Lauterbach & Co: Wie Faktenfeinde mit Drohungen & Hass Experten (mund)tot machen wollen

| Kommentar | 21. Februar 2021

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faktenfeinde vs expert:innen

Vor ziemlich genau einem Jahr sahen wir uns mit einem neuen Virus konfrontiert, das wir zunächst als harmlos, oder wenigstens gerade mal so gefährlich wie die Grippe, abtaten. Es stellte sich recht schnell heraus, dass wir in einer Pandemie landen werden. Die Deutschen entdeckten Ihre Solidarität, stellten sich auf Balkone, klatschten für Pflege- und medizinisches Personal, kauften aber auf der anderen Seite hirn- und sinnlos die Regale leer.

Hamsterkäufe? So sieht es in den Klopapier-Lagerhallen wirklich aus

Zu diesem Zeitpunkt, sagen wir mal März oder April 2020, hatte weder die AfD irgendeinen Ansatz noch gab es weitreichende Zweifel an der Gefährlichkeit einer Pandemie im Allgemeinen. Beziehungsweise am Corona-Virus im Speziellen. Im Gegenteil: Die AfD wirkte (wie immer) hilflos und befand die Maßnahmen der Bundesregierung (wie immer) nicht ausreichend. Der Schutz der deutschen Bevölkerung war in Gefahr!

Was wir dann aber erlebten, wirkt bis heute nach: Die AfD, aber auch Politiker:innen der demokratischen Parteien meinten, die Pandemie wäre nun eigentlich fast beendet und wir könnten langsam lockern. Parallel entstand eine Bewegung, die (ein wenig) Wissenschaft, viel Halb-Wissen, einigen Glauben und vor allem eine Menge Gehörtes und Gemeintes vermengte und ihre eigenen Erzählungen erfand.

Problematisch war das vor allem, weil wir als Gesellschaft komplett unwissend in den Bereichen der Virologie oder Epidemiologie in die Corona-Pandemie gestartet sind und erst lernen mussten, wer Unsinn erzählt, was faktisch belegt werden kann oder eben nicht.

Wissenschaftlicher Diskurs wird mit Sport verwechselt

Wir können von Glück sagen, dass wir Menschen wie Prof. Christian Drosten (der zufällig auch noch einer der weltweit führenden Experten für genau dieses Virus ist), Prof. Hendrick Streeck, Dr. Karl Lauterbach, Dr. Mai Thi Nguyen-Kim oder Prof. Melanie Brinkmann (und natürlich viele andere mehr) haben, die unermüdlich das widerlegen, was diese „Querdenken“-Bewegung in den sozialen Netzwerken, aber auch auf der Straße verzapfen.

Es ist umso dramatischer, wie mit den genannten, aber auch mit anderen Wissenschaftler:innen umgegangen wird. Schon lange wird der wissenschaftliche Diskurs mit Sportarten wie Fußball verwechselt, bei dem Mannschaften gegeneinander antreten. Aber natürlich ist es nicht so einfach. Wissenschaft nähert sich Ergebnissen und Belegen an. Wissenschaftler:innen irren manchmal, diskutieren auf Augenhöhe hart mit- und untereinander. Es ist ein Wettstreit um die Erkenntnisse auf der Basis der Forschung.

Normalerweise bekommen wir einen solchen Wettstreit in anderen Forschungsgebieten gar nicht mit. Und selbst wenn, würden wir ihn kaum verstehen. Das ist auch ok, weil wir dem wissenschaftlichen Prozess vertrauen können. Könnten wir das nicht, wären wir verloren.

Dass wir das nicht können sollen, daran arbeiten „Querdenker“ und Verschwörungsideologen in den sozialen Netzwerken und auf den Demonstrationen.

Expert:innen mit Hass überströmt

Die Corona-Pandemie und die aus ihrer Entwicklung abgeleiteten Maßnahmen sind zu relevant, als dass sich die Forschung erst mal einschließen kann, um irgendwann Ergebnisse zu präsentieren. Stattdessen werden wir live auf dem Laufenden gehalten und sind direkt und unmittelbar von den gesellschaftlichen, politischen, gesundheitlichen und wirtschaftlichen Folgen betroffen.

