Zeit für bittere Pillen: Lockdown wird kommen, die Frage ist nur: Welcher?

| Kommentar | 26. November 2021

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Lockdown: Die Frage ist nicht ob, sondern wie

Es hilft nichts, wir kommen um einen nächsten Lockdown nicht mehr rum. Egal wie oft Politiker:innen im Sommer versprochen haben, dass es keinen neuen Lockdown geben wird: Er ist überfällig und immer mehr Entscheidungsträger:innen erkennen das verspätet und schwenken um (Quelle). Wahlkampf ist nun mal vorbei. Nichts wird mehr ausgeschlossen, die Impflichtdebatte ist kaum beendet, nun liegt die Option Lockdown auf dem Tisch im öffentlichen Debattenraum:

Grund dafür sind die drastischen Warnungen von Virolog:innen, Epidemiolog:innen, Modellierer:innen und Intensivmediziner:innen, die alle die gleiche Botschaft haben: Die derzeitigen Maßnahmen werden nicht ausreichen (Quelle). Eigentlich warnen diese teilweise schon seit Monaten, aber nach jeder neuen Rekordinfektionszahl wird immer deutlicher, dass sie die ganze Zeit Recht hatten.

Das sagen aber nicht nur die Expert:innen, sondern auch die Mehrheit der Bevölkerung:

Auch die meisten Deutschen sind sich einig: Bei der aktuellen Lage wird gerade zu wenig getan.

Eines vorab: Das macht alles keine Freude. Niemanden. Keiner nimmt das Wort „Lockdown“ gerne in den Mund. Wir haben alle genug davon. Doch allen, denen etwas daran liegt, den Kollaps unseres Gesundheitssystems mit den damit zusammenhängenden vielen Toten zu verhindern, muss klar sein, dass es jetzt keine anderen Optionen mehr gibt.

Es ist schon zu lange 5 nach 12:

Es kann in der vierten Welle leider jeden erwischen, unabhängig vom Alter. Das ist keine Panikmache, sondern die Faktenlage auf den Intensivstationen, auf Deutschland rollt eine Lebenslotterie zu:

Die Bundeswehr verlegt schon Intensivpatient:innen, weil der Platz ausgeht.

Die Frage ist nun akut eigentlich nur noch, wie ein erneuter Lockdown ausgestaltet wird. Denn zwischen der Erkenntnis „Ok, wir müssen mehr als 2G und 3G machen“ und dem platten „Lass das ganze Land wieder in einen Lockdown versetzen“ ist einiges an Spielraum. Und mit der Impfung sind auch nicht mehr alle Bürger:innen gleichermaßen am Infektiongeschehen verantwortlich.

Lockdown ist kein Selbstzweck, sondern dient der Kontaktreduzierung (R-Wert unter 1), die jetzt notwendig ist, um die vierte Welle zu brechen:

Niemand kann Interesse an einer Corona-Endlosschleife haben:

Mai Thi Nguyen-Kim hatte es erneut ausformuliert und erklärt in ihrem aktuellen Video, warum wir an generellen Kontaktbeschränkungen wieder nicht vorbeikommen:

Das Kind ist also schon in den Brunnen gefallen. Wir können uns X mal im Kreis drehen, wie wir hier jetzt wieder gelandet sind, aber das hilft nicht weiter, die aktuelle Krisensituation zu lösen.

Die Argumentation: „Wieso verdammt nochmal Lockdown?“ – Worauf es jetzt ankommt

Es gibt eine alte Geschichte, ein Narrativ zur Pandemiebekämpfung die während der Pandemie weltweit bekannt geworden ist und Politiker:innen Handlungsorientierung verschaffen sollte. Sie handelt vom Hammer und dem Tanz – wir haben das alles schon im März 2020 gewusst.

