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SPIEGEL: Mainstreaming rechter narrative & Transfeindlichkeit

von | Sep 2, 2022 | Aktuelles, Medien, USA

JENSEITS DER REALITÄT

Gastbeitrag von Annika Brockschmidt

Es gibt Texte, bei denen fasst man nicht so recht, dass sie wirklich so geschrieben wurden. René Pfisters jüngster Artikel im “Spiegel” ist so einer. Der Chef des Washington-Büros des “Spiegels” hat sich entschlossen, sich der Bedrohung der Demokratie zu widmen. Wird auch langsam Zeit, könnte man meinen – doch anstatt über den groß angelegten Rollback der seit den 1960er Jahren etablierten Bürgerrechte durch die Republikanische Partei, der auf Bundesstaatsebene längst in vollem Gange ist, zu schreiben, hat Pfister eine andere angebliche Bedrohung im Sinn: trans Menschen und Antirassisten.

Angriff auf Rechte von Frauen und queeren Menschen

Man muss es sich auf der Zunge zergehen lassen:

Nur wenige Monate nach dem erschütternden Urteil im Fall Dobbs, der in knapp der Hälfte aller Bundesstaaten drakonische vollkommene oder beinahe absolute Abtreibungsverbote ermöglicht, während trans Kindern und Jugendlichen in Republikanisch regierten Staaten der Zugang zu gender-bejahender Gesundheitsversorgung erschwert oder verboten wird, obwohl diese ihr Suizidrisiko deutlich senkt, während in Staaten wie Florida verboten wird, in Schulen über die Existenz von LGBTQ Menschen zu sprechen, während die Republikaner Wahlrechte von BPoC beschränken, offen den nächsten Staatsstreich planen, zur Gewalt gegen ihre politischen Gegner aufrufen, Demonstrationen kriminalisieren und es straffrei machen, sie mit einem Auto zu überfahren, nationalistische Propaganda im Geschichtsunterricht installieren, während Republikanische Politiker trans Menschen dämonisieren und ihre Bürgerrechte einschränken, während erste trans Menschen aus Republikanischen Staaten fliehen müssen aus Angst, Gewalt zu erfahren oder zur Detransition gezwungen zu werden, ist sich Pfister sicher, den Schuldigen gefunden zu haben, der die amerikanische Demokratie bedroht: die Linke!

Die bedrohe durch “Sprachverbote” und die allzu große Rücksicht auf marginalisierte Gruppen in den USA und Deutschland die Demokratie. 

Offene Transfeindlichkeit

Es mag nun nicht verwunderlich sein, dass jemand, der erst letztes Jahr ein langes, wohlwollendes Porträt über den rechten Journalisten Andrew Sullivan geschrieben hat, der vor allem mit anti-trans Hetze und einem Faible für rassistischerace science” auffällt, dem Thema trans Rechte vermutlich weniger aufgeschlossen gegenüber steht, doch die offene Transfeindlichkeit in Pfisters Text verschlägt einem dann doch den Atem: 

Es ist nicht das erste Mal, dass Pfister rechte Narrative widergibt: Letztes Jahr nannte er Critical Race Theory eine “Bedrohung der Werte des Westens”, die die Debatte “vergifte”, ganz nach dem Playbook des rechten Aktivisten Christopher Rufo, der die moralische Panik zu CRT ins Leben rief. Rufo hat sich mittlerweile auf trans Menschen eingeschossen.

Pfister gibt auch in seinem jüngsten Artikel ein beliebtes Narrativ der amerikanischen Rechten wieder: Selbst Linken sei die Linke jetzt zu “woke”. Als Beispiel führt er ausgerechnet Alice Schwarzer an, die immer wieder durch transfeindliche Äußerungen auffällt. Er verteidigt Deadnaming, schreibt von den “Dogmen der Transbewegung” und nennt trans-Sein “magisches Denken”: 

Koalitionen von Faschisten und transfeindlichen „Feministinnen“

Pfister wiederholt in seinem Text transfeindliche Mythen, unkt beispielsweise, dass „Transfrauen“ (falsch geschrieben) jetzt auch „Schutzräume“ von Frauen heimsuchen könnten und dass „mit staatlichem Zwang“ versucht werde, „bei den Bürgern die Weltsicht der Trans Community durchzusetzen“. In anti-trans-Kreisen werden trans Frauen häufig verächtlich gemacht, aber gleichzeitig als gefährlich für cis Frauen und Gruppe mit enormer Wirkmacht dargestellt.

Nicht umsonst gibt es auf dem Gebiet der Transfeindlichkeit Koalitionen von Rechten, Faschisten und transfeindlichen “Feministinnen”. Der Faschismus-Experte und Philosophie-Professor an der Yale University Jason Stanley erklärt: “Die Logik des Faschismus ist die der Great Replacement Theory, die Angst, dass eine dominante Gruppe kulturell oder physisch durch eine Minderheitsgruppe, die als Sündenbock benutzt wird, ersetzt wird. Der Angriff auf trans Frauen bedient sich dieser Logik – er schürt die Angst, dass Frauen als Klasse ,ersetzt’ werden.”

Sprache, die trans Männer nicht ausschließt, wird in Pfisters Artikel verächtlich gemacht, als vernünftiges Beispiel wird Faschisten-Sympathisant Josh Hawley angeführt. 

Kampf für Rechte als “Angriff auf die Prinzipien des liberalen Rechtsstaats.”

Doch Pfister beklagt auch Antirassismus, der ihm persönlich zu weit geht – er findet nichts dabei, jemanden danach zu fragen, woher er oder sie denn wirklich komme. Antirassisten und LGBTQ-Menschen, die sich für ihre Rechte einsetzen – oder, wie Pfister es nennt, “der neue Dogmatismus von links” dürfe nicht “verniedlicht” werden, denn es handle sich dabei – Achtung, festhalten! – um einen “Angriff auf die Prinzipien des liberalen Rechtsstaats.”

Ob es kalkulierter Zynismus ist (Pfister bringt demnächst ein Buch zu dem Thema heraus) oder absolute Ignoranz gegenüber dem Land, aus dem er berichtet, ist unklar. Eines ist sicher: Pfisters Mainstreaming rechter Narrative ist extrem gefährlich. Nicht nur, weil er die politische Lage der USA so verzerrt darstellt, dass man sich fragt, ob er außer Fox News noch andere Sender schaut – sondern weil er die rechten Narrative, mit denen in den USA gerade an der Demokratie gesägt wird, die trans Menschen und ihren Ärzten Mord- und Bombendrohungen bescheren, auch hier salonfähig macht. 

Annika Brockschmidt ist Historikerin und Journalistin. Sie beschäftigt sich unter anderem mit dem Einfluss der Religiösen Rechten auf die amerikanische Politik. 2021 erschien ihr aktuelles Buch „Amerikas Gotteskrieger. Wie die Religiöse Rechte die Demokratie gefährdet“ bei Rowohlt.

Artikelbild: Screenshot