Von Shitstorms, Komikerinnen & der AfD: Enissa Amani darf das

Der Shitstorm setzt den falschen Fokus

image_print

Kommentar: ENissa Amani darf das

Enissa Amani wird vorgeworfen ihre Armee an Followern mobilisiert zu haben, um eine Journalistin zu diskreditieren, zu mobben und mit einem Shitstorm zu fluten. Heikel wird die ganze Angelegenheit, da sich die AfD auf die Seite der Journalistin stellt, obwohl dies nicht ihre Intention war. Daraufhin wird Enissa Amani von allen angegriffen, weil sie ja schließlich Schuld an der Situation sei. Vergessen wird jedoch, wer den Auslöser mit dem Artikel auf Spiegel Online gesetzt hat.



der Shitstorm setzt den falschen Fokus

Aktuell tobt ein Shitstorm, weil Enissa Amani nicht mehr Komikerin genannt werden möchte, eine Journalistin sich über Amani lustig gemacht hat, Ralph Ruthe schnell, aber anscheinend doch zu spät zurückruderte und weil Micky Beisenherz auch noch irgendwie seinen Senf dazu geben musste.
Nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird und darum müssen auch alle immer noch einmal den Herd ein wenig höher stellen, wie es scheint. Aber eigentlich geht es um etwas ganz anderes: man gönnt Amani ihre Art von Lifestyle in Kombination mit ihrem Auftreten nicht.

Kurze Chronologie für alle, die es noch nicht mitbekommen haben:

Anja Rützel teilt ordentlich aus, möchte aber nicht einstecken. Enissa Amani regt sich (berechtigterweise hin oder her, Ansichtssache) darüber auf und ihre Follower legen los, manche schießen auch über das Ziel hinaus: Link zum Tweet

Und nun? „Enissa Amani soll sich nicht so anstellen“? Vielleicht hat Enissa Amani auch einfach keine Lust mehr, immer die liebe nette Frau mit Migrationshintergrund zu spielen, die über alles hinweg lächelt und sich Kränkungen nicht anmerken lässt. Ich sage: Followershitstorm war unklug, sie hätte das selbst genauso gut, vielleicht sogar besser regeln können, da sie qualifiziertere Argumente hätte bringen können. Ein abgebrochenes Jura-Studium ist kein Garant, zeigt es dennoch, dass wir es hier nicht mit einer unqualifizierten, bockigen Schulabbrecherin zu tun haben.

was darf amani?

Enissa Amani kennt die ganzen Sprüche, auch die Aufforderungen, weiter Comedy zu machen und sich politisch nicht mehr zu äußern. Erstmalig geschah dies in größerem Ausmaß nach folgendem Auftritt bei hart aber fair: Link zum Video

Enissa Amani sitzt neben Berufspolitikern und Vertretern einer Glaubensrichtung und möchte sich dort nicht unterordnen oder den Mund verbieten lassen. In ihrer Hilflosigkeit unterbricht sie die Sprechenden, reißt das Wort an sich und wird laut. Während Männern in der Situation Stärke und Eloquenz zugeschrieben werden, wird Enissa Amani für ihr unprofessionelles Verhalten verurteilt und vom Moderator sanktioniert. Das erlebt sie häufiger: sie habe sich da einfach mal raus zu halten, hätte eh keine Ahnung, sei mehr Deutsche als Ausländerin und überhaupt sei das Rumgezicke lächerlich. Die Zuschreibung als „Influencerin“ seitens Anja Rützel reiht sich analog in diese Aufzählung ein.

