser Kritik auszuweichen. 

VVP: Das Morgenmagazin hat anschließend statt dich ausgerechnet AfD-Chef Meuthen eingeladen. Wie dumm ist diese Entscheidung deiner Meinung nach?

S: Naja – die Redaktion behauptet, sie hätten mich nicht stattdessen eingeladen, sondern dass Meuthen angeblich viel früher eingeplant war. Das ist halt nicht mehr oder weniger als eine Behauptung. Tut aber wie gesagt nichts zur Sache, weil sie einem Faschisten eingeladen, eine Bühne geboten und völlig unkritisch interviewt haben, und das ausgerechnet bei diesem Anlass.

Von allen Leuten, die man hätte einladen können, ausgerechnet einen AfD-Politiker einzuladen ist einfach nur dreist. Dass ich zusätzlich ausgeladen wurde, weil ich das Thema differenzierter angehen wollte und der Meinung bin, dass Juden in Deutschland mehr verdient haben, als ein paar mal im Jahr als die armen Opfer präsentiert zu werden, ist zwar eine interessante Nebeninfo, aber nicht die Hauptsache.

VVP: Hat die AfD eine Mitschuld an der Tat von Halle?

S: Kommt drauf an, wie weit du Mitschuld ausbreitest. In erster Linie ist der Neonazi schuld, der die Tat begangen hat. Natürlich hat die AfD keinen unwesentlich Beitrag zum gesellschaftlichen Klima geleistet, das zu einer solchen Tat bewegen kann. Aber haben wir dann nicht auch eine gewisse Teilschuld, wenn manche von uns der AfD eine Bühne geben und nicht genug Widerstand leisten? Natürlich ist es eine Ursache für rechtsextremen Terror, wenn ein Spitzenpolitiker sagt, man solle auf die Wehrmacht stolz sein, aber wir sind immer noch die Gesellschaft, die solche Aussagen duldet und teilweise belohnt. Manche von uns zumindest. 

VVP: Sollte man die AfD medial komplett ausgrenzen und wenn ja, warum?

S: Ganz im Gegenteil. Wir haben bei Shapira Shapira jetzt auch eine Talkshow und da setzen wir gerade auf AfD-Politiker, um die Quote in die Höhe schießen zu lassen. Siehe hier: 

VVP: Du hast einen Auftritt bei einem Open Mic am Tag des Anschlags gehabt – Meinst du, man sollte Tragödien mit Humor begegnen?

S: Klar, wenn es dir hilft. Aber du musst ja nicht. Du kannst Tragödien so begegnen, wie du möchtest. Ich trete momentan fast jeden Tag auf und lasse mir da auch nicht von Terroranschlägen einen Strich durch die Rechnung ziehen. Ich habe den Auftritt ja auch hochgeladen und da kann man sehen, warum.  

VVP: Kann man die AfD mittels Humor bekämpfen? 

S: Nein. Humor ist keine Waffe. Ich habe noch nie einen Nazi mit einem coolen Oneliner umgehauen. Aber Humor kann helfen, mit Dingen umzugehen, mit denen man vielleicht nicht umgehen könnte, wenn man sie ernst nehmen würde. 

VVP: Was denkst du, wie kann man gegen muslimischen Antisemitismus vorgehen, ohne die Narrative der Rechten zu unterstützen?

S: Vielleicht, indem wir daraus keine entweder-oder-Sache machen. Oder nicht sofort mitmachen, wenn Rechte versuchen, grundmenschliche Positionen zu einem Teil ihrer Propaganda umzufunktionieren und zum Teil ihrer Narrative zu machen. Ich habe letztens gelesen, dass das „Ok“-Fingerzeichen ein Nazisymbol ist, nur weil ein paar alt-Right Gurken das für sich beschlossen haben und wir alle dann anscheinend gesagt haben „Tja, dann ist das halt so!“. Wir dürfen uns diese Dinge nicht von Faschos einfach klauen lassen. 

Zum Thema:

Warum ich mich mit faschistischen Ideologen nicht auf eine Bühne setze

Artikelbild: Screenshots ZDF/Twitter

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