Schulöffnungen sind zu früh – was stattdessen sinnvoller wäre

| Kommentar | 15. April 2020

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Alles locker, oder was?

Das ganze Thema rund um Corona ist viel zu komplex, um es einfach runterbrechen zu können. Als alleinerziehende Mutter und ehrenamtlich in der Kommunalpolitik engagierte Frau habe ich mir dennoch ein paar Gedanken zu Schulöffnungen gemacht. Ich erhebe keinen Anspruch auf Vollständigkeit, ich bin keine Wissenschaftlerin der Leopoldina, ich bin keine Wirtschaftslobbyistin. Ich habe kein Allheilmittel, um das Coronavirus sofort für beendet zu erklären.

Ob ihr in dem Artikel den heiligen Gral findet, kann ich euch nicht versprechen, aber vielleicht sind die Denkanstöße interessant. Es handelt sich bei diesem Artikel um einen ausgearbeiteten Twitter-Thread von meinem Account vom 15.04.2020, gegen 9 Uhr morgens, also noch vor der Pressekonferenz der Bundeskanzlerin.

Schulöffnung: ja oder nein?

Schulöffnungen gehen noch nicht. Nicht jetzt und auch nicht in vier Wochen. Das Halbjahr ist gelaufen, es wäre sinnvoller, wenn wir nach den Sommerferien weitermachen würden. Schulöffnungen ab dem 05.05., wenn die ersten Bundesländer ab dem 18.05.2020 bereits wieder Pfingstferien haben, halte ich für wenig zielführend. Abiturient*innen haben vor den Osterferien bereits ihren letzten Schultag mit Anwesenheitspflicht in den Schulen gehabt, sie befinden sich nun während der Prüfungsvorbereitung sowieso im Selbststudium.

Hier wäre es hilfreich, wenn sie Unterstützung via Videochat, Mail oder Telefon bekommen könnten. Für die Jugendlichen, die durch das Virus psychisch und physisch belastet waren und sind, schlage ich vor, dass sie ihr Durchschnittsabi erhalten. Optional können sie im Herbst bzw. zu einem späteren Zeitpunkt auf eigenen Wunsch nachgeprüft werden. An den Hochschulen soll der Numerus Clausus für die nächsten drei Semester ausgesetzt werden, um die Schwankungen durch den aktuellen Shutdown ausgleichen zu können und Studienanfänger*innen nicht zu benachteiligen.

Hochschulen und IT-Ausstattung

Universitäten bleiben über das Sommersemester 2020 hinaus im eLearning. Studierende sind alt und reif genug, um sich den Stoff selbst beibringen zu können und wissen, wo sie wen bei Unterstützungbedarf anfragen können. Digitale Lösungen sind bereits weit verbreitet, die Universitäten haben die ausreichende technische Ausstattung zu gewährleisten. Aktuell nicht benötigte Computerpools könnten aufgelöst und ohne zusätzliche Kosten an Studierende ohne nötige Ausstattung verliehen werden. Der bisherige Wartungs- und Supportaufwand bestünde so oder so.

Stellt die Entscheidung den Familien frei

Grundschulkinder bis SEK. I benötigen eine engere Lernbegleitung. Regelmäßige Videochats, Telefonate, Mails und Videoclips können helfen, die Distanz zu den pädagogisch und didaktisch geschulten Lehrkräften zu überwinden. Weiterhin kann man aber auch überlegen, ob man nicht Lerncluster bildet, sofern eine Wiederaufnahme des Unterrichts vor den Sommerferien tatsächlich erfolgen soll. Oberstes Ziel sollte sein, den Familien freizustellen, ob sie ihr Kind vor den Ferien wieder in die Schule schicken möchten oder nicht, aber wenn, dann könnte Folgendes greifen:

Kleingruppen einrichten

Dazu könnten, nach Abwägung von Risikogruppen bei Lehrkräften und den Familien der jeweiligen Kinder, Kleingruppen gebildet werden. Nehmen wir 30 Kinder pro Klasse als Durchschnitt und 5 Wochentage. Wir könnten 6er Gruppen bilden und jeder Gruppe einen Tag pro Woche zuteilen, an welchem sie wieder zur Schule gehen könnte. Dazu ist es notwendig, dass sie ausschließlich eine(!) feste Lehrkraft haben und ein abgespecktes Curriculum stattfindet.

Der Unterricht sollte idealerweise zeitversetzt zu den Parallelklassen stattfinden, ebenso das Mittagessen. Die Vorteile dieses Systems liegen auf der Hand: 6er Klassen eignen sich besonders, um das System langsam und gezielt wieder hochzufahren. Es ist anzunehmen, dass die Heterogenität im schulischen Lernen in den letzten Wochen noch stärker wurde, als sie bisher schon war. Den Lehrkräften wird nun einiges abverlangt werden, um alle Kinder wieder auf den selben Stand zu bringen. Je nach Herausforderungen in den einzelnen Elternhäusern aufgrund eigener Berufstätigkeit oder besonderen Problemlagen wurde höchst unterschiedlich gelernt.

