AfD empört, dass nicht jede einzelne Feier ab November „Weihnachtsfest“ heißt

| Kommentar | 21. Dezember 2019

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Sorry, das ist keine Satire

Die Weihnachts-Hysterie der AfD wird immer skuriler: Weil nicht jede Betriebsfeier oder Kindergeburtstag ab November in Deutschland „Weihnachtsfest“ genannt wird, bedeutet das für die Weihnachts-Hysteriker von der AfD, dass „liebgewonnene Traditionen über Bord geworfen“ werden. Und das natürlich wegen „dem Islam“, was denn sonst.

Wie verzweifelt die Rechtsextremen ihre Weihnachts-Hysterie mit Fake News ausschmücken müssen, erkennt man daran, dass bisher jede einzelne Meldung dazu frei erfunden oder falsch dargestellt wurde. Wir haben eine Übersicht der ganzen Fake-Aufreger der AfD aufgestellt, hier:

Herbststern & Klapper-Klaus: 8 Fakes der AfD-Weihnachts-Hysteriker



Winterfest in Augsburg

Jetzt müssen schon irgendwelchen obskuren Stadtteilfeste des Bayrischen Roten Kreuzes für die rechte Paranoia herhalten. Als das BRK am 23. November (!) bei ihrem Winterfest dazu einlud, „die kalte Jahreszeit [zu] feiern“ mit „Feuershow, Luftballonkünstler[n] und Jongleure[n]“ ist für die AfD-Abgeordnete Jost klar: Das Abendland muss untergehen!

Screenshot facebook.com

Es ist absolut lächerlich, wie realitätsfern diese Partei inzwischen ihre Propaganda betreibt: Das BRK-Stadtteilzentrum Haunstetten in Augsburg will „den Winter feiern“, zu einer Zeit, die definitiv nicht Weihnachten ist. Dazu schrieben sie auf ihrer Seite:

„Mit ganz viel Licht und Wärme wird beim Winterfest im Stadtteilzentrum Haunstetten die kalte Jahreszeit gefeiert. Wenn in der Jurte am Lagerfeuer Märchen erzählt werden und die Flammen knistern, werden auch Erwachsene wieder zu kleinen Kindern. Faszination für alle Generationen bietet zudem eine große Feuershow. Luftballonkünstler und Jongleure zeigen, was sie können, und für Kinder gibt es Bastelangebote. Zwischen 14 und 17 Uhr können die Besucher zudem einen Rettungswagen besichtigen.“

Und dann das skandalträchtige für die AfD-Abgeordnete: „Wer sich auf Weihnachten einstimmen möchte, kann lernen, Adventskränze zu binden.“ Dass dann das Fest nicht „Weihnachtsfest“ heißt, weil eine Mini-Nebenaktivität sich mit der damals kommenden Adventszeit beschäftigt, ist natürlich irgendwie ein Skandal und muss eindeutig das Ende der deutschen Kultur darstellen. Tiefer wird bei dieser Partei ja nicht gestapelt.

„Aus Rücksicht auf Islam“? Äh, nein?

Weil Kinder auch in einem Programmpunkt von vielen lernen sollten, Adventskränze zu basteln, sieht Jost es als gerechtfertigt an, den irren Vorwurf zu formulieren, dass die ganze Veranstaltung – ich wiederhole: über einen Monat vor Weihnachten – ja auch unbedingt Weihnachtsfest hätte heißen müssen. Die AfD hetzt sicherlich auch gegen Kindergeburtstage im Dezember, wenn diese nicht „Weihnachtsfest“ heißen. Sonst gewinnt „der Muslim“ oder so. A propos: Wo kommt denn der „Islam“ her, den Jost mehrmals erwähnt?

Im Blogeintrag der BRK Kreisverband Augsburg-Stadt drei Tage nach der Veranstaltung steht wenig überraschendes. So zum Beispiel: „Luftballonkünstler und ein Bastelangebot sorgten drinnen für die Unterhaltung der kleinen Besucher. Draußen in der Jurte lauschten derweil Kinder und Erwachsene am Lagerfeuer Märchen, die unser Kreisgeschäftsführer Michael Gebler und Tatjana Asmuth, Leiterin der Sozialen Dienste im Stadtteilzentrum Haunstetten, erzählten.  Zum Abschluss gab es noch eine große Feuershow.“ Ja, wo ist denn nur „der Islam“?

Ein einziger Satz war Anlass für die AfD-Weihnachts-Hysterie: „Obwohl sie kein Weihnachten feiern, waren auch die muslimischen Besucherinnern von den Adventskränzen als wohlriechende Deko begeistert.“ Das Zitat der Leiterin Asmuth über „Vielfalt und Menge der Besucher“, das sich auf „Fachberatung für Senioren, der Nachbarschaftshilfe, dem Mehr-Generationen-Treffpunkt, dem Familienstützpunkt MGT, der Migrationsberatung, dem interkulturellen Gesundheitsprojekt MiMi und dem Suchdienst des Roten Kreuzes“ bezog wird dann AfD-typisch derart verzerrt, dass es aussieht, als sei die ganze Veranstaltung irgendwie rückwirkend für Muslime „umbenannt“ worden.

Die Realität: Vor der Weihnachtszeit feiert das BRK ein dezidiert nicht weihnachtliches Fest, an dem zufällig anscheinend auch ein paar muslimische Besucherinnen teilnehmen und die AfD eskaliert völlig ohne Grund. Dabei könnte man sogar das Gegenteil herauslesen: Muslima „integrieren“ sich, weil sie auf einem Nicht-Weihnachtsfest beim Adventskranz-Basteln teilnahmen. So what?

Typische Falschdarstellung und AfD-Hysterie

Verzweifelt versucht die AfD ihr Märchen der „Islamisierung“ irgendwie aufrecht zu erhalten und erzählt derartig unwichtige und falsche Geschichten, jeden Tag, um ihre leichtgläubigen Anhänger*innen zu manipulieren. Letztlich habe ich jetzt einen Artikel darüber geschrieben, dass das Rote Kreuz jetzt Ende November ein kleines Fest veranstaltet hat, das relativ wenig mit Weihnachten zu tun hatte. Wen interessiert das? Die AfD, wenn sie darüber Falschdarstellungen verbreiten kann. Warum sie das macht?

Um ein Meer aus Falschinformationen und Lügen ins Netz zu spülen und ihre Anhänger*innen zu Rassisten gehirnzuwaschen. Denn wer dieses Lügenmärchen glaubt, lernt, dass Deutschland angeblich kollektiv „Fremde“ übervorteilt (obwohl Muslime seit Generationen hier leben können und nicht „Fremde“ sein müssen), dass „Fremde“ etwas schlechtes seien und letztlich an allen möglichen Problemen Schuld. Durch diese ganzen Lügen und Halbwahrheiten wird subtil das Narrativ etabliert, das „Ausländer raus!“ als politischen Reflex etablieren soll.

Doch daran, wie verzweifelt die Weihnachts-Hysteriker jetzt in irgendwelchen lokalen Festchen nach vermeintlichen Beweisen für ihre rechtsextreme Verschwörungstheorie suchen, erkennt man am besten, wie wenig daran dran ist. Hat die AfD wirklich keine anderen Probleme? Pflegenotstand? Rente? Bildungspolitik? Nein, im November hieß ein willkürlich ausgewähltes Fest nicht „Weihnachtsfest“ – das größte Problem des Landes.

Artikelbild: Cookie Studio, shutterstock.com

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