Robert Habeck, lassen Sie uns nicht mit der Account-Armee im Internet alleine!

Kommentar

image_print

Lieber Robert Habeck,

ich kann Ihren Rückzug aus den sozialen Medien Twitter und Facebook total nachvollziehen. Wenn ich mich nicht täglich dort gegen die Vergiftung unserer Gesellschaft einsetzen würde, hätte ich meinen Account schon längst gelöscht. Facebook verkommt immer mehr zu einer Propagandamaschine, deren Plattform die Facebook-Seiten der reichweitenstarken Medien wie BILD oder sogar das ZDF ist.

Desinformationen, Aufrufe zu Gewalt, aufhetzende Kommentare. All das steht dort in großen Teilen unreguliert. Damit meine ich nicht die Einschränkung der freien Meinung, um Gottes Willen. Mir persönlich fehlen aber die Klarstellungen der Lügen und der Verdrehungen. Das Rückführen zum Thema, die Aufforderung zur Unterlassung und das Sanktionieren von Beleidigungen und Beschimpfungen. Das sollte eine Aufgabe der Social-Media Redaktionen sein. Eigentlich.



Uns fehlt der Widerstand gegen Rechts in Social Media

Aber auch das Gegengewicht fehlt mir immer öfter. Kommentatoren ziehen sich zurück, weil sie keine Lust mehr haben, sich von Mehrfach- und Fake-Profilen auslachen oder beschimpfen lassen zu müssen. Der Holocaust wird immer öfter relativiert, die Pogrome klein geredet. Die Sprache ändert sich in einer Form, die ich nie für möglich gehalten hätte. All das wird mitten in die Gesellschaft getragen.
Der Kampf gegen diese Windmühlen scheint angesichts der Account-Armeen aussichtslos zu sein.

Eine Politik, die Haltung zeigt, ist selten geworden. Ich glaube, ein Erfolgsfaktor, der Sie zu einem neuen Hoffnungsträger in allen Teilen der Gesellschaft macht und gleichzeitig den Rechtspopulisten den Schweiß auf die Stirn treibt, ist Ihre Bodenhaftung. Und dass Sie sich nicht von Parolen und dem Ausloten der sprachlichen Grenzen treiben lassen. Außer zweimal. Da ist es mit Ihnen durchgegangen.

Es ist daher einerseits nur konsequent, dass sie Facebook und Twitter verlassen.

Sie begingen Fehler, aus denen Sie Ihre Schlussfolgerungen ableiten.

Anderseits: Sie werden nun nicht mehr miterleben, wogegen es in den nächsten Monaten anzutreten gilt, wenn die Landtagswahlen näher rücken. Die Narrative und Desinformationen stehen bereit. Und das haben Sie eventuell schon bei den angewandten Frames von Amberg und Bottrop registriert.

Was aber viel schlimmer ist: Sie lassen diejenigen alleine, die sich tagtäglich gegen die Vergiftung der Gesellschaft engagieren und die sich an Menschen wie Ihnen orientieren. Ich finde, Haltung wahren heißt auch, für Fehler einzustehen, sich zu entschuldigen, dem Gegenüber die Hand reichen und weiterzumachen.

Sie sind großer Handball-Fan. Das weiß ich. Handball, so schrieb Sophie Passmann, mache charakterstark, ist „maximalbrutale Direktdemokratie, fordert dafür aber von den Schwachen Fleiß und von den Starken Bescheidenheit. Das, was Handball einem beibringen kann, ist also heute so wichtig wie nie. […] die Einsicht, dass jeder in jeder Sekunde unerlässlich für das Funktionieren des großen Ganzen ist.“ (Quelle)

Wenn Sie nun das Spielfeld verlassen, wird das große Facebook-Ganze ein wenig aus den Fugen geraten. Schade.

Herzliche Grüße, Alex Urban.

Artikelbild: Raimond SpekkingCC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons)

Da du diesen Artikel zu Ende gelesen hast: Möchtest du mehr Recherchen und Analysen zu den Hintergründen von politischen Mythen und Fake News? Oder auch Kommentare zu politischen Forderungen und aktuellen Ereignissen? Dann unterstütze unsere Arbeit mit einer kleinen Spende für einen Kaffee, dazu kannst du einfach hier entlangschauen. Vielleicht hast du auch Fragen oder Artikelwünsche? Dann schreib uns auf redaktion@volksverpetzer oder auf Facebook oder Twitter

Kommentare sind geschlossen, abertrackbacks und Pingbacks sind offen.