Eine Frau, die man nicht Ernst nehmen kann, weil sie ja sonst im Bereich Comedy unterwegs ist (und das sowohl mit den Jungs von RebellComedy als auch alleine in den USA sehr erfolgreich). Comedy und Ernsthaftigkeit schließen sich nicht aus, das beweist auch Ralph Ruthe, der sich immer wieder klar politisch engagiert. Er ist in dieser ganzen Causa ein „Bauernopfer“, ihn hat es erwischt, obwohl er seinen Tweet, der nur wenige Sekunden online war, gar nicht mit einer politischen Botschaft intentioniert hatte. Aber die Follower waren schneller und haben ihn zügiger in den Shitstorm reingezogen als er gucken und sich erklären konnte.

genervt von hatern und der afd

Die AfD hyped den Artikel von Anja Rützel, sie selbst fand das plötzlich auch nicht mehr so cool. Aber das Kind war da schon in den Brunnen gefallen. Plötzlich existierte ein „Wir gegen die“, Team Amani gegen Team „Alman“. Verfolgt man Enissa Amanis Auftritte fernab der Humorbühne, so sieht man eine eloquente Frau, die nicht nur Humor (Geschmackssache, ja!), sondern auch Intelligenz besitzt. Und es dann auch noch wagt, unverschämt gut auszusehen. Kann man nicht akzeptieren, irgendwo muss doch ein Haar in der Suppe zu finden sein und zack, gefunden: ihre Emotionalität.

Ich sage: Enissa Amani darf das. Sie darf abgenervt sein von den ganzen Menschen, die sie permanent unterschätzen, von den Menschen, die nur nach ihren Fehlern suchen, damit sie sich nicht mit ihren Inhalten auseinander setzen müssen.

Ich empfehle: Hört dieser Frau zu, sie hat eine Menge zu sagen. Sie hat keinen Bock mehr, diskriminiert oder abgewertet zu werden, weil sie eine Frau ist, weil sie gut aussieht und weil sie etwas im Kopf hat. Diese Frau hat Inhalte, die sie überbringen möchte und der man auch den Raum dazu geben sollte. Solange wir nicht mit Powerfrauen wie Amani zurecht kommen, solange sollten wir uns mit Vorverurteilungen zurück halten. Dies gilt auch für Anja Rützel.

Bereits im hart aber fair Talk sieht man, wie angespannt Amani dort sitzt (ab Minute 9:12) und wie sie ständig unterbrochen und belächelt wird und das auch von Frank Plasberg, der als Moderator eigentlich objektiv und unparteiisch sein sollte. Nun, wo sie einen Kanal hat, wo sie das alles rauslassen kann, kochen die Emotionen über, ich persönlich kann das nachvollziehen.

Enissa amani darf sich wehren

Sie darf sich wehren und ich bin ihr dankbar, dass sie den Mund aufmacht und nicht die liebe nette Comedy-Beauty spielt, die die Leute von ihr erwarten würden, weil das einfach bequemer ist. Weil man nicht nachdenken muss, weil man einfach nur berieselt wird und von den wirklichen Problemen abgelenkt wird. Amani braucht die Quote nicht, sie braucht die verkauften Eintrittskarten nicht und sie braucht keine Frau wie Anja Rützel, die ihr in den Rücken fällt.

Als Deutsche können wir jedenfalls nicht beurteilen, wie sich Rassismus aus Betroffenensicht anfühlt. Gefühle sind höchst individuell. Als Micky Beisenherz können wir nicht beurteilen, wie sich eine Frau fühlen muss, der ständig der Mund verboten wird.

Vielleicht müssen wir alle lernen, gegenseitig mehr Rücksicht aufeinander zu nehmen.

Artikelbild: © Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons)

Da du diesen Artikel zu Ende gelesen hast: Möchtest du mehr Recherchen und Analysen zu den Hintergründen von politischen Mythen und Fake News? Oder auch Kommentare zu politischen Forderungen und aktuellen Ereignissen? Dann unterstütze unsere Arbeit mit einer kleinen Spende für einen Kaffee, dazu kannst du einfach hier entlangschauen. Vielleicht hast du auch Fragen oder Artikelwünsche? Dann schreib uns auf redaktion@volksverpetzer oder auf Facebook oder Twitter

Kommentare sind geschlossen, abertrackbacks und Pingbacks sind offen.