Ungleiche Bildungschancen vor, während und nach Corona

Während die einen Kinder ein “zuviel” an Bildung erhielten, hatten andere Kinder das Nachsehen und wurden, aus welchen Beweggründen auch immer, mit Medienkonsum berieselt. Kleine Klassen sind daher nicht nur pädagogisch, sondern auch epidemiologisch sinnvoll. In vielen Fällen sind die Klassenräume zu klein, um 1,5m-2m Abstand einhalten zu können, Kinder vergessen diese Vorschriften recht schnell wieder und die Tröpfchenkonzentration in einem Klassenraum ist nach mindestens 45 Minuten stark erhöht.

Umso mehr, je mehr Personen anwesend sind. Sportunterricht ist dringend nötig, um die Kinder fit und mobil zu halten, sie aber auch körperlich auszupowern, solange die Spielplätze weiterhin geschlossen bleiben. Nach Möglichkeit sollte dafür das Außengelände der Schule genutzt werden, die Turnhalle bietet sich nur eingeschränkt an, zumal gerade in Umkleidebereichen erhöhte Gefahr für Tröpfcheninfektionen besteht.

Druck von Elternhäusern nehmen

Dies würde den Kindern helfen „am Ball bleiben zu können“, es würde Druck von den Elternhäusern nehmen. Auch ein Trac(k)ing im Falle einer doch auftretenden Infektion wird erleichtert, da die Bezugsgruppen feststehend und unveränderlich sind. Schwierig wird dann lediglich der Schülertransportverkehr (Schulbusse und Co, gerade bei weiterführenden Schulen).

Eltern könnten jedoch immerhin einen Tag in der Woche wieder eingeschränkt arbeiten gehen und hätten auch die Gelegenheit, Einkäufe zu erledigen, ohne zugleich die Aufsichtspflicht zu verletzen. Als Alleinerziehende muss ich mein Kind derzeit alleine Zuhause lassen, da die Supermärkte nach Möglichkeit alleine betreten werden sollen. Nicht jedes Kind ist jedoch so alt wie meins, so dass auch dort weiterer Druck auf den Eltern, vor allem denen, die ihre Kinder alleine erziehen, lastet.

Was benötigt wird:

Was man für Schulöffnungen auch braucht: Eine ausreichende Zahl von Mund-Nase-Schutz sind nötig und sind schulträgerseitig zu stellen. Der Schulträger ist für die räumliche und sächliche Ausstattung der Schulen zuständig. Ein Mund-Nase-Schutz zählt für mich zu einer Maßnahme, um dem Infektionsschutzgesetz nachzukommen und steht für mich auf einer Stufe mit Desinfektionsmitteln oder Brandschutztüren und Feuerlöschern. Es sind mechanische Maßnahmen, um die Gesundheit und Sicherheit aller Akteure in dem multiprofessionellen Bereich Schule zu gewährleisten, dazu zählen auch Hausmeister, Betreuungspersonal im Ganztag sowie Schulsozialarbeiter*innen und Verwaltungsmitarbeiter*innen sowie Reinigungskräfte.

Ein Mund-Nase-Schutz gehört für mich nicht zur “Schulausstattung”, wie es beispielsweise eine Federmappe wäre. Das Toilettenpapier bringen die Kinder schließlich auch nicht mit.

Schultoiletten: uff.

Stichwort Toilette und Schulöffnungen: das größere Problem sehe ich ganz konkret bei der Handhygiene: nicht jeder Klassenraum verfügt über ein Handwaschbecken, mit viel Glück gibt es sie aber immerhin pro Flur einmal. Häufig gibt es dort dann jedoch nur kaltes Wasser und oftmals keine Seife. Im Januar 2019 wurde im Schulausschuss der Stadt Bielefeld im Zuge der Mittagessensversorgung eine Anfrage gestellt zur Versorgung mit Seife.

Dort erhielten wir die Antwort, dass es eine Festlegung vom Amt für Schule mit dem Immobilienservicebetrieb der Stadt gibt (die sind verantwortlich für die Schulgebäude), dass es keine Seife mehr an den Waschbecken (Ausnahme Toilettenanlagen) gibt, da die Verkehrssicherheit nicht gewährleistet sei, weil die Kinder damit nur Quatsch machen würden. Damit also die Sicherheit der Schülerinnen und Schüler gewährleistet ist und sie nicht aus Versehen ausrutschen bzw. der Verbrauch zu hoch ist, gibt es erst gar keine.

Wir brauchen Basics!