Was getan werden muss, um bald wieder raus zu können: Der Hammer & der Tanz

Die Geschichte vom Hammer und dem Tanz geht verkürzt so:

„Das Virus verbreitet sich gerade exponentiell in deinem Land aus und für dich als Politiker:in zählt jetzt jeder Tag, ansonsten kollabiert zwangsläufig dein Gesundheitssystem mit den folgenden Konsequenzen: Das Krankenhauspersonal wird das nicht durchhalten, du wirst zwangsweise nicht alle versorgen können die Hilfe brauchen. Weil alles mit Covid-Patienten voll ist, werden andere Intensivfälle nicht mehr versorgt werden können, es kommt zur Triage in der Ärzte kurzfristig entscheiden müssen wer lebt und wer stirbt. Dieser Zustand wird nicht ein paar Tage gehen, sondern ein paar Wochen, wenn nicht sogar Monate. Ein Zustand, mit tausendfachen Tragödien, schrecklichen sich fortsetzenden Momentaufnahmen und einem vor deinem Auge untergehendem Gesundheitssystem.

Wenn du das verhindern willst und „nichts tun“ keine Option ist, musst du schnell und konsequent handeln. Du musst den Hammer (Lockdown) herausholen, damit die exponentielle Verbreitung des Virus gestoppt und an einen Punkt gebracht werden kann, an dem dein Gesundheitssystem keine Probleme hat, die Intensivpatienten zu versorgen. An diesem Punkt angekommen, nimmst du die Hammer Maßnahmen wieder herunter und lässt nur noch diese aktiv, die dafür sorgen, dass sich das Virus nicht nochmal expotentiell verbreitet, wie zum Beispiel, kontinuierliches Testen der Bevölkerung oder smarte Kontaktverfolgung (der Tanz). Und irgendwann kommt der rettende Impfstoff mit dem du Herdenimmunität aufbauen und auch den Tanz mit dem Virus beenden kannst.“

Soviel zur Erzählung. Und wir waren schon mehrmals im Tanz. Und dann wieder im Hammer.

Die Geschichte wiederholt sich einfach – nur leider zum vierten mal. und trotz impfung

In Deutschland kann man anscheinend nicht so gut tanzen, wie in anderen Ländern:

Sei es drum. Worauf es hinausläuft, ist das 2G und 3G Reglungen nicht reichen, sondern wir einen erneuten Hammer brauchen, um die Kurve zu drücken. Die Frage ist nur, wie dieser Hammer nun aussehen soll.

Eine gedanklich Hilfe ist diese Übersicht aus der damaligen Hammer und der Tanz Argumentation – mit nicht mehr so aktuellen Zahlen

Ausgestaltung eines Lockdowns/Hammers

Was sieht man hier? Es ist eine theoretische Ansicht von Pandemiebekämpfungsmaßnahmen, ihre Wirkung auf den Faktor R (Wie viele andere Personen steckt eine Person bei den derzeitigen Regelungen gerade an) und was sie uns als Gesellschaft wirtschaftlich kosten. Die Zahlen in der Grafik sind allerdings nicht mehr so aktuell, aber die Verhältnisse sind weiterhin ähnlich.

Will sagen, die Entscheidungsträger:innen müssen sich jetzt Gedanken über ein Paket von Pandemiemaßnahmen, einen Hammer machen, der Regelungen erlässt die dafür sorgen, dass die Bevölkerung ihre Kontakte soweit reduziert, damit die Kurve wieder deutlich nach unten gedrückt wird. Es ist also ein Abwägungsprozess:

Halte ich Clubs und Bars offen, oder schließe ich sie für ein paar Wochen? Ich nehme der Bevölkerung eine theoretische Möglichkeit sich anzusammeln, verursache aber auch wirtschaftlichen Schaden. Halte ich Schulen offen, oder schließe ich sie für ein paar Wochen? Erlaube ich reisen zwischen Hochrisikogebieten oder untersage ich sie für ein paar Wochen? Desto mehr Maßnahmen, desto schneller sinkt die Kurve. Mit weniger Maßnahmen langsamer. Wichtig ist nur, dass sie auf einen Schlag, eben wie ein Hammer, erlassen werden.

Ist man also Politiker:in und hat sich dazu entschieden zum Hammer zu greifen ist nur noch die Frage wie man ihn ausführt. 2 von 1000 verschiedenen Optionen: Wie ein Holzhammer oder ein Skalpell.

