Die Corona-Proteste sind neu, die rechten, toxischen Narrative nicht

| Kommentar | 9. Juli 2020

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Rechte Narrative töten

Vor Kurzem fuhr ich zufällig an einer Demo mit etwa 100 Teilnehmenden vorbei. Ich hielt an, stieg vom Rad und lauschte, was die Frau am Mikrofon zu sagen hatte. Nach wenigen Worten und einem Blick in die maskenlosen, dicht gedrängten Gesichter wurde mir klar, dass es sich um eine Coronademo handelte. Nicht weit entfernt stand ein junger Mann in orangener Warnweste. „Was ist das hier?“, rief ich ihm zu. Der Mann kam näher – zu nah für meinen Geschmack. Ich wich einen Schritt zurück. „Die Medien werden es wohl wieder Coronademo nennen“. „Wie würdest du es nennen?“, hakte ich nach. „Wir treten hier für unsere Grundrechte ein, welche die Regierung mit ihren Coronamaßnahmen einschränken.

Ich wies ihn auf die Tatsache hin, dass sie sich doch gerade unter Polizeischutz versammeln und fragte, welche Grundrechte er denn meine. Es folgte eine abenteuerliche Geschichte über Merkel, Drosten und Gates und deren angeblichen Plan, unsere Wirtschaft und das „deutsche Volk“ zu vernichten. Seine Stimme wurde immer lauter und das Gesicht roter. Noch bevor ich antworten konnte, entfernte er sich mit dem Hinweis, dass er jetzt „ans Mikro müsse“. Ich blieb noch eine Weile stehen. Der Mann in der Weste wiederholte seine Horrorgeschichten vor der inzwischen vor Wut schäumenden Menge. Fassungslos schüttelte ich den Kopf. Einige Demoteilnehmer warfen mir abschätzige Blicke zu und ich fuhr davon.

Ignoranz und Deutschlandfahnen

Mein Herz raste. Ich war wütend angesichts der undurchdringlichen Ignoranz, die sich in orangener Weste vor mir aufgebaut hatte, ihre Deutschlandfahnen schwenkte und zu einer pulsierenden Masse verschmolz, die bei jedem bekannten Stichwort raunte, pfiff oder klatschte. Ich fühlte mich machtlos. Und empfand Mitleid, weil die Leute offensichtlich nicht verstanden, welcher Gefahr sie sich aussetzten. Ich phantasierte, ich hätte selbst das Mikrofon ergriffen um eine Alternative zu den kruden Verschwörungserzählungen zu bieten. Um die Menschen wachzurütteln und zum echten Nachdenken zu bewegen. Ich wünschte, ich hätte ihre Wut lindern und sie zur Vernunft bringen können. Leider hatte ich weder den Mut, noch die richtigen Worte.

Was bringt Menschen dazu, sich während einer tödlichen Pandemie zu hunderten oder tausenden zu versammeln und völlig abwegige Theorien auszutauschen? Warum riskieren sie ihr Leben und das ihrer Liebsten. Und was haben Merkel, Drosten und Gates eigentlich damit zu tun? Wieso sollten es diese Menschen auf das „deutsche Volk“ abgesehen haben? Wie kann überhaupt irgendjemand diese schwachsinnigen Geschichten glauben, die sich wer auch immer ausgedacht hat, anstatt auf Experten zu hören und Zuhause zu bleiben?

Corona-Proteste sind neu, die rechte Wut nicht

Verschwörungserzählungen über die Corona-Pandemie mögen neu seien, die sie begleitenden Wutreden, Deutschlandfahnen und Hassbekundungen gegenüber „denen da oben“ sind es nicht.

