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„Kontrafunk“: Der neue, öde Stern am rechten Radiohimmel

von | Jul 19, 2022 | Aktuelles, Medien

Kontrafunk: Langweiliges AfD-Radio

Es ist kurz nach 12 – die getragene Stimme des ehemaligen Deutschlandfunk-Moderators Volker-Andreas Thieme trägt ruhig die aktuellen Nachrichten vor. Dann etwas Dudelmusik, das Programm geht weiter. Hört man kurz in das seit dem 21. Juni linear sendenden Radioformat „Kontrafunk“ hinein, könnte man zunächst den Eindruck gewinnen, es handle sich lediglich um einen weiteren Beschallungssender. Kontrafunk selbst sieht sich jedoch natürlich ganz anders. Der Radiosender wirbt damit, die „Stimme der Vernunft“ zu sein und Dinge anzusprechen, die in der „links-grünen“ Medienwelt der öffentlich-rechtlichen Sender keinen Platz fänden und direkt und unberechtigterweise als „rechts“ oder „rassistisch“ geframed würden.

Gründer des Programms ist kein Unbekannter

Die Radioshow ins Leben gerufen hat kein gänzlich Unbekannter. Burkhard Müller-Ullrich hat in seiner beruflichen Laufbahn bereits für den Deutschlandfunk, den SWR und auch sonst als Produzent für „sämtliche ARD-Sender“ gearbeitet, wie er auf seiner Website angibt (Quelle). Dann wurde er 2017 Mitglied der AfD und schied 2021 aus seinen Arbeitsverhältnissen der öffentlich-rechtlichen Sender aus – dem rechtsradikalen Magazin „Junge Freiheit“ gegenüber sagte er, er sei „entsetzt über die Ideologisierung“ (Quelle) und warf seinen ehemaligen Kolleg:innen „Dummheit und Charakterlosigkeit“ vor (Quelle). Danach war er Host des Podcasts „Indubio“ beim Online-Portal „Achse des Guten“. Dort wurde er jedoch überraschend rausgeworfen – warum, weiß er angeblich selbst nicht (Quelle).

Das weitere Redakteur:innen-Team von Kontrafunk besteht laut Müller-Ullrich zu etwa einem Drittel aus ehemaligen Mitarbeiter:innen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, einem Drittel ehemaliger Angestellter des russischen Staatspropagandasenders Russia Today und zu einem Drittel aus anderen Bereichen (Quelle). Eine naheliegende denkerische Nähe zu Russland will Müller-Ullrich dadurch aber nicht sehen.

Kontrafunk nur eine Briefkastenfirma?

Im Interview mit der „Jungen Freiheit“ erzählt Müller-Ullrich, alle seine Angestellten und er moderierten und leiteten die Radioshow aus ihren privaten Wohnungen. Es gebe zwar eine Firmenadresse in Cham in der Schweiz, diese führt jedoch lediglich zu leeren und heruntergekommenen Büroräumen und einem Briefkasten, der anscheinend auch als Alibi für weitere Firmen hinhält. Auch die Briefe für die Unternehmen Hummelflug AG, Serafin Film AG und Gretchen AG landen in diesem Briefkasten. All diese Firmen gehören dem rechtskonservativen schweizerischen Satiriker Andreas Thiel Quelle).

Dieser hat bei Kontrafunk zwar seine eigene Talkshow namens „Yoyogaga“, in der er „sprachphilosophische Betrachtungen aus der Schweiz“ zum Besten gibt, ansonsten will er mit dem Sender jedoch wohl nicht in Verbindung gebracht werden. Anfragen des schweizerischen Magazins „Blick“ lehnte er ab (Quelle). Bemerkenswert ist die große Finanzierung: Nach eigenen Angaben gab es 1,2 Millionen Euro Startkapital, unter anderem von unbekannten Großspendern (Quelle).

Für rechts, gegen den Mainstream, aber bitte nicht so genannt werden!

Im Web-Blog des Schwurbel-Autors Gunnar Kaiser veröffentlichte der Autor Tarek Schwarz einen Kommentar zur Gründung von Kontrafunk und fand nichts als lobende Worte für das Format, kritisierte jedoch den Artikel des Journalisten Andrej Reisin in „Übermedien“ über das gleiche Thema (Quelle). Reisin framte in seinem Beitrag den Radiosender als „ein neues Webradio für alle, denen die „Mainstream-Medien“ politisch nicht mehr konservativ oder rechts genug sind“ (Quelle). Schwarz tat dieses Framing als unbelegt ab und deutete es im Gegenteil als Zeichen, auf „welchem abgemagerten Gaul Reisin dahergeritten kommt“.

Hört man sich die Radiosendung jedoch etwas länger an, muss man zum selben Schluss wie Reisin kommen. Ist es doch die eigene Selbstdarstellung des rechten Radiosenders (gegen „Altmedien“). Offenbar gefällt es nicht, wenn der politische „Gegner“ diese Dinge feststellt und das jedoch negativ meint. Unfreiwillig lustig wird es, wenn von den großen Medien verschwiegene Stories beworben werden, die sie eben aus jenen großen Medien haben (Quelle). Jeden Donnerstag und Sonntag leitet Burkhard Müller-Ullrich selbst eine Talkrunde mit wechselnden Gästen. Ich habe mir exemplarisch die Folge vom 12. Juni, „Kriegsgeile Europäer“ angehört, um mir ein Bild zu machen. Zu Gast waren in dieser Sendung der Journalist Wolfgang Koydl, der Politologe Alexander Meschnig und die Autorin Gudula Walterskirchen.