Der Holzhammer – alles zu für ein paar Wochen

Das einfachste wäre, stupide den Holzhamer herauszuholen. Der schmeckt kaum jemanden, ist aber die effektivste Methode. Das Tal der Tränen ist zwar tief, dafür aber kurz. Er könnte folgendermaßen aussehen: Bundesweite (oder doch nur regionale) Regelung für 2-4 Wochen:

  • Clubs und Bars schließen
  • Restaurant wieder nur to Go
  • Veranstaltungen, Konzerte, Shows etc. werden abgesagt
  • Schulen schließen
  • Weihnachtsmärkte werden bundesweit untersagt
  • Einkaufszentren schließen
  • Kontakteinschränkungen (Ein Haushalt darf nur noch X andere Haushalte gleichzeitig treffen)
  • + einheitliche Kommunikation der Bundes – und Landesregierungen

Die alte Geschichte also. Klingt schmerzhaft und ist es auch für alle Beteiligten. Und keiner hat mehr Lust darauf. Es bringt aber auch nichts um den heißen Brei herum zu reden, dass das eine mögliche Variante ist. Hält man ein solches Maßnahmenpaket für ein paar Wochen durch, ist die Aussicht darauf uns aus der Lage in der wir uns befinden zu befreien, hoch. Drastisch, dafür aber von vergleichsweiser kurzer Dauer.

Eine nationale Kraftanstrengung. Diese Option birgt natürlich enormes Widerstandspotential verschiedener Gesellschaftsgruppen allen voran Geimpfter, die sich fragen werden, warum auch für sie Einschränkungen gelten sollen. Denn sie sind weder die Hauptopfer noch die Haupttreiber der vierten Welle. Die Alternative wäre dann: Lockdown nur für Ungeimpfte.

Das Skalpell – Lockdown für Ungeimpfte

Es ist nun mal so, dass der Teil der Ungeimpften (30%) in unserer Gesellschaft erheblichen Anteil an den hohen Inzidenzen hat. Laut aktuellen Berechnungen sind im Schnitt für 8-9 von 10 Infektionen Ungeimpfte verantwortlich (Quelle).

Den größten Hebel haben Ungeimpfte.

Man könnte also einen Lockdown nur für Ungeimpfte erlassen. Ein Beispiel wie ein solcher Lockdown nur für Ungeimpfte aussehen könnte kennen wir aus Österreich. Dort galt am 14.November 21 folgendes (Quelle): 

„Im Kampf gegen die vierte Welle der Corona-Pandemie gilt in Österreich von Montag an ein Lockdown für Ungeimpfte. Das haben Bundeskanzler Alexander Schallenberg und die Regierungschefs der Länder beschlossen. Die weitreichenden Ausgangsbeschränkungen sind zunächst auf zehn Tage befristet. Betroffen sind etwa zwei Millionen Menschen – rund ein Viertel der Bevölkerung.

Wer keine Impfung hat, darf das Haus oder Wohnung künftig nur noch aus dringenden Gründen verlassen – etwa für Einkäufe des täglichen Bedarfs, für den Weg zur Arbeit oder den Besuch beim Arzt. Ziel sei es, die Impfbereitschaft zu erhöhen und die sozialen Kontakte um etwa 30 Prozent zu verringern, sagte Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein. Ausgenommen seien Geimpfte, Kinder unter zwölf Jahren und Personen, die in den vergangenen 180 Tagen von einer Corona-Infektion genesen sind.“

Wie mit einem präzisen Skalpell, könnte man den ansteckendsten Teil der Bevölkerung vom anderen abschneiden und das höhere Ansteckungsrisiko von Ungeimpften dadurch minimieren. Auch das klingt schmerzhaft, aber eben nur für ein Drittel der Bevölkerung, statt für alle. Natürlich kann man dort auch die Impfungen vorantreiben, gerade unfreiwillig Geimpfte wie Kinder könnten da einiges nachholen. Das dauert aber zu lange, bis das wirkt.

Die Kontrolle(n) eines solchen Lockdowns wäre natürlich schwierig in der Praxis umsetzbar: Ein solcher Lockdown würde  vor allem das Lager der Ungeimpften gegen die Regierung aufbringen, viele würden sich widersetzen. Aber es würde sicherlich Anklang in der viel größeren, geimpften Bevölkerung geben.

Wie gesagt: Eine Abwägungsfrage.

