Facebook zensiert schwulen Kuss in Mekka nach Morddrohungen – Gastbeitrag von Amed Sherwan

| Kommentar | 12. Januar 2021

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Religiöse Gefühle verletzen

Kurz vor Weihnachten veröffentlichte Amed Sherwan mit Mohamed Hisham ein Kussfoto auf Facebook, dass wenig später zensiert wurde, weil dieses religiöse Gefühle verletzen würde. Denn das Foto zeigte zwei sich küssende Männer in Mekka. Vermutet wurde, dass dies auf Initiative von Fundamentalisten geschah (Quelle). Der Sperrung folgten ebenfalls Morddrohungen gegen die beiden Aktivisten, die aus arabischen Ländern kamen: Mihamed Hisham floh aus Ägypten, nachdem er sich in einer Fernsehsendung als Atheist outete und dafür von seiner Familie verprügelt und bedroht wurde. Amed Sherwan floh mit 15 Jahren aus dem Irak.

Da die Geschichte um das Foto außerhalb eines interessierten Personenkreises keine größere Resonanz erzeugte, hat sich die Volksverpetzer Redaktion entschieden, Amed Sherwan die Möglichkeit zu geben, sich zu den Ereignissen um das Foto zu äußern.

Amed Sherwan

Am 17. Dezember 2020 habe ich eine Fotomontage auf Instagram und Facebook gepostet. Auf dem Bild küsse ich einen Freund, während im Hintergrund die Kaaba in Mekka und eine Regenbogenfahne zu sehen sind. Wir wissen, wie schwer es für viele ist, in strenggläubigen Zusammenhängen ganz offen und authentisch zu leben und zu lieben. Deswegen haben wir mit dem Bild ein Zeichen für Solidarität mit LGBTTIQ*-Personen in muslimischen Communitys gesetzt – denn Liebe ist keine Sünde und ein Kuss ist kein Verbrechen! Facebook Inc. sieht das offenbar anders.

»Sollen wir uns küssen?«, habe ich spontan gefragt, Mohammad Hisham hat ja gesagt und so ist das Foto entstanden. Mohammad ist damals noch nicht lange in Deutschland gewesen. Er ist kurz davor unter ziemlich dramatischen Umständen aus Ägypten geflüchtet.

Als Atheist ist er zu einer Talkshow im ägyptischen Fernsehen eingeladen worden, um erst auf dem Podium zu merken, dass ihm eine Falle gestellt worden ist. Seine Anwesenheit hat ausschließlich den Zweck erfüllt, ihn vor laufender Kamera als psychisch krank und Atheismus als Verbrechen darzustellen. Der Mitschnitt ist international bekannt geworden und hat ihn in eine lebensbedrohliche Situation gebracht. Wir haben direkt nach seiner Flucht Kontakt zueinander aufgenommen. Inzwischen sind wir sehr gut befreundet.

Es war sein erster Kuss

An dem Tag, als das Originalfoto entstanden ist, sind wir in Köln mit einem befreundeten Fotografen unterwegs gewesen, der eine Fotoserie für uns gemacht hat. Ich habe erst später erfahren, dass es Mohammeds erster Kuss gewesen ist. Verwundert hat es mich aber nicht, denn ich bin selbst in einer Umgebung aufgewachsen, in der Küsse außerhalb der Ehe keine Selbstverständlichkeit sind. Es hat uns solchen Spaß gemacht, dass wir später noch zwei Kussfotos vor der DITIB Zentralmoschee in Köln gemacht haben.

Die letztgenannten Fotos habe ich ihm Rahmen meiner Aktionen für LGBBTIQ*-Rechte in muslimischen Communitys auf Facebook gepostet. Nachdem diese Bilder eine Serie von Morddrohungen und Hassnachrichten ausgelöst haben, hat ein Kumpel von mir unser erstes Kussfoto freigestellt und eine Fotomontage mit der Kaaba in Mekka mit Regenbogenfahne im Hintergrund für mich gemacht. Mir ist natürlich bewusst gewesen, dass ich damit ein sehr großes Tabu breche. Und es ist nicht das erste Mal, dass ich drastische Reaktionen auf Religionskritik erlebe.

Ich bin inhaftiert und gefolter worden

Ich bin in irakisch-kurdistan mit 15 Jahren für Gotteslästerung angezeigt, inhaftiert und gefoltert worden. Aufgrund meines jungen Alters hat mein Fall in dem noch relativ liberalen Nordirak eine Welle der Empörung und ein großes Medieninteresse ausgelöst. Ich bin zuletzt so bekannt gewesen und so sehr bedroht worden, dass mir nur noch die Flucht geblieben ist. Seitdem ich auch in Deutschland Probleme mit strenggläubigen Muslimen erlebt habe, engagiere ich mich auch hier für Meinungsfreiheit und Menschenrechte.

Laut des Berichts der ILGA (International Lesbian, Gay, Bisexual, Trans and Intersex Association) vom 15. Dezember 2020 sind einvernehmliche homosexuelle Handlungen in 67 UN-Mitgliedstaaten unter Strafe gestellt, in zwei weiteren UN-Mitgliedstaaten ist Homosexualität de facto kriminalisiert, das sind unsere Herkunftsländer Ägypten und Irak. In 6 dieser Staaten ist die Todesstrafe vorgesehen, in 5 weiteren ist die Verhängung einer Todesstrafe möglich. LGBTTIQ*-Personen erleben überall auf der Welt Diskriminierung und Gewalt.

