Querdenken: Wie ehemalige Grünen-Wähler zu Rechten wurden

| Querdenker | 16. Januar 2022


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Quellen des Querdenkertums 

Gastbeitrag von Annika Schnabel

Wer an die Querdenken-Bewegung denkt, landet irgendwann bei Michael Ballweg. Der IT-Unternehmer aus Stuttgart hat die Organisation Anfang 2020 ins Leben gerufen und propagiert seitdem, für „Liebe, Freiheit, Frieden und Wahrheit“ einzutreten (Quelle). Eine Studie der Heinrich-Böll-Stiftung Baden-Württemberg hat nun erforscht, wie die Querdenken-Bewegung entstanden ist und wie sie sich von anderen Corona-Protesten unterscheidet.

Kernklientel ist vor allem alternativ und anthroposophisch geprägt – aber mit linken Werten haben sie nichts (mehr) zu tun

Laut der Studie der Heinrich-Böll-Stiftung zeigt die Querdenken-Bewegung große Unterschiede, je nach Bundesland, in dem demonstriert wird. So bestehen die Studienteilnehmenden, welche in Ostdeutschland gegen die Corona-Maßnahmen der Bundesregierung auf die Straße gehen, in deutlich höherer Zahl aus AfD-Wähler:innen als in Baden-Württemberg. Dort ist das Querdenken-Klientel eher geprägt aus ehemaligen Grünen- und Linke-Wähler:innen, besonders vertreten sind Esoteriker:innen und Anhänger:innen einer anthroposophischen Weltsicht. Das ist nicht sehr verwunderlich, wenn man bedenkt, dass in einem 30-Kilometer-Radius um Stuttgart 14 Waldorfschulen zu finden sind (Quelle). Rudolf Steiner, der Begründer der Anthroposophie und Waldorfschulen, hat mit der Gründung der ersten Waldorfschule in Stuttgart wohl großen Eindruck hinterlassen.

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Die Annahme, es handle sich um Demonstrierende aus dem (ehemaligen) linksalternativen Milieu, ist der Studie nach jedoch falsch. So hätten die Weltanschauungen in Bezug auf linke Politikformen und linke Werte wie Solidarität und Gleichheit „im Grunde nichts mehr zu tun“ (Quelle, Seite 4). Im Gegenteil kann die Studie feststellen, dass die Protestierenden ein tiefes und großes Misstrauen gegenüber der parlamentarischen Politik und den Parteien, aber auch anderen öffentlichen Institutionen wie den Medien gegenüber hegen. Insgesamt kann die Dynamik so beschrieben werden, dass die Bewegung mit ihren Ansichten ursprünglich teilweise links geprägt war, sich jedoch immer weiter nach rechts bewegt.

Die Grünen, die AfD und Querdenken

Die Querdenken-Gründer haben sich bei der Etablierung ihrer Organisation nicht nur Inspiration von vorangegangenen Protestformen geholt, wie die Studie zeigt. Die Teilnehmenden an den Demonstrationen sind auch geprägt mit der Entstehungsgeschichte der Grünen. Als Protestpartei hat diese zu Anfang die Kernelemente der alternativen und anthroposophischen Milieus angesprochen, gegen das Establishment zu sein und nach außen hin staatskritisch zu wirken. Durch ihr Bemühen, Regierungsverantwortung zu übernehmen, haben sich die Grünen aber sehr stark verändert, sind von ihrer ursprünglichen Linie abgewichen und haben sich in den Staat integriert. Somit ist sie keine „Anti-Parteien-Partei“ mehr und auch kein entsprechender Anlaufpartner für Menschen, die sich genau das wünschen.

Die Studie ergab, dass die Grünen noch 2017 von vielen Studienteilnehmer:innen gewählt wurden. Wie genau die Wähler:innenwanderung zur Bundestagswahl 2021 aussah, konnte in der Studie nicht genau abgebildet werden, da es zu wenige Antworten auf diese Fragen gab. Es bildete sich jedoch ab, dass auch die Linke keine Alternative bot, da diese, ähnlich wie die Grünen, zu sehr zum Partei-Establishment gehören. Anhänger:innen der Bewegung tendierten eher dazu, sich bei der Wahl zu enthalten, die von Querdenken selbst gegründete Partei „dieBasis“ zu wählen oder zu der AfD überzulaufen.

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Tatsächlich beobachtet die Studie, dass sich die AfD sehr strategisch auf die Proteste bezogen hat, um die alternativen und anthroposophischen Milieus als Wähler:innen zu ergattern. Durch ihr Auftreten symbolisieren sie ein Sprachrohr gegen die Corona-Maßnahmen und konnten damit besonders in Ostdeutschland eine teilweise starke Entfremdung von der Bundesregierung erwirken.

Heterogene Schwurbler mit einem gemeinsamen Ziel

Die Studie der Heinrich-Böll-Stiftung zeigt auf, dass sich die Querdenken-Bewegung sehr heterogen gestaltet und neben Rechtsextremist:innen, welche insbesondere in den Medien sehr präsent sind, auch andere Milieus anspricht. Welche jedoch kaum weniger gefährliches Gedankengut vermitteln, wenn man bedenkt, welchen Gruppen Querdenken-Gründer Michael Ballweg nahesteht (mehr dazu).

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Spannend ist vor allem die Beobachtung, welchen Einfluss die anthroposophische Weltanschauung auf die Bewegung hat. Und wohl auch im ersten Schritt dazu geführt hat, Querdenken zu gründen. Man muss der Organisation zwar zugestehen, dass sie es, anders als andere Proteste gegen die Corona-Maßnahmen, geschafft hat, Mitglieder zu binden und ein gemeinsames „Ziel“ zu verfolgen. Ob es die Gruppierung nach der Pandemie jedoch weiterhin schafft, zu überleben und Themen zu finden, über die sie sich so echauffieren können, ist sehr fraglich.

Gastbeitrag von Annika Schnabel. Artikelbild: Timeckert

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