Faktencheck & Kommentar zu diesem Corona-Verschwörungsmythos

| Kommentar | 1. April 2020

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Dieser Verschwörungs-Facebookpost auseinandergenommen

Die Zeit der Coronakrise ist für viele Menschen auf verschiedenen Ebenen eine äußerst schwere Zeit. Sei es, weil ein geliebter Mensch mit dem Virus kämpft, sei es, weil man sich Sorgen machen muss, wie man die Familie ernährt, sei es, weil man selbst zur Risikogruppe gehört und sich deswegen nach dem Kontakt zu geliebten Menschen sehnt. Diese und andere Extremsituationen müssen wir gerade ertragen. Doch es gibt auch Menschen, für die die Coronakrise ein Glücksfall ist. Die Rede ist von Verschwörungstheoretiker*innen.

All die wilden Verschwörungstheorien, die seit je her bestehen, haben gerade wieder Konjunktur. Verschwörungsmythiker*innen und vergleichbare Betrüger*innen wittern eine Chance, ihre Bücher und andere Produkte zu verkaufen und nutzen die Unsicherheit in der Bevölkerung eiskalt aus. In einem Webinar mit FridaysForFuture hat der Journalist Daniel Bröckerhoff viele wissenswerte Dinge zum Thema Fake News und Verschwörungstheorien zusammengefasst, hier der Link dazu.

Auch wir bekommen immer wieder Beispiele von Posts, Videos oder Audiodateien zugesendet, die Verschwörungstheorien beinhalten. So auch diesen Facebookpost:

Faktencheck: Was ist an diesem Post dran?

Spoiler: Nicht viel. Aber nehmen wir uns doch einmal die Zeit und schauen genauer rein, was die Verfasserin mit ihrem „(zu?) kurzen Nachdenken“ herausgefunden hat.

Schon Aussagen wie „kluger Schachzug von oben“ oder die heuchlerische Aufforderung, etwas „außerhalb des Tellerrandes“ [sic] zu betrachten, sind Indizien, dass hier ein Verschwörungsmythos bedient werden könnte. Zur problematischen Gegenüberstellung von „Corona vs. Grippe“ hat der Kollege Thomas Laschyk hier schon etwas geschrieben:

Corona gefährlicher als Grippe! Mit diesen 4 Fakten argumentierst du gegen Verharmlosung

Abgesehen davon, dass es unsauber ist, mit statistischer Evidenz zu argumentieren, fällt mir dazu meist nur ein: Wieso diskutieren wir jetzt bereits über Zahlen, Todesraten etc., obwohl wir gerade mitten in der Coronakrise stecken und die ganzen Details sowieso noch nicht klar sind? Und selbst wenn es so wäre, dass die Todesrate der Grippe höher wäre als die des Coronavirus: Woher wollen denn die ganzen Internetexpert*innen mit ihrem „Blick über den Tellerrand“ wissen, dass das nicht auch daran liegt, dass wir relativ scharfe Maßnahmen ergriffen haben? Woher wollen sie wissen, wie viele Menschenleben das Virus gekostet hätte, wenn wir nicht all die (mehr oder weniger erfolgreichen) Versuche der Eindämmung unternommen hätten?

Ich finde es allerdings auch respektlos, mit Menschenleben zu argumentieren und den verzweifelten Menschen, die Angehörige verloren haben, irgendwelche Statistiken vor die Nase zu halten, warum das jetzt alles nicht so schlimm wäre. Deswegen möchte ich diese ganze „Argumentation“ nicht länger befeuern. Doch der Post berührt ja auch noch andere Gebiete.

Folgen für die Umwelt

Die Autorin des Posts zählt viele positive Auswirkungen des weitestgehenden Shutdowns auf die Umwelt auf: CO2-Einsparungen oder das Ende jahrzehntelanger Smogs werden da genannt. Dieser Abschnitt ist sehr verwirrend, denn an sich sind das ja alles „gute“ Auswirkungen. Vielleicht ein weiterer Versuch der Verharmlosung des Virus? Allerdings sind die aufgezählten Effekte ja keine Auswirkungen des Coronavirus selbst. Eher sehen wir hier Effekte der Drosselung unserer Wirtschaft und unseres gesellschaftlichen Lebens. Hat da jemand gerade aus Versehen den „Greta-Jüngern“ und „Ökosozialisten“ (beide Bezeichnung durften wir uns auch schon anhören) Rückendeckung gegeben? Vermutlich hat da jemand vor lauter Verschwörungstheorie etwas durcheinander gebracht. Kann ja mal passieren.

Schachzüge der Regierung?

Dass im Zuge der Coronakrise Menschen vermehrt bargeldlos bezahlen sieht die Autorin als „geniale[n] Schachzug der Regierung“. Inwiefern bargeldloses Zahlen mit jener „Weltverschwörung“ zusammenhängt, ist mir nicht ganz klar. Vermutlich müsste man dafür besser in der Materie der Verschwörungstheorien stecken.

Mir kommen aber immer wieder, wenn ich in diesem Zusammenhang von „Schachzug der Regierung“ oder ähnlichem höre, die gleichen Gedanken: Wie genau soll das alles eigentlich aus Sicht der Verschwörungstheoretiker*innen passiert sein? Unsere Regierung hatte ein geheimes „Projekt C“ am Laufen, welches das Entwickeln einer Seuche umfasst, dazu deren Aussetzung in einer ostasiatischen Großstadt nebst Verbreitung über die ganze Welt, Absturz der Weltwirtschaft, zehntausenden Todesfällen? Und das alles nur, um das Bargeld loszuwerden? Wirklich?