Aber alle UN-Mitgliedstaaten, die die Todesstrafe für homosexuelle Handlungen verhängen oder verhängen können, haben rechtliche Rahmenbedingungen, die ganz oder teilweise auf dem Scharia-Gesetz basieren. Auch Apostasie – also der Abfall vom Glauben – hat nur noch in Ländern mit islamischer Rechtsprechung strafrechtliche Folgen und wird in mehreren Staaten der Welt mit dem Tod bestraft.

Ich bin Ex-Muslim, aber kein Anti-Muslim.

Ich sehe in allen Religionen ein gefährliches Potential, respektiere aber, dass Glaube für viele Menschen wertvoll sein kann. Und ich wünsche mir jedoch, dass auch Kinder muslimischer Eltern frei entscheiden können, wie sie glauben, leben und lieben wollen. Für mich sind die Kämpfe für Glaubensfreiheit und LGBTTIQ*-Rechte daher verbunden, deswegen beschäftige ich mich seit vielen Jahren mit queeren Themen und kenne die Reaktionen.

Besonders heftige Anfeindungen habe ich bekommen, als ich mit einem »Allah is Gay«-Shirt auf dem Berliner Christopher Street Day unterwegs gewesen bin. Und als ich in meiner jetzigen Heimatstadt Flensburg auf einer palästinensischen Demo ein Plakat mit einem Kuss zwischen einem Palästinenser und Juden und den Worten »Make love not war« hochgehalten habe, bin ich auf der Demo körperlich Angegriffen und im Nachgang krankenhausreif zusammengeschlagen worden.

Insofern weiß ich natürlich, worauf ich mich einlasse

Dennoch hat mich die Menge und Qualität der Morddrohungen erschüttert, die mich nach dem Mekka-Bild erreicht haben. Das Bild ist offensichtlich in pakistanischen Netzwerken geteilt worden, wonach mich wirklich zausende Morddrohungen, Fotos von abgehackten Köpfen und Hinweise auf das Schicksal von Samuel Paty erreicht haben. Mich lässt sowas nicht kalt, aber es überrascht mich leider nicht.

Was mich aber jedes Mal wirklich empört, sind die Reaktionen von eigentlich moderaten Muslim*innen, die sich über die Provokation aufregen, statt sich von der Gewalt zu distanzieren. Für viele meiner nicht-muslimischen Freund*innen ist gar nicht nachvollziehbar, wie sich Leute eine Fotomontage als Beleidigung betrachten können. Aber da ich selbst als Muslim aufgewachsen bin, weiß ich, dass dieses Bild eine massive Provokation darstellt, schon weil Küsse in Mekka generell verboten sind.

Aber gerade weil ich selbst als Muslim sozialisiert bin, stelle ich gleichzeitig auch höhere Erwartungen und fordere ein, dass auch Muslim*innen Kritik aushalten sollten und akzeptieren müssen, dass ihre religiösen Regeln keine allgemeingültigen Gesetze sind. Und das Liebe und Mitmenschlichkeit wichtiger sind als uralte religiöse Vorschriften. Wer solche »religiösen Gefühle« im Namen der Vielfalt toleriert, vergisst, dass Menschen überall auf der Welt genau diese »religiösen Gefühle« als Entschuldigung dafür nehmen, Menschen zu verletzen und zu töten.

Ich habe nichts mehr zu verlieren

Ich weiß allein schon von den vielen positiven Zuschriften nach meinen Aktionen, dass sehr viele Kinder muslimischer Eltern genau so denken wie ich, aber darüber schweigen, weil sie Angst vor den Konsequenzen in der Familie, in der Schule, auf der Arbeit oder im Umfeld haben.” Ich unterstütze keine rassistische oder antimuslimische Propaganda und versuche, meine Aktionen immer mit positiven und freundlichen Aufforderungen zu verbinden. Und ich bewege mich immer im Rahmen dessen, was aus meiner Sicht unter Meinungsfreiheit fällt.

Daher hat mich die Reaktion von Facebook Inc. auf mein Mekka-Bild wirklich schockiert. Mein Instagramprofil ist offensichtlich so häufig gemeldet worden, dass es einfach ohne Begründung oder Vorwarnung gelöscht und für nicht mehr auffindbar ist. Auf Facebook bin ich lediglich 7 Tage gesperrt worden, dafür ist ein Post mit dem Bild ohne Begründung gelöscht worden. Natürlich haben Soziale Medien die Verantwortung, menschenfeindliche Beiträge zu zensieren. Aber ein Kuss ist verdammt noch mal kein Verbrechen und unser Statement eine wichtiges politisches Signal.

Wenn Hass sich auf Instagram und Facebook durchsetzen darf, während liebevolle Gesten zensiert werden, tragen diese Plattformen im meinen Augen aktiv dazu bei, Gewalt und Hass gegen LGBTTIQ*-Personen zu legitimieren.

Über den Autor:

Amed Sherwan ist Blogger und Aktivist für Meinungsfreiheit und Menschenrechte. Er ist in Irakisch-Kurdistan aufgewachsen und dort wegen Gotteslästerung inhaftiert und gefoltert worden, bevor er 2014 nach Deutschland geflüchtet ist. Seine Autobiographie ist bei der Edition Nautilus unter dem Namen »Kafir. Allah sei Dank bin ich Atheist« erschienen. Seine Texte schreibt er Zusammenarbeit mit Katrine Hoop.

Artikelbild: Amed Sherwan

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