Nach Lübcke & Gauck: Demokraten müssen rechte Todeslisten aushalten können.

Kommentar

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müssen Demokraten Todeslisten AUSHALTEN können?

Da geh ich durch Rostocks Straßen und sehe mal wieder, wie die Identitären eine ihrer „Kunstinstallationen“ aufgebaut haben. Irgendwelche Plakate mit „Go home, war is over in Syria“, geschickt in Leuchtreklamen der Hansestadt eingehängt. Die folgende Prozedur ist schon langweilige Routine geworden: Polizei rufen, 30 Minuten warten, Zeugenaussage, Anzeige wegen Diebstahl der Ursprungsplakate formulieren – „Kunstinstallation“ abbauen lassen, fertig…

Ein ganz normaler Tag, um den Müll der rechtsextremen Identitären weg zu räumen. Kurz darauf lese ich in der Zeitung kopfschüttelnd, dass sich Ex-Bundespräsident Gauck dafür ausspricht, den Rechten und Rechtskonservativen mehr Toleranz entgegen zu bringen. Gedanklich frage ich mich: „Die CSU wird er ja wohl kaum meinen…“

AfD-CDU-Koalition: Warum sollte uns interessieren, was Gauck und Maaßen denken?

Sowieso schon resignierend über die allgemeine Situation in Europa und der Welt, habe ich dies als Gefasel eines greisen Mannes abgetan und mit gewisser Erleichterung mir die laut gedachte Bemerkung „Naja, zum Glück bist du ja nicht mehr Bundespräsident“ erlaubt. Fühlt sich trotzdem irgendwie befremdlich an – da setzt man sich Tag für Tag gegen Rechts ein und dann erzählt Gauck sowas. (Übrigens ist er auch noch Rostocker. Das triggert dann irgendwie noch mehr). Und die eigene Courage beginnt, sich nicht mehr so ganz wertgeschätzt anzufühlen.



„Noch mehr Toleranz? Meine Schmerzgrenzen hab ich schon lange überschritten. Was
soll’s.“

Vielleicht entschuldige ich mich ja irgendwann mal bei der Identitären dafür. Mal sehen. Dann wieder typischer Alltag: Ich sitze gerade in einer Besprechung für eine Komposition für ein neues Theaterstück, da vibriert mein Telefon und ein Freund schreibt mir, dass ihn gerade das BKA darüber informiert hat,  dass er auf einer Todesliste der Rechten stehe. Kurz darauf eine Push-Nachricht: „Breaking: Die Spuren des Ermordeten CDU Politikers Walter Lübcke führen in die rechte Szene.“ (Mehr dazu).

Meine Reaktion: Seltsam überraschend, nämlich: Achselzuckend. „War doch längst klar“ waren meine Gedanken. Aber auch: „Eine besondere Form der Anerkennung“ – wälzte sich mir durch den Kopf. Lasst die Rechten doch Todeslisten führen. Wir müssen dafür tolerant sein. Das muss eine Demokratie doch aushalten. Blah, blah. Ganze 24 Stunden hat mein Denkapparat benötigt, um einen subjektiv gefühlten Zusammenhang zwischen Lübcke und der Meldung des BKAs an meinen Freund herzustellen.

Ob mich das BKA auch informieren würde, wenn ich auf einer Todesliste stünde?

„Eventuell sieht das BKA jetzt doch etwas Handlungsbedarf, die Kandidaten auf der Todesliste nach und nach zu informieren – wer weiß, Lübcke stand vielleicht auch auf einer“.  Stolz auf meine Denkleistung für die Schlussfolgerung dieser Indizienlage belohne ich mich mit einem weiteren, abschließenden Achselzucken.

„Ob das BKA mich auch informieren würde, wenn ich drauf stünde? Interessiert mich das?“ –
Es sind ja immerhin über 1000 Namen auf der Liste, wie sich vor zwei Jahren anlässlich des Franco A.-Skandals herausstellte. Zumindest weiß ich, dass viele Bekannte von mir drauf stehen. Zumeist Kommunalpolitiker. Interessiert mich das? Erneut: Achselzucken.

Ich befürchte schon die Ergebnisse der Lübcke Ermittlungen – zumindest bilde ich mir das ein:
Psychisch kranker Einzeltäter? Zumindest war es in Bottrop so. Werde ich empört sein? Zumindest wird es wieder für ein Achselzucken reichen.

Ich glaube, ich habe schon aufgeben.

Es ist auch unangenehm, dass man sich nicht mehr traut, aufgrund seines Engagements in der Vergangenheit in Nachbarländer wie Österreich, Ungarn oder Italien zu reisen. [Der Autor war Seenotretter, hier seine Erlebnisse Anm. d. Red.] Die Angst, dass die Handschellen bei der Passkontrolle klicken, weil ich irgendwann mal, irgendjemanden geholfen habe, ist mir zu groß. In Italien stehen ja aktuell 20 Jahre Haft auf Seenotrettung, in Ungarn auch irgendwas mit Gefängnis – Nee, muss ich nicht haben.

Dann genieße ich doch lieber meinen Urlaub im Stadtpark gegenüber. (Da soll’s übrigens ein besonderes Pokémon bei diesem Handy-Spiel geben, so nebenbei erwähnt) Bleibt nur noch die Sorge, beim Herumirren aufs Handy glotzend im Stadtpark durch irgendwelche Rechte erschossen zu werden. Also toll würde ich das jetzt nicht unbedingt finden. Meine Kinder auch nicht. Aber vielleicht meine Frau? hmm… (Dann lass ich das lieber doch mit den Pokémon…) Ich muss halt lernen zu tolerieren, dass es durchaus möglich ist.

Ach und übrigens. letzte Woche sind wieder über 100 Menschen im Mittelmeer ertrunken

Also bestimmt noch mehr als das. Das bewegt mich tatsächlich noch. Der rechtsextreme Innenminister Italiens, Salvini, findet das Okay. (Oder ich deute vielleicht sein Grinsen falsch?) Die AfD freut sich auch. Ich zwar nicht. Aber das muss ich halt tolerieren. Mir bleibt ja immer noch mein Achselzucken. Einige der CDU in Mecklenburg-Vorpommern möchten keine Koalition mit der AfD ausschließen. Achselzucken. Sicherheits- und Ordnungsgesetz. Die Insekten sterben aus. Achselzucken. Achselzucken. Rostock hat jetzt einen Dänen als Bürgermeister. Achselzucken. Holger Arppe findet das gut. Ähm…naja… Achselzucken.

Eines möchte ich dann aber doch noch los werden, und das ist gerichtet an die CDU, SPD, FDP, auch die Grünen und vor allem die Linke. Nicht die Rechten haben mich klein bekommen. Nein, ihr ward das. Ihr habt uns alle gehörig verschlissen. Wir haben viel Energie in ein tolles Europa gesetzt und in eine wunderbare Demokratie. Was hatten wir für Pläne. Aber ihr habt den Rechten zugehört – nicht uns. Und jetzt haben wir den Salat. Europa kaputt, Frankreich kaputt, Italien kaputt, England kaputt, irgendwie
alles kaputt. Ich jetzt auch kaputt. Macht was ihr wollt – ich bin raus – irgendwie… oder doch nicht? Keine Ahnung. Ich schließe ab mit einem: Achselzucken.

Artikelbild: WAYHOME studio, shutterstock.com

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