Warum ich mich mit faschistischen Ideologen nicht auf eine Bühne setze

| 3. April 2019

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Nicht mit faschisten diskutieren

1. Es geht der Neuen Rechten nicht um Diskurs, sondern um Diskurszerstörung.

Es gibt keinen Austausch von Argumenten, kein Einlenken, kein Überlegen. Es geht nur darum, den demokratischen Diskurs ins Lächerliche zu ziehen und zu zerstören. Das ist gefährlich. Sehr. Stellen wir uns mal naiv und sagen wir, wir diskutieren über Probleme an Schulen. Du kannst die besten Pädagog_innen mit den besten Sachargumenten hinsetzen, die faktisch alle richtig sind. Und gegenüber sitzen völlig unqualifizierte Ideologen der Neuen Rechten und schüren Angstbilder.

Völlig unbeeindruckt von Fakten oder Nuancen pflanzen sie Bilder in die Köpfe, die Angst, Untergang, Terror vermitteln. Weil es ihnen einfach nicht um eine demokratische Lösung geht. Und Angst wirkt tausendmal stärker als jedes Sachargument. Und dann haben wir keine Diskussion. Weil auf unterschiedlichen Sprachebenen agiert wird. Und sobald wir ihre Zerstörungsebene zulassen, gewinnen sie. Natürlich könnte man Leute hinsetzen, die das antizipieren und ebenfalls auf der Ebene agieren. Aber was soll das bringen, außer ein gegenseitiges Niederschreien?



2. Warum sollte ich sie auf meine Ebene ziehen?

Warum sollte ich ihnen eine gleichberechtigte Relevanz im gesellschaftlichen Diskurs zugestehen wie Wissenschaftler_innen, Expert_innen oder Politiker_innen? Womit haben sie das verdient? Weil sie Menschenfeinde sind? Es ist kein Verdienst, möglichst laut möglichst menschenverachtend zu sein. Das ist auch keine Qualifikation, die der Qualifikation zum Beispiel von Sozialwissenschaftler_innen, antifaschistischen Recherchen, Expert_innen oder Opfer-Vertreter_innen gegenüber steht.

3. Ich wühle mich durch ihre Ideologie, durch ihr Denken, durch ihre Strategien

Ich habe gelernt so zu denken, wie sie denken. D.h., ich kann sie analysieren. Aber das würde bedeuten, mit ihnen über sie zu reden. Auf ihrem Terrain. Das heißt, sie verbreiten die ganze Zeit Propaganda und ich liefere ad hoc Analyse und Dechiffrierung. Um das zu leisten brauche ich kein Live-Anschauungsmaterial. Das geht ruhiger und strukturierter ohne sie. So haben wir eine schiefe Bühne auf der man nur hinter her hüpft.

4. Ich werde nur Ziel von Shitstorms & Gewalt

Könnt ihr euch vorstellen, wie meine Drunterkommentare, Drüberkommentare, direkten Nachrichten, Mails, Mentions in den letzten Tagen ausschauen? Wie in Facebook-Gruppen gegen mich agitiert wird und wie herzerwärmend die Reaktionen ausfallen, jedes Mal, wenn ich in Sellners Videoblog vorkomme? Nach so einer Konfrontation auf einer Bühne wäre die Hölle los.

Und ich habe einen Einblick in die Hölle bekommen. Vergewaltigungsdrohungen nach Konfrontation mit der FPÖ. Ein Schuss durchs Küchenfenster mit Luftdruck-Pistole, nachdem mein Buch herauskam! Sticker, die auffordern mich zu schlagen.

Warum sollte ich das mir oder meiner Familie antun? Oder irgendwer? Die Gewalt folgt ihnen am Fuß. Viele Antifaschist_innen und Wissenschaftler_innen haben das leidvoll erfahren. Auch die, die naiverweise dachten, Diskussion ist möglich. Statt Diskussion gibt’s nur Einschüchterung.

5. Faschistische Diskussion ist voller Ablenkungen

Neben den inhaltlichen Argumenten, die fehlen (siehe Punkt 1), haben sie ein ganzes Arsenal an Kommunikationsstrategien, um ihr Ziel zu erreichen. Das Ziel ist die Zerstörung des demokratischen Diskurs, wie ihr euch erinnert. Wer das nicht erkennt, tappt in ihre Falle.

Weil natürlich setzen sie sich nicht hin und gröhlen bierdunstig “Auslända raus”, sondern etwas in der Gegend von “Es ist wichtig die ethnokulturelle Vielfalt, die Europa so stark gemacht hat, zu erhalten und zu stärken.” Das klingt nett, meint aber das Selbe.

Die geschliffene, bürgerliche Sprache und Attitüde blendet Viele. Das ad hoc zu dechiffrieren ist schwer. Auch ich gehe gerne öfter über Texte und Reden und mir fällt erst Tage später noch was auf. Und ich halte mich für recht versiert und umfassend gebildet, was das Thema angeht.

6. Sie sind nicht zu überzeugen

Das sind Leute mit einem geschlossen rechtsextremen bis faschistischen Weltbild. Die haben jedes Gegenargument schon einmal gehört und 3 Gegenangriffe für jedes parat. Es ist ihnen schlicht egal. Sie sind das gerne, sie stehen dazu.

Das heißt,. es würde nur um ein Publikum gehen und nie darum, irgendwas in ihnen zu bewegen. Und dann greifen Punkte 1-5. Warum sollte ich ein Publikum dem aussetzen und eine Art Gleichwertigkeit zwischen Menschenhass und Nicht-Menschenhass etablieren? Diese existiert nicht.

7. Warum rede ich dann überhaupt über sie?

Und wenn das alles stimmt, was ich da sage, warum rede ich dann überhaupt so viel über sie und schweige nicht dazu, um sie nicht populär zu machen? Ich bin unbedingt der Meinung, dass wir viel mehr über Faschismus reden müssen. Nicht als Parole oder Buzzword, sondern wirklich.

Was bedeutet Faschismus? Woher kommt er? Was sind die feinsten Ideologiefragmente? Wo schließt er an? Wer sind die Vorbilder? Welche Kontinuitäten gibt es? Welche Bilder werden vermittelt? Warum ist das nicht nur der Nationalsozialismus? Wo sind die inneren Spannungen und Ambivalenzen?

Ich weiß, ich bin nicht der Maßstab, aber meine Güte, so viele Aspekte und Fragen brennen mir unter den Fingernägeln, die ich gern beleuchten würde. Ich könnte stundenlang drüber sinnieren und tue das mit Anderen. Weil ich es wichtig finde, dass uns wieder klar wird, was Faschismus ist.

Über Faschisten reden, nicht mit ihnen

Zusammenfassend: Über Faschist_innen reden: Ja unbedingt. Mit Ihnen: Niemals. Das ist ein Sieg für sie. Damit ist übrigens nicht gemeint, nicht z.B. mit FPÖ-Wähler_innen oder dem rassistischen Onkel zu diskutieren. Da lohnt sich der Widerspruch und die Debatte.

Und eins noch: Es ist nicht alles debattierbar. Die Vernichtung von Menschen ist nicht debattierbar. Dazu gibt es kein Pro und Contra und keine zwei gleichberechtigten Meinungen. Im Faschismus ist die Vernichtung immer schon angelegt. Sie ist kein zufälliges Endprodukt.

Autorin: Natascha Strobl, Twitter: @Rabid_Glow. Zusammen mit Julian Bruns und Kathrin Glösel hat sie “Die Identitären. Handbuch zur Jugendbewegung der Neuen Rechten in Europa” geschrieben. 

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