Klassisches, rechtes Framing in der Sendung

Wie der Titel der Sendung verlauten lässt, war der Krieg in der Ukraine ein einigermaßen großes Thema. Zunächst ergingen sich die Diskutierenden jedoch in einer Hereinsteigerung in die von ihnen gefühlte täglich wachsende Gewalt aufgrund massenhafter Einwanderung. Ein typisch rechtes Narrativ, welches sich durch keine ordentlich gelesene Kriminalstatistik der letzten Jahre bestätigen ließe. 2021 gab es zum fünften Jahr in Folge (!) die niedrigste Straftaten seit der Wiedervereinigung (Quelle).

Die Zerstörung vom „Es ist alles so unsicher geworden“-Mythos

Entlarvend war insbesondere der Satz von Gudula Walterskirchen, es sei egal, ob „das Einwanderer sind oder Asylanten oder Menschen, die schon seit Generationen hier sind“, die Gewalt, Walterskirchen sprach besonders von Femiziden, ließe sich nur mit „Einwanderern“ in Verbindung bringen. Anschließend, und natürlich passend zum Thema, empörten sich die vier über die angeblich inzwischen in Mode gekommene „Schnelldiagnose“ eines psychisch gestörten Täters, welche in den Medien vom eigentlichen Problem ablenken solle. Spannend, dass sich vier Laien eine solche Expertise in Kriminalpsychologie zutrauen.

Fake News uns Rassismus

Gespickt wurde der Talk noch mit ein paar Fake News. So berichtete Walterskirchen von dem Fall einer Vergewaltigung, bei dem die angeklagten Männer (natürlich mit Migrationshintergrund) freigesprochen wurden, angeblich, weil die Klägerin nicht beweisen konnte, dass der Akt nicht einvernehmlich war. Nach etwas längerer Recherche kann ich nur vermuten, dass Frau Walterskirchen auf den Fall einer jungen Frau anspricht, die im Sommer 2020 auf einem Campingplatz in Kroatien von drei jungen Männern vergewaltigt worden sei. Tatsächlich wurden die Männer „im Zweifel“ freigesprochen, da sich die junge Frau in ihren Aussagen in erhebliche Widersprüche verstrickte, jedoch nicht, weil die Richterin sagte, die Frau hätte nicht beweisen können, dass der Akt nicht einvernehmlich geschah (Quelle).

In dieser Sendung wurde vor allem eines geframed – Ausländer, insbesondere Männer, als das Übel, welches zu „Bürgerkriegsähnlichen Zuständen“ führen würde. Aber sorry to bring it to you – das ist rechts. Und rassistisch. Ich meine, der Gründer ist Mitglied der AfD, die der Verfassungsschutz zu großen Teilen beobachtet und für ihren Markenkern Rassismus bekannt ist. „Kontrafunk“ wird von unzweideutigen Figuren wie dem Faschisten Höcke oder CDU-Rechtsaußen Maaßen empfohlen (Quelle). Es ist exakt das, was man da erwartet.

Rassistisches Programm zwischen Langeweile und Panikmache

Die Inhalte der Shows bei Kontrafunk erstrecken sich über Klimawandelleugnung („die Erzählung von der drohenden Klimakatastrophe ist äußerst zweifelhaft“), Anbiederung an Russland und Pandemie-Leugnung bis hin zum erwartbaren Rassismus. Ein buntes Potpourri, einmal in das Themenfeld einer AfD-Versammlung gegriffen. Es sollte Herrn Müller-Ullrich schon zu denken geben, wenn selbst im Interview mit der Jungen Freiheit gefragt wird, ob sein Framing denn wirklich „mündige Bürger nicht bevormunden“ würde, wie es angeblich die öffentlich-rechtlichen ja machen (Quelle). Gegen die Haltung des „Mainstreams“ sein, aber selbst jedoch viel Haltung mitbringen.

Neben der Wiederholung der AfD-Wahlprogramme findet man in der Radiosendung von Kontrafunk vor allem ein harmonisches Gleichgewicht zwischen Langeweile und Panikmache. Das Programm ist alles andere als revolutionär, im Grunde ist es so angepasst, dass es nicht wirklich eine Alternative zu irgendetwas bietet. Den „salonfähigen Rassismus“ ist man durch die AfD inzwischen so weit gewohnt, dass es keinen großen Schocker mehr für Menschen bietet, die sich kritisch mit der Partei und ihren Standpunkten auseinandersetzt. Dass der Sender aus der Schweiz sendet, um offenbar dem deutschen Medienstaatsvertrag und den damit einhergehenden Qualitätsstandards aus dem Weg gehen zu wollen, zeigt zudem nur, dass die Macher des Programms wohl genau wissen, auf welchem Terrain sie sich bewegen.

Es bleibt abzuwarten, ob sich das Radio lange halten kann. Vermutlich nur, wenn es die AfD schaffen sollte, doch noch irgendwie etwas mehr Werbung generieren zu können. Andernfalls wird es, wie viele solcher Projekte, bald in der Versenkung verschwinden.

Artikelbild: pixabay.com

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