Solange diese Basics also nicht vorhanden sind, brauchen wir meiner Meinung nach über keinerlei Schulöffnungen sprechen. Die Schulen müssen an diesem Punkt dringend nacharbeiten.

Schulen wären in dieser Situation ein Corona-Turbo, den brauchen wir aktuell nicht. Die aktuelle (Stand: heute) Reproduktionsrate liegt bei 1. Steigt sie nur minimal auf 1,2, so wären die Gesundheitssysteme ab Juli bereits überlastet. Lassen wir es bitte im Interesse unserer Kinder, Familien und Freund*innen nicht soweit kommen und uns nach Möglichkeit weiter auf Homeschooling beschränken.

Bezüglich der technischen Ausstattung schaffen Vereine wie Computertruhe e.V. (spenden aufbereitete Laptops, PCs und zusätzliche Hardware) und das Deutsche Kinderhilfswerk e.V.  (Kindernothilfepaket, 250€ für Technik, 100€ für individuelle Nachhilfe, 50€ für Obst und Gemüse) bereits Abhilfe. Auch #sorgeweniger auf Twitter ist aktiv und kann bei Bedarf helfen; der Zugang zum Kinderzuschlag ist in Zeiten von Corona ebenfalls erleichtert möglich. Dann kann man auch von Schulöffnungen sprechen.

Lockerungen gehen in anderen Bereichen besser

Wo wir aber über Lockerungen sprechen können statt über Schulöffnungen: Buchläden, Boutiquen etc. Für mich ist unverständlich, wieso ich beim türkischen Bäcker maximal alleine im Laden stehen darf, in der Buchhandlung aber nicht. In der Bäckerei herrscht ein näherer Kontakt durch die Kommunikation mit dem Verkaufspersonal als beim individuellen Stöbern durch Kleiderstangen oder Bücher.

Man kann gerade in Bekleidungsgeschäften beispielsweise Termine vereinbaren, um den Kundenandrang im Griff zu haben und um das Risiko zu minimieren.

Solarien können öffnen unter der Bedingung, dass sich nur eine Person im Bereich von Kasse zur Kabine aufhält, alles immer um 5 Minuten versetzt, dann läuft sich auch niemand über den Weg und die Gefahr einer Tröpfcheninfektion ist nahezu ausgeschlossen. Solarien sind für viele Menschen auch gesundheitlich relevant: Hautunreinheiten und depressiven Phasen kann entgegen gewirkt werden, ich bspw. genieße als Alleinerziehende einfach mal 18 Minuten Auszeit vom Kind. Es ist meine Erholungsinsel einmal im Monat. Solarien werden bereits jetzt nach jedem Kunden und jeder Kundin frisch gereinigt und desinfiziert. Wieso sollte es in Coronazeiten anders sein?

Autowerkstatt, Supermarkt, Museum

Meine Autowerkstatt hat geöffnet, die Verkaufshalle nebenan, in welcher es keinen Beratungs- bzw. Mitarbeiterplatz gibt, muss hingegen geschlossen sein, Kund*innen hielten sich dort bislang alleine auf und nahmen erst bei konkretem Interesse Kontakt zum Verkauf im Gebäude nebenan auf. Fahrzeuge dürfen nur draußen auf dem Hof angeschaut werden. Der Platz dort ist jedoch begrenzt aufgrund der Kundenfahrzeuge, die sich in Reparatur oder dem Service befinden und kontaktlos übergeben werden.

Wieso trauen wir Menschen Supermarktbesuche zu, nicht aber eigenverantwortliches Auto gucken? Meiner bescheidenen Meinung nach schauen sich weniger Menschen Autos an, als sich Menschen in Supermärkten aufhalten. Lasst die Leute doch gucken, dadurch sind sie wenigstens nicht auf überlaufenen Joggingstrecken in Grünzügen unterwegs. Joggen an der frischen Luft wird erlaubt, obwohl es Studien gibt, die aufgrund der Tröpfcheninfektion einen 10m Abstand empfehlen. Museumsbesuche hingegen bleiben verboten. In Museen joggen die Leute eher selten, die Gehgeschwindigkeit ist geringer, als auf der Straße beim flanieren.

Fazit

Schulöffnungen sind zu früh angesetzt, das Halbjahr ist ohnehin gelaufen. Bessere wäre es, andere Lockerungen zuerst durchzuführen wenn denn die Bedingungen stimmen. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, Unterricht und Kinderbetreuung fortzuführen, dazu müssen aber zunächst die richtigen Umstände geschaffen werden. Wir schaffen das, vieles ist möglich, wenn wir denn nur wollen. Einfach nur wieder verfrüht zum “Normalzustand” zurückkehren, wird jedoch nicht möglich sein.



Artikelbild: pixabay.com, CC0

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