Besonders wenn man bedenkt, dass ein großer Teil der freiwillig Ungeimpften Anhänger:innen der AfD und Querdenker sind und damit extremistische Einstellungen besitzen und Verschwörungsmythen und Lügen glauben.

Wie bereits erwähnt, sind das nur 2 von über 1000 verschiedenen Möglichkeiten, die der Politik offen stehen.

Klar ist jetzt wirklich nur: Es muss entschieden gehandelt werden.

Ein Teil der Bevölkerung im Krisenmodus, während andere noch am einordnen sind – oder immer noch nichts mitbekommen

Eine generelle Anmerkung noch. Der Erfolg eines kommenden Hammers liegt vor allem in der Kommunikation. Weite Teile Gesellschaft handeln und treffen sich noch, als ob nichts wäre. Das liegt auch daran, dass sich viele an die neue Normalität gewöhnt hatten. Impfungen waren da, das sollte alle Probleme lösen, im Sommer machte die Politik den Eindruck, die Pandemie gäbe es nicht mehr. Dieser falsche Eindruck liegt noch immer auf unserer Gesellschaft.

Während also ein Teil der Gesellschaft mitverfolgt, wie sich die Lage zuspitzt und Handlungen fordert, denkt ein anderer noch immer darüber nach, ob es Handlungen überhaupt braucht und ein weiterer Teil, hat immer noch abgeschalten. Darauf, dass alle den Ernst der Lage erkennen, kann die Politik aber nicht warten.

Wenn der Lockdown, wie auch immer ausgestalten kommt, muss er entsprechend auch kommunikativ ernst und reichweitenstark vermittelt werden, damit er Früchte trägt. Zum Beispiel durch eine gemeinsame Fernsehansprache der noch amtierenden Bundeskanzlerin Angela Merkel und dem künftigen Bundeskanzler Olaf Scholz.

Fazit: Schnell und konsequent das schmerzhafte tun, um schlimmeres zu verhindern

Ok, im Wahlkampf haben alle Parteien einen großen Bogen um Pandemiebekämpfung gemacht. Verständlich, denn nach der von der großen Koalition verbreiteten Öffnungseuphorie sah keine Partei beim Thema Pandemie Punkte zu holen. Besonders nicht mit düsteren Aussichten – auch wenn sie wahr waren. Es schien alles vorbei zu sein, das mit der Impfung klappt schon. Und hätte es vielleicht auch, wenn die Impfbereitschaft höher gewesen wäre. Man hat falsch gedacht, die Expert:innen warnten ungehört schon damals:

Und ja, die Phase des Tanzes der alten Regierung vor dieser Welle war katastrophal:

Ganze Bundesländer werden sich in Bergamos verwandeln, wenn man den Einschätzungen der Experten nur ein wenig glauben schenken mag. Es zählt leider erneut wieder jeder Tag, und das schon seit Wochen. Die Ampel-Koalitionäre müssen sich entscheiden, wie sie ihre Geschichte beginnen möchten. Als diejenigen, die das notwendige Taten um eine Katastrophe abzuwenden oder zu lange das unumgängliche hinauszögerten.

Der ehemalige Bundespräsident Walter Scheel sagte einmal:

„Es kann nicht die Aufgabe eines Politikers sein, die öffentliche Meinung abzuklopfen und dann das Populäre zu tun. Aufgabe des Politikers ist es, das Richtige zu tun und es populär zu machen.“ (Quelle)

Die Regierung Scholz wird zeigen, aus welchem Holz sie geschnitzt ist. Ein harter Lockdown wird sicherlich nicht auf viel Gegenliebe stoßen, aber es löst das akute Problem schnell und effektiv. Die Skalpell Methode, ein Lockdown für Ungeimpfte, kann auch den gewünschten Erfolg bringen, wird in der Bevölkerung sicherlich auch besser angenommen werden, birgt aber Risiken, die der Holzhammer nicht hat.

So oder so: Der Wahlkampf ist vorbei, es ist Zeit, sich der Realität zu stellen und bittere Pillen zu verteilen.

Die Politiker:innen müssen sich nur schnell entscheiden, wie bitter und an wen.

Artikelbild: moo photograph

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