Kinder-Kopftuchverbot: Sie sind „religionsunmündig“. Kommt die Säuglings-Taufe dann auch weg?

In den letzten Tagen lese ich vermehrt die Forderungen einiger PolitikerInnen nach einem Verbot des Kopftuches für Mädchen, die jünger als 14 Jahre alt sind. Mädchen, die jünger als 14 Jahre alt sind, seien „religionsunmündig“, so die Begründung.

Man ist mündig, wenn man „als erwachsener Mensch zu eigenem Urteil, selbstständiger Entscheidung befähigt“ ist, stellt der Duden fest.

Wir reden in diesem Zusammenhang noch nicht einmal etwas tiefer eintauchend über die Symbolträchtigkeit des Kopftuches im Islam und über die Frage, ob das Kopftuch ein Symbol der Unterdrückung ist. Noch nicht mal der Bezug zur Religionsfreiheit bzw. zum Grundgesetz wird gezogen.
Wir befinden uns noch eine Ebene darüber und debattieren, ob ein Mädchen, das keine 14 Jahre alt ist, in der Lage ist, über „seine“ Religion selbst zu entscheiden.



Christian Lindner sagt, so ein Verbot sei verhältnismäßig und stärke die Persönlichkeitsentwicklung. Genauer sagt er:

„Wenn Kinder bereits in Grundschulen oder sogar im Kindergarten Kopftuch tragen müssen, greift das in die Persönlichkeitsentwicklung von religionsunmündigen Kindern stark ein. Das Kopftuch ist schließlich in besonderer Weise Ausdruck einer Rollenerwartung an die Frau. Der Staat wacht über das Kindeswohl.“ (Quelle)

Frau Kramp-Karrenbauer schlussfolgert auf ihrer Facebookseite: „Wenn kleine Mädchen schon im Kindergarten und in der Grundschule Kopftuch tragen, dann hat das nichts mit Religion zu tun.“
Ich möchte stellvertretend für verschiedene PolitikerInnen an Frau Kramp-Karrenbauer und an Herrn Lindner die Frage richten, inwieweit ein Säugling, wenige Wochen alt, „religionsmündig“ ist, wenn er zur Freude seiner Eltern und Großeltern über ein Taufbecken gehalten und mit Wasser bespritzt wird. Ich möchte weiter die Frage stellen, inwieweit Kinder im Vorschulalter „religionsmündig“ sind, wenn sie vor den Mahlzeiten ein kleines Gebet aufsagen sollen. Und letztlich würde mich interessieren, wann und wie bei Kindern im Grundschulalter die „Religionsmündigkeit“ festgestellt wurde, als sie in die evangelische / katholische Christenlehre oder den Kommunionsunterricht gesteckt wurden. Und da haben wir jetzt nur einige christliche Beispiele aufgezählt, ohne auf andere Religionen und deren Nachwuchserziehung einzugehen.

Die Debatte wird völlig falsch und mit nicht absehbaren Konsequenzen geführt

Nicht nur, dass nun die AfD (zurecht) von sich behaupten kann, zu wirken. Sondern vielmehr schaffen es die PolitikerInnen, den Schwerpunkt des Diskurses zu verlagern. Anstatt sie entweder „Religionsmündigkeit“ aller unter 14-jährigen (Jungen und Mädchen, denn warum sollten Jungen unter 14 mündiger oder unmündiger sein?) in Frage stellen oder aber konkret die Rolle der Frau im Islam sachlich kritisch und vor allem differenziert betrachten, öffnen sie mit der Berufung auf die Mündigkeit halbherzig ein Fass. Mutig und konsequent ist das nicht.

Vielmehr graben sie an den Menschen, die eine differenzierte Auseinandersetzung scheuen, vielleicht in der Hoffnung, am rechten Rand Stimmen einzusammeln. Im Zweifel werden diese WählerInnen aber eher das Original wählen. Gleichzeitig wird wieder mal eine Grenze des Diskurses weiter nach rechts verschoben. Ich frage mich immer öfter, ob PolitikerInnen entweder nicht abwägen oder beraten werden, wenn sie etwas zum Besten geben, und viel stärker frage ich mich, ob sie nicht mal in die Kommentarspalten, sowohl der Medien als auch ihre eigenen, gucken. Was sie dort finden, würde ihnen wohl nicht gefallen, wenn sie herabwürdigende und (auf-)hetzende Kommentare nicht so gerne lesen.

Artikelbild: pixabay.com, CC0

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