Wir können den Aufwand und die Geduld gar nicht genug würdigen, die Menschen wie Dr. Lauterbach aufbringen und ohne Unterlass Studien zitieren und Entwicklungen einordnen.

Es ist daher unfassbar, dass Lauterbach mit einem überschäumenden Hass konfrontiert wird. Wie die Recherche-Gruppe „Die Insider“ immer wieder berichtet, überziehen Menschen in geheimen Facebook-Gruppen Lauterbach mit Todeswünschen und Gewaltfantasien. Ja, es sind erst mal nur Online-Gruppen, aber es muss nur eines von den tausenden Mitgliedern das Gefühl haben, etwas gegen Lauterbach oder seine Familie unternehmen zu müssen.

Beispiele:

Irgendeinen Grund zur Rechtfertigung wird man sich schon zusammenreimen.

„Der Hass stellt alles in den Schatten, was ich bisher erlebt habe“, sagt Lauterbach in einem Spiegel-Interview. Und es wird auch, wie sehr es ihn und sein Team in ihrer Arbeit behindert: „Überall auf den Schreibtischen lagen Briefwechsel mit Staatsanwälten und Ermittlern, die mit Drohungen gegen meine Person zusammenhängen.“ (Quelle)

Die ständige Präsenz der Pandemie führt zu verständlichen und genervten Reaktionen. Selbst den sehr privilegierten Fußball-Profis sei zugestanden, auch mal an einen Punkt zu gelangen, an dem sie ihr Privileg, ihre sehr gut bezahlte Arbeit weiter ausführen zu dürfen, kurz vergessen.

„Der Herr Lauterbach hat immer zu irgendwas einen Kommentar abzugeben. So langsam kann man die sogenannten Experten gar nicht mehr hören, auch Herrn Lauterbach.“ (Hansi Flick)

Es ist dem Trainer des FC Bayern München abzunehmen, wenn er nach seiner Äußerung mit dem „sogenannten Experten“ Lauterbach unter vier Augen reden und das nicht in einer Talkshow klären möchte (Quelle).

 

Später haben die beiden sich tatsächlich in einem Gespräch ausgesöhnt. „Jeder Streit ist beigelegt”, erklärte Lauterbach (Quelle).

Geistige Brandstifter

 

Scheinheilig hingegen solidarisiert sich Desinformations-Professor Homburg, während er zuvor Lauterbach selbst die Schuld für die Drohungen gibt. Und die Stimmung mit weiteren Tweets voller Hass und Desinformation immer weiter befeuert. Klassische Opfer-Täter-Umkehr. Er verlässt dabei den Boden des wissenschaftlichen Diskurses, nach dem er sich schon längst zigfach widerlegt disqualifiziert hatte, und wertet Lauterbachs Thesen und Anmerkungen als „Panikmache“ und „Fantasien“ ab.

Um die Corona-Pandemie, die durch die Mutationen des Virus nicht einfacher zu bewältigen sein wird, tatsächlich lösungsorientiert und strukturiert anzugehen, müssen klare, nachvollziehbare Ziele formuliert werden. Die Maßnahmen können nur breite Akzeptanz finden, wenn sie deutlich kommuniziert werden, ohne taktisches und parteipolitisches Wahlkampfgeplänkel.

aufgeklärte Wissenschaft statt Ideologischer Hass

Das wichtigste Mittel bleibt die Aufklärung, und die Angriffe auf Karl Lauterbach stehen hier nur beispielhaft für die Angriffe auf viele andere Menschen, die sich darum bemühen, ihren Teil zu einer Lösung beizutragen. Die Insider haben vieles mehr dokumentiert.

Lauterbach denke daher gar nicht daran einzuknicken: „Es geht hier um die Gesundheit des Landes. Und ich werde weitermachen, wie viele andere meinen Beitrag dazu zu leisten, damit wir mit möglichst wenigen Sterbefällen und dauerhaft Erkrankten durch diese Pandemie kommen.“

Artikelbild: Jaz_Online

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