Wenn unsere Regierung derartig boshaft, diktatorisch und  hinterhältig wäre – hätten sie dann nicht einfach per Gesetz das Bargeld  abschaffen und ihr Ziel damit viel schneller und einfacher erreichen können? Ich frage ja nur.

Und was ist mit der GEZ?

„Lügenpresse“, „Staatsmedien“, „zwangsfinanzierte Medien“ – für viele Verschwörungsmythiker*innen sind auch diese Bezeichnungen keine Fremdwörter. Eine Maßnahme wie die Erhöhung der Rundfunkbeiträge stößt dann natürlich auf noch mehr künstliche Empörung.

Doch bleiben wir auch hier bei den Fakten: Die Rundfunkbeiträge sind seit 2009 (also seit 11 Jahren) nicht mehr erhöht worden. Doch in dieser Zeit sind technische Möglichkeiten, aber auch Anforderungen immer mehr gestiegen. Damit sind auch steigende Kosten verbunden. Nebenbei lief natürlich auch die Inflation mit. Insgesamt mussten die Rundfunkanstalten also immer mehr Geld für die Bereitstellung des Programms ausgeben, ohne dass wirklich mehr Geld zur Verfügung steht. Das ist ein Spannungsverhältnis, welches auf Dauer nicht zu halten ist.

Natürlich kann man darüber diskutieren, ob wirklich alle Sendungen, die von unseren Beiträgen finanziert werden, in der Form nötig sind – keine Frage. Das ist in einer Demokratie auch richtig und wichtig! Dazu gibt es die Möglichkeit, sich an die entsprechenden Stellen zu wenden. Doch zu unterstellen, diese erste Erhöhung des Rundfunkbeitrages seit 11 Jahren sei „heimlich“ und hinter der Coronakrise versteckt geschehen, ist töricht und falsch. Oder wie erklären sich die Verschwörungstheoretiker*innen sonst, dass diese „heimliche“ Aktion prominent von den öffentlich-Rechtlichen selbst vermeldet wurde? Das wäre ja höchst kontraproduktiv.

Exkurs: Warum wir öffentlich-Rechtliche brauchen

Das Thema öffentlich-Rechtliche kommt oft auf, insbesondere bei Verschwörungsmythiker*innen Dabei geht es oft darum, dass diese „Staatsmedien“ seien. Die Regierung lenke angeblich die Inhalte und wir werden auch noch gezwungen, dafür zu zahlen.

Tatsächlich hat sich ja in Deutschland das System durchgesetzt, dass alle einen Beitrag für öffentlich-rechtlichen Rundfunk zahlen. Daneben gibt es noch eine breite Palette privater Sender. Unsere Beiträge (keine Gebühren! Unterschied siehe hier) sorgen dabei dafür, dass eine finanziell unabhängige Berichterstattung gewährleistet ist. Die Rundfunkanstalten sollen also beim Zusammenstellen der Nachrichten und Angebote nicht nach den Aspekten einzelner reicher Sponsoren gehen, sondern möglichst vielfältig produzieren und berichten.

Hier zeigt sich schon, weswegen ein rein privatisierter Rundfunk problematisch wäre: Denn wenn die Anstalten auf einmal daran gebunden wären, neben ihren klassischen Medienfunktionen noch gewinnbringend zu handeln, würde das dafür sorgen, dass die Leute, die das meiste Geld haben, das Programm bestimmen können. Und das wäre dann wirklich ein Problem. Denn ob diese Leute aus gutem Willen Minderheiten oder Gruppen ohne Lobby (z. B. Schüler*innen, Rentner*innen) überhaupt noch eine Stimme geben, das steht in den Sternen.

Wir kriegen jetzt nachweislich neutralere Berichterstattung als ohne sie. Das schadet aber Menschen, die mit dem Entlarven ihrer Verschwörungsmythen Geld verdienen wollen – nur deshalb wird gegen den ÖR gehetzt.

Fazit

An diesem Post zeigen sich klassische Merkmale eines Verschwörungsmythos. Die (logisch nicht nachvollziehbare) Unterstellung einer abstrakten Verschwörung von „denen da oben“ wird aufgestellt. Der Versuch, die Klimabewegung zu denunzieren, scheitert dagegen. Und auch das Schüren von Misstrauen gegen „Die Medien“ lässt sich eindeutig nachweisen.

Vor allem die Punkte  „abstrakte Verschwörung“ und das „Schüren von Misstrauen“ sind häufig Hinweise auf Verschwörungsmythen. Wir bekommen oft Meldungen zu möglichen Verschwörungstheorien, gerade jetzt zur Coronakrise. Wir können nicht alle einzeln untersuchen. Dafür reicht unsere Zeit einfach nicht. Doch wir können jede*n Leser*in auffordern, selbst zu überprüfen: Findet sich im vorliegenden Text oder Video die Idee einer abstrakten Verschwörung der „Eliten“? Wird aktiv Misstrauen in die demokratischen Institutionen oder die Medien geschürt?

Wenn man diese Fragen mit Ja beantworten kann, dann sollte man prinzipiell sehr misstrauisch sein und die Quellen doppelt prüfen. So kann man sich immerhin selbst halbwegs vor falschen Informationen schützen.



Artikelbild: Screenshot facebook.com

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