2017 veröffentlichte die Amadeu Antonio Stiftung eine Studie mit dem Titel „Toxische Narrative“. Gegenstand der knapp einjährigen Untersuchung waren die Narrative, welche Rechtsextremisten besonders häufig über soziale Medien verbreiten. Narrative sind wirkmächtige und langfristige Erzählungen, mit deren Hilfe wir die Gesellschaft und unsere Perspektive auf selbige beschreiben. Sie legitimieren die eigene Weltanschauung, wecken Emotionen und motivieren zum Handeln. Narrative bringen unsere alltäglichen Erfahrungen in einen sinnstiftenden Zusammenhang. Sie sind Geschichten, die dem Erlebten Bedeutung geben. Sie sind Märchen – keine Fakten.

Ein Beispiel für ein relativ harmloses Narrativ ist die in vielen Orten gängige Erzählung, dass die Menschen aus der Nachbargemeinde besonders schlechte Autofahrer seien. Fährt tatsächlich mal jemand mit entsprechendem Kennzeichen merkwürdig, scheint das Narrativ sich zu bestätigen. Es verfestigt sich. Das Gegenteil lässt sich jedoch nie beweisen. Dieses Narrativ mag dazu motivieren, mehr Abstand zu Fahrzeugen aus der Nachbargemeinde zu halten. Narrative müssen also nicht unbedingt negative Folgen nach sich ziehen.

toxische Narrative

Sie richten sich gegen eine bestimmte Personengruppe, schüren Hass und können letztendlich zu Gewalttaten oder sonstigen gesellschaftsschädigenden Handlungen motivieren. Die genannte Studie der Amadeu Antonio Stiftung, welche sich mit den Posts von 10 namhaften rechtsextremistischen Facebookseiten (darunter die der AfD, von Pegida und der Identitären Bewegung) beschäftigt, konnte insgesamt neun Hauptnarrative ausmachen. Diese wurden im Untersuchungszeitraum tausendfach in unterschiedlichen Varianten wiederholt.

Sie alle haben gemeinsam, dass sie eine dystopische Drohkulisse aufbauen, in der die Existenz Deutschlands durch böse Mächte im In- und Ausland bedroht wird und kurz vor dem Untergang stehe. Sie schüren Hass auf Zuwanderer, Politiker, Journalisten und überhaupt jeden, der nicht an die Horrormärchen glaubt oder es gar wagt, diesen zu widersprechen. Und sie motivieren, etwas gegen die angeblichen Feinde zu unternehmen.

Am 19. Februar 2020 konnten wir alle beobachten, welch zerstörerische Wirkung toxische Narrative entfalten können. An diesem Tag ermordete der rechtsextremistische Täter zehn Menschen in Hanau. Er war überzeugt, sie seien eine Gefahr für Deutschland. Schlicht, weil sie für ihn nicht wie Deutsche aussahen. Der Täter hatte sich eingekauft in die Verschwörungswelt des Rechtsextremismus und im festen Glauben gehandelt, er müsse etwas gegen den angeblich bevorstehenden Untergang Deutschlands tun. Jeden Tag werden Menschen Opfer von rassistischen Gewalttaten, weil die Täter nicht in der Lage sind, krude Verschwörungserzählungen von Fakten zu unterscheiden.

Hass gegen Menschen

Spätestens seit 2015 verbreiten die Mitglieder der AfD und alle ihnen ideologisch nahe stehenden Akteure massenhaft Narrative, die das Vertrauen in staatliche Institutionen erodieren. Die Hass gegenüber Menschen und bestimmte Berufsgruppen schüren. Die, wenn sie geglaubt werden, weil sie tausendfach erzählt und weitererzählt werden, Hass, Angst und Wut schüren. Die in letzter Konsequenz zu Handlungen motivieren, die Menschen schaden zufügen.

Entweder, weil sie sich in Form rassistischer Gewalttaten manifestieren oder weil sie dazu führen, dass Menschen sich in Zeiten einer tödlichen Pandemie zu tausenden versammeln. Weil sie nicht mehr darauf vertrauen, was „die Medien“ schreiben oder Experten raten. Weil sie die Einschränkungen als Bedrohung und Teil eines dunklen globalen Plans sehen, dessen Ziel darin bestehe sie zu vernichten.

Gastbeitrag von „Nazifresser“. Artikelbild: Jaz_Online

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