Fragwürdiges Focus-Interview über Hartz-IV-Empfänger – Stimmt die Rechnung?

| Kommentar | 3. Juni 2022

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Dieses Focus-Interview wirft Fragen auf

Gastbeitrag von David Hinder

Fake News, wir sind davon umgeben, scheint es. Während Querdenker wie Bodo Schiffman oder Sucharid Bhakdi durch Desinformation über Corona und Impfung wahrscheinlich schon sieben Bewusstseinsebenen aufgestiegen sind und man in Facebook-Gruppen Bilder findet, anhand derer zweifelsfrei zu erkennen ist, dass Angela Merkel Reptiloidin sein muss, übersehen wir leider viel zu leicht, dass Fake News schon viel früher anfangen. Bei dem Hochglanzmagazin Focus zum Beispiel. Das hatte am 20.05.2022 auf der hauseigenen Onlineplattform folgenden Artikel veröffentlicht:

Quelle: focus.de

Ganz „zufällig“ überschnitt sich dieser Artikel mit einem Twitter-Phänomen: Armutsbetroffene schrieben auf Twitter unter dem Hashtag #ichbinArmutsbetroffen ihre Erfahrungen. Das tun sie übrigens bis heute. Mediale Resonanz hält sich in Grenzen. Naja, bis auf Focus. Und diese Resonanz hatte es in sich. Denn Focus hatte, wie BILD und RTL in der Vergangenheit auch, mit Sven Walter gesprochen. Dieser bezieht Hartz IV in Berlin und ist der Auffassung, der Hartz IV-Regelsatz sei eigentlich zu hoch. Er taucht regelmäßig auf, wenn Axel Springer und andere eher rechte Medien Kampagnen gegen Armutsbetroffene fahren. Wie hier zum Beispiel:

Oder auch in einem RTL-Artikel mit dem Titel „446 Euro im Monat sind viel zu viel!

Bekannte Taktik: Verharmlosung gefährlicher Krankheiten

Walters Meinung dazu lassen wir mal wenig kommentiert stehen. Erwähnen sollte man dennoch, dass er aus der Versicherungsbranche kommt, eine Branche voller Vertreter, deren Mindset sehr stark auf »Jeder ist seines Glückes Schmied« fußt. Walter war mal reich, ist nun schwer krank und ist Hartz IV-Empfänger. Welche Schlüsse er daraus zieht, ist nur ihm überlassen. Wie der Focus dieses Interview aufzieht, ist aber hingegen interessant. Zum Beispiel fragt Focus nach den Tattoos – zwei mal. Walter muss also zwei mal betonen, dass diese aus einer Zeit stammen, in der er finanziell noch gut aufgestellt war. Offenbar gleich doppelt gefundenes Fressen, denn so haben sie das Klischee des volltätowierten Hartzers untergebracht und mit ihrem Framing noch deutlich gemacht: wer arm ist, darf sich Luxus wie Tätowierungen einfach nicht leisten.

Große, als seriös wahrgenommene Medien, arbeiten seltener mit der direkten Lüge, um ihre Position zu unterstreichen. Sie nutzen lieber Framing, also das Betonen bestimmter Klischees, Konzepte, die Hervorhebung bestimmter Begriffe usw. um das Denken der Rezipient*innen zu lenken. „Der ist lungenkrank und raucht? Der ist arm und hat Tattoos?“ Diese Fragen sollen Leser*innen durch den Kopf blitzen, während sie das wundersame Interview konsumieren. Dass Rauchen eine Sucht ist, egal. Dass Tattoos vor dem Abstieg in die Armut gemacht wurden? Egal. Focus muss zwei mal nachfragen, um ganz sicher zu gehen. Um doch noch die erhoffte Antwort zu bekommen? „Ham se recht, hab welche erst gestern gemacht und das Doppelte vom Regelsatz ausgegeben!“

Tattoos

Ein Bild von Walter prangt direkt oben im Artikel. Er zeigt seinen tätowierten Oberarm. Die Bildbeschreibung sagt nur, dass der Rücken auch tätowiert sei. Für all diejenigen, die nur schnell drüberscrollen, schreibt man die fürs Framing wichtigen Infos dazu. Für alle Fälle, wie es scheint.

