Es ist traurig, dass Chico tot ist. Aber auch gut so.

| Kommentar | 17. April 2018

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Nun wurde Chico also eingeschläfert!

Ich sage: “endlich”, ich sage: “gut für ihn”, denn nun muss er sein Leben nicht in einem Sicherheitszwinger verbringen.

Hätte man Chico nicht retten können?

Nein, denn eine Rettung wäre es gewesen, wenn es niemals soweit gekommen wäre, wenn die Verantwortlichen ihre Arbeit gemacht hätten. Nun, da schon zwei Menschen starben, ist es zu spät, für alle drei Geschöpfe.



Diese Geschichte ist so tragisch und das auf so vielen Ebenen:

Die Mutter wird von ihrem Mann mit einer Axt in den Rollstuhl geschlagen und ist nun geistig und körperlich behindert. Der Sohn hatte als Kind Krebs und war kleinwüchsig. Der Vater wurde verurteilt und als er nach sieben Jahren Haft frei kam, schafften sich Mutter und Sohn Chico an. Als Schutz? Als Waffe? Als Kuscheltier? Ich weiß es nicht, vielleicht alles.

Der Hund war oder wurde schnell aggressiv, warum? Das lässt sich nur vermuten, aber man könnte sich denken, er könnte “scharfgemacht” worden sein.

Da die Mutter auf Pflege angewiesen war, kam täglich der Pflegedienst. Auch die Betreuer gingen ein und aus in der Wohnung. Ein Betreuer ist 2011 mit Chico und seinem Herrchen zu einer Hundetrainerin gefahren. Diese schätzte das Tier damals schon als gefährlich ein, riet zu einem Wesenstest, schrieb der Stadt Hannover. Keine Reaktion.

Bei Nachbarn war Chico kaum bekannt, die hörten ihn nur bellen, weil er nur nachts raus kam oder sich auf dem Balkon lösen musste. Er hatte im Zimmer des Sohnes einen Zwinger.

Der Tierschutzverein war zweimal da:

„Die Haltung war nicht gut – aber es gibt Schlimmeres“, fanden die Tierschützer, die 2014 ebenfalls nach Hinweisen von Nachbarn unangemeldet Mutter, Sohn und Hund besuchten. Tierheim-Chef Heiko Schwarzfeld kennt die Aktennotiz. Chico sei in ordentlichem Zustand gewesen; die Wohnung habe weder nach Urin noch nach Kot gerochen. Dass der Hund draußen mit Maulkorb unterwegs sei, habe für die Verantwortung seines Halters gesprochen.” (Quelle: Neue Presse)

Nichts spricht für Quälerei, für Gewalt, für Vernachlässigung!

Fakt ist, Chico hat seine Familie totgebissen.

Warum? Das werden wir wohl nie wissen. War es ein tragischer Unfall, eine schreckliche Kettenreaktion, die aufgestaute Aggression durch die falsche Haltung ohne Sozialisierung? Niemand weiß das, aber die Schwester und Tochter fand Bruder und Mutter tot in der Wohnung. Die Obduktion ergab eindeutig, dass Chico sie getötet hat. Ganz sachlich, kein “Warum”.

Kaum war ein Tag vergangen, gab es eine Petition für Chico, er solle eine “zweite Chance” bekommen, nicht zum “Tode verurteilt” werden. Da gibt es eigentlich keinen Raum und das ist auch gut so, denn Chico hat zwei Menschen getötet.

Wer will oder kann die Verantwortung dafür übernehmen, dass er nie wieder jemanden tötet?

Schnell ist in sozialen Netzwerken geschrieben, “Gut, dass die Halter tot sind, die haben das verdient!” Auch wird jede andere Meinung bestraft, mit “Du hättest es verdient eingeschläfert zu werden!” (Hier nachzulesen: https://bit.ly/2H23Re9)

Chico ist ohne Schuld

Die Empathie mit Chico ist riesig, auch mir tut er leid, denn er ist ohne Schuld. Aber trotzdem sollte er nicht weiterleben, denn dieses Weiterleben ist ebenfalls nur Qual: Sicherheitszwinger, kein Auslauf, keine Sozialpartner, weil er diese nicht kennt, nie kennengelernt hat. Ein Leben in Isolation. Manchmal ist der Tod eben nicht die schlimmste Strafe.

Darüber darf man auch unterschiedlicher Meinung sein, aber was mir bei all der Empathie für Chico abgeht, ist die Empathie mit seinen Haltern. Allein heute durfte ich lesen, ich sei herzlos, eine schlechte Tierärztin und ähnliches. Zum Shitstorm gegen mich wird aufgerufen, mich schlecht zu bewerten – Okay!

Warum hatte Chico eine zweite Chance verdient, wenn doch so viele “Problemhunde” keine neuen Halter bekommen und in den Sicherheitszwingern und Tierheimen versauern? Warum ist ein Hundeleben mehr wert als das seiner Halter?

Schnell sind Verschwörungstheorien da: Mit den kranken Zähnen könne er niemanden mehr totgebissen haben. Doch, besonders dann, denn die Fangzähne sind zum Festhalten, mehr nicht. Bei Schmerzen im Maul ist er vielleicht rasend geworden, er hat ja nie gelernt damit umzugehen. Nun sind alle drei Geschöpfe tot. Wem sollte das nützen? Wer hat einen Vorteil daraus?

Ganz genau: Niemand!

Wir sollten uns lieber einsetzen, für einen allgemeinen Hundeführerschein, gegen Rasselisten, für mehr Hilfe in Notsituationen, für mehr Mitmenschlichkeit. Wir sollten Petitionen unterschreiben, dafür, dass sowas nie wieder passieren soll. In der gleichen Woche starb noch ein Baby. Auch totgebissen von dem Hund seiner Eltern. Hatte das Baby und haben die Eltern den Tod auch verdient? Wer ist darüber Richter?

Chico muss das alles nicht mehr erleben, kein Schmerz, kein Leid und keine Einsamkeit, das ist heute eine wirklich gute Nachricht!

Artikelbild: pixabay.com, CC0

 

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