Im übrigen Interview macht es Walter seinen Gesprächspartnern so leicht, dass sie nicht mehr viel framen müssen. Er zählt auf, wo er überall spart. Er duscht nur zwei mal die Woche, wenn er sich ein Ei kocht, kocht er es nur drei Minuten, hat ein Haushaltsbuch geführt – nennen wir es mal löblich. Viele seiner Spartricks sind aber nur möglich, weil er ursprünglich aus einem wohlhabenden Leben kommt. Induktionstöpfe zum Beispiel, oder stromsparende Geräte. Focus fragt nicht nach, macht keinen Versuch der Einordnung.

Flunkerei bei der Focus-Rechnung

Aber das dicke Ende kommt ja bekanntlich zum Schluss: Nachdem Walter erzählte, dass er sich sogar für 40 Euro im Monat den Billardclub leiste, könne er sogar 100 Euro sparen. Er schließt daraus:

„Deswegen sage ich ja: HartzIV ist eigentlich zu hoch.“

Ganz am Ende noch ein Kommentar darauf, dass die Politik die guten Deutschen vergesse, schon hat Focus noch eine abschreckende nationalistische Note, um eine linksliberale Leserschaft abzuschrecken. Das Klischee ist perfekt. Der tätowierte, rauchende, nationalistische Hartzer ist komplett. Besser noch, er ist sogar Vorbild, weil er so löblich sparsam ist. „Seid gefälligst alle wie Sven Walter, nur ohne Rauchen und Tattoos“. Aber das war noch nicht das oben angekündigte dicke Ende. Das kommt jetzt.

Walters Ausgaben können nämlich so nicht stimmen. Sie übersteigen den Hartz-IV-Regelsatz von 449 Euro. Das hat Twitter-User @kopperschlaeger ermittelt. Er hat die verschiedenen Berichte über Sven Walter, die bei RTL, Focus und BILD erschienen waren mal nachgerechnet.

Sven gibt also offenbar 37 Euro im Monat mehr aus, als er kann. Das ist kein Fall für Peter Zwegat, sondern ein Fall für andere Journalist*innen, die Focus, BILD und RTL da mal auf ihre Sorgfaltspflicht hinweisen müssen. Im besten Falle hat nur keiner nachgerechnet. Im schlimmsten Falle liegen hier Unwahrheiten vor – womöglich bis zur Persona selbst. Das transportierte Klischee und die transportierten Narrative, die vom Zielpublikum genau so erwartet werden, passen zu perfekt. @kopperschlaeger hat den Focus nach eigener Aussage übrigens wiederholt darauf hingewiesen, bekam aber keine Antwort.

Fazit: Plumpe Stimmungsmache mit wenig faktischer Basis

Fragwürdig bleiben übrigens auch Walters Ausgaben für Energie. 15 Euro für Gas, 36 Euro für Strom. Wir sind uns alle einig, dass man bei diesen Dingen sparen kann, allerdings scheinen diese Werte selbst bei großer Disziplin stark untertrieben. Vielleicht friert Sven wirklich jeden Winter, allerdings bleibt es vermessen, das generell von Armutsbetroffenen zu erwarten – und ihnen dazu die Mindestleistung zu kürzen. Übrigens: Armutsbetroffen sind in Deutschland je nach Studie zwischen 14 und 19 Prozent der Bevölkerung (Quelle). Dazu zählen nicht nur Hartz-IV-Empfänger*innen, sondern auch viele, die berufstätig sind. Und dann noch Menschen, die Angehörige pflegen, unter chronischen Krankheiten leiden oder schlicht Alleinerziehend sind. Fake News, manipulative Framings, cherry picking und unrealistische Darstellungen fangen schon beim Missachten journalistischer Sorgfaltspflicht an, nicht erst bei Querdenken und AfD.

Änderungshinweis: Der Abschnitt über die Lungenkrankheit COPD war faktisch problematisch und irreführend und wurde der Korrektheit halber gestrichen. Artikelbild: shutterstock.com / Screenshots @kopperschlaeger / Focus

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